ADHS-Diagnostik beim Neurologen: Ein umfassender Überblick

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine häufige psychische Erkrankung, die nicht nur Kinder und Jugendliche betrifft, sondern auch im Erwachsenenalter fortbestehen kann. Die Diagnostik von ADHS bei Erwachsenen ist ein komplexer Prozess, der eine sorgfältige Abklärung durch erfahrene Spezialisten erfordert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die ADHS-Diagnostik beim Neurologen, einschließlich der verschiedenen Untersuchungsmethoden, differentialdiagnostischer Überlegungen und Behandlungsmöglichkeiten.

ADHS im Erwachsenenalter: Eine wachsende Aufmerksamkeit

ADHS ist durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet. Während sich die Symptome bei einigen Betroffenen im Laufe der Zeit abschwächen, leiden bis zu 70 % der erkrankten Kinder auch im Erwachsenenalter unter ADHS-Symptomen und/oder Funktionseinschränkungen. Bei Erwachsenen äußert sich ADHS oft anders als bei Kindern. Hyperaktivität kann sich in innerer Ruhelosigkeit und Getriebensein äußern, während Impulsivität etwas nachlässt. Zusätzliche psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörungen und Suchterkrankungen können die Symptome verschleiern und die Diagnose erschweren.

Es ist wichtig, ADHS im Erwachsenenalter zu erkennen und zu behandeln, da es erhebliche Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche haben kann. ADHS-Betroffene haben häufig Schwierigkeiten in der schulischen Ausbildung, im Berufsleben und in Beziehungen. Sie haben auch ein erhöhtes Risiko für Drogenmissbrauch, Alkoholismus, Persönlichkeitsstörungen, affektive Störungen und Angststörungen.

Die Rolle des Neurologen in der ADHS-Diagnostik

Neurologen spielen eine wichtige Rolle bei der Diagnostik von ADHS, insbesondere bei Erwachsenen. Sie können neurologische Erkrankungen ausschließen, die ähnliche Symptome wie ADHS verursachen können. Darüber hinaus können sie bei der Beurteilung von Begleiterkrankungen wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Migräne helfen, die häufig bei ADHS-Patienten auftreten.

Einige neurologische Zentren, wie das Neuropsychiatrische Zentrum Hamburg, bieten spezialisierte ADHS-Sprechstunden für Erwachsene an. Diese Zentren verfügen über erfahrene Fachärzte und Therapeuten, die eine umfassende Diagnostik und Behandlung von ADHS anbieten.

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Der diagnostische Prozess: Ein многоschrittiger Ansatz

Die ADHS-Diagnostik ist ein многоschrittiger Prozess, der in der Regel mehrere Sitzungen umfasst. Ziel ist es, die Symptome des Patienten umfassend zu erfassen, andere mögliche Ursachen auszuschließen und eine fundierte Diagnose zu stellen.

1. Anamnese und Exploration

Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten (Exploration). Der Arzt erfragt die aktuellen Probleme und erörtert, ob in der Vergangenheit die Kriterien von ADHS im Kindes- und Jugendalter erfüllt waren. Dabei werden auch die Lebensumstände, die familiäre Situation, die schulische und berufliche Entwicklung sowie mögliche Begleiterkrankungen berücksichtigt.

Da ADHS oft Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche hat, ist es sinnvoll, mit dem Einverständnis des Patienten auch Gespräche mit Freunden, Partnern oder Kollegen zu führen. Diese können wertvolle Informationen über das Verhalten des Patienten in verschiedenen Situationen liefern.

2. Fragebögen und Selbstbeurteilungen

Neben dem Gespräch werden standardisierte Fragebögen eingesetzt, um die Symptome des Patienten genauer zu erfassen. Diese Fragebögen gibt es in Form einer Selbstauskunft für den Patienten selbst oder auch als Fremdauskunft für Bezugspersonen, Partner und Freunde.

