Aktuelle Abstracts Neurologie: Ein Überblick über Forschungsergebnisse

Dieser Artikel fasst aktuelle Forschungsergebnisse aus verschiedenen Bereichen der Neurologie zusammen, die auf Kongressen und in Studien vorgestellt wurden. Dabei werden Themen wie Neuroimmunologie, Bewegungsstörungen, Schlaganfall, Epilepsie, Neuroonkologie, Neuroinfektiologie, Demenzen und Erkrankungen von Rückenmark, Nerv und Muskel behandelt. Ein besonderer Fokus liegt auf Multipler Sklerose (MS) und Neuromyelitis optica Spektrum Erkrankungen (NMOSD).

Neuroimmunologie (inkl. Multiple Sklerose)

Ein Schwerpunkt der aktuellen Forschung liegt auf der Behandlung und dem Management von Multipler Sklerose.

Therapieumstellung bei Multipler Sklerose: Vergleich von Cladribin-Tabletten mit anderen DMTs

Eine US-amerikanische Studie untersuchte die Häufigkeit von Therapieumstellungen bei MS-Patienten, die mit Cladribin-Tabletten (CladT) im Vergleich zu Fingolimod, Dimethylfumarat und Teriflunomid behandelt wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass Patienten unter CladT innerhalb von zwei Jahren seltener auf eine andere krankheitsmodifizierende Therapie (DMT) umgestellt wurden als Patienten unter den anderen genannten Medikamenten.

  • Methoden: Die Studie analysierte Daten von US-Patienten mit MS, die zwischen April 2019 und Dezember 2020 mit CladT, Fingolimod, Dimethylfumarat oder Teriflunomid begonnen hatten. Die Patienten mussten bestimmte Einschlusskriterien erfüllen, darunter eine MS-Diagnose, keine DMT-Behandlung im Jahr vor Studienbeginn, ein Alter von mindestens 18 Jahren und eine kontinuierliche Krankenversicherung während des gesamten Beobachtungszeitraums von zwei Jahren. Mittels Propensity Score Weighting wurden Unterschiede in Alter, Geschlecht, Region, Versicherung, Komorbiditäten, MS-Schweregrad und Begleitmedikation berücksichtigt.
  • Ergebnisse: Nach einem Jahr betrug der Anteil der Patienten, die auf eine andere DMT umstellten, 3,7% in der CladT-Gruppe, 17,8% in der Fingolimod-Gruppe, 28,9% in der Dimethylfumarat-Gruppe und 21,2% in der Teriflunomid-Gruppe. Nach zwei Jahren waren es 10,4% in der CladT-Gruppe, 26,9% in der Fingolimod-Gruppe, 43,5% in der Dimethylfumarat-Gruppe und 34,1% in der Teriflunomid-Gruppe. Die Wahrscheinlichkeit einer Therapieumstellung war unter Fingolimod, Dimethylfumarat und Teriflunomid signifikant höher als unter CladT.
  • Schlussfolgerung: Cladribin-Tabletten zeigten im Vergleich zu anderen oralen MS-Therapeutika eine geringere Rate an Therapieumstellungen, was auf eine potenziell höhere Wirksamkeit oder Verträglichkeit hindeuten könnte.

Verbesserung der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit durch Cladribin-Tabletten

Die MAGNIFY-MS-Studie untersuchte die Auswirkungen von Cladribin-Tabletten auf die kognitive Leistungsfähigkeit von Patienten mit hochaktiver schubförmig remittierender MS (RRMS). Ein wichtiger Aspekt war die Messung der kognitiven Verarbeitungsgeschwindigkeit (CPS) mittels des Symbol Digit Modality Test (SDMT).

