Die neuronale Grundlage von alten Erinnerungen und Gefühlen

Erinnerungen sind ein wesentlicher Bestandteil unserer Persönlichkeit und unseres Erlebens. Sie prägen, wer wir sind und wie wir auf zukünftige Situationen reagieren. Doch wie entstehen Erinnerungen im Gehirn, und welche Rolle spielen dabei Emotionen? Dieser Artikel beleuchtet die neuronalen Grundlagen von Erinnerungen und Gefühlen und erklärt, wie sie miteinander verbunden sind.

Die Verarbeitung von Informationen im Gehirn

Unser Gehirn ist ein gigantischer Arbeitsspeicher, der täglich eine enorme Menge an Informationen verarbeitet. Alles, was wir erleben und lernen, wird in den mehr als 85 Milliarden Nervenzellen im Gehirn verteilt und gespeichert. Die Schaltzentrale für unser Gedächtnis ist der Hippocampus. Dort werden alle Sinnesreize und Erlebnisse gefiltert und an die verschiedenen Hirnregionen geschickt. Informationen, die unser Gedächtnis möglichst lange behalten möchte, werden im Langzeitgedächtnis abgelegt.

Hippocampus und Amygdala: Schlüsselstrukturen des Gedächtnisses

Der Hippocampus spielt eine entscheidende Rolle bei der Speicherung von Informationen. Er filtert Sinnesreize und Erlebnisse und leitet sie an die verschiedenen Hirnregionen weiter. Die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, ist für die emotionale Bewertung von Reizen zuständig. Sie reagiert besonders auf Angst und Furcht und ist eng mit dem Hippocampus verbunden.

Emotionen und Gedächtnis: Eine enge Verbindung

Emotionen spielen eine wichtige Rolle bei der Speicherung und dem Abrufen von Erinnerungen. Emotionale Momente werden über das limbische System gefiltert, das aus Hippocampus und Amygdala besteht. Deshalb können wir uns so gut an die erste große Liebe erinnern. Unser Gehirn wählt gezielt aus, was es wirklich behalten möchte.

Emotionale Ereignisse prägen das Gedächtnis

Ereignisse, die mit starkem emotionalem Empfinden verknüpft sind, prägen sich besonders tief ins Gedächtnis ein. Dies liegt unter anderem daran, dass zwischen der für die emotionale Bewertung von Reizen verantwortlichen Amygdala und dem für die Gedächtnisbildung zentralen Hippocampus enge Verbindungen bestehen. Studien zeigen, dass bei emotionalen Ereignissen ausgeschüttete Botenstoffe, insbesondere das Noradrenalin, die Neubildung und Stärkung von Nervenzellverbindungen fördern - und so einen für die Gedächtnisbildung zentralen Prozess beeinflussen.

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Positive und negative Emotionen beeinflussen das Gedächtnis unterschiedlich

Positive Emotionen wie Freude und Glück können die Gedächtnisleistung verbessern, während negative Emotionen wie Angst und Stress sie beeinträchtigen können. Ein wenig Stress kann uns jedoch auch helfen, besser zu lernen, da er die Ausschüttung von Botenstoffen wie Noradrenalin und Cortisol auslöst, die die Wahrnehmung schärfen und die Erinnerung verbessern. Wird der Stress jedoch zu groß, können diese Botenstoffe die Informationsweiterleitung blockieren und die Erinnerung beeinträchtigen.

Arten von Erinnerungen

Erinnerungen werden in verschiedenen Regionen des Gehirns abgelegt. Im prozeduralen Gedächtnis ist der Platz für Fähigkeiten, wie Fahrrad- oder Autofahren - motorisches Verhalten, das wir einmal gelernt haben und dann automatisch ausführen können. Andere Erinnerungen, wie Faktenwissen und persönliche Erlebnisse, nehmen wir viel bewusster war. Sie werden im episodischen Gedächtnis gespeichert.

Das prozedurale Gedächtnis

Das prozedurale Gedächtnis speichert Fähigkeiten und Gewohnheiten, die wir im Laufe unseres Lebens erlernen. Diese Art von Gedächtnis ist oft unbewusst und ermöglicht es uns, Aufgaben automatisch auszuführen, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Das episodische Gedächtnis

Das episodische Gedächtnis speichert persönliche Erlebnisse und Ereignisse, die wir in unserem Leben erfahren haben. Diese Art von Gedächtnis ist autobiografisch und ermöglicht es uns, uns an spezifische Momente in unserer Vergangenheit zu erinnern.

Das semantische Gedächtnis

Das semantische Gedächtnis speichert Faktenwissen und allgemeine Informationen über die Welt. Diese Art von Gedächtnis ist nicht autobiografisch und ermöglicht es uns, uns an Fakten, Konzepte und Bedeutungen zu erinnern.

