Alkoholfreies Bier und seine Wirkung auf das Dopaminsystem: Ein überraschender Glücklichmacher?

Bier ist ein beliebtes Getränk, das oft mit Geselligkeit und Entspannung verbunden wird. Viele Menschen berichten von einem Gefühl des Wohlbefindens nach dem Konsum von Bier. Lange Zeit wurde dieser Effekt hauptsächlich dem Alkohol zugeschrieben. Doch neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass auch alkoholfreies Bier eine positive Wirkung auf unser Gehirn haben kann. Insbesondere der Einfluss auf das Dopaminsystem, das eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Glücksgefühlen und Belohnungsempfindungen spielt, steht im Fokus aktueller Studien.

Die Rolle von Dopamin im Belohnungssystem

Dopamin ist ein Neurotransmitter, also ein Botenstoff, der Signale zwischen Nervenzellen im Gehirn überträgt. Es ist ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Belohnungssystems, das uns seit Jahrtausenden das Überleben sichert. Auf bestimmte Reize reagiert unser zentrales Nervensystem durch die Ausschüttung von Botenstoffen, die dafür sorgen, dass wir uns glücklich und motiviert fühlen. Dopamin ist einer dieser Botenstoffe, der den Alkoholkonsum als "positiv" und belohnend in unserem Gedächtnis markiert und damit die Motivation weckt, das Trinkereignis zu wiederholen.

Das Belohnungszentrum im Gehirn wird durch den Neurotransmitter Dopamin ausgelöst: Verlockende Lebensmittel aktivieren Gehirnareale des Belohnungszentrums, in denen der Dopamin-D2-Rezeptor zu finden ist.Dieses System kann jedoch auch durch Substanzen wie Alkohol beeinflusst werden. Alkohol wirkt auf das dopaminerge System, das körpereigene Opioidsystem und das Serotoninsystem und verstärkt die Ausschüttung dieser Botenstoffe. Das Gehirn merkt sich den positiven Effekt, der mit dem Alkoholkonsum verbunden war, und möchte dieses Stimmungshoch nach Möglichkeit sofort wieder herbeiführen. Dadurch entsteht das sogenannte Suchtverlangen oder Craving - der Wunsch, die rauscherzeugende Substanz erneut zu konsumieren.

Die Entdeckung des Hordenins

Wissenschaftler des Departments Chemie und Pharmazie der Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) haben 13.000 Lebensmittelinhaltsstoffe daraufhin untersucht, ob sie das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren und somit für ein zufriedenes Gefühl beim Konsumenten sorgen. Dabei bedienten sich die Forscher zusammen mit Kollegen des Computer-Chemie-Centrums der FAU der Methode des virtuellen Screenings, ein aus der Pharmaforschung bekannter Ansatz. Dabei werden die Lebensmittelinhaltsstoffe zunächst nicht im Labor, sondern am Computer untersucht. Die Wissenschaftler legten dafür zunächst eine virtuelle Datenbank aus 13.000 in Lebensmitteln vorkommenden Molekülen an. Aus dieser Datenbank galt es, diejenigen Moleküle zu finden, die auf den Dopamin-D2-Rezeptor passen - quasi die passenden Schlüssel für das Schlüsselloch. Der Computer berechnete, welche Moleküle wahrscheinlich mit dem Dopamin-D2-Rezeptor interagieren können: entweder über synthetische Substanzen, von denen bereits bekannt ist, dass sie mit dem Rezeptor interagieren - wie Arzneimittel zur Behandlung von Parkinson oder Schizophrenie - oder über die dreidimensionale Struktur des Rezeptors.

Die vielversprechendsten Testergebnisse zeigte dabei die Substanz Hordenin, ein Inhaltsstoff von Gerstenmalz und Bier. Es ist überraschend, dass ein Inhaltsstoff von Bier zur Aktivierung des Dopamin-D2-Rezeptors führt. Genau wie Dopamin aktiviert Hordenin den Dopamin-D2-Rezeptor - mit einem wichtigen Unterschied: Er funktioniert über einen anderen Signalweg. Hordenin aktiviert den Rezeptor im Gegensatz zu Dopamin ausschließlich über sogenannte G-Proteine, was zu einem nachhaltigeren Effekt auf das Belohnungszentrum führen könnte.

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Biergeschmack und Dopaminausschüttung - auch ohne Alkohol

Eine US-Studie liefert Belege für einen Effekt, den wohl jeder Bierliebhaber kennt: Bier macht glücklich! Das liegt jedoch nicht an dem Alkoholgehalt, sondern einzig am Geschmack des süffigen Getränks. Um zu verstehen, wie Sucht entsteht, ließ der Neurologe David Kareken von der Universität Indiana 49 männliche Probanden ihr Lieblingsbier oder ein alkoholfreies Sportgetränk zu sich nehmen. Wer sich für das Bier entschied, erhielt in einem Zeitraum von 15 Minuten eine sehr geringe Menge - gerade mal 15 Milliliter, das ist etwa ein Schluck. Eine solche Dosis an Alkohol ist so niedrig, dass sie weder im Blut nachgewiesen werden kann noch Wirkung zeigt. Während die Testpersonen tranken, maß der Forscher die Dopamin-Ausschüttung des Gehirns. Tatsächlich schüttete es die körpereigenen Botenstoffe aus, sobald die Testpersonen Bier schmeckten.

