Drogenmissbrauch ist ein weit verbreitetes Problem mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Einzelnen. Eine der verheerendsten Folgen des Drogenkonsums ist die Schädigung des Gehirns. Drogen können die Gehirnfunktion auf vielfältige Weise beeinträchtigen, von der Störung der Neurotransmission bis hin zur Beschleunigung des Alterungsprozesses. Dieser Artikel untersucht die komplexen Mechanismen, durch die Drogen das Gehirn schädigen, und beleuchtet die langfristigen Konsequenzen des Drogenmissbrauchs.
Wie Drogen das Gehirn "manipulieren"
Drogen wirken auf das Gehirn, indem sie die Freisetzung von Botenstoffen auslösen, die zunächst Wohlbefinden auslösen und so zur Sucht führen. Verschiedene Mechanismen im Gehirn sorgen dafür, dass das Verlangen immer größer wird, gleichzeitig die Bedeutung anderer Dinge wie Partnerschaft, Freundschaften, Hobbies oder Beruf abnimmt. „Drogen machen uns zu Zombies, wir werden fremdgesteuert und verlieren uns als Mensch, das eigene Sein wird der Droge untergeordnet“, so der Neurologe und Psychologe Prof. Dr.
Das Belohnungssystem im Fokus
Gute Noten, Anerkennung oder ein Stück Kuchen am Sonntag: Unser Gehirn giert nach Belohnung. Verantwortlich dafür ist das sogenannte Belohnungssystem, ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen, die wie in einem Schaltkreis zusammenwirken. Eigentlich dient das Belohnungssystem der Selbsterhaltung. Doch bisweilen bringt es uns dazu, dass wir von manchen Dingen nicht genug bekommen können.
Wichtigster Mitspieler im Belohnungssystem ist Dopamin. Hier einige Fakten:
- Dopamin ist ein sogenannter Neurotransmitter.
- Es wird für eine Vielzahl von lebensnotwendigen Steuerungs- und Regelungsvorgängen benötigt. Zum Beispiel verursacht Dopamin Motivation.
- Drogen und Suchtmittel aktivieren das Belohnungssystem durch Dopamin deutlich stärker als natürliche Belohnungen, wie ein Lob oder ein Erfolgserlebnis.
- Dopamin spielt nach Erkenntnissen der Neurophysiologie auch beim Lernen eine wichtige Rolle.
Synapsin spielt eine bedeutende Rolle
Forscherinnen um Professor Christian Rosenmund vom Institut für Neurophysiologie der Charité und dem Excellenzcluster NeuroCure haben nun mit amerikanischen Kolleginnen um den Einstein BIH Visiting Fellow Thomas Südhof, Nobelpreisträger für Medizin 2013, herausgefunden, wie dieses neuromodulatorische System funktioniert. „Wir konnten zeigen, dass das Molekül Synapsin hierbei eine bedeutende Rolle spielt“, sagt Dr. Christopher Patzke, Co-Erstautor der Arbeit und PostDoc im Südhof-Labor. „Es sitzt auf der Oberfläche der synaptischen Vesikel und verändert durch die Wirkung von verschiedensten Neuromodulatoren seine Form. Das führt dazu, dass sich die Vesikel in den Synapsen entweder zusammenschließen und mehr Botenstoffe ausschütten, was das Signal verstärkt. Oder die Vesikel ziehen sich aus der Synapse zurück, schütten weniger Botenstoff aus und das Signal wird abgeschwächt.“
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Das Suchtgedächtnis
Unser Gehirn speichert nicht nur schöne Urlaubserinnerungen oder den Geschmack von Lieblingsgerichten. Leider merkt sich das Gehirn auch, welche Stoffe oder Verhaltensweisen zu einer besonderen Belohnung geführt haben. Das Verlangen danach wird stärker, besonders das Vorderhirn wird dabei durch neuronale Anpassungsprozesse nachhaltig verändert. Das enge Zusammenspiel von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion führen - etwa bei einer Drogenabhängigkeit - zu einem Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird. Schließlich kann es in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster münden.
Auswirkungen verschiedener Drogen auf das Gehirn
Die Auswirkungen von Drogen auf das Gehirn sind vielfältig und hängen von der Art der Droge, der Dosierung und der Dauer des Konsums ab. Einige der häufigsten Auswirkungen sind:
Störung der Neurotransmission
Drogen stören die Balance der Neurotransmitter. Heißt, sie wirken auf die Informationsübertragung im Gehirn. Alkohol beispielsweise hemmt bestimmte Glutamatrezeptoren (zuständig für Kommunikation der Nervenzellen, das Erinnerungsvermögen und Lernen), Substanzen wie Kokain blockieren sie.
