Alkoholabhängigkeit, Abstinenzphasen, Dopamin und das Gehirn: Ein umfassender Überblick

Alkohol ist in vielen Gesellschaften ein akzeptiertes Genussmittel, doch übermäßiger Konsum kann zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden und Abhängigkeit führen. Die Alkoholabhängigkeit ist eine der häufigsten Suchterkrankungen und schränkt die Lebensqualität der Betroffenen enorm ein. In diesem Artikel werden die Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn, insbesondere im Zusammenhang mit Abstinenzphasen und dem Neurotransmitter Dopamin, detailliert beleuchtet.

Die schädlichen Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn

Zu viel Alkohol schädigt das Gehirn. Wie das passiert und welche Mechanismen diese Schädigung verursachen, ist nur wenig bekannt. Aktuelle Forschungsergebnisse ermöglichen nun wichtige neue Einblicke in die molekularen Grundlagen solcher Alkoholschadenseffekte. Eine Studie zeigt, dass Alkohol speziell einen kleinen Teilbereich des präfrontalen Kortex (PFC), das sogenannte infralimbische Areal, schädigt. Eine bestimmte Gruppe von Neuronen im PFC reagiert sehr empfindlich auf Alkohol, wenn dieser wiederholt in Konzentrationen verabreicht wird, die üblicherweise bei Alkoholikern auftreten (>2,5 Promille über mehrere Stunden). Diese Neuronen behalten langfristige Folgeschäden, was sich unter anderem darin ausdrückt, dass sie die Freisetzung des Botenstoffs Glutamat nicht mehr angemessen regulieren können. Zurückzuführen ist dies auf eine mangelnde Autorezeptorfunktion, die normalerweise durch Glutamatrezeptoren vom Typ mGluR2 ausgeübt wird. Die Wiederherstellung des mGluR2-Niveaus im infralimbischen Kortex alkoholabhängiger Ratten ist ausreichend, um deren übermäßiges Bedürfnis nach Alkohol wieder zu normalisieren. In Autopsiematerial von Alkoholikern fanden die Forscher in der entsprechenden Hirnregion ebenfalls erniedrigte mGluR2 Werte. Alkoholabhängigkeit führt nicht nur zu einer Abnahme von mGluR2 Rezeptoren in neuronalen Netzwerken des PFC, sondern der dadurch verursachte Funktionsausfall verstärkt bei Alkoholsüchtigen auch die Gefahr eines Rückfalls.

Alkoholabhängigkeit: Eine Definition

Alkoholismus, hier gleichgesetzt mit Alkoholabhängigkeit und Sucht, stellt klinisch ein Krankheitsbild dar, bei dem das starke Verlangen nach Alkohol zur zentralen Motivation des Verhaltens wird, sodass die normale Verhaltenskontrolle beim Patienten verloren geht, was häufig zu einer Entgleisung aus dem sozialen Umfeld führt. Neben dem Kontrollverlust beim Trinken treten andere Symptome auf, wie Toleranz, körperliche Abhängigkeit sowie Rückfallverhalten nach Abstinenzphasen.

Magnus Huss definierte im Jahr 1849 als erster den von ihm geprägten Begriff Alkoholismus als Krankheit. Er unterschied dabei zwischen der „acuten Alkoholskrankheit oder Vergiftung“ (Alkoholvergiftung) und dem „Alcoholismus chronicus“.

Ursachen und Risikofaktoren der Alkoholabhängigkeit

Bei der Entstehung von Abhängigkeit und Sucht spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Abhängigkeitserkrankungen kommen in allen Schichten in vergleichbarem Maße vor. In vielen Fällen beginnt die Sucht damit, die bereits vorliegende psychiatrische Erkrankung selbst zu behandeln.

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Die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit ist ein multifaktorielles Kausalitätsgefüge. Neben dem Zusammenspiel sozialer und lerntheoretischer Theorien werden auch genetische und biologische Befunde als mögliche Erklärungen für Alkoholismus genannt. Auch der gesellschaftlich meist akzeptierte Alkoholkonsum kann als eine solche Entwicklungsaufgabe angesehen werden und auf die verschiedenen Sozialisierungsinstitutionen (z.B. Familie, Schule, Peergroups) einwirken.

