ADHS: Eine Chronische Neurologische Erkrankung – Definition, Ursachen, Symptome und Behandlung

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), im Englischen als Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) bekannt, ist eine neuropsychologische Störung, die die exekutiven Funktionen beeinträchtigt. ADHS beeinträchtigt die Aufmerksamkeitsspanne und die Verhaltenssteuerung. Sie beginnt in der Kindheit und wird als neurologische Entwicklungsstörung eingestuft. Obwohl ADHS in Deutschland immer häufiger diagnostiziert wird, mangelt es immer noch an Bewusstsein für diese Störung.

Definition und Einordnung

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ist eine der häufigsten psychiatrischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Rund 3-5 % aller Kinder sind betroffen, und bei etwa 60 % besteht die Störung bis ins Erwachsenenalter fort. ADHS ist gekennzeichnet durch Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen. Die einzelnen Symptome können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und müssen nicht immer gleichzeitig auftreten.

Der Oberbegriff ADHS umschreibt auch die Ausprägung der Erkrankung, bei der weniger hyperaktive Verhaltensweisen beobachtet werden, sondern vorrangig Aufmerksamkeitsstörungen vorliegen (ADS). Der entscheidende Unterschied zwischen ADS und ADHS besteht darin, dass ADS-Betroffene kein hyperaktives Verhalten zeigen.

Abgrenzung von ADS

Die Abkürzung ADS steht für Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. ADS-Betroffene haben häufig Schwierigkeiten, ihren Alltag zu organisieren, arbeiten ineffizient oder sind unpünktlich, ohne dies zu wollen.

Subtypen von ADHS

Die beiden international verbreiteten Klassifikationsschemata, das ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation und das DSM-5 der American Psychiatric Association, unterscheiden sich kaum in der Definition der Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Allerdings unterscheiden sich beide Klassifikationssysteme in der Definition der Diagnose auf der Basis dieser Kernsymptome:

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ICD-10 fordert in seinen klinischen Kriterien für die Diagnose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung (F90.0) eine beeinträchtigte Aufmerksamkeit und Hyperaktivität. In den Forschungskriterien von ICD-10 werden für diese Diagnose gefordert, dass mindestens 6 von 9 Symptomen von Unaufmerksamkeit, mindestens 3 von 5 Symptomen von Hyperaktivität und mindestens 1 von 4 Symptomen von Impulsivität vorliegen. Eine Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität kann unter F98.8 sonstige nicht näher bezeichnete Verhaltens- und emotionale Störung mit Beginn in der Kindheit und Jugend gestellt werden.

Sind zusätzlich Kriterien für die Diagnose einer Störung des Sozialverhaltens (d.h. aggressives oder dissoziales Verhalten) erfüllt, wird die Diagnose einer hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens (F90.1) gestellt.

DSM-5 unterscheidet im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem DSM-IV nicht mehr drei verschiedene Subtypen, sondern drei Erscheinungsformen der ADHS:

  • den kombinierten Typus (314.01; F90.0), bei dem sowohl Symptome von Unaufmerksamkeit (mindestens 6 von 9) als auch von Impulsivität / Hyperaktivität (mindestens 6 von 9) vorliegen müssen;
  • den vorwiegend unaufmerksamen Typus (314.00; F98.8) bei dem Symptome von Unaufmerksamkeit (mindestens 6 von 9) vorliegen müssen, aber die Kriterien für Impulsivität / Hyperaktivität nicht voll erfüllt sind (weniger als 6 von 9);
  • den vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Typus (314.00; F98.8) bei dem Symptome von Impulsivität / Hyperaktivität (mindestens 6 von 9) vorliegen müssen, aber die Kriterien für Unaufmerksamkeit nicht voll erfüllt sind (weniger als 6 von 9);

Außerdem kann nach DSM-5 bei Personen, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt Symptome zeigen, aber nicht mehr alle Kriterien erfüllen die Spezifikation teilremittiert hinzugefügt werden, was bei Jugendlichen und Erwachsenen besonders hilfreich ist.

Komorbiditäten

Eine isolierte ADHS ist die Ausnahme. Bis zu 80% der Kinder mit der Diagnose einer ADHS haben komorbide Störungen, also zusätzliche Diagnosen.