Veränderung der Gehirnmasse
Allen gemeinsam ist, sie verändern Gehirnmasse, das Gehirnvolumen wird kleiner. Und auch, wenn Kokain, Heroin, Alkohol, wenn alles unter dem Begriff Droge zu fassen ist, so zeigen die verschiedenen Drogen dann doch unterschiedliche Effekte. Der Abhängige nutzt diesen Mechanismus, um seine Stimmung zu modellieren. Grundsätzlich verstärke die Droge die Grundstimmung, in der sich jemand befindet. Ist man also depressiv und trinkt, verbessere das nicht die Laune, sondern verstärke die Depression. Und: Unterschiedliche Wirkungen werden nicht nur durch unterschiedliche Substanzen erzielt. Dieselbe Substanz kann auch von Person zu Person verschieden wirken.
Beschleunigung des Alterungsprozesses des Gehirns
Eine weitere Folge des regelmäßigen Kokainkonsums ist besonders weitreichend: Kokain beschleunigt den Alterungsprozess des Gehirns, indem es die Hirnstruktur verändert. Eine 2023 publizierte Studie verglich das Hirngewebe von Kokain-Abhängigen und Nicht-Konsumenten. Festgestellt wurde bei den Suchtkranken eine ausgedehnte Atrophie der grauen Substanz in den Bereichen Temporallappen, Frontallappen, Insula und limbischer Lappen. Schon 2012 war eine Arbeitsgruppe der Frage nachgegangen, warum Langzeit-Kokain-Abhängige Einschränkungen in Bezug auf Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Reaktionszeit aufweisen und führte eine Bildgebungsstudie durch. Auch hier zeigte sich eine schnellere Abnahme der grauen Substanz, der Schwund ging doppelt so schnell vonstatten wie bei gesunden Menschen.
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Kognitive Defizite
Sogar gelegentlicher Kokain-Konsum könnte einer Erhebung zufolge bereits mit kognitiven Defiziten verbunden sein.
Erhöhtes Risiko für Hirnblutungen und Schlaganfälle
Vor zwei Jahren zeigte eine systematische Metaanalyse von 36 Studien, dass der Konsum von Kokain das Risiko für Hirnblutungen und ischämischen Schlaganfällen verfünffacht. Eine weitere Erkenntnis der Metaanalyse: Die Kokainkonsum-bedingen Schlaganfälle enden öfter tödlich (OR: 1,77) und gehen häufiger mit Komplikationen wie Gefäßspasmen (OR: 2,25) und epileptischen Anfällen (OR: 1,61) einher. Von Bedeutung sind dabei Kokain-induzierte Gefäßveränderungen, denn die Droge beeinträchtigt die vaskuläre Funktion, führt zur Verengung und Entzündung der Blutgefäße (Vasokonstriktion und Vaskulitis).
Veränderungen im Frontalhirn
Schon nach einmaliger Gabe von Kokain kommt es im Entscheidungszentrum des Frontalhirns zur Bildung neuer Dornfortsätze auf den Dendriten der Neurone. Frühere Studien hatten gezeigt, dass Kokain den dorsomedialen präfrontalen Cortex verändert. Die Region des Stirnhirns gehört zu den Entscheidungszentren des Gehirns und steht in enger Verbindung zu den Basalganglien und anderen „tieferen“ Hirnregionen, die das Verhalten steuern.
Dazu gehört die Bildung neuer Dornfortsätze im Layer 5, einer oberen Schicht der Pyramidenzellen im besagten dorsomedialen präfrontalen Cortex. Dornfortsätze sind knopf- oder pilzförmige Ausstülpungen, an deren Spitze sich in der Regel Synapsen ausbilden. Neue Dornfortsätze sind deshalb ein Hinweis auf eine funktionelle Veränderung in der Hardware des Gehirns.
Sucht als Krankheit: Die Rolle des veränderten Gehirns
Die neuere Forschung betrachtet Sucht auch als körperliche Erkrankung, bei der das menschliche Gehirn im Zentrum steht. So schreiben die beiden Wissenschaftlerinnen Nora D. Volkow und Marisela Morales in ihrem Buch „The Brain on Drugs: From Reward to Addiction“ (übersetzt: „Das Gehirn auf Drogen: Von der Belohnung zur Sucht“): „Fortschritte in den Neurowissenschaften identifizierten Sucht als eine chronische Gehirnerkrankung mit starken genetischen, neuronalen und soziokulturellen Komponenten.“ Bis heute wird weiter erforscht, warum verschiedene Substanzen oder Verhaltensweisen unterschiedlich schnell süchtig machen oder warum manche Menschen schneller abhängig werden als andere. Andere Sichtweisen gewichten die Vielzahl psychischer, biografischer und gesellschaftlicher Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung einer Suchterkrankung stärker.