Kinder suchtkranker Eltern werden statistisch gesehen häufiger abhängig als andere Kinder. Das Aufwachsen mit einem Suchtkranken in der Familie stellt eine erhebliche psychische Belastung dar. Physische, psychische und sexuelle Gewalt (sexueller Missbrauch) verbunden mit Sucht in der Herkunftsfamilie sind erhebliche Risikofaktoren. Töchter aus Sucht-Familien heiraten auch deutlich häufiger selbst wieder einen Alkoholiker.

Der Teufelskreis der Abhängigkeit

Der Alkohol beeinflusst den Stoffwechsel im Gehirn. Die Alkohol-Effekte beruhen auch auf einer erhöhten Produktion von Dopamin und Endorphinen. Bei einem Alkoholentzug wird erkennbar, dass die exzitatorischen NMDA-Rezeptoren als Gegenmaßnahme gegen die Hemmung durch den Alkohol hochreguliert und die inhibitorisch wirkenden GABA-Rezeptoren herunterreguliert wurden. Fällt der Alkohol weg, ist das exzitatorische System deutlich wirksamer als das inhibitorische. Dies erklärt die verschiedenen Symptome des körperlichen Entzugssyndroms. Durch die nicht mehr vorhandene Unterdrückung der Nervenzellen entstehen durch deren Übererregung Angstgefühle, Zittern, Halluzinationen bis hin zu Krampfanfällen.

Der Alkoholkonsum und die Toleranzentwicklung nehmen zu. Heimliches Trinken und Schuldgefühle danach. Der Alkoholkonsum wird verharmlost. Es entwickeln sich eine starke psychische Abhängigkeit und Kontrollverlust. Abstinenzphasen werden immer kürzer. Der Alkoholkonsum wird bagatellisiert, Hilfe abgelehnt. Schwierigkeiten häufen sich. Es kommt zu tagelangen Räuschen. Somatische Komplikationen treten auf.

Die Rolle von Dopamin bei Alkoholabhängigkeit

Dopamin ist ein Neurotransmitter bzw. Botenstoff des zentralen Nervensystems. Er besitzt eine erregende Wirkung, die beispielsweise eine Steigerung von Motivation und Antrieb nach sich ziehen kann. Durch den Einfluss von Alkohol kommt es zu einer Wirkungsverstärkung von Dopamin sowie einer Störung des Dopaminspiegels.

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Dopamin bzw. das dopaminerge System ist ein wichtiger Bestandteil des inhärenten menschlichen Belohnungssystems. Dieses sichert uns bereits seit tausenden von Jahren das Überleben: Auf bestimmte Reize reagiert unser zentrales Nervensystem durch die Ausschüttung von Botenstoffen (Neurotransmitter). Diese wiederum sorgen dafür, dass wir uns glücklich und motiviert oder aber traurig und ängstlich fühlen. Dopamin ist einer dieser Botenstoffe - ein Signalstoff, der den Alkoholkonsum als „positiv“ und belohnend in unserem Gedächtnis markiert und damit die Motivation weckt, das Trinkereignis zu wiederholen.

Langfristig ergibt sich hieraus eine weitere Schwierigkeit: Je häufiger alkoholische Getränke konsumiert werden, umso sensibler wird das dopaminerge System. Die Effekte, die der langjährige Alkoholkonsum auf den Dopamin-Spiegel im Gehirn hat, können nicht nur dazu führen, dass sich eine Alkoholsucht ausbildet - sie kann auch abstinenzwillige Alkoholiker zu einem Rückfall verleiten. Das hat die Wissenschaftlerin Dr. Dr. Hirth untersucht.

