Einleitung
Die Diagnose eines Hirntumors stellt für Betroffene und ihre Angehörigen eine immense Belastung dar. Neben den konventionellen Behandlungsmethoden wie Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie suchen viele Patient:innen nach ergänzenden (komplementären) und alternativen Behandlungsangeboten, um ihre Lebensqualität zu verbessern und die mit der Erkrankung und Therapie verbundenen Nebenwirkungen zu lindern. Akupressur, eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, hat in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung gewonnen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Studienlage zur Akupressur bei Hirntumorpatient:innen und diskutiert ihre potenziellen Vorteile und Risiken im Rahmen eines integrativen Behandlungsansatzes.
Was ist Akupressur?
Akupressur ist eine manuelle Therapie, die auf den Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) basiert. Sie ähnelt der Akupunktur, verwendet jedoch anstelle von Nadeln die Finger, Hände oder andere Hilfsmittel, um Druck auf spezifische Punkte entlang der sogenannten Meridiane auszuüben. Diese Meridiane sind Energiebahnen, die den Körper durchziehen und mit bestimmten Organen und Funktionen in Verbindung stehen sollen. Durch die Stimulation dieser Punkte sollen Blockaden gelöst und der Energiefluss (Qi) harmonisiert werden, was zu einer Linderung von Schmerzen, Stress und anderen Beschwerden führen kann.
Die Rolle der Komplementärmedizin in der Onkologie
Die Komplementärmedizin umfasst Behandlungsverfahren, die ergänzend zur sogenannten Schulmedizin eingesetzt werden, während die Alternativmedizin oftmals keine gleichzeitige Behandlung der Schulmedizin vorsieht. Patient:innen mit einer Krebserkrankung wollen häufig selbst aktiv zum Therapieerfolg beitragen und suchen nach Möglichkeiten, ihren Körper zu unterstützen. Daher greifen ca. die Hälfte aller Betroffenen auf eine ergänzende Behandlung zurück. Die Einnahme einer ergänzenden Behandlung geschieht oftmals im Glauben, damit die Schulmedizin, z.B. eine Tumortherapie, zu unterstützen und Nebenwirkungen zu reduzieren.
Eine neue S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer Patient:innen soll Klarheit bringen und evidenzbasierte Empfehlungen für die klinische Praxis geben. Ausgewählt wurden Verfahren, die eine hohe Verbreitung aufweisen und zu denen ausreichend Daten vorliegen. Die Zielgruppe der Leitlinie sind Onkolog:innen und Haus- & Fachärzt:innen, die Krebsbetroffene begleiten und behandeln. Aber auch medizinisches Personal kann von der Leitlinie profitieren. Sie dient als Nachschlagewerk mit Handlungsempfehlungen für die tägliche Routine.
Akupressur bei Hirntumoren: Was sagt die Forschung?
Die Studienlage zur Akupressur bei Hirntumorpatient:innen ist noch begrenzt, aber vielversprechend. Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupressur bei der Linderung verschiedener Symptome helfen kann, die mit Hirntumoren und deren Behandlung verbunden sind.
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- Schmerzlinderung: Eine kürzlich veröffentlichte Meta-Analyse belegt, dass Krebsschmerzen durch Akupunktur und Akupressur signifikant gelindert werden können. Akupressur kann eine wirksame Methode zur Schmerzkontrolle sein, insbesondere bei Tumorschmerzen. Zhang et al. (2006) untersuchten die klinische Forschung zur Kombination von Yin-Nahrung und Meridian-Entblockungsrezepturen mit Opioid-Analgetika zur Behandlung von Krebsschmerzen.
- Übelkeit und Erbrechen: Akupressur am Perikard 6 (P6) Akupunkturpunkt, der sich am Handgelenk befindet, hat sich als wirksam bei der Reduzierung von Übelkeit und Erbrechen erwiesen, die durch Chemotherapie verursacht werden. Akupressur kann auch im Rahmen einer Chemotherapie eingesetzt werden, um Beschwerden wie Übelkeit oder Fatigue zu lindern.
- Fatigue: Fatigue, ein Zustand extremer Müdigkeit und Erschöpfung, ist ein häufiges Problem bei Krebspatient:innen. Einige Studien haben gezeigt, dass Akupressur die Fatigue bei Krebspatient:innen reduzieren kann. Xu et al. (2020) untersuchten Renshen Yangrong Tang Herbal Extract Granules zur Reduzierung von Fatigue bei Krebsüberlebenden. Zhang , Y. et al. (2018) führten eine Meta-Analyse zu den Auswirkungen von Akupunktur auf krebsbedingte Müdigkeit durch. Williams JL. untersuchte Fatigue bei Patienten mit fortgeschrittenem Krebs.
- Schlafstörungen: Schlafstörungen sind ein weiteres häufiges Problem bei Hirntumorpatient:innen. Akupressur kann helfen, den Schlaf zu verbessern, indem sie Stress reduziert und Entspannung fördert. Tai Chi Chuan verbessert den Schlaf bei Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium.
- Angst und Depression: Akupressur kann auch dazu beitragen, Angst und Depressionen bei Krebspatient:innen zu reduzieren. Meditation kann eingesetzt werden, um Angstsymptome bei verschiedenen Krebsarten zu lindern. Allerdings ist hier die Datenlage begrenzt und die Empfehlung bezieht sich nicht auf behandlungsbedürftige Angststörungen.
