Epilepsien sind weit verbreitete neurologische Erkrankungen, die sich je nach Anfallsform, Syndrom, Akuität und individueller Disposition des Patienten unterschiedlich manifestieren und behandelt werden müssen. Die diagnostischen Grundlagen für eine rationale Therapiestrategie haben sich durch moderne Bildgebungsverfahren und die dynamische Beschreibung der Anfallssymptome erheblich verbessert.
Diagnostische Grundlagen und Epilepsieformen
Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer umfassenden Anamnese, neurologischen Untersuchungen und dem Einsatz bildgebender Verfahren wie MRT und EEG. Eine präzise Anfallsbeschreibung durch Augenzeugen ist entscheidend, um Fehldiagnosen zu vermeiden.
Anfallsformen
Epileptische Anfälle können sich vielfältig äußern. Häufig treten Zuckungen einzelner Körperteile auf, aber es gibt auch Anfälle mit geringen oder unspezifischen Symptomen. Ein Anfall beginnt in der Regel plötzlich und ohne erkennbaren Auslöser und klingt nach wenigen Minuten von selbst wieder ab.
- Fokale Anfälle: Diese beginnen in einem bestimmten Hirnbereich (Fokus). Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich betroffen ist. Es kann zu motorischen Symptomen wie Zuckungen, sensorischen Veränderungen oder psychischen Symptomen kommen. Fokale Anfälle können mit oder ohne Bewusstseinsstörung auftreten.
- Generalisierte Anfälle: Hierbei ist das gesamte Gehirn betroffen. Es gibt verschiedene Formen generalisierter Anfälle:
- Absencen: Kurze Bewusstseinsaussetzer, oft unbemerkt.
- Myoklonische Anfälle: Plötzliche, kurze Muskelzuckungen.
- Klonische Anfälle: Rhythmische Muskelzuckungen.
- Tonische Anfälle: Muskelversteifung.
- Atonische Anfälle: Plötzlicher Verlust des Muskeltonus.
- Tonisch-klonische Anfälle (Grand Mal): Beginnen mit einer Versteifung des Körpers (tonisch), gefolgt von rhythmischen Zuckungen (klonisch).
Epilepsie-Syndrome
Erst die Zusammenfassung von Anfallssymptomen, Ätiologie, Altersbindung und familiärer Disposition ermöglicht die Diagnose eines epileptischen Syndroms. Bekannte Syndrome sind beispielsweise das Lennox-Gastaut-Syndrom und das Dravet-Syndrom. Bestimmte Abläufe, Häufigkeiten und Symptome werden zu sogenannten Epilepsie-Syndromen zusammengefasst, etwa der Juvenilen Absence-Epilepsie, dem Dravet-Syndrom oder der Rolando-Epilepsie.
Ursachenforschung
Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und oft nicht eindeutig zu identifizieren. Mögliche Ursachen sind:
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- Genetische Faktoren: Genetische Veränderungen können die Neigung zu Anfällen erhöhen.
- Erworbene Hirnschäden: Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata, Hirntumore oder Entzündungen können Epilepsie verursachen.
- Infektionen: Infektionen des Gehirns (Meningitis, Enzephalitis) können ebenfalls Anfälle auslösen.
- Stoffwechselstörungen: Elektrolytverschiebungen, Unter- oder Überzuckerung können Anfälle provozieren.
- Immunologische Ursachen: Autoimmun bedingte Entzündungen des zentralen Nervensystems.
In vielen Fällen bleibt die Ursache jedoch ungeklärt.
Bedeutung der Frühdiagnose
Da sich die abnorme Reaktion des Anfalls im Gehirn immer mehr „einschleifen“ und so ein Anfall den Weg für den nächsten ebnen kann („Bahnung“), ist es wichtig, dass auf die Frühdiagnose die Frühbehandlung erfolgt. Oft kommen zu sogenannten "kleinen Anfällen" (zum Beispiel Absencen und Auren) später "große Anfälle" (Grand-mal-Anfall) hinzu - gelegentlich erst viele Monate oder gar Jahre nach dem Beginn der Epilepsie.
Konservative Therapie
Das Spektrum der konservativen Therapie hat sich in den letzten Jahren durch nicht-medikamentöse Verfahren und den Einsatz neuer Antiepileptika erweitert.
Medikamentöse Behandlung
Die medikamentöse Behandlung ist die wichtigste Säule der Epilepsie-Therapie. Ziel ist es, die Anfallsfreiheit mit möglichst wenigen Nebenwirkungen zu erreichen.
