Akupunktur bei Migräne: Wirksamkeit, Studien und Erstverschlimmerung

Die Akupunktur, eine traditionelle chinesische Behandlungsmethode, wird seit Jahrtausenden zur Linderung verschiedener Beschwerden eingesetzt. In den letzten Jahren hat sie auch in der westlichen Medizin zunehmend an Bedeutung gewonnen, insbesondere bei der Behandlung von chronischen Schmerzen wie Migräne. Dieser Artikel beleuchtet die Wirksamkeit von Akupunktur bei Migräne, aktuelle Studienergebnisse, mögliche Erstverschlimmerungen und weitere wichtige Aspekte.

Was ist Akupunktur?

Akupunktur ist ein Teilgebiet der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Sie basiert auf der Vorstellung, dass Lebensenergien (Qi) auf definierten Längsbahnen, den Meridianen, zirkulieren und einen steuernden Einfluss auf alle Körperfunktionen haben. Ein gestörter Energiefluss wird für Erkrankungen verantwortlich gemacht und soll durch Stiche in auf den Meridianen angenommene Akupunkturpunkte ausgeglichen werden. Bei der klassischen chinesischen Akupunktur zur Vorbeugung von Migräne werden Nadeln aus Stahl, Silber oder Gold auf bestimmte Linien (Jing luo) gesetzt, durch welche die Lebensenergie fließt. Der Akupunkteur sticht die Nadeln senkrecht oder schräg ein - anschließend kann er diese drehen, senken oder anderweitig stimulieren.

Akupunkturpunkte bei Migräne

Welche Akupunkturpunkte bei Migräne gewählt werden, ist unterschiedlich. Der Therapeut macht sich im Idealfall erst einmal ein genaues Bild der Erkrankung. Er prüft dabei, an welchen Energiebahnen seines Patienten er Blockaden erkennen kann und setzt dementsprechend die Nadeln an verschiedene Punkte. Häufig sind beispielsweise die Gallen- oder Leberleitbahnen betroffen.

In der TCM gibt es sogenannte Funktionskreise, die verschiedenen Organen zugeordnet sind und den Körper teilweise oder ganz durchziehen. Die Stimulation durch die Nadeln soll den Körper in einen harmonischen Zustand versetzen - chinesische Gelehrte sprechen vom inneren Gleichgewicht Ying und Yang. Gestaute Energie wird wieder ins Fließen gebracht, was Überschüsse und Mängel ausgleicht.

Studien zur Wirksamkeit von Akupunktur bei Migräne

Mehrere Studien haben die Wirksamkeit von Akupunktur bei Migräne untersucht. Eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration kam zu dem Schluss, dass Patienten mit Spannungskopfschmerzen oder Migräne von einer vorbeugenden Akupunktur profitieren können, selbst wenn die Nadeln nicht an den von der traditionellen chinesischen Medizin vorgesehenen Punkten gesetzt werden. Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung an der Technischen Universität München wertete die Daten von 33 Studien mit insgesamt 6.736 Patienten aus, in denen die Wirkung der Akupunktur zur vorbeugenden Behandlung des Spannungskopfschmerzes und der Migräne untersucht worden waren.

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Ergebnisse der Studien

Insgesamt litten Patienten, die über wenigstens acht Wochen eine Akupunktur erhielten, seltener an Kopfschmerzen als Patienten, denen nur Schmerzmittel verordnet wurden. In der Analyse zur Migräne war die Akupunktur einer medikamentösen Prophylaxe sogar überlegen. Dies traf allerdings auch auf jene Akupunkturen zu, in denen die Nadeln nicht nach den Regeln der traditionellen chinesischen Medizin platziert wurden. Bei der Studie zum Spannungskopfschmerz war die „echte“ Akupunktur der „falschen“ dagegen leicht überlegen.

