Musik hat seit Jahrtausenden eine nachgewiesene heilende Wirkung und wird heute in der Musiktherapie unter anderem bei neurologischen Störungen eingesetzt. Insbesondere bei Morbus Parkinson kann die akustische Stimulation durch Musik positive Effekte erzielen. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Möglichkeiten der akustischen Stimulation, insbesondere durch Musik, zur Förderung des Lernens und zur Linderung von Symptomen bei Parkinson-Patienten.
Die Heilende Kraft der Musik: Ein Überblick
Die heilende Wirkung von Musik ist seit langem bekannt. Bereits vor 4.200 Jahren komponierte die sumerische Königstochter Encheduanna Beschwörungsgesänge zur Heilung von Kranken. Im antiken Rom setzte der Arzt Celsus Musik bei Depressionen ein, und im Mittelalter glaubte man, Musik könne die Körpersäfte regulieren. Auch heute noch setzen Experten auf die positiven Wirkungen von Musik und nutzen sie in modernen Therapien zur Behandlung neurologischer Erkrankungen wie Schlaganfall und Morbus Parkinson.
Musiktherapie bei neurologischen Störungen
Das Hören von Lieblingsmusik kann die Rehabilitation nach einem Schlaganfall fördern und bei visuellen Neglect-Patienten helfen, die vernachlässigte Seite des Gesichtsfeldes wieder stärker zu berücksichtigen. Musik legt Gedächtnisspuren an und weckt positive Emotionen, was die Aufmerksamkeit verbessern kann. Klavierspielen kann die verlorene Feinmotorik nach einem Schlaganfall wiederherstellen, und Singen kann die Sprachflüssigkeit bei Patienten mit Sprachstörungen verbessern.
Die Wirkung von Musik auf das Gehirn
Beim Hören von Klängen und Rhythmen passieren viele Dinge im Gehirn. Musikalische Erinnerungsspuren werden angelegt und Gedächtniszentren angeregt. Angenehme Klänge können die Aufmerksamkeit durch positive Gefühle fördern. Studien haben gezeigt, dass sich das Volumen der grauen Hirnsubstanz im präfrontalen und limbischen Areal, die für kognitive Fähigkeiten und Emotionen wichtig sind, vergrößert.
Akustische Stimulation bei Parkinson: Rhythmisch-Auditive Stimulation (RAS)
Rhythmische Musik wirkt besonders stimulierend auf Parkinson-Patienten. Die Rhythmen dienen vermutlich als externe Taktgeber (Cues) für die motorischen Regionen im Gehirn. Diese Therapieform wird als „Rhythmisch-Auditive Stimulation“ (RAS) bezeichnet.
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Wie RAS funktioniert
Bei der RAS nutzen Therapeuten rhythmische Musik, die oft individuell für den Patienten live gespielt wird. Die Patienten bewegen sich dabei zum Rhythmus, und allmählich wird das Schritttempo erhöht. Durch das Hören der rhythmischen Musik können die Patienten ihre Bewegungen besser synchronisieren und letztlich die Länge und Geschwindigkeit ihrer Schritte verbessern. Die rhythmischen Klänge wirken wie „Zeitgeber“, die nicht nur Hörregionen im Gehirn aktivieren, sondern auch wichtige motorische Areale, unter anderem in den Basalganglien.
Studien und Forschungsergebnisse
Die Neurowissenschaftlerin Jessica Grahn von der University of Western Ontario wies in einer Übersichtsarbeit von 2013 auf die Bedeutung des Rhythmus für Parkinson-Patienten hin. Der Musiktherapeut Joachim Nolden von der SRH Hochschule Heidelberg betont, dass Parkinson-Patienten sich im Rahmen der Musiktherapie, beispielsweise beim Tanzen mit ihrem Lebensgefährten, nicht mehr auf die problematischen Bewegungen fokussieren, sondern sich vielmehr auf die Musik und den Tanz konzentrieren.
Stefan Mainka, Gastprofessor für Musiktherapie, hat sich intensiv mit der Wirkung von Musik auf Bewegung beschäftigt. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen sensorbasiertes Musik-Feedback, therapeutisches Singen und die Rhythmisch-Auditive Stimulation (RAS) für Gangtraining. Er war maßgeblich an der Entwicklung der Beelitzer Musikgymnastik beteiligt, einem Heimtrainingsprogramm für Menschen mit Bewegungseinschränkungen.
Praktische Anwendung der RAS
Die Rhythmisch-akustische Stimulation wird in der Therapie von Parkinson-Patienten eingesetzt, um die Schrittlänge und die Gehgeschwindigkeit zu verbessern. Hierbei werden Kommandos, Taktgeber oder Marschmusik über Lautsprecher, MP3-Player oder Walkman verwendet. Auch die optische Gestaltung des Übungsraumes mit Streifen oder Stäben auf dem Fußboden kann den Trainingseffekt fördern.
Weitere Therapieansätze mit Musik
Neben der RAS gibt es weitere Therapieansätze mit Musik, die bei Parkinson-Patienten eingesetzt werden können.
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Aktive Musiktherapie
Bei der aktiven Musiktherapie werden die Patienten selbst aktiv. Sie singen gemeinsam mit dem Therapeuten oder lernen, ein Instrument zu spielen. Dies kann helfen, die Feinmotorik zu verbessern und die Sprachflüssigkeit zu fördern.