  • Methoden: In der 2-jährigen, einarmigen, offenen MAGNIFY-MS-Studie (NCT03364036) wurden Patienten mit Cladribin-Tabletten (3,5 mg/kg kumulative Dosis über 2 Jahre) behandelt. Die CPS wurde anhand der SDMT-Werte auf individueller (4- und 8-Punkte-Score-Änderung) und Gruppenebene bewertet.
  • Ergebnisse: Nach 24 Monaten zeigten 43% der Patienten eine anhaltende Verbesserung im SDMT (definiert als Zunahme von mindestens 4 Punkten gegenüber dem Ausgangswert), während 12% eine anhaltende Verschlechterung zeigten. Bei einer strengeren Definition (Verbesserung um mindestens 8 Punkte) lag die Rate der anhaltenden Verbesserung bei 22%. Die Analyse auf Gruppenebene ergab eine signifikante Verbesserung der SDMT-Werte bereits nach 6 Monaten, die sich bis Monat 18 weiter verstärkte.
  • Schlussfolgerung: Cladribin-Tabletten können die kognitive Verarbeitungsgeschwindigkeit bei MS-Patienten verbessern. Die beobachteten Verbesserungen waren klinisch relevant und traten bereits kurz nach Behandlungsbeginn auf.

Langzeitbeobachtung nach Cladribin-Behandlung: Analyse von Verschreibungsdaten aus Deutschland

Eine retrospektive Analyse von Verschreibungsdaten aus Deutschland untersuchte den Behandlungsverlauf von MS-Patienten bis zu fünf Jahre nach Beginn der Behandlung mit Cladribin-Tabletten. Ziel war es, Einblicke in die langfristige Anwendung und das Management von Patienten unter CladT-Therapie zu gewinnen.

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  • Methoden: Die Studie analysierte Daten aus der IQVIA LRx-Datenbank in Deutschland, wobei der Beobachtungszeitraum von September 2017 bis zum Ende des fünften Jahres nach Therapiebeginn reichte. Es wurden drei Kohorten analysiert: Patienten, die im fünften Jahr einen neuen CladT-Kurs begannen, Patienten, die keinen neuen CladT-Kurs begannen, und Patienten, die auf eine andere DMT umstellten.
  • Ergebnisse: Von 847 Patienten, die mit CladT begannen, schlossen 84% zwei CladT-Kurse ab (Completer), während 16% die zwei Kurse nicht abschlossen (Non-Completer). Von den Completern wechselten 16% auf eine andere DMT (11% vor Ende des vierten Jahres, 5% im fünften Jahr oder später). Nur 10% der Completer begannen im fünften Jahr oder später einen neuen CladT-Kurs. CladT wurde überwiegend in der ersten oder zweiten Therapielinie eingesetzt.
  • Schlussfolgerung: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Cladribin-Tabletten in der klinischen Praxis früh im Therapieverlauf eingesetzt werden und die meisten Patienten die vollständige 4-jährige Behandlung ohne Notwendigkeit eines neuen Kurses im fünften Jahr abschließen.

Autoantikörper-spezifische CD4+ T-Zellen bei Neuromyelitis optica Spektrum Erkrankungen (NMOSD)

Eine Studie untersuchte die Eigenschaften von autoreaktiven CD4+ T-Helferzellen (Th-Zellen) bei Patienten mit NMOSD, einer Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die sich gegen Aquaporin-4 (AQP4) richtet.

  • Methoden: AQP4-spezifische CD4+ Th-Zellen wurden aus dem Blut von Patienten und gesunden Kontrollpersonen isoliert und ex vivo charakterisiert. Es wurden zytometrische und funktionelle Analysen sowie RNA-Sequenzierung einzelner Zellen durchgeführt.
  • Ergebnisse: Bei AQP4-Antikörper-positiven NMOSD-Patienten zeigten autoreaktive Th-Effektorzellen eine reduzierte proliferative Kapazität und Zytokinexpression. Stattdessen exprimierten sie Erschöpfungs-assoziierte ko-inhibitorische Rezeptoren und den Transkriptionsfaktor FOXP3. Die Proliferationsblockade konnte in vitro durch Checkpoint-Inhibitoren aufgehoben werden. Einige Patienten wurden über einen Zeitraum von 4 Jahren nachverfolgt, wobei keine signifikanten Frequenzunterschiede der AQP4-spezifischen CD4-Th-Zellen festgestellt wurden.
  • Schlussfolgerung: Die Studie identifizierte einen neuen erschöpfungsähnlichen Th-Zell-Phänotyp bei NMOSD, der möglicherweise eine Rolle bei der Regulierung der chronischen Autoreaktivität spielt.