- Anfallssuppressiva (Antiepileptika): Diese Medikamente setzen die Erregbarkeit der Nervenzellen herab und vermindern so die Anfallsbereitschaft.
- Monotherapie: In der Regel wird mit einem einzigen Medikament begonnen. Bei Epilepsien fokalen Ursprungs sind beispielsweise Carbamazepin, Lamotrigin, Levetiracetam, Topiramat und Valproinsäure Mittel der ersten Wahl.
- Kombinationstherapie: Wenn die Monotherapie nicht ausreicht, können zwei oder mehr Medikamente kombiniert werden.
Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab:
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- Anfallsform: Einige Medikamente wirken besser bei fokalen, andere bei generalisierten Anfällen.
- Epilepsie-Syndrom: Manche Medikamente sind nur bei bestimmten Syndromen wirksam.
- Alter und Geschlecht des Patienten:
- Begleiterkrankungen:
- Mögliche Nebenwirkungen:
Es gibt eine Vielzahl von Wirkstoffen, die je nach Verträglichkeiten, Alter und Form der Epilepsie als Mono- oder Kombinationsbehandlung verabreicht werden können. Gängige Substanzen bei Epilepsie sind z. Beispiele hierfür sind Carbamazepin, Gabapentin, Oxcarbazepin, Topiramat, Valproat und Zonisamid. Mittel wie Valproat werden jedoch häufiger als andere für die Behandlung idiopathischer generalisierter Epilepsiesyndrome verschrieben, während z. B. Ethosuximid vor allem bei Absencen im Schulkindalter verwendet wird, da es besser verträglich ist. Die verwendeten Anfallssuppressiva und Medikamente werden immer in enger Abstimmung mit Arzt oder Ärztin gewählt.
Die genaue Auswahl und Einstellung der Medikation kann oft Monate oder sogar Jahre dauern und erfordert regelmäßige Untersuchungen und ein großes Vertrauen zwischen Arzt, Patient und Angehörigen.
Nicht-medikamentöse Verfahren
Neben der medikamentösen Therapie gibt es weitere Möglichkeiten, das Anfallsgeschehen zu beeinflussen:
- Ketogene Ernährung: Eine spezielle Diät mit hohem Fettanteil und wenig Kohlenhydraten kann bei einigen Patienten die Anfallshäufigkeit reduzieren.
- Psychotherapie: Kann helfen, mit der Erkrankung umzugehen und Ängste abzubauen.
- Neuropsychologie: Gezielte Übungen zur Verbesserung kognitiver Funktionen.
- Vagusnervstimulation: Ein implantierter Generator sendet elektrische Impulse an den Vagusnerv, was die Anfallshäufigkeit reduzieren kann.
- Neurostimulation: Ebenfalls auf Basis einer Elektrostimulation arbeitet ein neueres Verfahren, bei dem eine dünne Silikonscheibe mit Platinkontakten unter die Kopfhaut geschoben wird. Auch bei diesem Verfahren gehen die elektrischen Impulse von einem Schrittmacher aus, der im Brustbereich unter die Haut gesetzt wird. Durch diese Therapie soll eine tiefgehende und fokussierte Stimulierung des Gehirns möglich sein, ohne das Gehirn selbst zu berühren.
Berücksichtigung anfallsfördernder Faktoren
Sind anfallsfördernde Faktoren Ursache der auftretenden Anfälle (Schlafentzug, Alkoholkonsum, Drogenkonsum und andere), so sind natürlich vorrangig die Einflüsse dieser anfallsfördernden Faktoren auszuschließen, d. h.
Epilepsiechirurgie
Bei Patienten, bei denen die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirksam ist (pharmakoresistente Epilepsie), kann eine Operation in Betracht gezogen werden. Operative Verfahren kommen nur in Frage, wenn sicher festgestellt wird, von welcher Stelle im Gehirn die Anfälle genau ausgehen, also bei fokalen Epilepsien. Dann müssen weitere Untersuchungen in einem Neurochirurgischen Zentrum zeigen, ob die Entfernung des Focus ohne größere Gefahr möglich ist, oder ob der Eingriff zu Lähmungen, Sprachstörungen oder anderen Ausfällen führen würde. Bei diesem neurochirurgischen Eingriff wird ein Teil des Temporallappens aus dem Gehirn herausgetrennt.
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Akut-neurologische Behandlung und Rehabilitation
Für langjährig erkrankte Patienten gibt es auch die Möglichkeit im Rahmen der akut-neurologischen Behandlung eine sogenannte Epilepsie-Komplex-Behandlung für die Dauer von ca.