Wissenschaftliche Evidenz und Leitlinien
Die deutsche S3-Leitlinie "Komplementärmedizin in der Behandlung onkologischer PatientInnen" bewertet Akupunktur/Akupressur, QiGong/Taijiquan und Tuina. Der Empfehlungsgrad B („sollte“) wurde für bestimmte TCM-Methoden ausgesprochen. Für Shiatsu/Tuina liegen laut S3-Leitlinie keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit auf die Reduktion der krankheitsassoziierten oder therapieassoziierten Morbidität bei onkologischen Patient:innen vor.
Fachleute sehen Hinweise, dass Akupunktur zum Beispiel bei Übelkeit durch Chemotherapie, Gelenkschmerzen durch Aromatasehemmer, Nervenschmerzen, Tumorschmerzen sowie bei Schlafstörungen hilfreich sein kann. Als ergänzende Maßnahme wird sie von Expertinnen und Experten insgesamt als sinnvoll erachtet, um die Lebensqualität von Krebspatientinnen und Krebspatienten in bestimmten Situationen zu verbessern.
Wie wird Akupressur bei Hirntumoren angewendet?
Die Akupressurbehandlung bei Hirntumorpatient:innen sollte von einem qualifizierten und erfahrenen Therapeuten durchgeführt werden. Der Therapeut wird zunächst eine umfassende Anamnese erheben und die individuellen Bedürfnisse und Beschwerden des Patienten berücksichtigen. Anschließend wird er spezifische Akupunkturpunkte auswählen, die für die Behandlung relevant sind.
Die Behandlung selbst ist in der Regel schmerzfrei und entspannend. Der Therapeut übt sanften bis mäßigen Druck auf die ausgewählten Punkte aus, wobei er die Reaktion des Patienten kontinuierlich überwacht. Eine Sitzung dauert in der Regel 30 bis 60 Minuten. Die Anzahl der benötigten Sitzungen variiert je nach Patient und Beschwerden.
Im Rahmen des NADA-Protokolls werden nach einem standardisierten Konzept fünf definierte Punkte einmal wöchentlich an den Ohren nach einem standardisierten Konzept behandelt. Die Behandlung wird mit speziellen Akupressurpflastern, die ein kleines gold-beschichtetes Kügelchen am Ohr andrücken, durchgeführt.
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Sicherheit und Risiken der Akupressur
Akupressur ist im Allgemeinen eine sichere Behandlungsmethode, wenn sie von einem qualifizierten Therapeuten durchgeführt wird. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören leichte Schmerzen oder Beschwerden an den behandelten Stellen, Müdigkeit oder Schwindel. In seltenen Fällen kann es zu Blutergüssen oder Hautirritationen kommen.
Es ist wichtig zu beachten, dass Akupressur keine Heilung für Hirntumoren darstellt. Sie kann jedoch eine wertvolle Ergänzung zu den konventionellen Behandlungsmethoden sein, um Symptome zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.
Vorsichtsmaßnahmen und Kontraindikationen
In bestimmten Fällen ist bei der Anwendung von Akupressur Vorsicht geboten oder sie ist kontraindiziert. Dazu gehören:
- Schwangerschaft: Einige Akupunkturpunkte können Wehen auslösen.
- Blutgerinnungsstörungen: Akupressur kann das Risiko von Blutungen erhöhen.
- Hauterkrankungen: Akupressur sollte nicht auf entzündeter oder infizierter Haut angewendet werden.
- Fieber: Akupressur sollte nicht bei Fieber angewendet werden.
Integrativer Behandlungsansatz
Akupressur sollte als Teil eines umfassenden, integrativen Behandlungsansatzes betrachtet werden, der auch konventionelle medizinische Behandlungen, Ernährungsumstellung, Bewegung und psychologische Unterstützung umfasst. Die Zusammenarbeit zwischen dem behandelnden Arzt und dem Akupressur-Therapeuten ist entscheidend, um die bestmögliche Versorgung des Patienten zu gewährleisten.
Patient:innen sollen zukünftig an jedem Tumorzentrum und Behandlungsort zu komplementär-medizinischen Verfahren durch die betreuenden Ärzt:innen und andere Berufsgruppen beraten werden - und damit nicht mehr mit der Suche nach seriöser Information allein gelassen werden. Durch eine umfassende Aufklärung über die Indikation, Kontraindikation und mögliche Wechselwirkungen sollen sie befähigt werden, selbst zu entscheiden, welche Methoden zu ihrer Therapie passen, und begleitend zur laufenden konventionellen Therapie ohne erhöhtes Risiko angewendet werden können.
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Fazit
Akupressur ist eine vielversprechende komplementärmedizinische Methode, die bei Hirntumorpatient:innen zur Linderung von Symptomen und zur Verbesserung der Lebensqualität eingesetzt werden kann. Die aktuelle Studienlage ist noch begrenzt, aber es gibt Hinweise darauf, dass Akupressur bei Schmerzen, Übelkeit, Fatigue, Schlafstörungen und Angstzuständen helfen kann. Akupressur sollte jedoch immer als Teil eines integrativen Behandlungsansatzes betrachtet werden und von einem qualifizierten Therapeuten durchgeführt werden. Weitere Forschung ist erforderlich, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Akupressur bei Hirntumorpatient:innen weiter zu untersuchen.
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