Der Welt-Parkinson-Tag am 11. April rückt die Parkinson-Krankheit, nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung des Nervensystems, in den Fokus. In Deutschland sind etwa 400.000 bis 500.000 Menschen betroffen, wobei die Dunkelziffer aufgrund der oft schleichenden Entwicklung hoch sein dürfte. Trotz der Herausforderungen, die diese Krankheit mit sich bringt, gibt es dank intensiver Forschung Anlass zu Optimismus.
Fortschritte in der Parkinson-Forschung
Experten sehen einen positiven Trend in der Parkinson-Forschung. Zwar ist die Parkinson-Krankheit immer noch eine ernste Erkrankung, aber sie führt in vielen Fällen nicht zu einer Einschränkung der Lebenserwartung. Das liegt vor allem am erheblich verbesserten Wissen zu Parkinson-Diagnostik und Behandlung.
Mediziner sind zuversichtlich, die Parkinson-Krankheit zumindest in einem möglichst frühen Stadium diagnostizieren und behandeln zu können. Das käme einer Heilung ziemlich nahe. Am weitesten sei man bei den Immuntherapien, speziell bei Antikörpertherapien. Hier gebe es erste Ergebnisse, die auf eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs hindeuten. Besonders viel verspricht man sich auch von Substanzen, die die für die Parkinson-Erkrankung typischen Verklumpungen von Proteinen im Gehirn auflösen können. Dazu gebe es derzeit erste klinische Studien. „Man hofft, dass auch im Menschen Effekte, wie sie im Tier schon beobachtet wurden, darstellbar sind“, so ein Mediziner.
Es hat sich in den vergangenen Monaten viel getan. Man sei inzwischen in der Lage, aus dem Nervenwasser von Parkinson-Patienten mit einer recht hohen Genauigkeit sagen zu können, ob der Patient die Erkrankung habe oder nicht - oder ob sie womöglich im Entstehen sei. Deshalb sei die frühe Diagnose wichtig. Je früher man in den Krankheitsverlauf eingreifen kann, desto besser ist das für den Patienten oder die Patientin. Denn, dass Funktionen, die mal verloren gegangen sind, wieder zurückkommen, ist schwierig, weil Nervenzellen sich nicht wieder neu bilden.
Immuntherapien und Antikörpertherapien
Ein vielversprechender Ansatz liegt in der Entwicklung von Immuntherapien, insbesondere Antikörpertherapien. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Therapien den Krankheitsverlauf verlangsamen könnten. Neurologe Levin erklärt, dass es "erste Ergebnisse, die auf eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs hindeuten" gibt.
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Substanzen gegen Proteinverklumpungen
Ein weiterer Forschungsfokus liegt auf Substanzen, die die für Parkinson typischen Proteinverklumpungen im Gehirn auflösen können. Dazu laufen derzeit erste klinische Studien, in denen man hofft, ähnliche Effekte wie in Tierversuchen auch beim Menschen zu beobachten.
Früherkennung durch Nervenwasseranalyse
Die Entwicklung präziserer Diagnosemethoden ermöglicht eine frühe Erkennung der Krankheit. Durch die Analyse des Nervenwassers von Patienten kann mit hoher Genauigkeit festgestellt werden, ob die Krankheit bereits vorliegt oder sich im Entstehen befindet. Neurologin Franziska Hopfner betont, dass man inzwischen in der Lage ist, aus dem Nervenwasser von Parkinson-Patienten mit einer recht hohen Genauigkeit sagen zu können, ob der Patient die Erkrankung habe oder nicht - oder ob sie womöglich im Entstehen sei.
Innovative Therapieansätze
Neben den genannten Fortschritten gibt es eine Reihe weiterer vielversprechender Therapieansätze, die derzeit erforscht werden.
Stammzelltherapie
Im Bereich der Stammzelltherapie wird seit den 90er Jahren versucht, Dopamin produzierende Neuronen aus Stammzellen zu züchten. Ziel ist es, abgestorbene Nervenzellen und deren Dopaminproduktion durch Zelltransplantation zu ersetzen. Erste Ergebnisse sind vielversprechend, aber das Verfahren ist noch nicht in einer Phase, die eine Heilung von Parkinson in Aussicht stellt.