Erste Hilfe bei einem Anfall
Bei einem generalisierten epileptischen Anfall verliert der Betroffene plötzlich das Bewusstsein und stürzt zu Boden. Begleitende Personen sollten:
- Nachschauen, ob durch den Sturz Verletzungen entstanden sind und ggf. Erste Hilfe leisten.
- Verhindern, dass der Betroffene sich während des Anfalls verletzt.
- Nicht versuchen, etwas in den Mund zu schieben.
- Die Zeit des Anfalls messen.
- Nach einem ersten Anfall immer einen Notarzt rufen.
Leben mit Epilepsie
Die Behandlung von Epilepsie zielt nicht nur auf die Kontrolle epileptischer Anfälle ab, sondern berücksichtigt den gesamten Menschen in seiner individuellen Lebenssituation. Es geht darum, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern und ihnen trotz der Erkrankung ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Dabei stehen nicht nur medizinische Aspekte im Vordergrund, sondern auch psychologische, soziale und emotionale Faktoren. Die Epilepsie wird als Systemerkrankung betrachtet, die nicht nur Anfälle verursacht, sondern auch andere Bereiche des Lebens beeinflussen kann. Daher ist ein ganzheitlicher, interdisziplinärer Ansatz in der Behandlung essentiell.
Risiken und Einschränkungen
Da die meisten Anfälle ohne Vorwarnung auftreten, sind epilepsiekranke Menschen bei Anfällen, die mit Bewusstlosigkeit, Umdämmerung, Gleichgewichtsstörungen oder Sturz einhergehen, unfallgefährdet - z. B. beim Klettern, im Straßenverkehr, beim Radfahren, auf Treppen, in der Badewanne oder beim Schwimmen.
- Fahreignung: Menschen mit Epilepsie dürfen nicht selbst Auto fahren, wenn sie in den vergangenen zwölf Monaten einen Anfall hatten.
- Sport und Freizeit: Bestimmte Aktivitäten, wie z.B. Schwimmen, sollten nicht alleine ausgeübt werden.
- Erhöhtes Sterberisiko: Insgesamt haben Menschen mit Epilepsie ein erhöhtes Sterberisiko. Plötzliche unerwartete Todesfälle (SUDEP, engl. Sudden unexpected death in epilepsy) kommen auch in eigentlich weniger gefährlichen Situationen vor, zum Beispiel nachts im Bett.
Psychosoziale Aspekte
Hinzu kommen Vorurteile und Stigmata, die den Alltag für Menschen mit Epilepsie zusätzlich erschweren. So ist im Verlauf der Erkrankung das Risiko für eine Depression erhöht.
Schwangerschaft und Familienplanung
Für Frauen mit Epilepsie ist die Planung der Schwangerschaft besonders wichtig, um die Therapie bereits im Vorfeld im Hinblick auf die Anfallskontrolle und das Fehlbildungsrisiko zu optimieren und damit die Risiken für Mutter und Kind in der Schwangerschaft zu minimieren. Prinzipiell gehen alle Antiepileptika mit einem erhöhten Fehlbildungsrisiko einher. Insgesamt liegt die Rate großer Fehlbildungen bei den Kindern antiepileptisch behandelter Patientinnen mit Epilepsie bei ca. 6 % im Vergleich zu 2 - 4 % in der Normalbevölkerung. Das Risiko der Nachkommen aller Patienten mit Epilepsie, ebenfalls an einer Epilepsie zu erkranken, liegt bei 3 - 5 % und ist damit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (1 - 2 %) etwa doppelt so hoch.
Alkoholkonsum
Häufig wird Patienten nach einem ersten epileptischen Anfall dringend empfohlen, keinen Alkohol mehr zu konsumieren. Studien deuten jedoch darauf hin, dass der maßvolle Konsum von Alkohol keinen Einfluss auf das Auftreten von Anfällen bei Patienten mit einer Epilepsie hat. Bei einem täglichen Konsum von etwa 30 g reinen Alkohols bei Männern (¾ l Bier oder ⅓ l Wein) und 20 g bei Frauen (½ l Bier oder ¼ l Wein) sind keine allgemeinen gesundheitlichen Schäden zu erwarten, diese Menge hat in der Regel auch keinen spezifischen Effekt auf das Auftreten weiterer epileptischer Anfälle. Der - auch gelegentliche - Konsum größerer Mengen Alkohol, der oft mit einem Schlafdefizit verbunden ist, kann jedoch das Anfallsrisiko deutlich erhöhen.
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