Ein Schlaganfall ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die durch eine plötzliche Unterbrechung der Blutversorgung des Gehirns verursacht wird. Weltweit erleiden jährlich etwa 15 Millionen Menschen einen Schlaganfall. Die rasche Diagnose und Behandlung sind entscheidend, um die langfristigen Auswirkungen zu minimieren. Die Diagnostik umfasst sowohl bildgebende Verfahren als auch Blutuntersuchungen, die wichtige Informationen liefern.
Bedeutung der Blutwerte bei der Schlaganfalldiagnose
Die ersten Stunden nach einem Schlaganfall sind entscheidend für die Heilungschancen. Neben bildgebenden Verfahren spielen Blutuntersuchungen eine wichtige Rolle bei der Diagnosefindung und Ursachenklärung.
Frühzeitige Diagnose und Versorgung
Jeder Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall. Nach Eintreffen des Notarztes oder des Rettungsdienstes erfolgt die erste Versorgung des Patienten, einschließlich der Sicherstellung von Puls und Atmung. Blutdruck, Herzfrequenz und Blutzucker werden gemessen. Die Anamnese, also die Befragung des Betroffenen und der Angehörigen zu Symptomen, Risikofaktoren und Krankengeschichte, ist ebenfalls von großer Bedeutung. Die Angabe des genauen Zeitpunkts des Auftretens der ersten Symptome ist hierbei besonders hilfreich. Gegebenenfalls erhält der Patient Sauerstoff und einen venösen Zugang für Flüssigkeit und Medikamente. Der Transport erfolgt dann in ein Krankenhaus mit einer spezialisierten Schlaganfallabteilung (Stroke Unit).
Verfahren zur Schlaganfalldiagnostik
Im Krankenhaus werden verschiedene diagnostische Verfahren eingesetzt, um die Art und Ursache des Schlaganfalls zu bestimmen.
Neurologische Untersuchung
Die neurologische Untersuchung zielt darauf ab, Ausfallerscheinungen und versteckte Symptome, die auf einen Schlaganfall hinweisen, festzustellen und richtig einzuordnen. Zudem werden mögliche Risikofaktoren und Frühwarnsymptome abgefragt. Am Ende der neurologischen Untersuchung kann die Diagnose Schlaganfall in der Regel mit großer Sicherheit gestellt werden.
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Bildgebende Verfahren
- Computertomographie (CT): In den meisten Fällen wird zunächst eine CT des Kopfes durchgeführt. Sie liefert Bilder des Gehirns und seiner Blutgefäße und ermöglicht es, zwischen einer Durchblutungsstörung (ischämischer Schlaganfall, ca. 85% der Fälle) und einer Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall, ca. 15% der Fälle) zu unterscheiden.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Die MRT liefert noch genauere Ergebnisse als die CT, ist aber zeitaufwendiger und teurer. Sie ermöglicht eine präzise Darstellung des Ortes und Ausmaßes der Schädigung im Gehirn.
- CT-Angiographie: Mittels CT-Angiographie können die Hirngefäße dargestellt werden, um Verstopfungen zu erkennen.
- CT-Perfusion: Da eine Durchblutungsstörung erst nach Stunden nachweisbar sein kann, erfolgt gegebenenfalls eine spezielle Untersuchung der Hirndurchblutung mittels Kontrastmittel (CT-Perfusion).
- Doppler-Sonographie: Eine spezielle Art des Ultraschalls, die Doppler-Sonographie, zeigt, ob und wie stark die hirnversorgenden Blutgefäße von Arteriosklerose ("Gefäßverkalkung"), Verengung und Thrombose der Gefäße betroffen sind. Dies hilft bei der Ermittlung der Ursachen des Schlaganfalls. Zum Beispiel werden die Halsschlagadern so auf ihre Durchlässigkeit überprüft.
- Magnetresonanz-Angiographie (MRA): Nicht-invasive Möglichkeiten zur Gefäßsdarstellung sind die Magnetresonanz-Angiographie (MRA) sowie die CT-Angiographie. Beide Untersuchungsmethoden geben Aufschluss über die Art und Ausdehnung von Gefäßeinengungen und -verschlüssen und verdeutlichen Gefäßschäden, die zu Hirnblutungen geführt haben.
Elektrokardiogramm (EKG) und Echokardiographie
Um Herzrhythmusstörungen festzustellen, wird ein Elektrokardiogramm (EKG) gemacht. Mittels einer Ultraschalluntersuchung über die Brustkorboberfläche oder über die Speiseröhre (Schluckecho) können beim Verdacht auf eine Herzerkankung nähere Details ermittelt werden. So lassen sich zum Beispiel Blutgerinnsel in den Vorhöfen nachweisen.
Blutuntersuchungen im Detail
Blutuntersuchungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Schlaganfalldiagnostik. Sie liefern wichtige Informationen über den Zustand des Patienten und helfen bei der Ursachenfindung. Hier sind einige der wichtigsten Blutwerte, die bei einem Schlaganfallpatienten bestimmt werden:
- Blutbild: Die Konzentration der roten (Erythrozyten) und weißen Blutkörperchen (Leukozyten, Lymphozyten, Granulozyten) wird festgestellt.
- Blutplättchen (Thrombozyten) und Blutgerinnungswerte: Von besonderem Interesse sind auch die Blutplättchen (Thrombozyten) und Blutgerinnungswerte. Bei einer krankhaften Störung des Gerinnungssystems verklumpen die Blutplättchen und bilden die gefährlichen Blutgerinnsel.
- Blutzuckerwerte: Die Blutzuckerwerte werden gemessen, um eine Über- oder Unterzuckerung auszuschließen.
- Elektrolyte: Kalium- und Natriumkonzentration werden bestimmt.
