Aktuelle Meningitis-Fälle in Deutschland: Eine umfassende Übersicht

Meningitis, insbesondere die bakterielle Form, ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die eine schnelle Diagnose und Behandlung erfordert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktuelle Situation von Meningitis-Fällen in Deutschland, einschließlich Definition, Häufigkeit, Ursachen, Symptome, Diagnose, Therapie und Präventionsmaßnahmen.

Definition der bakteriellen Meningitis

Die bakterielle Meningitis, auch Meningoenzephalitis genannt, ist eine akute, eitrige Entzündung der Hirnhäute (Meningen) und gegebenenfalls des Hirngewebes (Enzephalitis). Sie stellt einen medizinischen Notfall dar und erfordert unverzügliche Maßnahmen.

Häufigkeit von Meningitis in Deutschland

Dank Impfungen und verbesserter Hygienemaßnahmen ist die Inzidenz von Meningitis in Europa in den letzten 30 Jahren gesunken. In Ländern mit hohem Einkommen liegt die Inzidenz bei etwa 0,9 pro 100.000 Einwohner pro Jahr. Weltweit sind die Inzidenzen höher und erreichen in anderen Ländern 10-80 pro 100.000 Einwohner pro Jahr.

In Deutschland wurden im Jahr 2020 138 Fälle von invasiven Meningokokken-Infektionen gemeldet, was einer Inzidenz von unter 0,4 pro 100.000 Einwohner entspricht. Im gleichen Jahr wurden 48 Fälle von Meningitis durch Listerien verzeichnet. Europaweit liegt die Inzidenz für Meningokokken-Infektionen bei 0,5-5 pro 100.000 Einwohner pro Jahr.

Aktuelle Fallzahlen und epidemiologische Kenngrößen

Die bundesweite jährliche Inzidenz von invasiven Meningokokken-Erkrankungen in Deutschland liegt derzeit bei unter 0,4 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Die Mehrzahl der Erkrankungen wird durch Erreger der Serogruppe B (ca. 60%) und seltener der Serogruppen C, W und Y (jeweils ca. 10 bis 15%) verursacht.

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Im Jahr 2024 gab es 256 gemeldete Fälle von Meningokokken-Infektionen in Deutschland.

Ätiologie und Pathogenese: Wie entsteht Meningitis?

Infektionswege

Bakterielle Meningitis kann auf verschiedenen Wegen entstehen:

  • Hämatogen: Vermutlich die Haupteintrittspforte, beispielsweise bei einer Pneumokokken-Pneumonie. Der Prozess umfasst die Kolonisation, Invasion und Replikation im Blut sowie das Übertreten der Blut-Hirn-Schranke.
  • Direkt: Durch HNO-Infektionen wie Sinusitis, Otitis oder Mastoiditis (ca. 20 % der Fälle) oder seltener bei Liquorfisteln nach Schädel-Hirn-Trauma oder neurochirurgischen Eingriffen.
  • Septische Embolisation: Mikroben gelangen von einem anderen Infektionsfokus (z. B. Endokarditis) ins zentrale Nervensystem.

Erregerspektrum

Verschiedene Bakterien können Meningitis verursachen. Die wichtigsten Erreger sind:

  • Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken): Grampositive Diplokokken, der weltweit häufigste Erreger. Es gibt über 90 verschiedene Serotypen.
  • Neisseria meningitidis (Meningokokken): Gramnegative Diplokokken mit 12 Serotypen, von denen A, B, C, W, X und Y hauptsächlich pathogen sind.
  • Haemophilus influenzae Typ B (Hib): Gramnegative, bekapselte Stäbchen. Seit Einführung der Impfung ist ein drastischer Rückgang zu verzeichnen.
  • Listeria monocytogenes: Grampositive Stäbchen, fakultativ intrazellulär. Besonders relevant für Risikogruppen wie Immunsupprimierte, Schwangere, Neugeborene und Personen über 50 Jahre.
  • Staphylokokken: Grampositive Haufenkokken. Infektionen treten oft sekundär nach Neurochirurgie, Trauma, Fremdkörpern oder Endokarditis auf.
  • Streptococcus agalactiae: Grampositive beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B. Haupterreger der Neugeborenenmeningitis (in den ersten 3 Lebensmonaten).
  • Enterobacteriaceae: Gramnegative Stäbchenbakterien, z. B. E. coli, Klebsiella spp. Vor allem bei Neugeborenen relevant und oft nosokomial nach Eingriffen oder bei Immunsuppression.

Häufigste Erreger nach Altersgruppe

Die häufigsten Erreger variieren je nach Altersgruppe:

  • Neugeborene und Säuglinge < 6 Wochen: Beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B (50-60 %) und Enterobacteriaceae.
  • Säuglinge > 6 Wochen und Kinder: Neisseria meningitidis (38-56 %) und Streptococcus pneumoniae (34-46 %).
  • Erwachsene: Streptococcus pneumoniae (10-59 %) und Neisseria meningitidis (10-43 %).