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Häufige Komorbiditäten sind:

  • Oppositionelle Verhaltensstörungen
  • Dissoziale Störungen/ Störungen des Sozialverhaltens
  • Angststörungen
  • Depressive Störungen
  • Tic-Störungen
  • Störungen der motorischen Koordinationsfähigkeit
  • Sprachstörungen
  • Lese- / Rechtschreibstörungen
  • Rechenstörungen

Epidemiologie

ADHS ist bei Kindern die häufigste psychiatrische Störung, und auch bei Erwachsenen werden die Prävalenzen in Deutschland auf bis zu 4% geschätzt. Die Prävalenz von ADHS diagnostiziert nach den strengen Kriterien von ICD-10 liegt bei Kindern im Schulalter im Bereich von 1-3%, nach den weit gefassteren Kriterien von DSM-5 liegt die Prävalenzrate bei etwa 3-7%. Damit wären etwa 300.000 bis 700.000 der Kinder und Jugendlichen in Deutschland von ADHS betroffen. Jungen sind dabei gegenüber Mädchen insgesamt zwei- bis viermal häufiger betroffen. Mädchen mit ADHS weisen eher eine geringer ausgeprägte Kernsymptomatik der ADHS auf (vor allem geringere Hyperaktivität / Impulsivität), haben aber häufiger intellektuelle Beeinträchtigungen und emotionale Auffälligkeiten (z. B. depressive Verstimmung). ADHS wird bei Mädchen häufiger übersehen. Bei einer Persistenz von bis zu 33% in das Erwachsenenalter ist davon auszugehen, dass 2-3% der Erwachsenen die Kriterien einer ADHS erfüllen. Dabei scheint die Störung bei männlichen Patienten häufiger als bei weiblichen Patienten mit Verhaltens- oder Persönlichkeitsstörungen sowie Abhängigkeitserkrankungen assoziiert zu sein.

Ursachen von ADHS

Die Ursachen der ADHS sind noch nicht vollständig geklärt. ADHS ist eine komplexe neurologische Störung, die durch genetische und Umweltfaktoren beeinflusst wird. Wissenschaftler*innen gehen davon aus, dass sowohl Erbanlagen und Störungen während der Entwicklung im Mutterleib als auch Umweltfaktoren an der Entstehung einer ADHS beteiligt sein können.

Genetische Faktoren

Bei ADHS ist eine ausgeprägte familiäre Häufung zu beobachten. Hat ein Mitglied der Kernfamilie eine ADHS, so ist das Risiko für die anderen Mitglieder immerhin bis zu fünffach erhöht. Ist ein Elternteil von ADHS betroffen, beträgt das Erkrankungsrisiko der Kinder 50 Prozent. Viele Eltern kommen der Erklärung für ihre eigenen Probleme erst auf die Spur, wenn ihr Kind in der Schule auffällt. Zwillingsstudien zeigen, dass gut 80% der eineiigen und knapp 30% der zweieiigen Zwillinge die gleiche Symptomatik aufweisen. Auch anhand von molekulargenetischen Studien konnten einzelne Regionen im menschlichen Erbgut identifiziert werden, die bei Menschen mit ADHS typische Veränderungen aufweisen. Vor allem bei den Erbinformationen, die für die Bildung und Übertragung des Botenstoffes Dopamin verantwortlich sind, konnten entsprechende Veränderungen festgestellt werden. Allerdings können die bislang identifizierten Veränderungen die Entwicklung einer ADHS nur zu einem sehr geringen Teil erklären. Das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Genen und das Zusammenspiel von erblichen und Umweltfaktoren sind für die Entwicklung von ADHS vermutlich besonders wichtig und es liegen nur wenige Untersuchungsergebnisse vor. Nach gegenwärtigem Forschungsstand wird davon ausgegangen, dass viele einzelne genetische Veränderungen zusammenwirken.

