Affiris Alzheimer-Impfstoff: Eine Wirksamkeitsanalyse und der Stand der Forschung

Die Suche nach einem wirksamen Impfstoff gegen Alzheimer ist ein Wettlauf gegen die Zeit, da die Zahl der Betroffenen weltweit stetig steigt. Vor diesem Hintergrund erregte die Ankündigung der Wiener Affiris AG vor über einem Jahrzehnt große Aufmerksamkeit, bald einen marktreifen Impfstoff gegen Alzheimer zu haben. Doch was ist aus diesen vielversprechenden Anfängen geworden? Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung des Affiris Alzheimer-Impfstoffs, seine Wirksamkeit und den aktuellen Stand der Forschung auf diesem Gebiet.

Die anfängliche Euphorie und die Ernüchterung

Im Jahr 2008 verkündete die Affiris AG öffentlichkeitswirksam, einen Impfstoff gegen Alzheimer entwickelt zu haben, dessen Zulassung und klinischer Einsatz in „greifbarer Nähe“ sei. Es wurde sogar behauptet, dass sich das Verfahren bereits als wirksam erwiesen habe, Patienten geimpft würden und die Daten gut aussähen. Die Affiris-Manager peilten zuversichtlich eine Marktreife in den nächsten fünf bis sechs Jahren an. Firmengründer Walter Schmidt war sich sogar „ganz sicher“, dass einer der Alzheimer-Impfstoffe auf den Markt kommen würde.

Doch die Euphorie wich schnell der Ernüchterung. Im Jahr 2019, mehr als 10 Jahre später, gibt es immer noch keinen Alzheimer-Impfstoff - weder von Affiris noch von anderen Pharmafirmen. Die Skepsis des LJ-Redakteurs aus dem Jahr 2008, der von „halbgaren Studienergebnissen und Übertreibungen, angerührt mit fahrlässigen Faktenverfälschungen und barem Unsinn“ sprach, hatte sich bewahrheitet.

Die klinischen Studien von Affiris: Ein Rückblick

Zum Zeitpunkt der Ankündigung im Jahr 2008 befand sich Affiris mitten in zwei klinischen Phase-1-Studien mit jeweils 24 Probanden. In diesen Studien wurde ausschließlich die Verträglichkeit und Sicherheit der beiden Vakzin-Kandidaten AD01 und AD02 getestet, nicht jedoch deren Wirksamkeit.

Bei den Impfstoffen handelte es sich um synthetische Peptide, die den unmodifizierten N-Terminus von Beta-Amyloiden nachahmen sollten. Diese Mimotope sollten dann eine B-Zell-Antwort gegen die eigentlichen Antigene hervorrufen, während sie die pro-inflammatorische TH1-Antwort niedrig halten.

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Verlängerte Phase-1b-Studien endeten im November 2009 bzw. April 2010. Kurz darauf leitete das Unternehmen im September 2010 die Phase 2 der klinischen Studienreihe ein, allerdings nur noch für den AD02-Kandidaten. Hier sollte erstmals auch die klinische und immunologische Aktivität des Vakzins überprüft werden. Über 300 Probanden in 40 Studienzentren in Europa nahmen teil. Ende 2013 schloss Affiris die Studie tatsächlich ab.

Das Schicksalsjahr 2013 und die Folgen

Rückblickend kann man das Jahr 2013 wohl als Schicksalsjahr für Affiris bezeichnen - zumindest, was deren Alzheimer-Ambitionen angeht. In diesem Jahr endete zunächst der lukrative Lizenzdeal mit GSK Biologicals vorzeitig. Außerdem verhießen die Daten der Phase-2-Studie nichts Gutes. Keines der Studienziele wurde mit AD02 erreicht.

Es kam sogar noch schlimmer: Patienten in der Placebo-Gruppe hatten geistig weniger stark abgebaut als die mit AD02 behandelten Probanden. Die Kontrollgruppe hatte nur einen „Immunmodulator“ erhalten, der Teil der AD02-Formulierung war.

AD04: Ein Zufallsfund als Hoffnungsträger?

Aus einer Niederlage machte die eifrige Marketing-Abteilung also einen sensationellen Erfolg. Es wurde behauptet, dass die firmeneigene Substanz AD04 der erste Wirkstoff sei, der jemals klinische und Biomarker-Effekte gezeigt habe, die mit einer Krankheitsmodifikation bei Alzheimer-Patienten übereinstimmen. In Wahrheit handelte es sich bei AD04 eher um einen Zufallsfund im Placebo-Arm der Studie.

