Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Verletzung des Kopfes mit Beteiligung des Gehirns infolge einer Gewalteinwirkung. Schädel-Hirn-Traumata (SHT) sind nicht selten. Sie sind bei Menschen unter 45 Jahren die häufigste Ursache für Tod oder Behinderung und auch die Haupttodesursache bei Kindern unter 15 Jahren. In Deutschland geht man derzeit schätzungsweise von ca. 330 Patienten mit SHT pro Jahr pro 100.000 Einwohner aus. Davon sind 91 % leichte, 4 % mittlere und 5 % schwere SHT. So ergeben sich hochgerechnet in Deutschland ca. 267.000 Patienten mit SHT im Jahr. Ca. 2750 Patienten versterben an SHT und deren Folgen. Die wirtschaftlichen Kosten und Folgekosten für SHT betragen in Deutschland ca. 2,8 Milliarden Euro pro Jahr. In den USA erleiden jedes Jahr etwa 1,1 Millionen Menschen ein SHT. Ca. 15 % der SHT werden von Verletzungen der Halswirbelsäule begleitet. Nur in 13 % der Fälle tritt das schwere SHT rein isoliert auf. Bei ca. 38 % der Patienten ist das SHT mit einem Polytrauma kombiniert.
Das Gehirn ist ein komplexes und empfindliches Organ, das durch den Schädel geschützt wird. Zwischen dem Schädel und dem Gehirn befindet sich ein natürlicher Abstand, der mit Hirnwasser (Liquor) gefüllt ist. Dieser Abstand ermöglicht es dem Gehirn, sich innerhalb des Schädels leicht zu bewegen und Stöße abzufedern. Veränderungen dieses Abstands können auf verschiedene Erkrankungen oder Verletzungen hinweisen und erfordern eine genaue Diagnose und gegebenenfalls Behandlung.
Ursachen für Veränderungen des Abstands zwischen Schädel und Gehirn
Verschiedene Faktoren können den normalen Abstand zwischen Schädel und Gehirn verändern. Dazu gehören:
Schädel-Hirn-Trauma (SHT)
Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Verletzung des Kopfes mit Beteiligung des Gehirns infolge einer Gewalteinwirkung. SHT werden in drei Grade eingeteilt: leicht, mittel und schwer. Nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma (Commotio cerebri) kann es unter anderem zu diffusem Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit, rascher Ermüdbarkeit und Reizbarkeit, Apathie sowie zu vermehrtem Schwitzen kommen. Nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma (Contusio cerebri) tritt nach dem Unfall in aller Regel zunächst ein Zustand ein, bei dem der Patient die Augen wie im Halbschlaf geschlossen hat, aus dem er durch nichts geweckt werden kann. Das sogenannte Koma kann mehrere Stunden, Tage oder gar Wochen anhalten. Der Druck im Inneren des Schädels kann weiterhin erhöht und die Hirnfunktion durch Wassereinlagerungen im Hirngewebe gestört sein.
- Blutungen: Blutungen im Gehirn (intracerebrale Hämatome) oder zwischen Gehirn und Schädel (subdurale oder epidurale Hämatome) können den Abstand zwischen Gehirn und Schädel vergrößern. Hier hat ein Knochenbruch eine kleine Arterie auf der harten Hirnhaut eingerissen. Aus dieser blutet es, und diese Blutung führt zu einer Ausbeulung der harten Hirnhaut in Richtung des Gehirns. Die neurologischen Auffälligkeiten, insbesondere die Bewusstseinsstörungen, brauchen etwas Zeit. Es kann also durchaus sein, dass der Patient kurz nach dem Unfall wieder wach ist, dann aber, weil die Blutung zunimmt und anfängt, das Gehirn zu erdrücken, bewusstlos wird (freies Intervall). Die Sterberate (Mortalität) beim epiduralen Hämatom bei bewusstlosen Patienten liegt bei bis zu 70 %. Kommt es zu einer Blutung zwischen der harten Hirnhaut und dem Hirn, spricht man von einem subduralen Hämatom. Hier ist die Sterberate immer noch um die 50 %. Die Gewalt hat zu einer Zerreißung der oberflächlichen Arterien und von Hirngewebe geführt.
