Aktuelle Fortschritte in der neurologischen Forschung

Die Neurologie erlebt derzeit eine rasante Entwicklung, die neue Hoffnung für Patienten mit einer Vielzahl von neurologischen Erkrankungen weckt. Von verbesserten Behandlungsmethoden für Schlaganfälle bis hin zu vielversprechenden neuen Therapien für Alzheimer und Multipler Sklerose - die Forschung bringt kontinuierlich Fortschritte. Dieser Artikel beleuchtet einige der wichtigsten Erfolge der letzten Jahre und gibt einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.

Schlaganfall: Verbesserte Akuttherapie und Prävention

Der Schlaganfall ist eine der häufigsten schweren Erkrankungen in Deutschland, von der jährlich etwa 270.000 Menschen betroffen sind. Dank der rasanten Fortschritte in der Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten hat sich die Sterblichkeitsrate nach einem Schlaganfall in den letzten 30 Jahren jedoch deutlich reduziert.

Akuttherapie: "Time is Brain"

Da Gehirnzellen bei Unterbrechung der Sauerstoffversorgung innerhalb weniger Minuten absterben, ist schnelles Handeln entscheidend ("Time is Brain"). Moderne bildgebende Verfahren wie Computertomographie (CT), Magnetresonanztomographie (MRT) und die erweiterte Darstellung der Hals- und Gehirngefäße mittels Ultraschall und Angiographie ermöglichen es, das Gehirngewebe und die Blutgefäße im Detail zu untersuchen. Dies ist wichtig, um die Größe des Schlaganfalls zu bestimmen und die Ursache zu finden.

Systemische Thrombolyse und mechanische Thrombektomie

Ein wichtiger Meilenstein war die Einführung der systemischen Thrombolyse im Jahr 1996, bei der ein Medikament über die Vene verabreicht wird, um Blutgerinnsel aufzulösen. Ein weiterer großer Fortschritt ist die mechanische Thrombektomie, die seit 2008 bei bestimmten Formen des ischämischen Schlaganfalls eingesetzt wird, insbesondere wenn ein großes Hirngefäß verstopft ist. Dabei wird unter Röntgenkontrolle ein sehr dünner Katheter über die Leiste durch die Halsschlagader bis zum Blutgerinnsel vorgeschoben. Neue Studien haben gezeigt, dass dieses Verfahren - anders als bisher angenommen - selbst bei großen Schlaganfällen und bis zu 24 Stunden effektiv ist.

Tenecteplase: Ein neues Medikament zur Auflösung von Blutgerinnseln

Um Gerinnsel aufzulösen, die Hirngefäße verstopfen und so einen akuten Schlaganfall verursachen, wurde 2024 die Substanz Tenecteplase zugelassen. Sie wirkt genauso gut wie der Wirkstoff Alteplase, der in Deutschland seit 1987 im Einsatz ist. Der Vorteil: Tenecteplase lässt sich mit einer einzigen Injektion verabreichen.

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Schlaganfall-Spezialstationen ("Stroke Units")

Ein weiterer wichtiger Meilenstein war die Einführung von Schlaganfall-Spezialstationen, den "Stroke Units", im Jahr 1990 in Deutschland. Inzwischen gibt es sogar in Krankentransportwagen integrierte Mobile Stroke Units.

Prävention: Schlafqualität und medikamentöse Behandlung

Eine gute Schlafqualität von 7 bis 8 Stunden ohne häufiges Aufwachen kann das Risiko für Schlaganfälle um bis zu zwei Drittel senken. Früher empfahl man eine Operation, wenn die Halsschlagader verengt war. Heute hat sich die medikamentöse Behandlung von Risikofaktoren deutlich verbessert. Eine neue Studie zeigt: Wenn man einer Verengung konsequent mit Medikamenten vorbeugt, unterscheidet sich die Schlaganfallhäufigkeit nach zwei Jahren nicht von Menschen, die operiert wurden. Dies gilt jedoch nur für Betroffene mit niedrigem bis mittlerem Schlaganfallrisiko.

Alzheimer: Neue Medikamente greifen in die Ursachen ein

In der EU wurden 2025 mit Lecanemab und Donanemab zwei neue Medikamente gegen Alzheimer zugelassen. Sie greifen erstmals direkt in die Ursachen der Krankheit ein. Bisher gab es nur Medikamente, die die Folgen der Erkrankung mildern konnten. Die Wirkstoffe, sogenannte monoklonale Antikörper, müssen alle 2 oder 4 Wochen intravenös verabreicht werden. Sie lösen die verklumpenden Eiweißablagerungen im Gehirn, die für den Nervenzellabbau bei Alzheimer mitverantwortlich sind. Die neuen Mittel können Nebenwirkungen wie Schwellungen oder kleine Blutungen im Gehirn verursachen. Trotzdem ist ihre Wirkung insgesamt positiv. Das Fortschreiten der Alzheimer-Demenz wird um einige Monate verzögert - aber nicht aufgehalten. Zudem sind die Medikamente nur für ausgewählte Betroffene in frühen Stadien der Alzheimer-Erkrankung geeignet.