Neurobiologische Faktoren

Bei ADHS lässt sich zudem eine negative Beeinflussung neuronaler Systeme, vor allem bestimmter Botenstoffe, feststellen. Bei ADHS ist das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn verändert. Die Gehirnnerven regulieren sich normalerweise gegenseitig, indem sie sich mittels verschiedener Botenstoffe (Neurotransmitter, wie z. B. Dopamin und Noradrenalin) verständigen. Bei einer ADHS ist das Botenstoffsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Die gestörte Selbstregulation im Gehirn führt zu Aufmerksamkeits- und Konzentrationsproblemen, Impulsivität sowie Problemen dabei, vorhandenes Wissen abzurufen und vorausschauend zu handeln. Aufgrund der Stoffwechsel- und Funktionsstörungen im Gehirn sind die Betroffenen nur eingeschränkt in der Lage, ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzentrieren, sie leiden an einer gestörten Selbstregulation. Ergebnisse neuroanatomischer Studien sprechen dafür, dass bei ADHS Funktionsstörungen bestimmter neuronaler Regelkreise vorliegen, deren wesentliche Bestandteile das Striatum (ein Teil der Basalganglien) und das Frontalhirn sind. Aber auch im Kleinhirn und anderen Hirnarealen von Kindern mit ADHS wurden Abweichungen gefunden. Die betreffenden Regelkreise sind wesentlich daran beteiligt, das Zusammenwirken von Motivation, Emotion, Kognition und Bewegungsverhalten neuronal zu realisieren bzw. zu steuern. Dysfunktionen (Funktionsstörungen) dieser Regelkreise gehen mit einem Über- oder Unterangebot von Botenstoffen (Neurotransmittern) in bestimmten Gehirnregionen einher.

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Umweltfaktoren

Zu den äußeren Risikofaktoren gehören Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen, ein geringes Geburtsgewicht, Infektionen und Toxine, wie Alkohol- oder Nikotinmissbrauch, und Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Der Konsum von Nikotin, Alkohol oder andere Drogen während der Schwangerschaft sowie ein Sauerstoffmangel bei der Geburt erhöhen vermutlich das Risiko des Kindes, später an ADHS zu erkranken. Auch zentralnervöse Infektionen während der Schwangerschaft, Schädelhirntraumen oder Verletzungen sowie Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt werden mit späteren hyperkinetischen Auffälligkeiten in Verbindung gebracht. Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen mit ADHS weisen derartige Belastungen jedoch nicht auf. Die Entwicklung und der Verlauf von ADHS kann durch familiäre und schulische Einflüsse beeinflusst werden. Familiäre Bedingungen, Bedingungen im Kindergarten und in der Schule sind zwar nicht die ausschließliche Ursache der Störung, sie können aber in einem erheblichen Maße die Stärke der Probleme und ihren weiteren Verlauf mitbestimmen. Weisen Eltern Betroffener selbst psychische Probleme auf (z.B. ADHS-Probleme) oder gibt es in der Familie viele Streitereien oder starke finanzielle Belastungen, können dadurch die ADHS-Symptome des Kindes oder Jugendlichen verstärkt werden.

Symptome von ADHS

Die Kernsymptome einer ADHS sind Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität. Die Symptomatik im Erwachsenenalter verändert sich allerdings in ihrer Art und Ausprägung: So kann der motorische Bewegungsdrang bei Kindern einer ständig vorhandenen inneren Unruhe bei Erwachsenen weichen. Verminderte Aufmerksamkeit mit Desorganisation, „Aufschieberitis“ oder Stimmungsschwankungen hingegen können eine stärkere Relevanz bekommen. Nicht alle drei ADHS-Symptome treten bei jedem Betroffenen in gleich starkerAusprägung auf.

Unaufmerksamkeit

Menschen mit ADHS sind leicht ablenkbar, haben eine sehr interessensgeleitete Aufmerksamkeitsspanne, bringen einmal begonnene Tätigkeiten oft nicht zu Ende und sind häufig desorganisiert. Aufgaben, bei denen man sich längere Zeit konzentrieren muss, werden schlecht bewältigt, vor allem dann, wenn es uninteressant erscheint und wenig Neugierde weckt. Es kommt schnell zu Langeweile, Abbruch und Müdigkeit. Da Sinneseindrücke nicht gut gefiltert und geordnet werden können, lassen sich Betroffene schnell ablenken. Jede Einzelheit erscheint gleich wichtig, man verliert sich in Details. Generell neigen Betroffene dazu, sich zu verzetteln, Dinge aufzuschieben oder nicht zu Ende zu bringen. Sie arbeiten ineffizient und langsam. Termine und Vereinbarungen werden vergessen oder Dinge verloren bzw. verlegt. Das führt zu Frust und Ärger.

Hyperaktivität

Die Betroffenen sind unruhig, zappelig, ruhelos, innerlich angespannt und fühlen sich getrieben. Ständiges Reden, Sitzunruhe, Nesteleien fallen auf. Oft versuchen sie, ihre Hyperaktivität durch (exzessiven) Sport auszugleichen. Bei Erwachsenen ist die motorische Unruhe häufig nicht mehr so ausgeprägt wie bei Kindern, sie richtet sich dann mehr nach innen und wird als Anspannung, Getriebenheit und Gedankenrasen empfunden. Das Bedürfnis nach wechselnden Tätigkeiten mit viel Bewegungsfreiheit ist groß.