German Acupuncture Trials (GERAC)

Die „German Acupuncture Trials“ (GERAC) überprüften die Wirksamkeit von Nadel-Körperakupunktur bei Patienten mit Migräne oder chronischen Spannungskopfschmerzen. Eine Vorgabe des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) war der direkte Vergleich mit leitlinienorientierter konventioneller Standardtherapie. Verumakupunktur nach den Vorgaben der Traditionellen Chinesischen Medizin wurde mit Shamakupunktur (falsche Punkte, sehr geringe Stichtiefe, keine Nadelstimulation) und mit einer medikamentösen Anfallsprophylaxe (gemäß Leitlinien) verglichen.

Bei Migräne bewirkten zehn bis 15 Akupunktursitzungen (zwei Sitzungen pro Woche) eine mittlere Reduktion der Migränetage von 28 Prozent (Sham) beziehungsweise 38 Prozent (Verum) und die medikamentöse Anfallsprophylaxe (überwiegend b-Blocker) eine mittlere Reduktion von 33 Prozent. Alle drei Therapien waren ähnlich effektiv hinsichtlich der Verminderung der Anfallshäufigkeit.

IGeL-Monitor

Der IGeL-Monitor hat erneut den Nutzen und Schaden der „Akupunktur zur Vorbeugung von Migräneanfällen“ und der „Akupunktur zur Vorbeugung von Spannungskopfschmerzen“ untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass Studien Hinweise geben, dass Akupunktur helfen kann, Migräneanfällen vorzubeugen und/oder deren Intensität abzuschwächen. Das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors bewertet diese IGeL deshalb mit „tendenziell positiv“.

Akupunktur vs. Scheinakupunktur

Ein anderer Teil der Studie bringt die Experten ins Grübeln. Von 1200 Teilnehmern erhielten einige ohne ihr Wissen nur eine so genannte Minimalakupunktur. Hier piekt der Arzt zwar ebenfalls, jedoch an den falschen Stellen. Das verblüffende Ergebnis: fast immer wirken die deplazierten Nadeln genauso gut. Lediglich bei Arthrosen müssen sie richtig stecken, um den optimalen Erfolg zu garantieren.

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Einige Experten bezweifeln, dass Akupunktur wirklich einen Effekt hat. Beispielsweise unterstellen sie den Studien, dass die Teilnehmer schon im Vorfeld von der Methode überzeugt waren und daher eine vorurteilsfreie Bewertung kaum möglich war. Es gilt als wissenschaftlich gesichert, dass Akupunktur einen Nutzen in der Prophylaxe der episodischen Migräne bringt. Dieser Erfolg stellt sich auch dann ein, wenn Migräne-Patienten gar nicht mit der traditionellen chinesischen Akupunktur behandelt werden, sondern mit einer Scheinakupunktur. Ob die Akupunktur auch bei chronischer Migräne hilft, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend untersucht. Auch gibt es Hinweise darauf, dass die Akupunktur nur Menschen hilft, die ihr grundsätzlich positiv gegenüberstehen.

Erstverschlimmerung bei Akupunktur

In 80 Prozent der Fälle bringt die erste Behandlung mit Akupunktur eine leichte Besserung, die zweite und dritte kann zu einer Steigerung der Symptome führen. Dieser Zustand einer Erstverschlimmerung zeigt an, dass der Körper auf die Behandlung anspricht und ist auch aus anderen Naturheilverfahren bekannt (z. B. aus der Homöopathie). Rund 15 Prozent der Behandelten zeigen nach ein bis zwei Behandlungen eine spontane Besserung, sprechen danach aber nicht mehr auf die Akupunktur an. Sie sind meist durch Akupunktur allein nicht zu heilen. Bei zwei bis drei Prozent tritt die Erstverschlimmerung bereits nach der ersten Behandlung ein, die Beschwerden werden dann oft nur langsam schwächer. Und zwei Prozent der Behandelten sprechen gar nicht auf die Akupunktur an.