„Dieses Experiment zeigt, dass allen der Geschmack eines alkoholischen Getränks die Dopamin-Aktivität im Belohungszentrum des Hirns auslöst, unabhängig von der berauschenden Wirkung”, sagt Kareken. Sprich: Auch alkoholfreies Bier sorgt für beste Party-Laune. Interessanterweise funktionierte das sogar bei Teilnehmern, die erklärten, dass ihnen Limonade besser schmecke. Selbst bei ihnen war der Effekt deutlich größer, wenn sie alkoholfreies Bier tranken.

Alkoholfreies Bier: Mehr als nur ein Getränk

Alkoholfreies Bier enthält keinen Alkohol - doch ganz ohne Wirkung bleibt es nicht. Geschmack und Ritual können das Gehirn aktivieren und das Gefühl von Geselligkeit auslösen. Auch ohne Alkohol reagiert das Gehirn auf den vertrauten Geschmack. Geruch, Schaum und Bitterkeit erinnern an frühere Trink-Erfahrungen und aktivieren bestimmte Hirnareale. Das erklärt Erik Scherder, Professor für Neuropsychologie, der sich seit Jahren mit dem Zusammenspiel von Gehirn, Verhalten und Gewohnheiten beschäftigt. Entscheidend sei dabei nicht der Alkohol selbst, sondern die Erwartungshaltung.

Durch diese sogenannte Konditionierung wird Dopamin ausgeschüttet - ein Botenstoff, der für Belohnung und gute Stimmung sorgt. Das Ergebnis: Man fühlt sich entspannter und „dazugehörig“, obwohl der typische Rausch ausbleibt. Im Unterschied zu alkoholischem Bier bleiben Koordination, Gedächtnis und Hemmschwellen jedoch unbeeinträchtigt.

Alkoholfreies Bier im Kontext von Sucht und Abhängigkeit

Dopamin kennen die meisten von uns als sogenanntes „Glückshormon“. Vermutlich denken wir deshalb, dass wir von diesem Neurotransmitter gar nicht genug bekommen können. Das ist jedoch nicht immer so: Ein chronisch hoher Alkoholkonsum überstimuliert das dopaminerge System - das sorgt zwar kurzfristig für positive Gefühle, kann langfristig aber gravierende Schwierigkeiten herbeiführen.

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Langfristig ergibt sich hieraus eine weitere Schwierigkeit: Je häufiger alkoholische Getränke konsumiert werden, umso sensibler wird das dopaminerge System. Die Effekte, die der langjährige Alkoholkonsum auf den Dopamin-Spiegel im Gehirn hat, können nicht nur dazu führen, dass sich eine Alkoholsucht ausbildet - sie kann auch abstinenzwillige Alkoholiker zu einem Rückfall verleiten. Das hat die Wissenschaftlerin Dr. Dr. Hirth untersucht sowohl Hirnproben von verstorbenen Alkoholikern als auch von Menschen, die ihr Leben lang gar keinen oder nur sehr wenig Alkohol konsumiert hatten. Das Ergebnis: Bestimmte Areale im Gehirn, welche über die Verhaltenskontrolle entscheiden, wiesen bei Alkoholikern eine größere Dopamin-Konzentration auf. Das bedeutet: Die Verhaltenskontrolle kann bei Menschen mit einer Alkoholsucht nachhaltig verringert sein.

Wenn Menschen Alkohol trinken, wird die Produktion des Neurotransmitters Dopamin angekurbelt. Geschieht dies über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßig, gewöhnt sich der Konsument ebenso wie sein Gehirn an diesen Effekt. Die Folge: Das zentrale Nervensystem fährt die Eigenproduktion des Botenstoffs herunter bzw. Entscheidet sich ein Suchtkranker dazu, keinen Alkohol mehr zu trinken, sinkt der Dopamin-Spiegel schnell ab und verbleibt auf diesem Niedriglevel. Denn das Gehirn ist noch nicht wieder daran gewöhnt, die Dopamin-Werte wieder eigenständig anzuheben. Aufgrund dessen führt die Kombination aus Dopamin und Alkohol beim Entgiften zunächst zu einer intensiven Stimmungsverschlechterung. Betroffene fühlen sich schlapp, dysphorisch und antriebslos.

Scherder rät deshalb, 0.0-Bier nicht automatisch als Dauerlösung zu sehen - vor allem dann nicht, wenn man bewusst mit dem Trinken aufhören will. Die Verbindung zwischen Bier und Geselligkeit bleibe sonst im Kopf bestehen. Auch Wasser oder Softdrinks könnten soziale Rituale erfüllen - ganz ohne diese Prägung.

Alkoholfreies Bier: Alternative mit Grenzen

Dass alkoholfreies Bier das Gehirn zwar beeinflussen kann, körperlich aber anders wirkt als klassisches Bier, zeigt sich auch bei einem Blick auf den Stoffwechsel. Zwar gilt 0.0-Bier als kalorienärmer und wird häufig als isotonisches Getränk beworben, dennoch enthält es je nach Herstellungsverfahren Zucker, der den Blutzuckerspiegel deutlich ansteigen lassen kann - mit möglichen Folgen wie Heißhunger oder Kopfschmerzen.

Hinzu kommt, dass alkoholfreies Bier nicht für alle Menschen gleichermaßen geeignet ist. Bei bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Gicht kann regelmäßiger Konsum problematisch sein.

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