Impulsivität

Impulsive Menschen neigen zu unüberlegten Handlungen und Entscheidungen, ohne dabei an die längerfristigen Konsequenzen zu denken. Dadurch schaden sie oft sich und anderen. Sie streben nach sofortiger Belohnung bzw. Bedürfnisbefriedigung. Menschen mit einer ADHS sind in vielen Alltagssituationen ungeduldig und schnell gereizt. Sie haben oft einen ungebremsten Redefluss und unterbrechen ihr Gegenüber häufig. Plötzliche Stimmungsschwankungen mit Wutausbrüchen über Kleinigkeiten wechseln sich mit schwer nachvollziehbarer Begeisterung und Euphorie ab. Betroffene schaffen zu vielen Dingen nicht die notwendige Distanz.

Symptome bei Erwachsenen

Im Erwachsenenalter nimmt der Bewegungsdrang (die Hyperaktivität) bei ADHS meistens ab. Erwachsene können folgende ADHS-Symptome zeigen:

  • Gefühl der inneren Unruhe
  • Nicht entspannen können
  • Impulsivität (erst handeln, dann überlegen)
  • Wenig Geduld
  • Geringe Frustrationstoleranz (schnell aufgeben, wenn etwas nicht gleich funktioniert)
  • Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme
  • Schwierigkeiten den Alltag zu strukturieren
  • Planloses Handeln, chaotischer Arbeitsstil
  • Vergesslichkeit

Symptome bei Frauen

Mädchen mit ADHS zeigen häufig keine auffällige Hyperaktivität. Ihre Probleme werden oft nicht als Zeichen einer Erkrankung wahrgenommen. Gar nicht selten erfahren Frauen erst, wenn sie erwachsen sind, dass sie an ADHS erkrankt sind. Erwachsene Frauen mit ADHS zeigen u. a. folgende ADHS-Symptome:

  • Unaufmerksamkeit
  • Unkonzentriertheit
  • Leichte Ablenkbarkeit
  • Sprunghaftes Denken
  • Zerstreutheit, Vergesslichkeit
  • Häufige „Blackouts“ in Stresssituationen
  • Gefühl der Überforderung
  • Unorganisiertheit
  • Mangel an Motivation
  • Schnelles Aufgeben
  • Verstärkung der Symptome bei hormonellen Veränderungen, wie z. B. im Menstruationszyklus einer Schwangerschaft

Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen

Im Verhältnis zu dem, was sie aufgrund ihres intellektuellen Leistungsvermögens umsetzen könnten, bleiben sie meist hinter ihren Möglichkeiten zurück. Auch Partnerschaften zerbrechen öfter. Es kommt zu häufigen Umzügen, bei denen alle Brücken abgebrochen werden. Missbrauch von Alkohol, Drogen oder Nikotin, Straffälligkeit oder Schulden sind ebenfalls typisch für ADHS. Grundlegende Glaubenssätze sind „Ich bin irgendwie anders als die anderen“ oder „Ich bekomme nichts hin, mein Leben ist ein Desaster“. Verbunden mit der Rat- und Hilflosigkeit sind dann oft auch schwere Selbstwertstörungen. Psychische Belastungen wie Schlafstörungen, Essstörungen, Burnout-Syndrom, Zwänge, aber auch Persönlichkeitsstörungen entwickeln sich.

Eine geringe Konzentrationsfähigkeit, Vergesslichkeit und ein chaotischer Arbeitsstil können im Berufsalltag zu vielfältigen Problemen führen. Erwachsene mit ADHS wechseln öfter den Arbeitsplatz als Menschen ohne Aufmerksamkeitsstörung. Die Probleme am Arbeitsplatz können Selbstwertprobleme und depressive Verstimmungen zur Folge haben. ADHS-Betroffene werden infolge ihrer Vergesslichkeit von ihrem persönlichen Umfeld häufig als nicht zuverlässig wahrgenommen. Plötzliche Wutausbrüche, Sprunghaftigkeit, extreme Ungeduld, Nicht-Zuhören-Können, sozial unpassendes Verhalten und riskantes Fahrverhalten belasten die privaten Beziehungen enorm. Auf Dauer können diese Verhaltensweisen Partnerinnen, Angehörige und Freundinnen enttäuschen, verletzen und fundamentale Zweifel an der Beziehung zu demr ADHS-Betroffenen auslösen. ADHS-Betroffene haben ein erhöhtes Risiko für psychische Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen. Besonders hoch ist dieses Risiko, wenn die ADHS nicht erkannt und behandelt wird. Patientinnen mit ADHS sind etwa dreimal so häufig nikotinabhängig wie Menschen ohne die Erkrankung. ADHS ist auch mit einem höheren Risiko für andere Suchterkrankungen wie z. B. Alkoholsucht verbunden.