Tanztherapie
In der Tanztherapie lernen Parkinson-Patienten spielerisch durch Einübung rhythmusbetonter Schrittfolgen Stürze zu vermeiden. Aktuelle Studien legen nahe, dass lateinamerikanische Tänze wie die Rumba besonders geeignet sind. Der britische Neurowissenschaftler Peter Lovatt forscht seit vielen Jahren zu den körperlichen Effekten des Tanzens und betont die positiven Auswirkungen auf den Hippocampus.
Singen als Therapieform
Singen kann ebenfalls eine positive Wirkung auf Parkinson-Patienten haben. Es verbessert nicht nur die Sprachflüssigkeit, sondern auch die Atemmuskulatur und die Stimmung.
Medikamentöse Therapie und Begleittherapien
Die heutige Therapie des Parkinson-Syndroms basiert auf vier Säulen:
- Medikamentöse Kombinationsbehandlung: Diese hat in den letzten 40 Jahren große Erfolge erzielt und wird ständig weiterentwickelt.
- Operative Verfahren: Hierzu zählt die tiefe Hirnstimulation, bei der Elektroden in bestimmte Hirnregionen implantiert werden, um die Symptome zu lindern.
- Begleittherapie: Diese hat hauptsächlich das Ziel, dass die Patienten die verloren gegangenen oder eingeschränkten Fähigkeiten und automatischen Bewegungen wieder erlernen.
- Tiefe Hirnstimulation: Bewegung ist ein Zusammenspiel aus Signalen von Nervenzellen, die Bewegung befürworten und Bewegung hemmen. Die perfekte Balance zwischen diesen macht eine gesunde Bewegung aus. Bei der Parkinsonerkrankung verarmt der Botenstoff Dopamin, der Bewegungen anregt. Als Konsequenz überwiegt der Impuls, der Bewegungen verhindert. Hemmt man nun mittels einer Elektrode diese überaktive Bahn, so können wir die Balance wieder herstellen.
Krankengymnastik als Begleittherapie
Die Krankengymnastik spielt eine wichtige Rolle bei der Linderung der hypokinetischen Symptome. Sie versucht, die noch vorhandenen Bewegungsmuster optimal auszunutzen und die verloren gegangenen Bewegungen durch neuerlernte zu ersetzen. Die Bewegungen werden häufig mit Musik oder Rhythmus ausgeführt, einzeln mit dem Therapeuten oder in der Gruppe.
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Weitere Elemente der Begleittherapie
- Übungen zur Verbesserung der Körperhaltung: Unter optischer Kontrolle durchgeführte Übungen, z.B. auch an der Sprossenwand oder neben einer Wand, sind geeignet, um die Körperhaltung zu verbessern.
- Gangschulung: Ziel der Gangschulung ist die Erhaltung der selbstständigen Gehfähigkeit. Gehübungen in der Gruppe mit Musik in einem möglichst großen Gymnastikraum sind für Patienten mit leichten Gehstörungen gut geeignet.
- Sturzprophylaxe: Ein wichtiger Teil dieser Übungen ist das Erlernen von kompensatorischen Ausfallschritten. Die Sturzprophylaxe beinhaltet aber auch die Aufklärung der Patienten und der Angehörigen.
- Behandlung der Feinmotorik: Die Behandlung der feinmotorischen Tätigkeiten ist größtenteils Aufgabe der Ergotherapie, trotzdem wird sie ständiger Bestandteil der krankengymnastischen Übungen
- Übungen zur Verbesserung der Mimik: Zur Behandlung der Hypomimie werden Übungen vor dem Spiegel empfohlen, einzeln oder in der Gruppe. Es werden die einzelnen Muskeln bzw. Muskelgruppen des Gesichts trainiert.
- Atemtherapie: Zur Beeinflussung der parkinson-bedingten Atemstörungen werden atmungsvertiefende Übungen verwendet, in Verbindung mit verbesserter Körper- bzw. Atemwahrnehmung.
Neuroplastizität und Rehabilitation
Das Gehirn besitzt die Fähigkeit, sich bis ins hohe Alter fortwährend zu verändern und an neue Lebensumstände optimal anzupassen. Dieser Prozess wird als Neuroplastizität bezeichnet. Entscheidend sind hierbei die Komponenten Motivation, Übungsfrequenz, Ausdauertraining, Stimulation und Konsolidierung zur Förderung der Nachhaltigkeit.
Zentrum für klinische Neuroplastizität
Im Zentrum für klinische Neuroplastizität werden diese Erkenntnisse gezielt in der Rehabilitation neurologischer Erkrankungen eingesetzt. Rhythmusbetonte Bewegungen und Musik tragen zur Verbesserung der Bewegung und Verminderung von Stürzen bei Parkinson-Patienten bei.
Innovative Verfahren
Neben akustischen Reizen werden auch optische Reize zur Verbesserung des Gangbildes eingesetzt. Hierbei spielen innovative Verfahren, wie beispielsweise das der visuellen Projektion von Schritten auf einem Laufband im Rahmen der sogenannten „augmented reality“ eine wichtige Rolle.