Beta-Amyloid und Tau-Fibrillen im Visier

Bisher gibt es bei der Alzheimer-Erkrankung nur Medikamente, die die Folgen der Erkrankung mildern. Jetzt konnten mehrere Substanzen in Studien positiv zeigen, dass Alzheimer auch an einer der Wurzeln angegangen werden kann. Einer der Hauptursachen für die Krankheit sind unterschiedliche Eiweißablagerungen und -verklumpungen (Beta-Amyloid-Plaques und Tau-Fibrillen), die sich im Gehirn festsetzen und dadurch zum geistigen Abbau führen. Die derzeit größten Fortschritte sind bei Studien zu verzeichnen, die das Beta-Amyloid ins Visier nehmen. Eine der Studien konnte zeigen, dass es nicht nur gelingt, diese Eiweißklumpen aus dem Gehirn „auszuwaschen“ sondern auch bei frühem Einsatz das Voranschreiten der kognitiven Störung zu verlangsamen. Allerdings zeigte sich auch, dass die Attacke auf die Eiweißklumpen zu einer vermehrten Wasseransammlung, Blutungen und Entzündungen im Gehirn führen kann.

Impfung gegen Gürtelrose senkt Demenzrisiko

Gleich zwei Studien konnten bestätigen, dass eine Impfung gegen das Gürtelrose-Virus das Risiko einer späteren Demenz um etwa 20 Prozent senken kann. Damit schützt die Impfung nicht nur vor der schmerzhaften Haut- und Nervenerkrankung. Sie hat auch noch einen Zusatznutzen.

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Analogie zur AIDS-Forschung

Vielleicht ist es wie bei der Entwicklung der Medikamente gegen AIDS: Die ersten Arzneien zeigten nur eine begrenzte Wirkung, durch das Hinzukommen immer neuer Angriffsstrategien ist die HIV-Infektion heute meistens über viele Jahre in den Griff zu bekommen.

Multiple Sklerose: Neue Medikamente und personalisierte Therapieansätze

Auch bei der Multiplen Sklerose (MS) gab es in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte. 2021 wurden innerhalb eines Jahres allein sechs neue Medikamente gegen MS in Deutschland zugelassen. Bei schubförmiger Multipler Sklerose zeigen neue Immuntherapien sehr gute Ergebnisse. Schwieriger war bisher die Behandlung der sekundär-progredienten Form. Die Verträglichkeit war insgesamt gut, Anstiege von Leberwerten als Nebenwirkung gingen wieder zurück. Damit wurde zwar auch kein Durchbruch erreicht, aber ein wichtiger weiterer Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Behandlungsmöglichkeit dieser bislang wenig beeinflussbaren Form der MS. Auch 2024 wurde mit dem sogenannten monoklonalen Antikörper Ublituximab wieder ein neues Mittel gegen Multiple Sklerose (MS) zugelassen.

Möglichkeiten zur Vorhersage individueller Krankheitsverläufe

Möglichkeiten zur Vorhersage individueller Krankheitsverläufe bei der Multiplen Sklerose (MS) eröffnet heute die Bestimmung von bestimmten Eiweißstoffen im Blut (zum Beispiel Neurofilamente). Damit können zielgerichtet unterschiedlich aktive Medikamente bei den Betroffenen eingesetzt werden.

Forschung zum Einsatz gentechnisch veränderter Blutzellen

Bei den Autoimmunerkrankungen Multiple Sklerose und Myasthenie wird der Einsatz gentechnisch veränderter weißer Blutkörperchen erforscht. Diese sogenannten T-Zellen aus dem Blut des Erkrankten werden im Labor so verändert, dass sie auf ihrer Oberfläche Rezeptoren als spezialisierte „Angriffswaffen“ gegen Tumor- oder Autoimmunzellen bilden.

Medikamente gegen neurologische Autoimmunerkrankungen

2022 und 2023 wurden weitere Medikamente gegen neurologische Autoimmunerkrankungen erforscht und zugelassen. Bei diesen Erkrankungen kommt es zu einer Aktivierung der eigenen Körperabwehr, die anstelle „äußerer Feinde“, wie Bakterien oder Viren, fälschlicherweise eigene Zellen angreift - speziell Zellen des Nervensystems. Typische Vertreter sind die Multiple Sklerose, die Myasthenie oder Rückenmarksentzündungen. Die neuen Medikamente sind ihrerseits Antikörper und attackieren die anderen fehlgeleiteten Antikörper. Es kommt zu einem deutlichen Rückgang der schädlichen Entzündungsaktivität.

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Parkinson: Neue Therapieansätze und Erkenntnisse über die Ursachen

Auch bei der Parkinson-Krankheit gibt es vielversprechende Entwicklungen. Regelmäßige körperliche Aktivität verlangsamt das „Einrosten“ der Beweglichkeit bei Parkinson und lässt das Gleichgewicht länger gut funktionieren.