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Wer an einer Suchterkrankung leidet, dessen Gehirn hat sich verändert.
Behandlung von Suchterkrankungen
Die Therapie einer Suchterkrankung ist abhängig von der Art der Sucht und der Ausprägung bei jedem oder jeder Einzelnen. Entsprechend unterscheiden sich auch die Vorgehensweisen bei einer stoffgebundenen und bei einer Verhaltenssucht. In diesem Fall wird bei Sucht durch Substanzen in der Regel anfangs eine körperliche Entgiftung unter medizinischer Aufsicht durchgeführt, um möglichen Komplikationen vorzubeugen. Fällt das Ziel einer Abstinenz dem oder der Betroffenen dennoch zu schwer, wird zumindest versucht, den Konsum im Sinne einer Schadensminimierung zu verringern, beziehungsweise zu begrenzen. Bei der medizinischen Behandlung einer Drogenabhängigkeit kommen unter Umständen für einige Substanzen Ersatzstoffe, wie etwa Methadon für Heroin in Frage, was den Beginn einer Therapie erleichtern kann. Das detaillierte, gestufte Vorgehen bei Verhaltenssüchten ist derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.
Ein wichtiges Ziel der Behandlung ist, neuen Lebensmut zu bekommen und dank neuer Strategien und Verhaltensmustern abstinent zu bleiben. Mögliche Therapien, die in der Regel kombiniert angewendet werden, sind:
- Beratung: Das können motivierende Gespräche sein, mit dem Ziel, für das Thema Sucht zu sensibilisieren, zur Änderung des Verhaltens anzuregen und Zugang zu einem Behandlungsangebot zu verschaffen.
- Entgiftung: Meistens spricht man in diesem Zusammenhang von einem Entzug.
- Entwöhnung: medizinische Reha-Behandlung durch ein multiprofessionelles Team.
- Psychotherapie: zum Beispiel kognitive Verhaltenstherapie.
- Selbsthilfegruppen und Gruppenangebote
- Medikamente: Das starke Verlangen („Craving“) lässt sich in manchen Fällen medikamentös lindern.
- Behandlung einer eventuell zusätzlich bestehenden psychischen Erkrankung: zum Beispiel Therapie einer Depression, Angststörung oder Schizophrenie
Behandlungskonzepte für die verschiedenen Formen von Verhaltenssüchten sind derzeit Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und haben daher oft noch keinen etablierten Standard. Sie beruhen meist auf verhaltenstherapeutischen Prinzipien.
Was tun bei einem Rückfall?
Eine Suchterkrankung, ob als Abhängigkeit von Substanzen oder Verhaltensweisen, ist mit Blick auf das komplexe Suchtgedächtnis eine lebenslange Aufgabe. Ein Rückfall ist kein persönliches Versagen, sondern gehört vielmehr zum Wesen einer Sucht. Bei Alkoholkranken liegt die Rückfallquote zum Beispiel bei 40 bis 60 Prozent innerhalb von ein bis zwei Jahren. Wichtig ist, jeden Rückfall zu bewerten und therapeutisch aufzuarbeiten. Das kann vor weiteren „Ausrutschern“ schützen und dabei helfen, die Abstinenz langfristig zu stabilisieren.
Prävention von Suchterkrankungen
Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Risiko für eine Suchterkrankung erhöhen.
Zur Orientierung dienen die folgenden Fragen:
- Hat die Person Selbstvertrauen und ein gesundes Selbstwertgefühl?
- Sind Eltern oder Erziehungsberechtigte ein Vorbild und vermitteln einen verantwortungsbewussten Umgang mit bestimmten Substanzen, etwa Alkohol, oder Verhaltensweisen, zum Beispiel der Nutzung des Smartphones?
- Wird frühzeitig - nicht erst im Jugendalter - über das Thema Sucht und der damit verbundenen Gefahren aufgeklärt?
- Wird das Umfeld auf der Arbeit, in der Schule sowie in der Familie als unterstützend wahrgenommen?
- Kann die Person Probleme und Konflikte gut bewältigen oder lösen? Verfügt sie über gute Kommunikationsfähigkeiten und ein gesundes Maß an Frustrationstoleranz?
- Empfindet die Person ihre Freizeit als erfüllend?
- Bekommt sie Unterstützung im Umgang mit Gruppendruck oder -zwang?