Ab wann beginnt der geistige Abbau? Ein umfassender Überblick

Unser Gedächtnis ist ein dynamisches System, das sich im Laufe des Lebens stetig verändert. Viele Menschen fragen sich, ab welchem Zeitpunkt Vergesslichkeit Anlass zur Sorge geben sollte. Dieser Artikel beleuchtet, wann der geistige Abbau beginnt, welche Faktoren ihn beeinflussen und wie man das Gehirn fit halten kann.

Gedächtnisleistung im Laufe des Lebens

Die Gedächtnisleistung eines Menschen unterliegt im Laufe des Lebens natürlichen Veränderungen. Bereits ab dem frühen dreißigsten Lebensjahr beginnt das menschliche Gehirn mit einem natürlichen Abbauprozess. Trotz dieser Veränderung ist der Mensch in der Lage, durch lebenslanges Lernen seine Gedächtnisleistung - einschließlich Konzentration, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit - auf einem hohen Niveau zu halten.

Ab dem 50. Lebensjahr lässt die Gedächtnisleistung tendenziell deutlicher nach. Sogenannte „Gedächtnislücken“ können dann weniger gut kompensiert werden. Durch kontinuierliches Training und geistige Aktivität kann der Prozess des Gedächtnisverlusts jedoch verlangsamt und die kognitiven Fähigkeiten länger erhalten bleiben.

Neuere Forschungsergebnisse

Eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Heidelberg liefert überraschende Erkenntnisse: Das Denkvermögen bleibt deutlich länger schnell, als bisher vermutet. Die Forscher analysierten über 1,2 Millionen Datensätze von Personen im Alter zwischen 10 und 80 Jahren. Die Auswertungen zeigten: Ältere Menschen reagierten zwar langsamer - allerdings nicht, weil ihre geistigen Fähigkeiten nachließen, sondern weil sie ihre Entscheidungen bewusster und überlegter trafen. Das Forschungsteam schließt daraus, dass die verlangsamte Reaktionszeit nicht auf einen Abbau der Intelligenz zurückzuführen ist, sondern auf eine zunehmende Vorsicht im Denken.

Diese Ergebnisse widersprechen der weit verbreiteten Annahme, dass das Denken bereits ab dem mittleren Erwachsenenalter nachlässt. Die Wissenschaftler betonen: Für den Großteil des Berufslebens und Alltags gibt es keine Hinweise auf eine relevante kognitive Verlangsamung. Erst im höheren Alter zeigen sich messbare Veränderungen - und auch dann nur allmählich.

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Normale Vergesslichkeit im Alltag vs. Anlass zur Sorge

Unser Gehirn ist ein bemerkenswert effizientes Organ, das ständig Informationen filtert und speichert. Es behält nur das Wichtigste, während es sich von weniger relevanten Daten befreit. Dieser Prozess des Vergessens ist notwendig, um Platz für neue Informationen zu schaffen und hat einen therapeutischen Effekt, indem er uns ermöglicht, belastende Ereignisse hinter uns zu lassen und uns besser an neue Situationen anzupassen.

Alltägliche Vergesslichkeit, wie das Verlegen von Schlüsseln oder das Vergessen von Namen, ist in unserer informationsüberladenen Gesellschaft völlig normal. Mit zunehmendem Alter nehmen wir diese sogenannte „Altersvergesslichkeit“ stärker wahr. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass eine dementielle Erkrankung vorliegt.

Wann sollte man sich Sorgen machen?

Wenn Sie bemerken, dass Ihre Vergesslichkeit zunimmt, kann es hilfreich sein, Ihr Verhalten zu analysieren. Trinken Sie genug Wasser? Schlafen Sie gut? Bewegen Sie sich ausreichend? Gibt es Konflikte oder Stressfaktoren in Ihrem Leben? Möglicherweise müssen Sie auch Ihre Medikamente überprüfen lassen - allerdings sollten Sie dies niemals ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt tun.