Diagnose von ADHS

Ob wirklich eine krankhafte Störung vorliegt, können nur in der Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten erfahrene Ärztinnen/Ärzte oder Psychotherapeutinnen/Psychotherapeuten nach einer differenzierten Untersuchung feststellen. Die Diagnostik der ADHS bei Erwachsenen ist recht umfangreich und zeitaufwendig.

Anamnese und Exploration

Entscheidend ist, dass die zentralen Symptome schon vor dem 12. Lebensjahr bestanden haben und Schwierigkeiten bereits in der Grundschulzeit aufgetreten sind. Ein ausführliches Gespräch mit Ihnen gibt dem erfahrenen Facharzt oder Psychotherapeuten dabei gute Hinweise zu Ihrer Erkrankung. Bei der Erstuntersuchung bespricht der Spezialist bzw. die Spezialistin mit Ihnen:

  • Ihr aktuelles Befinden
  • Ihre Krankengeschichte
  • Ihre Erfahrungen in der Kindheit
  • Ihre Schullaufbahn
  • Ihre aktuellen Symptome
  • Verhaltensbeispiele und Alltagsprobleme

Fragebögen und Tests

Nun wird geschaut, ob Ihre Symptome die Kriterien des weltweit anerkannten Klassifikationssystems ICD-10 erfüllen. Ergänzende Diagnostik mit dem ADHS-Selbstbeurteilungsbogen (ADHS-SB) hilft, die aktuelle Ausprägung sowie den Grad Ihrer Belastung durch die ADHS zu erfassen. Zu diesem Zweck kann auch das strukturierte, klinische Wender-Reimherr-Interview (WRI) verwendet werden. Hier finden sich unter anderem Fragen bezüglich Organisation, emotionaler Stabilität, Erregbarkeit und Stresstoleranz. Die Conners-Skalen für Erwachsene (CAARS) können die Beeinträchtigungen durch Ablenkbarkeit, Impulsivität und motorische Unruhe einschätzen und führen zu einem ADHS-Gesamtindex, der das Ausmaß der Symptomatik abbildet.

Differentialdiagnostik

Bevor die Diagnose „ADHS im Erwachsenenalter“ bei Ihnen gestellt wird, müssen andere psychische oder körperliche Krankheiten ausgeschlossen werden. Dazu werden je nach Krankheitsbild körperliche, neurologische und Laboruntersuchungen durchgeführt.

Behandlung von ADHS

Eine ADHS kann nicht „geheilt“ werden. Ziel der Therapie bei ADHS bei Erwachsenen ist, dass die Betroffenen durch ein bewusstes Selbstmanagement den Alltag leichter bewältigen können. Die Behandlung ist dabei an das individuelle Krankheitsbild des Betroffenen angepasst. Moderne ADHS-Therapien verfolgen einen multimodalen Ansatz, d. h. es werden psychologische, sozialtherapeutische und pharmakologische Behandlungen kombiniert, abhängig vom Schweregrad der ADHS und den genauen Symptomen des Patienten. Eine ADHS oder eine ADS bei Erwachsenen wird multimodal behandelt. Darunter versteht man eine Therapie aus verschiedenen Behandlungen, die je nach Krankheitsbild, den Problemen und den Bedürfnissen desr Patientin ausgewählt werden. Individuell kombiniert werden nach Aufklärung und Beratung aller Betroffenen eine Psychotherapie, z. B.

Zu den Therapiebausteinen gehören:

  • Aufklärung über die ADHS und ihre Folgen (Psychoedukation)
  • Verhaltenstherapie
  • Praktisches Coaching zur Bewältigung des Alltags
  • Psychotherapie
  • Psychosoziale Begleitung
  • Medikamente
  • Ergänzende Übungen (z. B. Entspannung, Konzentration)

Als Orientierungshilfe für die Behandlung betroffener Kinder, Jugendlicher und Erwachsene steht seit 2017 eine von medizinische Fachgesellschaften entwickelte Leitlinie der höchsten Entwicklungsstufe zur Verfügung, die S3-Leitlinie "ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“.