Es gibt eine Vielzahl von Fragebögen, die speziell für die ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter entwickelt wurden. Einige Beispiele sind:

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  • ADHS Diagnostische Checkliste (ADHS-DC)
  • ADHS Interview (IDA)
  • Conners Skalen zu Aufmerksamkeit und Verhalten für Erwachsene (CAARS)
  • Wender-Reimherr Interview (WIR)
  • Wender-Utah Rating Scale - deutsche Kurzform (WURS-k)

Die Auswahl der geeigneten Fragebögen hängt von den individuellen Bedürfnissen des Patienten und den Zielen der Untersuchung ab.

3. Verhaltensbeobachtung

Die Verhaltensbeobachtung ist bei Erwachsenen mit ADHS oft weniger aufschlussreich als bei Kindern oder Jugendlichen. Da das hypermotorische Verhalten bei vielen Betroffenen in der Jugend zurückgeht und eher einer inneren Unruhe weicht, weisen nur noch wenige der erwachsenen Betroffenen körperliche Unruhezeichen auf.

Dennoch können bestimmte Verhaltensweisen auf eine ADHS hindeuten, wie z.B.:

  • Trommeln mit den Fingern
  • Spielen mit Stiften oder Schlüsseln
  • An sich herum nesteln
  • Wippen im Sitzen mit den Füssen rhythmisch vor und zurück

4. Testpsychologische Untersuchung

Testpsychologische Untersuchungen können gegebenenfalls zur Sicherstellung der Diagnose ADHS beitragen. Es gibt jedoch keinen einzelnen ADHS-Test, der die Diagnose sicherstellen kann.

Bei Problemen in der Ausbildung und im Studium kann eine Intelligenztestung sinnvoll sein. Bei Problemen beim Rechnen oder Schreiben kann es sinnvoll sein zu überprüfen, ob eine Teilleistungsschwäche, wie eine Lese-Rechtschreib-Störung, vorliegt.

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5. Körperliche und technische Untersuchungen

Um die Diagnose ADHS stellen zu können, müssen bestimmte körperliche Erkrankungen zunächst als Erklärungsmöglichkeit für die Probleme der betroffenen Person ausgeschlossen werden. Zum Beispiel können Schilddrüsenerkrankungen, Anfallsleiden oder ein Schädel-Hirntrauma ähnliche Symptome wie ADHS auslösen. Außerdem muss überprüft werden, ob die Symptome durch die Einnahme eines Medikaments oder durch den Missbrauch von Substanzen ausgelöst wurden.

Daher sind körperliche Untersuchungen des internistischen und neurologischen Status und Blutentnahmen zur Bestimmung von Laborparametern in der Regel unverzichtbar. In Leitlinien empfehlen Fachleute als Zusatzdiagnostik eine Untersuchung der Schilddrüse und ein EEG, denn erst wenn internistische und neurologische Erkrankungen ausgeschlossen werden können, ist die Diagnose ADHS erlaubt.

Für eine mögliche medikamentöse Behandlung bei ADHS sind manchmal weitere körperliche Untersuchungen notwendig.

6. Differentialdiagnostische Überlegungen

Im Rahmen der differentialdiagnostischen Untersuchung ist es wichtig, begleitende Probleme wie Störungen im Sozialverhalten, Lernschwierigkeiten, depressive Verstimmungen, Angst o. Ä. zu erkennen, um sie gegebenenfalls gesondert behandeln zu können. Alle diese Störungen können nicht nur mögliche Begleiterscheinungen der ADHS (Komorbidität) sein, sondern auch das verursachende Krankheitsbild, das die Verhaltensauffälligkeiten hervorruft.