Prädisponierende Faktoren

Bestimmte Faktoren erhöhen das Risiko, an Meningitis zu erkranken:

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  • Vorerkrankungen wie Alkoholabhängigkeit, Diabetes mellitus und Endokarditis
  • Operationen im Schädel-/HNO-/Kieferbereich
  • Immunsuppression bzw. Immundefekt (z. B. Neutropenie, AIDS)
  • Dentale Infektionen und Läsionen der Mundhöhle
  • Sinusitis, Otitis media, Parotitis
  • Offenes Schädel-Hirn-Trauma
  • Erhöhte Trägerfrequenz von pathogenen Keimen im Pharynx
  • Aufenthalt in Institutionen (Schule, Pflegeeinrichtungen usw.)
  • Aufenthalt in Regionen mit endemischem Meningokokken-Vorkommen
  • Kontakt mit einem Indexfall mit bakterieller Meningitis
  • Rauchen
  • Veränderung der Schleimhaut im Respirationstrakt
  • Infektion der Schleimhaut im Nasopharynx, in den unteren Atemwegen oder im Mittelohr
  • Erkrankungen mit laufender Nase (Rhinorrhö) und Sekretion der Ohren (Otorrhö)
  • Erhöhtes Risiko für eine Bakteriämie i. v. Drogenkonsum

Symptome und Diagnose

Anamnese

Ein akuter Beginn und eine rasch fortschreitende Symptomatik sind typisch. Oft liegen weniger als 24 Stunden zwischen Symptombeginn und Krankenhauseinweisung. Hauptsymptome sind:

  • Deutlich beeinträchtigter Allgemeinzustand
  • Kopfschmerzen
  • Hohes Fieber
  • Nackensteife (Meningismus)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Lichtscheu (Photophobie)
  • Verwirrtheit
  • Bewusstseinsstörung (Vigilanzminderung)

Weitere Symptome können Hautveränderungen (insbesondere bei Meningokokken petechiales Exanthem), Hirnnervenbeteiligung, Hörminderung/-verlust und Sepsis sein.

Bei speziellen Patientengruppen wie älteren Menschen, Neugeborenen und Säuglingen können atypische Präsentationen auftreten.

Klinische Untersuchung

Die klinischen Befunde sollten schnell erhoben werden:

  • Vitalparameter (Herzfrequenz, Blutdruck, Temperatur, Atemfrequenz)
  • Allgemeine körperliche Untersuchung (Auskultation von Herz und Lunge, Hautveränderungen)
  • Neurologische Untersuchung (Vigilanz, Orientierung, Meningismus, Hirnnervenausfälle, Sprach- oder Sprechstörungen, motorische oder sensible Ausfälle)

Diagnostische Kriterien

Die Diagnose basiert auf klinischer Symptomatik, Liquordiagnostik, zerebraler Bildgebung und Erregernachweis aus Liquor oder Blut.

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Differenzialdiagnosen

Wichtige Differenzialdiagnosen sind grippaler Infekt, Influenza, Sinusitis, Sepsis, andere erregerbedingte Meningitis/Enzephalitis, Meningeosis neoplastica, Subarachnoidalblutung und zerebrale Sinus- und Venenthrombose.

Laborchemische Diagnostik

  • Procalcitonin im Serum: Hilfreich zur Differenzierung zwischen bakterieller und viraler Meningitis.
  • Liquordiagnostik: Typische Parameter bei bakterieller Meningitis sind eitrig-trüber Liquor, erhöhte Zellzahl (> 1.000/μl), granulozytäre Zytologie, stark erniedrigter Liquor-Serum-Glukose-Index, erhöhtes Laktat (> 3,5 mmol/l) und erhöhtes Gesamteiweiß (> 100 mg/dL).

Mikrobiologische Diagnostik

Ziel ist die Diagnosesicherung durch Erregernachweis im Liquor und/oder in der Blutkultur. Empfohlen werden:

  • Mindestens 2 Blutkultur-Sets vor Antibiotikatherapie
  • Gramfärbung und kultureller Erregernachweis
  • Multiplex-PCR (Meningitis-Panel)

Eingesetzte Verfahren sind Mikroskopie, molekulargenetische Tests (PCR) und Bakteriologie (Kultur).

Bildgebende Untersuchungen

  • Kraniale Computertomografie (CCT): Bei Verdacht auf erhöhten intrakraniellen Druck vor der Lumbalpunktion.
  • Kraniale Magnetresonanztomografie (cMRT): Bei nicht erklärbaren klinischen Zeichen, unklaren CT-Befunden oder klinischer Verschlechterung unter Antibiotikatherapie.

Ergänzende Untersuchungen

  • HNO-ärztliche Untersuchung zur Suche nach parameningealem Infektfokus (z. B. Mastoiditis, Sinusitis oder Otitis media).
  • Weitere Infektfokussuche (z. B. Röntgenaufnahmen des Thorax, Abdomen-Sonografie/CT, Echokardiografie).
  • Transkranielle Dopplersonografie (TCD) bei zerebrovaskulären Komplikationen.