Faktoren, die zu Vergesslichkeit führen können

Vergesslichkeit kann durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden:

  • Erkrankungen: Schlaganfälle schädigen die Gefäße und beeinträchtigen die Gedächtnisleistungen. Auch Volkskrankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck können ähnliche Auswirkungen haben und sogar zu weiteren Schlaganfällen führen.
  • Toxische Schadstoffe: Alkohol, Zigaretten und andere Drogen können die kognitiven Fähigkeiten erheblich einschränken.
  • Physische Zustände: Übermüdung, Medikamentengebrauch und Flüssigkeitsmangel können die Gedächtnisleistung beeinträchtigen.
  • Psychische Zustände: Depressive Erkrankungen und Vereinsamung können zu schweren Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen führen, bekannt als „Pseudodemenz“.

Ein gesunder Lebensstil ist daher entscheidend für ein gut funktionierendes Gedächtnis.

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Möglichkeiten zur Reduzierung des Risikos von Gedächtnisverlust

Es gibt verschiedene Formen dementieller Erkrankungen, aber grundsätzlich können gesunde Ernährung, erholsamer Schlaf und ausreichende Bewegung sehr positive Auswirkungen auf die kognitiven Leistungen haben. Diese Maßnahmen können Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und Übergewicht erheblich reduzieren.

Gezielte Gedächtnisübungen sind ebenfalls empfehlenswert, ebenso wie Aktivitäten wie Lesen, Malen und Wandern. Das Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ gilt auch für das Gedächtnis. Es ist wichtig, das Gehirn aktiv und engagiert zu halten, um seine Funktion so lange wie möglich zu erhalten.

Sobald die Verdachtsdiagnose „Demenz“ bestätigt wird, gibt es eine Vielzahl von Maßnahmen, die ergriffen werden können, um den Prozess zu verlangsamen und sich auf die Entwicklung einzustellen. Es können Strategien entwickelt werden, um die Teilnahme am Leben so lange wie möglich zu erhalten.

Die Rolle des lebenslangen Lernens

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), des ifo Instituts und der Stanford University zeigt, dass kognitive Fähigkeiten wie Lesen und Rechnen bis weit ins mittlere Erwachsenenalter stabil bleiben - vorausgesetzt, sie werden regelmäßig genutzt. Die Wissenschaftler*innen zeigen, dass Lesefähigkeiten im Durchschnitt bis zum Alter von etwa 45 Jahren und Rechenfähigkeiten bis 40 Jahre zunehmen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass lebenslanges Lernen der Schlüssel zum Erhalt kognitiver Fähigkeiten sein kann“, sagt Studien-Mitautorin Lavinia Kinne vom DIW Berlin.

Super-Ager: Einblicke in außergewöhnliche Gedächtnisleistungen

Über-80-Jährige, deren Gedächtnisleistung der von 30 Jahre Jüngeren entspricht, verdanken ihre geistige Fitness vor allem ihrer Widerstandsfähigkeit gegen altersbedingte Veränderungen des Gehirns. Kompensations- und Bewältigungsstrategien von Alterserscheinungen spielen eine untergeordnete Rolle.

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Eine Studie aus Spanien untersuchte Menschen jenseits der 70 ohne neurologische oder schwere psychiatrische Störungen und identifizierte sogenannte „Super-Ager“. Im Ergebnis wurden frühere Studien bestätigt, die zeigten, dass die Gehirne von Super-Agern mehr graue Substanz haben als typisch alternde Erwachsene. Die aktuelle Analyse ergab zudem, dass bei Super-Agern die graue Substanz in Schlüsselbereichen des Gehirns im Laufe von fünf Jahren insgesamt langsamer abnahm als bei der Vergleichsgruppe.

Die Forscher fanden heraus, dass Super-Ager über eine bessere geistige Gesundheit und mehr Mobilität verfügen als andere in ihrer Altersgruppe. Gaser merkt an, dass es nicht klar ist, ob alle Menschen das Potenzial haben, Super-Ager zu werden. Er betont jedoch, dass lebenslanges Lernen, soziale Aktivitäten, ein aktiverer Lebensstil und die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit im täglichen Leben dazu beitragen können, dass man ein Super-Ager werden kann.

Frühe Anzeichen geistigen Abbaus: Eine britisch-französische Studie

Eine britisch-französische Studie, die online im British Medical Journal veröffentlicht wurde, fand heraus, dass anders als gedacht erste geistige Abbauerscheinungen sich bereits vom 45. Lebensjahr an zeigen können. Bisher hatte man angenommen, dass von Ausnahmen abgesehen die meisten Menschen erst ab dem 60. Lebensjahr zunehmend mit entsprechenden Problemen zu kämpfen haben.