Diese Erkrankungen müssen vor der Diagnosestellung als Ursache der Symptomatik ausgeschlossen werden, denn unter Umständen können Intelligenzminderung (oder in selten Fällen auch Hochbegabung), Schädel-Hirn-Traumen, Epilepsie, Schilddrüsenstörungen und andere psychische Erkrankungen (z.B. kindliche depressive Verstimmungen, Ängste, Zwangserkrankungen, tiefgreifende Entwicklungsstörungen (wie z. B. Asperger Syndrom), Psychosen bei Jugendlichen (Schizophrenie), posttraumatische Belastungsstörungen) zu ähnlichen Anzeichen wie bei einer ADHS führen. Auch bestimmte Medikamente können ADHS-ähnliche Symptome verursachen.

Behandlungsmöglichkeiten bei ADHS

Nachdem die Diagnose ADHS gestellt wurde, kann ein individueller Behandlungsplan erstellt werden. Die Behandlung von ADHS ist multimodal und umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösenAnsätzen.

Medikamentöse Behandlung

Medikamente können die ADHS-Hauptsymptome wirksam reduzieren. Es werden vor allem Präparate mit dem Wirkstoff Methylphenidat (z. B. Medikinet adult oder Ritalin adult), Lisdexamphetamin (Elvanse) oder Atomoxetin eingesetzt. Diese Medikamente wirken, indem sie die Konzentration der Nervenbotenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn erhöhen. Sie sorgen zum Beispiel dafür, dass das Gehirn Reize von außen besser filtern kann, sodass die Aufmerksamkeit und Konzentration verbessert werden.

Eine allgemeine hausärztliche Untersuchung sollte der Medikamenteneinnahme vorangehen. Nebenwirkungen, wie Unruhe, erhöhter Blutdruck, schneller Puls, Appetitlosigkeit oder Schlafstörungen, sind bekannt, können aber oft durch Dosisoptimierung oder Präparatewechsel behoben werden.

Nicht-medikamentöse Behandlung

Eine Psychotherapie in Form von Verhaltenstherapie kann helfen, das oft brüchige Selbstwertgefühl und die Selbststeuerung verbessern. Auch Änderung der Ernährungsgewohnheiten (Zuckerreduktion, Meiden von Fastfood) und regelmäßige sportliche Betätigung sind ein wichtiger Bestandteil der Therapie.

Ergänzend können auch Coaching-Angebote bei der Alltagsorganisation hilfreich sein. Psychoedukationsgruppen können den Patienten helfen, die Erkrankung besser zu verstehen und Strategien zum Umgang mit den Symptomen zu entwickeln.

ADHS-Spezialsprechstunden und offene Sprechstunden

Einige neurologische Zentren bieten spezielle ADHS-Sprechstunden für Erwachsene an. Diese Sprechstunden sind auf die Bedürfnisse von ADHS-Patienten zugeschnitten und bieten eine umfassende Diagnostik und Behandlung.

Darüber hinaus bieten einige Zentren auch offene Sprechstunden an, in denen sich Patienten ohne vorherige Terminvereinbarung vorstellen können. Dies kann eine gute Option für Patienten sein, die schnell einen Arzttermin benötigen. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass in der offenen Sprechstunde mit längeren Wartezeiten zu rechnen ist.

Wichtige Hinweise für Patienten

  • Längere Wartezeiten: Bitte rechnen Sie mit längeren Wartezeiten für Termine in ADHS-Spezialsprechstunden.
  • Terminverschiebungen: Es kann vorkommen, dass Termine verschoben werden müssen.
  • Unterlagen: Bringen Sie alle relevanten Unterlagen zum ersten Termin mit, wie z.B. Grundschulzeugnisse, tabellarischer Lebenslauf, EKG, Entlassungsberichte aus psychiatrischen Vorbehandlungen und Arztbriefe mit der ADHS-Diagnose.
  • Fremdanamnese: Zum ersten Arzttermin ist eine Fremdanamnese (diagnostisches Arztgespräch) mit einem Elternteil, falls möglich, erwünscht.
  • Medikamente: Wenn Sie bereits ADHS-Medikamente einnehmen, bringen Sie bitte Ihren aktuellen Medikamentenplan mit.

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