Hirth untersuchte sowohl Hirnproben von verstorbenen Alkoholikern als auch von Menschen, die ihr Leben lang gar keinen oder nur sehr wenig Alkohol konsumiert hatten. Das Ergebnis: Bestimmte Areale im Gehirn, welche über die Verhaltenskontrolle entscheiden, wiesen bei Alkoholikern eine größere Dopamin-Konzentration auf. Das bedeutet: Die Verhaltenskontrolle kann bei Menschen mit einer Alkoholsucht nachhaltig verringert sein.

Abstinenzphasen und Rückfälle

Viele Situationen können einen Rückfall provozieren: zum Beispiel plötzlicher Stress bei der Arbeit oder der Verlust eines Partners. Die meisten Menschen kommen mit Phasen starker Belastung ganz gut klar und können auch tragische Vorfälle mit der Zeit überwinden. Nicht so bei alkoholabhängigen Personen: selbst nach Jahren der erfolgreichen Abstinenz können solche Situationen unkontrollierten, exzessiven Alkoholkonsum wiederaufleben lassen.

Bei Alkoholismus wechseln sich häufig Perioden der Trunkenheit mit Abstinenzphasen ab, in denen die Betroffenen versuchen, auf Alkohol zu verzichten. Am Ende dieser Phasen steht dabei oft der Rückfall, wodurch die Sucht nur vertieft wird. Während dieser Zyklen finden viele Veränderungen im Gehirn statt. Besonders wichtig ist dabei der Neurotransmitter Dopamin, der die Signalübertragung in Belohnungszentren im Gehirn vermittelt. Wenn sich gelegentlicher Alkoholkonsum zu einer Sucht entwickelt, verändern sich auch die Bindungsstellen für Dopamin, über die der Botenstoff seine Wirkungen vermittelt.

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Es zeigte sich, dass die Dopamin-Mengen im akuten Entzug stark vermindert sind. Doch wenn die Tiere über einen längeren Zeitraum keinen Alkohol erhielten, stiegen die Dopamin-Werte deutlich über das Normalniveau. Dies hatte unter anderem den Effekt, dass die Tiere hyperaktiv wurden. Aufgrund ihrer Ergebnisse glauben Natalie Hirth und Kollegen, dass Dopamin beim akuten Alkoholentzug verringert ist und dann stark ansteigt, wenn die Alkoholiker die Abstinenz länger durchhalten. „Diese Erkenntnisse könnten sowohl den initial verminderten Antrieb und die gesenkte Stimmungslage im frühen Entzug erklären, als auch die später häufig bei Suchtpatienten auftretenden Symptome von Rastlosigkeit und gestörter Impulskontrolle“ ergänzt Professor Kiefer, Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Mannheim (ZI).

Therapieansätze bei Alkoholabhängigkeit

Die Alkoholtherapie findet i.d.R. stationär statt. Für jeden Patienten wird ein individueller Therapieplan erstellt. Die Entgiftung setzt mit abruptem Alkoholentzug ein. Die anschließende Entwöhnungsbehandlung ist für den langfristigen Therapieerfolg (psychische Betreuung, Eingliederungsmaßnahmen) von großer Bedeutung.

Voraussetzung für jede Therapie ist, dass der Betroffene wirklich bereit ist, abstinent zu werden. Als erste Anlaufstelle kann beispielsweise der Hausarzt dienen, aber auch eine Beratungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe. Bei Abhängigkeit ist eine fachkundige Therapie jedoch unumgänglich. Ziel der Therapie ist es, lebenslang abstinent zu bleiben.

Moderne Verhaltenstherapien für Alkoholkranke setzen - teilweise mit medikamentöser Unterstützung - an der Unterbrechung solcher neurophysiologischen Mechanismen an. Im Kern geht es dabei um die physiologische “Löschung” des Sucht-”Programms” sowie das psychische Training eines erfüllten Lebens ohne Alkohol.

Medikamentöse Unterstützung

Tatsächlich wurden in den letzten Jahren mit Hilfe von Tierversuchen Acamprosat (Campral®) und Naltrexon (Nemexin®) entwickelt.