An der als „Whitehall II“ bezeichneten Untersuchung nahmen 5200 Männer und 2200 Frauen aus dem öffentlichen Dienst teil. Über einen Zeitraum von zehn Jahren wurde das Denkvermögen der Teilnehmer jeweils drei Mal getestet. Bei den Männern der Altersgruppe zwischen 45 und 49 war das Denkvermögen nach zehn Jahren im Mittel um 3,6 Prozent zurückgegangen (Frauen: ebenfalls 3,6), in der Gruppe der 65- bis 70-jährigen Männer lag der Schwund schon bei 9,6 Prozent (Frauen 7,4). Lediglich der Wortschatz blieb über die Jahre unangetastet.

Ein früherer Beginn des allmählichen Verfalls macht nach Ansicht der Forscher ein rechtzeitiges Vorbeugen umso wichtiger.

Was tun bei Demenzrisiko?

Zwar gibt es gegen die Demenz vom Alzheimer-Typ kein gesichertes Rezept, um den Ausbruch hinauszuzögern. Anders sieht es bei Demenz infolge von Gefäßverkalkung aus (vaskuläre Demenz). Sie steht bei der Häufigkeit an zweiter Stelle und tritt oft zusammen mit Alzheimer auf. Gegen die vaskuläre Demenz hilft im Prinzip, was auch dem Herz bekommt: gesunder Lebensstil, das Vermeiden oder Verringern von Fettsucht, Bluthochdruck und zu hohen Blutfetten.

Übergewicht, Bluthochdruck und zu hohe Blutfettwerte erhöhen das Risiko für den Verlust geistiger Fähigkeiten. Es gibt zunehmende Hinweise darauf, dass das, was für das Herz gut ist auch dem Kopf hilft. Demenzerkrankungen bahnen sich bereits lange vor Beginn der ersten Symptome an. Wenn man wisse, welche geistigen Einbußen im mittleren Alter normal seien, könne man auch besser erkennen, wenn jemand davon abweiche.

Gehirnalterung verstehen: Neue Perspektiven

Im Alter merken wir, dass wir nicht mehr so leistungsfähig sind wie bisher. Unsere Gehirnleistung nimmt ab. Bis zum Alter von 25 Jahren reift das Gehirn beständig, wird größer und entwickelt sich. Danach baut es langsam ab.

In einer aktuellen Studie haben Forscher die Alterung des Gehirns von Menschen und Schimpansen verglichen. "Die letzten entscheidenden Entwicklungen zum Menschen haben wohl ihren Preis. Die Erkenntnisse stützen das Prinzip "Last in, first out". Die Hirnareale, die sich als letztes entwickeln, bauen sich auch als erstes wieder ab. Dazu gehört vor allem die Region des präfrontalen Kortex.

Ein Forschungsteam aus Chile versuchte mittels einer "Gehirn-Uhr" vorherzusagen, ob das menschliche Gehirn schneller altert, als sein chronologisches Alter vermuten lässt. Konkret bedeutet eine Hirnalterslücke von zehn Jahren bei einer 50-jährigen Person, dass ihre eigentliche Gehirnleistung der einer 60-jährigen Person entspricht. Somit ist ihr Gehirn älter, als es für ihr eigentliches chronologisches Alter vorgesehen wäre.

Bedingt wird das Altern des Gehirns auch durch unsere Lebensweise. Umweltverschmutzung, Kultur, sozioökonomische Bedingungen und Ernährung können unser Altern beschleunigen oder hinauszögern. Zum normalen Alterungsprozess kommen neurodegenerative Krankheiten wie Parkinson, die das Altern beschleunigen.

Forschende am Max-Planck-Institut für Psychiatrie kamen zum Ergebnis, dass sich die Genaktivität in verschiedenen Zelltypen des Gehirns im Laufe des Lebens verändert. Diese kann dann nicht mehr so schnell ablaufen wie früher. Damit ist zu erklären, dass wir im Alter vergesslicher werden.

Die genetischen Grundvoraussetzungen, die uns anfälliger fürs Altern machen, können wir nicht beeinflussen. Doch laut Hoffstaedter können wir das Altern etwas hinauszögern.

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