- Hirnödem: Viele Hirnverletzungen führen zu einem Ödem. Da das Gehirn sich unter dem Schädeldach nicht ausdehnen kann, führt dies schnell zu tödlichen Gewebeschäden. Sie lassen sich durch die Entfernung eines Teils der Schädeldecke vermeiden. Diese Kraniektomie ist in der Neurochirurgie seit langem Routine.
- Frakturen: Frakturen des Schädels können ebenfalls den Abstand verändern und zu Verletzungen des Gehirns führen. Frakturen des Pterions können die mittlere Meningealarterie zum Rupturieren bringen. Frakturen der Pars petrosa ossis temporalis (Felsenbein) können dazu führen, dass Blut oder Liquor aus dem Ohr austritt, was zu Hörverlust führen kann. Orbitale Frakturen: Frakturen der Augenhöhlen. Orbitale Frakturen werden in Orbitarandfrakturen, direkte Orbitabodenfrakturen und Blow-out-Frakturen klassifiziert.
Kraniosynostose
Eine Craniostenose ist eine Deformierung des Schädels aufgrund einer vorzeitigen Verknöcherung der Schädelnähte. Hierbei sind eine oder mehrere Schädelnähte verschlossen. Die Hauptindikation für eine Operation ist dann gegeben, wenn die Gefahr besteht, dass der intrakranielle Druck sich erhöht. Dies würde zu Erblindung und Verzögerung der psychomotorischen Entwicklung führen. Diese Gefahr besteht vor allem bei den genetisch bedingten Syndromen, bei denen mehrere Schädelnähte betroffen sind, wie beispielsweise Morbus Crouzon, dem Apert-Syndrom und dem Pfeiffer-Syndrom. Des Öfteren findet man zum Beispiel isolierte Schädelnahtverknöcherungen, bei denen meist nur die kosmetischen Aspekte eine Rolle spielen. Ein oft falsch interpretiertes Phänomen ist der Lagerungsplagiocephalus. Kraniosynostosen können als einfach oder komplex klassifiziert werden und führen typischerweise zu einem abnormal geformten Kopf.
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Hirntumore und Zysten
Liegt in der Tiefe dieses Gebildes ein Tumor, eine Zyste oder sonst ein krankhafter Prozess, muss der Chirurg oft darin eindringen, auch wenn er dabei Schaden anrichtet: Der kompakte Hirnmantel und alles im Weg zum Zielort liegende Nervengewebe wird gespalten, um das Operationsgebiet freizulegen.
Hydrozephalus
Diese Form des Wasserkopfes entsteht dann, wenn das Hirnwasser nicht gut abfließen kann, weil ihm irgendwo in den Hirnkammern oder am Austritt daraus ein Hindernis den Weg versperrt, etwa eine Narbe oder ein Tumor.
Andere Ursachen
- Akranie: eine seltene angeborene Erkrankung, die durch das teilweise oder vollständige Fehlen der Schädelknochen gekennzeichnet ist. Neuralrohrdefekte verbunden.
- Cranium bifidum: ein Neuralrohrdefekt, der durch den defekten Verschluss des fetalen Schädels während der Entwicklung gekennzeichnet ist. Neuralrohrdefekte oder dem Hervortreten von Hirnsubstanz, die von Hirnhäuten bedeckt ist, durch den knöchernen Defekt verbunden.
Symptome
Die Symptome, die mit Veränderungen des Abstands zwischen Schädel und Gehirn einhergehen, können vielfältig sein und hängen von der Ursache und dem Ausmaß der Veränderung ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Kopfschmerzen: Diffuse oder lokal begrenzte Kopfschmerzen, die plötzlich auftreten oder sich allmählich verschlimmern.
- Übelkeit und Erbrechen: Insbesondere bei erhöhtem Hirndruck.
- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Doppelbilder oder Gesichtsfeldausfälle.
- Bewusstseinsveränderungen: Verwirrtheit, Benommenheit, Schläfrigkeit oder Bewusstlosigkeit.
- Neurologische Ausfälle: Lähmungen, Sprachstörungen, Koordinationsprobleme oder Krampfanfälle.
- Verhaltensänderungen: Reizbarkeit, Apathie oder Persönlichkeitsveränderungen.
- Bei Säuglingen: Ungewöhnliche Kopfform, vorgewölbte Fontanellen (weiche Stellen am Schädel) oder übermäßige Schläfrigkeit.
Diagnose
Um die Ursache für Veränderungen des Abstands zwischen Schädel und Gehirn zu ermitteln, sind verschiedene diagnostische Verfahren erforderlich:
- Körperliche Untersuchung: Eine gründliche neurologische Untersuchung, um neurologische Ausfälle oder andere Auffälligkeiten festzustellen.
- Bildgebende Verfahren:
- Computertomographie (CT): Eine CT-Untersuchung des Schädels kann Blutungen, Frakturen, Tumore oder andere strukturelle Veränderungen darstellen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Eine MRT-Untersuchung des Gehirns liefert detailliertere Bilder des Gehirns und kann subtile Veränderungen oder Verletzungen erkennen, die in der CT möglicherweise nicht sichtbar sind.
- Liquoruntersuchung: Eine Liquoruntersuchung kann durchgeführt werden, um Infektionen oder Blutungen im Gehirn auszuschließen.
- Ultraschall: Cranial Suture Measurement by 2-point Method in Ultrasound Screening of Craniosynostosis.
Behandlung
Die Behandlung von Veränderungen des Abstands zwischen Schädel und Gehirn hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab. Zu den gängigen Behandlungsoptionen gehören:
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- Medikamentöse Therapie:
- Schmerzmittel: Zur Linderung von Kopfschmerzen.
- Antiepileptika: Zur Kontrolle von Krampfanfällen.
- Mannitol oder hypertone Kochsalzlösung: Bei Verdacht auf zerebrale Einklemmung und Zeichen eines Mittelhirn- oder Hirnstammsyndroms (Anisokorie, Strecksynergismen, rasche progediente Bewusstseinstrübung) ist die Gabe von Mannitol oder hypertone Kochsalzlösung sowie die kurzfristige Hyperventilation in der Frühphase nach Trauma (Richtwert bei Erwachsenen 20 Atemzüge/min) gerechtfertigt.
- Chirurgische Eingriffe:
- Kraniektomie: Eine Kraniektomie zur Entlastung eines erhöhten Hirndrucks hat in einer randomisierten Studie die Sterblichkeit von Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma gegenüber einer fortgesetzten medikamentösen Therapie halbiert. Viele Hirnverletzungen führen zu einem Ödem. Da das Gehirn sich unter dem Schädeldach nicht ausdehnen kann, führt dies schnell zu tödlichen Gewebeschäden. Sie lassen sich durch die Entfernung eines Teils der Schädeldecke vermeiden.
- Entfernung von Hämatomen oder Tumoren: Hier ist, wenn es zu keiner raumfordernden Blutung kommt, nicht notwendig operativ tätig zu werden. Durch die Gewalteinwirkung kann es aber auch zur Zerreißung von Gewebe einschließlich der Gefäße im Hirn kommen. Dann kommt es zu Einblutungen ins Hirn. Hier spricht man von intracerebralen Hämatomen.
- Shunt-Anlage: Stattdessen wird ein Katheter in die Hirnkammer eingelegt - eventuell besonders präzise mit dem Endoskop - und der Liquor über einen Schlauch mit Ventil beispielsweise zum Bauchraum ableitet. Das ist allerdings nicht der Weisheit letzter Schluss, denn dieser Eingriff hat häufig Komplikationen zur Folge.