Prävention von Rückfällen

Viele Situationen können einen Rückfall provozieren: zum Beispiel plötzlicher Stress bei der Arbeit oder der Verlust eines Partners. Selbst nach Jahren der erfolgreichen Abstinenz können solche Situationen unkontrollierten, exzessiven Alkoholkonsum wiederaufleben lassen.

Genetische Faktoren

Zwillings- und Adoptionsstudien deuten darauf hin, dass das Risiko für Alkoholabhängigkeit bei nahen Verwandten von Alkoholabhängigen um das Drei- bis Vierfache erhöht ist. Genetische Faktoren erklären jedoch nur einen Teil des Risikos, ein großer Teil ist auf Umwelt- und zwischenmenschliche Faktoren zurückzuführen (z. B. kulturelle Einstellungen, Verfügbarkeit, Erwartungen bzgl. der Alkoholwirkung).

Die Forschung geht gegenwärtig davon aus, dass die Alkoholkrankheit zu 40 bis 60 % genetisch beeinflusst wird.

Alkohol und soziale Faktoren

Alkohol ist in vielen Kulturen eine gesellschaftlich anerkannte, einfach und billig zu beschaffende Rauschdroge, deren Konsum in manchen Situationen geradezu erwartet wird.

Kinder suchtkranker Eltern werden statistisch gesehen häufiger abhängig als andere Kinder. Das Aufwachsen mit einem Suchtkranken in der Familie stellt eine erhebliche psychische Belastung dar.

Systemische Ansätze

Systemische Ansätze postulieren, dass in vielen Suchtfamilien dysfunktionale familiäre Muster vorliegen. Im Allgemeinen wird von starren Außengrenzen bei diffusen Innengrenzen ausgegangen, welche zu einer Isolierung dieser Familien führen, andererseits dem Jugendlichen die Ablösung massiv erschweren.

Lerntheoretische Aspekte

Im Sinne der Lerntheorie wirken die schnell eintretenden positiven Wirkungen des Alkohols (z. B. Entspannung, Glücksgefühle) als unmittelbare Verstärker für das Suchtverhalten (operante Konditionierung). In einer neutralen Situation handelt es sich um positive Verstärkung (etwas Positives kommt hinzu). In einer unangenehmen (Stress-)Situation wirkt Alkohol als negativer Verstärker, d. h., ein unangenehmer Zustand (z. B. Angst, Anspannung, Ärger) wird beseitigt.

Co-Abhängigkeit

Co-Abhängigkeit= Verhaltensweisen, die Abhängigkeit langfristig aufrecht erhalten. Vermeintliche Hilfe für den Angehörigen, mit der negative Folgen der Abhängigkeit gemildert, Schmerzen möglichst erspart bleiben und das „Funktionieren“ im Alltag erhalten bleiben sollen. Langfristig führt das aber dazu, dass der Betroffene abhängiges Verhalten nicht ändern muss, da der Anstoß zur Veränderung ausbleibt (ohne negative Konsequenzen sieht er keinen Grund, etwas ändern zu müssen).

Epidemiologie

Der Alkoholverbrauch in Deutschland je Einwohner stagnierte in den vergangenen Jahren auf hohem Niveau bei ca. 10 l je Einwohner und Jahr. Die Lebenszeitprävalenz für Alkoholkonsum in Deutschland liegt bei ca. 95 %.

Die Diagnose der Alkoholabhängigkeit ist dabei bei den 18- bis 20-Jährigen mit 5,5 % und bei den 21- bis 24-Jährigen mit 6,1 % mehr als doppelt so häufig vertreten als in der Gruppe der 25- bis 50-Jährigen. Dabei nahm insbesondere der Trinkstil des „Komatrinkens“ („Binge Drinking“) bei Kindern und Jugendlichen zu. Im Jahr 2013 mussten rund 23.267 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholintoxikation ins Krankenhaus gebracht werden, eine Steigerung um fast das Dreifache im Vergleich zu 2000.

Aktuelle Analysen zu alkoholbezogenen Gesundheitsstörungen und Todesfällen gehen von jährlich ca. 47.000 Todesfällen und von täglich ca. 200 Todesfällen durch den Konsum von Alkohol aus.

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