Gentherapie
Die Gentherapie bietet verschiedene Möglichkeiten, Parkinson zu behandeln. Ein Ansatz ist die Injektion von Genen für bestimmte Enzyme in das Gehirn, die die Nervenzellen anregen, Dopamin zu produzieren. Ein anderer Ansatz ist, Dopamin produzierende Nervenzellen im Gehirn wieder wachsen zu lassen. Mithilfe der Gentherapie und einem Protein könnte es auch gelingen, schädliche Abläufe in den Nervenzellen zu stoppen. Noch recht neu ist der Ansatz, lebende Nervenzellen genetisch direkt zu verändern und in Dopamin produzierende Zellen umzuwandeln.
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Tiefe Hirnstimulation
Die tiefe Hirnstimulation (THS) ist eine etablierte Behandlungsmethode, bei der ein Hirnschrittmacher eingesetzt wird, um elektrische Impulse an bestimmte Hirnareale abzugeben. Neurochirurg Jan-Hinnerk Mehrkens kritisiert, dass immer noch viel zu wenige Patienten mit einem solchen Hirnschrittmacher versorgt werden, obwohl sie davon profitieren könnten. Ein neues Netzwerk namens "Parklink" soll die Versorgung von Parkinson-Patienten in Bayern verbessern.
Medikamentöse Behandlungen
Dopamin-Ersatztherapie
Parkinson-Patienten werden mit einer Dopamin-Ersatztherapie behandelt. Eine wichtige Rolle spielen hier verschiedene Medikamente mit dem Wirkstoff Levodopa (L-Dopa), aber auch sogenannte Dopaminagonisten. Symptome können dadurch gelindert und ein Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt werden. Die Ursache von Parkinson, das Absterben der Nervenzellen, wird damit aber nicht bekämpft.
Antikörper gegen Alpha-Synuclein
Verantwortlich für das Absterben von Nervenzellen in der Substantia nigra ist das Protein Alpha-Synuclein, das sich dort übermäßig anlagert. In Studien wurde versucht, diese Ablagerungen mit einer zielgerichteten Antikörper-Therapie zu reduzieren. Die Ergebnisse waren mit Blick auf Symptome und Krankheitsverlauf enttäuschend. Die Therapie führte bei den Studienteilnehmern zu keiner Besserung. Weitere Versuche mit einer veränderten Dosierung der Antikörper sollen folgen. Einige Experten vermuten, dass der Ansatz, Ablagerungen zu reduzieren, zu kurz greift. Demnach müsste der Hebel früher angesetzt werden, damit Ablagerungen im Gehirn gar nicht erst entstehen.
GLP-1-Rezeptoragonisten
Eine französische Studie hat gezeigt, dass ein Wirkstoff zur Diabetes-Behandlung, ein GLP-1-Rezeptoragonist, möglicherweise auch bei Parkinson hilft. Nach einem Jahr hatte sich die Parkinson-Erkrankung in der Placebogruppe verschlechtert. Es wird vermutet, dass der Wirkstoff Entzündungen bekämpft. Für David Standaert, einem Neurologen an der University of Alabama in Birmingham, ist es vor allem wichtig, ob der Effekt länger als ein Jahr anhält und ob er mit den Behandlungsjahren zunimmt oder klein bleibt. Wenn sich Parkinson mit dieser Klasse von Diabetesmitteln über mehrere Jahre stoppen ließe, wäre das ein Riesenfortschritt.
Alltag mit Parkinson verbessern
Neben den medizinischen Behandlungen gibt es auch Möglichkeiten, den Alltag mit Parkinson zu erleichtern. Die neue Behandlungsleitlinie betont unter anderem, dass es neben dem Zittern und den Bewegungsstörungen weitere häufige Probleme bei Parkinson gibt, die aber oft übersehen werden. Dazu gehören niedriger Blutdruck, Verstopfung, Schwierigkeiten mit der Blase und Sprach- oder Schluckstörungen. Ganz wichtig ist, dass Parkinson sich auch mit Bewegung und Ernährung positiv beeinflussen lässt. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Ausdauersport dem Abbau von körperlichen und geistigen Fähigkeiten bei Menschen mit Parkinson entgegenwirkt. Wer an Parkinson leidet, könnte auch von spezieller Physiotherapie und kognitiven Übungen profitieren.