Vor- und Nachteile der Akupunktur im Vergleich zu Medikamenten

Akupunktur kann eine wirksame Möglichkeit sein, Migräne vorzubeugen. Vorteil ist, dass du nicht mit Nebenwirkungen zu rechnen brauchst. Wenn die Behandlung nicht anschlägt, kannst du einfach etwas anderes probieren. Der Nachteil der Akupunktur besteht darin, dass sie nicht bei jedem Patienten anschlägt. Zudem bezweifeln einige Experten, dass sie wirklich einen Effekt hat. Ein weiteres Manko der Akupunktur: Im Akutfall, also während einer Migräne-Attacke, kann sie nicht helfen. Eine medikamentöse Prophylaxe birgt hingegen immer das Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen, da Patienten über einen längeren Zeitraum Arzneimittel einnehmen müssen. Auch kann sie bei manchen wirkungslos bleiben.

Kosten und Dauer der Akupunktur bei Migräne

Akupunktur gegen Migräne oder spannungsbedingte Kopfschmerzen wird derzeit nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Dies liegt unter anderem daran, dass die Wirksamkeit der Akupunktur gegenüber einer Nichtbehandlung zwar nachgewiesen, gegenüber einer Scheinakupunktur jedoch nicht bestätigt ist. Personen mit Migräne müssen die Kosten je Sitzung von 30 bis 70 Euro also in der Regel selbst bezahlen.

Bei der Akupunktur der Migräne wird üblicherweise zwei Mal pro Woche für 20 bis 30 Minuten therapiert. Im Durchschnitt stellen sich die ersten Erfolge nach circa sieben bis acht Sitzungen ein. Sollten nach einem Behandlungszyklus kaum Verbesserungen eingetreten sein, kann ein weiterer Zyklus folgen. Bei erfolgreicher Akupunktur empfehlen Therapeuten, nach einigen Monaten mit wenigen Sitzungen aufzufrischen.

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Was ist nach der Akupunkturbehandlung zu beachten?

Wichtig: Die Nadeln sollten während der Anwendung nicht stören, sodass der Patient voll entspannen kann. Probier einfach aus, ob die Akupunktur dir gut tut.

Wer darf eine Akupunktur durchführen?

In Deutschland dürfen Akupunktur-Behandlungen nur von speziell ausgebildeten Fachkräften durchgeführt werden. Dazu zählen Ärztinnen und Ärzte, Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker sowie Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, wenn diese eine zusätzliche Qualifikation in Akupunktur erworben haben. Sowohl die deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. als auch der Fachverband für chinesische Medizin bieten Suchfunktionen für qualifizierte Fachkräfte auf ihren Webseiten an.

Risiken und Nebenwirkungen der Akupunktur

Akupunkturen sind sichere Therapien. Acht Prozent der Patienten berichteten über leichte Nebenwirkungen wie kleine Blutergüsse oder minimale Blutungen. Es gab lediglich eine schwere Nebenwirkungen, bei der durch einen Stich Luft ins Lungenfell eindringen konnte. Das Leben der Probanden aber war in keinem Fall gefährdet.

Nicht durchgeführt werden darf eine Akupunktur bei Blutgerinnungsstörungen und der Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten. Die Einstichstellen können an manchen Punkten etwas schmerzhaft sein. Auch treten gelegentlich Rötungen, Brennen und Schweißaustritt auf. Bei empfindlichen Personen kann es - unabhängig vom eingestochenen Punkt - zu Kollaps Reaktionen kommen. Infektionsrisiken bestehen theoretisch, wenn Nadeln mehrfach gebraucht werden. Einige Medikamente, wie zum Beispiel Kortison, können die Wirkung der Akupunktur beeinträchtigen. Das ist vor allem bei hohen Dosierungen über lange Zeit der Fall. Auch Bäderkuren und intensive Bestrahlungen bei Krebs können die Akupunktur stören. In diesen Fällen sollte einige Wochen gewartet werden, ehe mit der Akupunktur begonnen wird.

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