Adhärenz und Sicherheit von Cladribin-Tabletten nach unzureichendem Ansprechen auf vorherige DMTs

Die MASTER-2-Studie untersucht die Adhärenz und Sicherheit von Cladribin-Tabletten bei Patienten mit schubförmiger MS, die zuvor unzureichend auf orale oder intravenöse DMTs angesprochen haben.

  • Methoden: MASTER-2 (NCT03933202) ist eine laufende, observationelle, einarmige Phase-4-Studie über 54 Monate mit 187 MS-Patienten, die nach einem unzureichenden Ansprechen auf eine orale (n=102) oder Infusions-DMT (n=85) auf CladT umgestellt wurden. Der primäre Endpunkt ist die annualisierte Schubrate nach 24 Monaten nach Beginn der CladT-Behandlung.
  • Ergebnisse: Die Studie befindet sich noch in der Auswertung, aber erste Ergebnisse deuten auf eine gute Adhärenz und ein akzeptables Sicherheitsprofil von Cladribin-Tabletten in dieser Patientengruppe hin.

Neuromyelitis optica Spektrum Erkrankungen (NMOSD)

NMOSD ist eine seltene Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Die Forschung konzentriert sich auf die klinischen Unterschiede zwischen Patienten mit frühem und spätem Krankheitsbeginn.

Klinische Charakteristika des Late- und Early-Onset bei NMOSD

Eine multizentrische, longitudinale Beobachtungsstudie verglich NMOSD-Patienten mit spätem (≥50 Jahre) und frühem (<50 Jahre) Krankheitsbeginn hinsichtlich klinischer Symptomatik, Schubrate, Behinderungsprogression und Therapieansprechen.

  • Methoden: Die Studie umfasste 447 Aquaporin4-IgG-positive und -seronegative NMOSD-Patienten, die an 34 deutschsprachigen Zentren rekrutiert wurden. Klinische und paraklinische Daten wurden jährlich erhoben, und die Erkrankungsschwere wurde anhand des Expanded Disability Status Scale (EDSS) ermittelt.
  • Ergebnisse: Von den 447 Patienten hatten 153 (34%) einen Late-Onset. Frauen mit Early-Onset waren signifikant häufiger AQP4-IgG-positiv. Patienten mit Late-Onset erlitten häufiger Myelitiden und weniger Optikusneuritiden bei Erstmanifestation, waren im Schub schwerer betroffen, erholten sich schlechter und erreichten schneller klinisch funktionseinschränkende Endpunkte als Patienten mit Early-Onset. Die Schubrate war jedoch vergleichbar.
  • Schlussfolgerung: NMOSD-Patienten mit Late-Onset zeigen im Vergleich zu Patienten mit Early-Onset unterschiedliche klinische Verläufe und ein schlechteres Outcome.

Aktivitätseinschränkungen und Unterstützungsbedarf bei NMOSD

Eine qualitative Studie untersuchte die Erfahrungen von NMOSD-Patienten hinsichtlich Aktivitätseinschränkungen, Unterstützungsbedarf und Lebensstiländerungen.

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  • Methoden: Es wurden 34 Patienten mit NMOSD interviewt, um ihre Perspektive auf die Krankheitslast, die Notwendigkeit von Betreuung und die erforderlichen Anpassungen des Lebensstils zu verstehen.
  • Ergebnisse: Viele Patienten berichteten über anhaltende Aktivitätseinschränkungen, insbesondere in Bezug auf körperliche Funktion und Auswirkungen auf die Arbeit. Viele fühlten sich unwohl bei alltäglichen Aktivitäten und sozialer Interaktion. Ein erheblicher Teil der Patienten musste die Arbeit aufgeben oder die Arbeitszeit reduzieren. Fast alle Patienten waren auf die Unterstützung von Betreuern angewiesen.
  • Schlussfolgerung: NMOSD hat erhebliche Auswirkungen auf das tägliche Leben der Patienten und führt zu einem hohen Bedarf an Unterstützung.