Medikamentöse Behandlung

Einer der häufigsten Wirkstoffe zur Behandlung von ADHS ist Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen „Ritalin“. Methylphenidat verbessert die Informationsübertragung zwischen den Nervenzellen im Gehirn und bewirkt so, dass sich die Patient*innen besser konzentrieren können und ruhiger werden. Mittlerweile gibt es noch weitere Medikamente um eine ADHS zu behandeln. Ob und welche Medikamente bei ADHS eingesetzt werden, hängt davon ab, wie schwer die Erkrankung ist und welche Beeinträchtigungen sie verursacht. Ob ein ADHS-Medikament gut wirkt oder Nebenwirkungen hervorruft, ist individuell unterschiedlich und kann nicht vorhergesehen werden. Wenn sich während der Therapie zeigt, dass sich das verwendete Medikament nicht gut eignet, wird auf ein anderes gewechselt.

Gemäß den aktuellen Leitlinien ist die Stimulanzien-Therapie mit retardiertem Methylphenidat (MPH) auch im Erwachsenenalter die Therapie der ersten Wahl. Mit einer schrittweisen Dosis-Anpassung lassen sich Nebenwirkungen, wie gastrointestinale Beschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel und Blutdruckanstieg reduzieren. Interessanterweise benötigen Erwachsene viel geringere Dosierungen des MPH als Kinder. Dies hängt mit der Dopamin-Transporterdichte im Gehirn zusammen.

Nicht-medikamentöse Behandlung

Die MEDICLIN Deister Weser Kliniken sind im Fachbereich Psychosomatik und Verhaltensmedizin seit 2004 spezialisiert auf ADHS im Erwachsenenalter. Die erfahrenen Ärztinnen und Therapeutinnen der MEDICLIN Deister Weser Kliniken behandeln ADHS bei Erwachsenen nach modernen, verhaltenstherapeutischen Konzepten. Die Vergangenheitsbewältigung wird auf das Nötige begrenzt. Der Schwerpunkt der Therapie liegt auf der beruflichen Rehabilitation. Ein praktisches Coaching hilft Betroffenen bei der Arbeitsorganisation und Tagesstruktur, Ruhepausen einzuhalten, dabei, eine reizarme Umgebung aktiv herzustellen, Aufgaben zu priorisieren.

Tipps für ein besseres Leben mit ADHS

  • Informieren Sie sich über Ihre Erkrankung.
  • Sprechen Sie mit Menschen aus Ihrem persönlichen Umfeld über die ADHS.
  • Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst.
  • Versuchen Sie ausreichend zu schlafen.
  • Nehmen Sie bei Situationen, die Sie überfordern, bewusst eine kurze Auszeit.
  • Sport kann bei der Bewältigung von Stress und innerer helfen.
  • Möglicherweise helfen Ihnen auch Entspannungsübungen oder andere Übungen.
  • Werden Sie sich darüber klar, welche ADHS-Symptome Ihnen konkret Probleme machen und suchen Sie nach konkreten Lösungen für diese Probleme.
  • Wenn Sie langfristige Ziele haben, gehen Sie diese schrittweise an und setzen Sie sich realistische Zwischenziele.
  • Überlegen Sie sich jeden Abend, was gut funktioniert hat, und loben Sie sich selbst dafür.
  • Suchen Sie bei Problemen, für die Ihnen keine Lösung einfällt, frühzeitig Hilfe.

Leben mit ADHS

Eine ADHS im Erwachsenenalter verschwindet nicht einfach. Doch als Betroffene*r können Sie lernen mit Ihrer ADHS umzugehen. Dabei können Ihnen vor allem andere Betroffene helfen. Wahrscheinlich gibt es auch in Ihrer Nähe eine Selbsthilfegruppe.

Perspektiven und Chancen

Tatsächlich hat ADHS für Betroffene und deren Mitmenschen auch Vorteile. Die viele Energie führt dazu, dass sie andere leicht mitreißen und von Dingen begeistern können. Außerdem werden sie als schlagfertiger, lustiger und interessierter wahrgenommen. Weitere Eigenschaften von Menschen mit ADHS sind ihre ausgeprägte Empathie und ihr Gerechtigkeitssinn. Sie sind sehr belastbar und funktionieren auch unter Druck, wenn sie Träger/-innen von großer Verantwortung sind.

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