- Leber- und Nierenwerte: Leber- und Nierenwerte werden gemessen, um die Funktion dieser Organe zu überprüfen.
- Lipoprotein(a) (Lp(a)): Einmal im Leben sollte jeder seinen Lipoprotein(a)-Wert im Blut bestimmen lassen. Der Wert bleibt, weil angeboren, in der Regel das ganze Leben konstant. Bei Werten im Graubereich zwischen 30 und 50 mg/dl ist eine erneute Untersuchung zu einem späteren Zeitpunkt jedoch durchaus sinnvoll. In bis zu 60% steigt der Wert in den Bereich mit hohem Risiko. Dies geschieht besonders häufig in und nach den Wechseljahren. Auch Erkrankungen der Niere oder der Leber können ebenso wie Medikamente zu einer Änderung des Lipoprotein(a)-Wertes führen. Patienten mit einem Lp(a) Wert von 60 mg/dl haben ein etwa 3fach erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen.
- Nierenparameter: Harnstoff, Kreatinin, ggf. Cystatin C bzw. Glomeruläre Filtrationsrate (GFR) - bei Apoplex-Patienten kann trotz normaler bzw. Laborparameter eine Nierenfunktionsstörung vorliegen
Neue Biomarker in der Schlaganfalldiagnostik
Die Forschung arbeitet kontinuierlich an der Identifizierung neuer Biomarker, die eine noch schnellere und präzisere Diagnose ermöglichen sollen.
Gliafaserprotein (GFAP) bei Hirnblutungen
Ein vielversprechender neuer Ansatz ist die Bestimmung des Gliafaserproteins (GFAP) im Blut. Einem Forscherteam um Professor Dr. Christian Förch ist es gelungen, ein Eiweiß zu identifizieren, das im Falle von Blutungen im Schädelinneren explosionsartig aus den zerstörten Hirnzellen freigesetzt und in das Blut geschwemmt wird. Über ein Schnelltest-Messgerät ist die Bestimmung dieses Eiweißes, des sogenannten sauren Gliafaserproteins (GFAP), innerhalb weniger Minuten aus einer Blutprobe möglich. Wie in einer aktuell veröffentlichten Forschungsarbeit in der Fachzeitschrift „Critical Care“ dargestellt (Critical Care 2024 28:109), lassen sich hierdurch Blutungen im Schädelinneren bereits in der Phase vor der Krankenhausaufnahme zuverlässig erkennen. „Diese Entwicklung bietet dem Rettungsdienst und den Notärzten zukünftig die Möglichkeit, unmittelbar eine erste diagnostische Einordnung vornehmen und geeignete Maßnahmen einleiten zu können. Dies betrifft insbesondere die Kontrolle des Blutdrucks und die gezielte Zuweisung in eine Klinik mit einer neurochirurgischen Abteilung“, so Dr. Love-Preet Kalra, Ärztin der Schlaganfall-Schwerpunktstation im Ludwigsburger Klinikum.
Extrazelluläre Vesikel, Proteine und Mikro-RNAs
Im Rahmen des europäischen Verbundvorhabens iBIOStroke werden neuronale extrazelluläre Vesikel isoliert und die darin enthaltenen Proteine und Mikro-RNAs gemessen und quantifiziert. Diese Untersuchungen sollen dazu beitragen, Patienten mit einem erhöhten Risiko für einen chronischen Krankheitsverlauf nach Schlaganfall zu identifizieren.
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Therapieansätze bei erhöhten Lipoprotein(a)-Spiegeln
Die Höhe des Lipoprotein(a) ist nicht von der Ernährung abhängig und momentan noch durch Medikamente wenig zu beeinflussen. Bei Patienten mit erhöhten LP(a)-Spiegel sollten deshalb andere Risikofaktoren wie Blutdruck oder LDL-Cholesterin möglichst optimal eingestellt werden. Der LDL-Cholesterinwert sollte je nach den Befunden im Herz-Gefäß-Check auf Werte zwischen 55-100 mg/dl abgesenkt werden. Jährliche Kontrollen der Gefäße mit Ultraschall sind empfehlenswert.
Medikamentöse Therapie
Als Therapie kommen neben Senkung des LDL-Cholesterin durch Statine und Ezetemib auch PCSK9-Hemmer infrage, die auch zu einer Senkung von Lp(a) um 20-30% führen können.
Lipidapharese
Bei einer Lipidapharese wird das Blut über eine Armvene aus dem Körper herausgeleitet und nach der Entfernung des LDL-Cholesterins oder des LP(a) über eine zweite Armvene dem Blutkreislauf wieder zugeführt. Lipidapharese kommen nur bei Patienten mit einem LDL über 100 mg/dl der Lp(a) über 60 mg/dl und schon fortschreitenden Gefäßverkalkungen zur Anwendung, wenn alle andere Maßnahmen zuvor ausgeschöpft worden sind . Mit der Lipidapharese können LDL und Lp(a) um 60 % absenken. Meist erhalten die Patienten einmal wöchentlich eine Blutwäsche.
Zukünftige Therapieansätze
Es gibt aber vier neue Medikamente, die zur Zeit in Studien untersucht werden. Lepdisiran ist ein sogenanntes small interfering RNA (siRNA). Es unterbindet in der Leber die Bildung des Lipoprotein (a). Durch eine einzige Spritze konnte das Lp(a) um bis zu 94% gesenkt werden, wobei die Wirkung fast ein Jahr anhielt. Neben Lepodisiran werden zur Zeit mit Olpasiran und Zerlasiran zwei weitere siRNA untersucht. Es besteht also begründete Hoffnung, dass uns in absehbarer Zeit Medikamente zur Verfügung stehen, mit denen der Lipoprotein(a)-Spiegel effektiv gesenkt werden kann.
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