Wirksamkeitsanalyse der CHAMPION-NMOSD-Studie

Die CHAMPION-NMOSD-Studie untersuchte die Wirksamkeit eines bestimmten Medikaments bei Erwachsenen mit AQP4-Antikörper-positiver NMOSD. (Weitere Informationen zur Studie und den Ergebnissen fehlen im gegebenen Text.)

Weitere neurologische Themen

Neben MS und NMOSD wurden auch andere neurologische Erkrankungen auf den Kongressen und in den Studien behandelt.

Meningokokken-Infektionen bei Eculizumab- oder Ravulizumab-behandelten Patienten

Eine Pharmakovigilanzanalyse untersuchte das Risiko von Neisseria meningitidis (Nm)-Infektionen bei Patienten, die mit Eculizumab oder Ravulizumab behandelt wurden, beides Medikamente, die das terminale Komplementsystem inhibieren.

  • Methoden: Es wurde eine kumulative Suche in der Alexion-Sicherheitsdatenbank nach Fällen von Nm-Infektionen bei Patienten unter Eculizumab- oder Ravulizumab-Behandlung durchgeführt.
  • Ergebnisse: Die Analyse zeigte, dass die Nm-Infektionsraten in klinischen Studien und im realen Leben stabil sind oder sogar abnehmen, trotz der zunehmenden Anwendung dieser Medikamente.
  • Schlussfolgerung: Erhöhte Aufmerksamkeit für das Infektionsrisiko, Risikominderungsstrategien und die Verfügbarkeit zusätzlicher Impfstoffe haben das Risiko von Nm-Infektionen bei Patienten, die mit C5IT behandelt werden, effektiv reduziert.

Epilepsie

Der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 2025 befasste sich unter anderem mit der Epilepsiediagnostik, insbesondere in kritischen Situationen wie der Erstdiagnose im höheren Lebensalter und bei Therapieresistenz.

  • Pharmakoresistente Epilepsien: Die Entfernung epileptogener Areale mittels elektrischem Strom, Laser oder Ultraschall kann gegenüber offen chirurgischen Verfahren vor allem bei multifokaler Anfallsgenese die Situation verbessern.
  • SupplementEpilepsiediagnostik: Kritische Situation sind Erstdiagnose bei Late Onset und Therapieresistenz.

Schlaganfall

Die Schlaganfallforschung konzentrierte sich auf die Verbesserung der Diagnostik und Therapie, um die Mortalität zu senken und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

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  • Telemedizinische Stroke-Versorgung: Die telemedizinische Schlaganfallversorgung im Netzwerk senkt die Mortalität deutlich.
  • Gefäßdarstellung beim Schlaganfall: 3-D-Simulation des zerebralen Blutflusses präzisiert die Diagnostik.
  • Thrombektomie bei Schlaganfall: Auch nach Krankenhausentlassung bleibt die Mortalität hoch.

Parkinson-Erkrankung

Die Forschung zur Parkinson-Erkrankung konzentrierte sich auf fortgeschrittene, therapieresistente Fälle und neue Therapieoptionen.

  • Fortgeschrittene Parkinsonerkrankung: Optionen mit subkutanen und intestinalen Applikationsformen.
  • Tiefe Hirnstimulation: Tiefe adaptive Hirnstimulation wirkt präziser als die kontinuierliche THS.

Demenz

Ein Schwerpunkt lag auf aktuellen Fragen und Ergebnissen zum Thema Hirnleistung und Demenz, insbesondere Morbus Alzheimer.

  • Morbus Alzheimer: Aktuelle Amyloid-Antikörper sind der Beginn einer langen Reise.

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)

Die amyotrophe Lateralsklerose könnte in ferner Zukunft heilbar sein.

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