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Bewegung und Ernährung
Bewegung, Sport und Koordinationsübungen helfen, die Muskulatur zu erhalten sowie Gleichgewicht und Feinmotorik zu trainieren und zu stabilisieren. Bestimmte Eiweiße, die in Fleisch und Milch enthalten sind, können die Aufnahme von Levodopa stören. Erkrankte sollten außerdem auf wenig Zucker und wenig gesättigte Fettsäuren achten.
Selbsthilfe
Viele Gruppen in Deutschland bieten Betroffenen und Angehörigen Austausch, Kontakt und Hilfe für das Leben und den Umgang mit der Parkinson-Erkrankung.
Einfluss von Dopamin auf Hirnnetzwerke der Bewegungssteuerung
Forschende der Charité - Universitätsmedizin Berlin haben den Einfluss des Botenstoffs Dopamin auf Hirnnetzwerke, die die Absicht einer Bewegung weiterleiten, untersucht. Sie beschreiben in der Fachzeitschrift Brain den Einfluss des Botenstoffs auf Hirnnetzwerke, die die Absicht einer Bewegung weiterleiten. Ziel ist es, die tiefe Hirnstimulation weiterzuentwickeln.
Maschinelles Lernen hilft beim „Gedankenlesen“
Mithilfe von maschinellem Lernen konnten die Forschenden die Absicht zu einer Bewegung bereits Sekunden vor der eigentlichen Aktion entschlüsseln. Das Dopamin beschleunigt den Prozess von der Bewegungsintention bis zur eigentlichen Durchführung deutlich. Durch gezielte tiefe Hirnstimulation konnten die Forschenden den Effekt von Dopamin imitieren. Die Kommunikation im Hirnnetzwerk wurde schneller und die für Parkinson typische Bewegungsverzögerung verkürzte sich.
Prävalenz und Risikofaktoren
Weltweit sind 6,1 Millionen Menschen von der Parkinson-Erkrankung betroffen, in Deutschland allein gibt es etwa 400.000 Parkinson-Patienten. Männer haben ein 50 Prozent höheres Risiko, an Parkinson zu erkranken als Frauen. Bei den meisten Betroffenen zeigen sich erste Symptome um das 60. Lebensjahr. Sie können sich mit der Zeit verschlimmern und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Risikofaktoren
Ein bekannter Risikofaktor für Parkinson ist das Alter. Aber es gibt auch Patientinnen und Patienten, die bereits in jüngeren Jahren erkranken. Heute sind mehrere Gene bekannt, die das Risiko einer Parkinson-Erkrankung erhöhen. Weitere mögliche Dinge, die eine Erkrankung beeinflussen, sind Umwelt- und Lebensstilfaktoren. So scheinen Pestizide einen Einfluss zu haben, genauso wie Lösungsmittel oder sogenannte polychlorierte Biphenyle. Auch häufige Kopftraumata können das Parkinson-Risiko erhöhen.
Die Parkinson Stiftung
Die Parkinson Stiftung engagiert sich in den Bereichen „Forschen. Informieren. Betroffenen helfen“. Sie informiert und klärt zur Parkinson Erkrankung auf. Sie fördert die Prävention und Früherkennung und unterstützt die Selbsthilfe von Betroffenen. Die Wissenschaft, Forschung, Lehre, Aus- und Fortbildung im Bereich des Parkinson-Syndroms, neurologischer Bewegungsstörungen und anderer degenerativer Erkrankungen des Nervensystems wird von der Stiftung aktiv gefördert, um die medizinische Versorgung in diesem Bereich zu verbessern. Die Stiftung setzt sich im Austausch mit Wissenschaftler:innen weltweit für neue Therapien ein, die nicht nur Symptome lindern, sondern die Krankheit verlangsamen oder heilen können. Dadurch soll die Lebensqualität der Betroffenen weiter verbessert werden.
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