Alzheimer-Experten äußerten sich bereits damals skeptisch. Wenn AD04 tatsächlich eine therapeutische Wirkung hat, sollte dann die Gruppe, die den eigentlichen Wirkstoff AD02 plus den Immunmodulator AD04 erhalten hatte, nicht genauso gut, wenn nicht sogar besser, abschneiden?

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Affiris ließ sich von solchen Bedenken nicht beirren. Doch offensichtlich wurde nichts aus weiteren Studien mit AD04. Die Kritiker sollten ein weiteres Mal recht behalten.

Das Ende der Alzheimer-Impfstoff-Entwicklung bei Affiris

Ab 2015 gab es in Pressemitteilungen des Unternehmens keinen Hinweis mehr auf den Alzheimer-Impfstoff, er wurde praktisch von der Firmen-Biographie getilgt. Auch verließen kurz darauf zwei Schwergewichte die Firma: Firmengründer Walter Schmidt und Chief Medical Officer Achim Schneeberger. Das Ende des Impfstoffs war besiegelt, die Sensation ausgeblieben.

Derzeit befindet sich, laut Webseite, ein Wirkstoff gegen Alzheimer in der Firmen-Pipeline, nähere Informationen dazu gibt es noch nicht. Außer, dass die Entwicklung erst ganz am Anfang steht - weit, weit weg von der Klinik und reißerischen Pressemitteilungen.

Hoffnungsschimmer am Horizont: Andere vielversprechende Ansätze

Obwohl der Affiris-Impfstoff gescheitert ist, bedeutet dies nicht das Ende der Suche nach einem Alzheimer-Impfstoff. Andere Firmen und Forschungseinrichtungen verfolgen vielversprechende Ansätze.

Einige Vakzin-Kandidaten befinden sich aktuell in der klinischen Testung. Zum Beispiel UB-311 der irischen United Neuroscience. Der Wirkstoff koppelt ein B-Zell-Epitop an verschiedene Helfer-T-Zell-Epitope und ist in ein firmeneigenes Delivery System verpackt. Im Sommer letzten Jahres schloss United Neuroscience die Phase-2-Studien ab und war mit den Ergebnissen zufrieden.

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Novartis ist sogar noch einen Schritt weiter. Ihr CAD106-benannter Kandidat besteht aus mehreren Kopien des Aß1-6-Peptids, welches an einen Virus-ähnlichen Partikel (VLP) gekoppelt ist, der vom Bakteriophagen Qß abstammt. Momentan befindet sich der Impfstoff in Phase 2/3 der klinischen Testung.

Die Rolle der Amyloid-Hypothese und alternative Therapieansätze

Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Amyloid-Hypothese, die besagt, dass Amyloid-Plaques die Hauptursache für Alzheimer sind, nicht unumstritten ist. Einige Forscher glauben, dass andere Faktoren wie Tau-Proteine, Entzündungen oder genetische Veranlagung ebenfalls eine wichtige Rolle spielen könnten.

Daher werden auch alternative Therapieansätze verfolgt, die nicht auf die Beseitigung von Amyloid-Plaques abzielen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Immuntherapien: Diese Ansätze zielen darauf ab, das Immunsystem zu stimulieren, um schädliche Proteine im Gehirn zu beseitigen.
  • Wirkstoffe gegen Tau-Proteine: Tau-Proteine sind ein weiterer wichtiger Bestandteil von Alzheimer-Plaques. Diese Wirkstoffe sollen die Bildung von Tau-Plaques verhindern oder deren Abbau fördern.
  • Entzündungshemmer: Entzündungen im Gehirn können zur Entstehung von Alzheimer beitragen. Diese Wirkstoffe sollen Entzündungen reduzieren und so das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen.
  • Gentherapien: Diese Ansätze zielen darauf ab, die genetische Veranlagung für Alzheimer zu beeinflussen.

Parkinson-Forschung: Parallelen und neue Erkenntnisse

Auch in der Parkinson-Forschung gibt es vielversprechende Entwicklungen im Bereich der Immuntherapie. Die AC Immune SA (Lausanne) hat positive Interimsdaten aus der Phase II-Studie VacSYn zu ihrer aktiven Immuntherapie ACI-7104.056 bei Patienten mit frühem Morbus Parkinson veröffentlicht. Die Ergebnisse liefern erstmals klinische Hinweise darauf, dass eine gezielte Immunisierung gegen die zugrunde liegende Alpha-Synuklein-(alpha-syn-)Pathologie das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen könnte. Ursprünglich stammt der Wirkstoff von der österreichischen Affiris.

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