Tiefe Hirnstimulation und Ultraschallbehandlung

Wenn die Medikamente bei der Parkinson-Erkrankung nach Jahren nicht mehr gut wirken, kann eine „Tiefe Hirnstimulation“ die Beschwerden verbessern. Dazu werden dauerhaft Elektroden ins Gehirn gelegt, um ein Störfeuer gegen die Fehlerregungen in bestimmten Bewegungszentren des Gehirns zu produzieren. Eine andere aktuell erforschte Methode ist die kernspintomographisch gesteuerte Ultraschallbehandlung, bei der die relevanten Regionen von außen gezielt millimetergenau verödet werden. Der Vorteil im Vergleich zur Stimulation: Man muss nicht operativ den Schädel öffnen. Nachteilig könnte sein, dass man anders als bei der Stimulation Gewebe zerstört. Jetzt wurde immerhin nachgewiesen, dass die meisten Effekte der Ultraschallbehandlung - eine Verbesserung der Motorik um etwa 50 Prozent - auch über 3 Jahre später noch anhalten. Also: mehr als ein Strohfeuer.

Levodopa und Carbidopa als Infusion

Eine aktuelle Studie zeigt, dass die klassischen Parkinson-Wirkstoffe Levodopoa und Carbidopa besser als Infusion unter die Haut wirken. Diese können Erkrankte sich selbst verabreichen. Sie bleiben fast zwei Stunden am Tag länger mobil als bei Tabletten mit diesen Substanzen.

Stammzelltherapie

Stammzellen können eingepflanzt ins motorische Steuerzentrum des Gehirns, zu Dopamin-produzierenden Zellen werden und so den bei Parkinson fehlenden Botenstoff ersetzen. Erste Studien an wenigen Patienten zeigen: Das Verfahren ist sicher, verursacht bislang keine ernsten Nebenwirkungen und verbessert sowohl die Dopaminproduktion als auch die Symptome. Die Ergebnisse belegen, wie intensiv an neuen Therapien geforscht wird. Noch ist es klar zu früh, um in Euphorie auszubrechen, denn die Studienergebnisse lassen viele Fragen offen. So weiß man nicht, ob sich die eingepflanzten Zellen langfristig in die Bewegungsnetzwerke im Gehirn eingliedern.

Rolle des Darms und des Mikrobioms

Neue Studien konnten bisherige Befunde erhärten, dass der Darm und das dort vorhandene Mikrobiom - eine etwa 1,5 Kilogramm schwere Masse an Bakterien und Viren für die Verdauung - eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Parkinson-Erkrankung spielt. Im Darm beispielsweise beginnt die fehlerhafte Faltung des Eiweißstoffs „Synuklein“, der dann weiter zum Gehirn transportiert wird und dort Nervenzellen zerstört.

Weitere Fortschritte in der neurologischen Forschung

Therapie von Nervenschmerzen

In einer großen Analyse von 313 Studien zur Behandlung von Nervenschmerzen - etwa bei diabetischer Polyneuropathie - wurden die Daten von fast 50.000 Patientinnen und Patienten ausgewertet. Auch Medikamente, die eigentlich bei Epilepsie eingesetzt werden, etwa Gabapentin oder Pregabalin, zeigen Erfolge. Betroffene sollten daher nicht überrascht sein, wenn sie ein Mittel verschrieben bekommen, das ursprünglich für Depressionen oder Epilepsie entwickelt wurde.

Behandlung der Friedreich-Ataxie

Gegen die seltene Erbkrankheit Friedreich-Ataxie wurde in Deutschland 2024 der Wirkstoff Omaveloxolon eingeführt. Es ist die erste und bisher einzige Therapie und für Betroffene ab 16 Jahren zugelassen. Die Behandlung hatte in Studien das Voranschreiten der neurologischen Symptome deutlich verzögern können.

Neue Medikamente gegen Migräne

Für die spezielle Akutbehandlung der Migräne-Kopfschmerzen wurden bislang Medikamente aus der Substanzklasse der „Triptane“ erfolgreich eingesetzt. Nicht geeignet waren diese Medikamente, wenn Gefäßerkrankungen zum Beispiel der Herzkranzgefäße bestanden. Nun wurde der erste Vertreter der Substanzklasse der „Ditane“ in Deutschland zugelassen. Das Medikament ist für all jene geeignet, bei denen die Triptane nicht wirken oder nicht einsetzbar sind. Bei chronischer Migräne hat die neue Substanz Atogepant deutliche Erfolge gezeigt und ist gut verträglich. Über 40 Prozent der Behandelten ging es mehr als 50 Prozent besser. In einer Vergleichsgruppe, die einen wirkstofffreien Placebo erhielt, waren es 26 Prozent der Erkrankten.

Fortschritte bei der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS)

Noch ist die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), die mit einem zunehmenden Muskelschwund einhergeht, nicht an den Ursachen behandelbar. In den letzten Monaten ist es jedoch gelungen, Einzelheiten der Krankheitsmechanismen aufzuklären, die sich als Basis für eine ursächliche Therapie anbieten. ALS-Forschende sind optimistisch, dass auch hier weitere Fortschritte zu erzielen sind.

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