- Korrektur von Kraniosynostosen: Operationen von komplexen Schädelverformungen werden an einem individuellen 3D-Modell geplant. Die Schädelplastik (neu-modellierte Schädelsegmente) wird mit resorbierbaren (auflösbaren) Osteosyntheseplatten (Platten zur Stabilisierung von Knochensegmenten) und resorbierbaren Pins (statt Schrauben) fixiert; damit ist die Entfernung des Osteosynthesematerials nicht erforderlich
- Rehabilitation: Nach einer schweren Hirnverletzung ist eine umfassende Rehabilitation erforderlich, um verlorene Funktionen wiederzuerlangen und die Lebensqualität zu verbessern.
Komplikationen
Veränderungen des Abstands zwischen Schädel und Gehirn können schwerwiegende Komplikationen verursachen, insbesondere wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Zu den möglichen Komplikationen gehören:
- Erhöhter Hirndruck: Der Druck im Inneren des Schädels kann weiterhin erhöht und die Hirnfunktion durch Wassereinlagerungen im Hirngewebe gestört sein. In Teilen des Gehirns können die Stoffwechselvorgänge stark beeinträchtigt sein.
- Hirnschädigung: Der definitive Schaden von Nervenzellen infolge von SHT kann durch Nekrose und Apoptose hervorgerufen werden
- Neurologische Ausfälle: Ob und wie ausgeprägt Funktionsstörungen zurückbleiben, kann nach einer Verletzung anfänglich meist noch nicht beurteilt werden. Im Folgenden ist eine Vielzahl von Symptomen aufgeführt, die nach Schädel-Hirn-Traumen beobachtet werden.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Sehr häufig treten bei Patienten nach einem SHT Konzentrationsschwierigkeiten auf. Es können zumeist nicht mehr zwei Sachen gleichzeitig erledigt werden oder die Aufmerksamkeit erlischt bereits nach kurzer Zeit. Die Geschwindigkeit der Denkabläufe verlangsamt sich. Gleichzeitig kommt es häufig zu Lern- und Gedächtnisstörungen, besonders nach einer Schädigung der linken Gehirnhälfte.
- Verhaltensauffälligkeiten: Die Stimmung von Menschen mit schweren Hirnverletzungen kann starken Schwankungen unterliegen, die Betroffenen sind häufig leichter reizbar als vor dem Unfall. Neben Auffälligkeiten im Gefühlsbereich zeigen sich auch Störungen im Sozialverhalten. Nach einer schweren Schädel-Hirn-Verletzung kann es zu einer tiefgreifenden und bleibenden Veränderung des psychischen Zustandes des Patienten kommen.
- Epilepsie: Nach einem Schädel-Hirn-Trauma können sich verletzungsbedingt am Gehirn Narben bilden, die epileptische Anfälle verursachen können. Die Gefahr einer Narbenbildung ist nach offenen Hirnverletzungen höher als nach geschlossenen. Epileptischen Anfällen kann mit antiepileptischen Medikamenten entgegengewirkt werden.
- Tod: Sechs Monate nach der Behandlung waren in der Gruppe mit rein medikamentöser Therapie 48,9 Prozent der Patienten gestorben, nach eine Kraniektomie waren es nur 26,9 Prozent.
Prävention
Einige Ursachen für Veränderungen des Abstands zwischen Schädel und Gehirn, wie z. B. angeborene Erkrankungen, sind nicht vermeidbar. Allerdings können bestimmte Maßnahmen ergriffen werden, um das Risiko anderer Ursachen, insbesondere von Schädel-Hirn-Traumata, zu verringern:
- Tragen von Schutzhelmen: Beim Fahrradfahren, Motorradfahren, Skifahren oder anderen Sportarten, bei denen ein Risiko für Kopfverletzungen besteht.
- Anschnallen im Auto: Um das Risiko von Kopfverletzungen bei Verkehrsunfällen zu verringern.
- Sturzprävention: Maßnahmen zur Vermeidung von Stürzen, insbesondere bei älteren Menschen und kleinen Kindern.
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