Therapie der bakteriellen Meningitis

Therapieziele

  • Letalen Verlauf verhindern
  • Infektion sanieren
  • Komplikationen vermeiden

Allgemeines zur Therapie

Ein frühzeitiger, schneller Behandlungsbeginn ist entscheidend für die Prognose. Die Behandlung erfolgt in der Initialphase auf einer Intensivstation mit engmaschiger klinischer Überwachung.

Medikamentöse Therapie

  • Antibiotikatherapie: Frühzeitiger Therapiebeginn (unmittelbar nach Lumbalpunktion bzw. Blutkulturen). Initial empirisch mit Cephalosporinen der Gruppe 3a (z. B. Ceftriaxon oder Cefotaxim) und Ampicillin. Bei bekanntem Erreger Anpassung auf eine gezielte antibiotische Therapie. Die Dauer der Antibiotikatherapie ist abhängig von Erregerart und Therapieansprechen.
  • Dexamethason: Adjuvante Therapie mit Kortikosteroiden zur Reduktion von Letalität und Komplikationen bei Pneumokokkenmeningitis und zur Reduktion von Hörschäden bei Meningokokkenmeningitis.

Weitere Therapien

  • Operative Fokussanierung: Bei lokalen HNO-Infektfokus als Ursache der Meningitis möglichst innerhalb von 24 Stunden (z. B. Sinusitis, Mastoiditis, Otitis media).

Umgebungsschutz und Meldepflicht

Maßnahmen bei Meningokokkenerkrankung

Meningokokken-Erkrankungen führen im Umfeld zu einem erhöhten Erkrankungsrisiko.

  • Isolation: Bei Verdacht auf Meningokokken-Meningitis bis 24 Stunden nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie.
  • Prophylaxe bei Kontaktpersonen: Identifikation von Kontaktpersonen und Aufklärung über Risiken und Symptome durch das Gesundheitsamt. Chemoprophylaxe muss schnellstmöglich begonnen werden (sinnvoll bis max. 10 Tage nach letztem Kontakt). Substanzen: Rifampicin, Ciprofloxacin, Ceftriaxon und Azithromycin. Ggf. zusätzlich postexpositionelle Meningokokkenimpfung mit einem Impfstoff gegen entsprechende Serogruppe (A, C, W, Y und B).

Meldepflicht

Krankheitsverdacht, Erkrankung sowie Tod an Meningokokken-Meningitis oder -Sepsis sind meldepflichtig gemäß Infektionsschutzgesetz (IfSG § 6). Ebenso ist der Nachweis von Krankheitserregern meldepflichtig gemäß IfSG § 7.

Prävention von Meningitis

Impfung

Es gibt verschiedene Meningokokken-Typen (Serogruppen), die weltweit unterschiedlich verbreitet sind. In Deutschland wird die Mehrzahl der Erkrankungen bei Kindern durch Meningokokken der Serogruppe B verursacht, bei Erwachsenen ähnlich häufig auch durch Serogruppe Y. Seltener sind die Serogruppen C und W. Es stehen verschiedene Impfstoffe zur Verfügung, die gegen unterschiedliche Meningokokken-Typen schützen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt:

  • Die Impfung gegen Meningokokken B für alle Kinder mit je einer Impfstoffdosis im Alter von 2, 4 und 12 Monaten; fehlende Impfstoffdosen sollen so bald wie möglich und spätestens bis zum 5. Geburtstag nachgeholt werden;
  • Die Impfung gegen Meningokokken C für alle Kinder mit einer Impfstoffdose im Alter von 12 Monaten; wurde die Impfung versäumt, sollte sie baldmöglichst und spätestens bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden;
  • Für Risikogruppen die Impfung mit Meningokokken-ACWY-Kombinationsimpfstoff sowie MeningokokkenB-Impfstoff; dazu zählen Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche (zum Beispiel bei fehlender Milz) sowie gefährdetes Laborpersonal;
  • Für Reisende in Länder mit vielen Meningokokken-Erkrankungen, vor allem bei engem Kontakt zur Bevölkerung, sowie vor Pilgerreisen nach Mekka die Meningokokken-ACWY-Impfung;
  • Für Mitarbeitende im Katastrophendienst und je nach Gefährdung für Mitarbeitende in der Entwicklungshilfe und für medizinisches Personal zusätzlich zur Meningokokken-ACWY-Impfung auch die Impfung gegen Meningokokken B;
  • Vor Langzeitaufenthalten insbesondere für Kinder und Jugendliche sowie für Personen in Studium oder Ausbildung die Impfung gegen Meningokokken ACWY und/oder Meningokokken B entsprechend den Empfehlungen der Zielländer.

Weitere Präventionsmaßnahmen

Neben der Impfung sind allgemeine Hygienemaßnahmen wichtig, um das Risiko einer Meningokokken-Infektion zu verringern. Dazu gehören regelmäßiges Händewaschen, Vermeidung von engem Kontakt mit erkrankten Personen und Stärkung des Immunsystems durch eine gesunde Lebensweise.

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