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Traumatische Erinnerungen

Besonders traumatische Erlebnisse tauchen plötzlich auf, ohne einen bestimmten Zusammenhang mit dem Erlebten. Prof. Dr. Nikolai Axmacher von der Ruhr-Universität Bochum forscht zu posttraumatischen Belastungsstörungen und erklärt, dass besonders belastende Ereignisse in unserem Gehirn anders gespeichert werden. Die Schaltzentrale des Gedächtnisses, der Hippocampus, wird durch den Stress außer Gefecht gesetzt. Die Amygdala übernimmt die Verarbeitung, denn sie reagiert auf Angst und Furcht, sagt Nikolai Axmacher. Negative Erinnerungen können wir analysieren, das Erlebte hinterfragen und von verschiedenen Perspektiven betrachten. Das hilft, um damit leichter umzugehen. Traumatische Erlebnisse verschwinden nicht, sie treten durch sogenannte Flashbacks unwillkürlich immer wieder auf. Nur eine Therapie kann hier helfen, das Erlebte in den richtigen biografischen Kontext einzuordnen. Mit dem Ziel, sich dann mit weniger Angst daran zu erinnern.

Die Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen im Gehirn

Traumatische Erlebnisse können die normale Funktion des Gehirns beeinträchtigen. Der Hippocampus, der normalerweise für die Speicherung von Erinnerungen zuständig ist, kann durch den Stress außer Gefecht gesetzt werden. Die Amygdala, die für die emotionale Bewertung von Reizen zuständig ist, übernimmt dann die Verarbeitung der traumatischen Erinnerung. Dies kann dazu führen, dass die Erinnerung fragmentiert und schwer zu verarbeiten ist.

Therapie bei traumatischen Erinnerungen

Eine Therapie kann helfen, traumatische Erlebnisse in den richtigen biografischen Kontext einzuordnen und die damit verbundenen negativen Emotionen zu reduzieren. Ziel der Therapie ist es, die Kontrolle über die Erinnerung zurückzugewinnen und sich mit weniger Angst daran zu erinnern.

Gedächtnisstörungen

Menschen mit Gedächtnisstörungen fällt der Blick in die Vergangenheit schwer, denn bestimmte Erinnerungen werden nicht mehr in ihrem Gedächtnis gespeichert. Sie können zum Beispiel eine Person, die sie gerade kennengelernt haben, kurz darauf nicht mehr wiedererkennen. Andererseits gelingt es ihnen, ein Instrument zu lernen, weil die Hirnregion für motorische Fähigkeiten noch funktioniert, aber an das Üben vom Vortag erinnern sie sich nicht mehr. Je nachdem, welche Hirnregion nicht mehr arbeitet, gehen Erinnerungen verloren.

Ursachen von Gedächtnisstörungen

Gedächtnisstörungen können verschiedene Ursachen haben, darunter:

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  • Hirnschäden: Verletzungen oder Erkrankungen des Gehirns können zu Gedächtnisstörungen führen.
  • Demenzerkrankungen: Demenzerkrankungen wie Alzheimer-Krankheit können das Gedächtnis und andere kognitive Funktionen beeinträchtigen.
  • Stress und Trauma: Chronischer Stress und traumatische Erlebnisse können die Gedächtnisleistung beeinträchtigen.
  • Medikamente: Einige Medikamente können als Nebenwirkung Gedächtnisstörungen verursachen.
  • Alterung: Mit zunehmendem Alter kann die Gedächtnisleistung nachlassen.

Behandlung von Gedächtnisstörungen

Die Behandlung von Gedächtnisstörungen hängt von der Ursache ab. In einigen Fällen können Medikamente oder Therapien helfen, die Gedächtnisleistung zu verbessern. In anderen Fällen kann es wichtig sein, Strategien zu entwickeln, um mit den Gedächtnisproblemen umzugehen.

Hyperthymestisches Syndrom (HSAM)

Es gibt Menschen, die können sich an jeden Tag ihres Lebens erinnern: Wo sie waren, was sich ereignet hat - sie vergessen nichts. Das muss enorm anstrengend und belastend sein. Sie erinnern sich nicht an Fakten, aber detailgenau an autobiografische Erlebnisse. Vermutlich gibt es weltweit rund 60 Personen mit diesem sogenannten hyperthymestischen Syndrom (HSAM). Andreas Papassotiropoulos und sein Team von der Uni Basel vermuten schon lange, dass die Ursache dieses Nicht-Vergessens auf molekularer Ebene zu finden ist. Die Sequenzierung der DNA von Menschen mit hyperthymestischen Syndrom lieferte den Beweis: Ein Gen ist dafür verantwortlich, dass Vergessen an den Schnittstellen der Nervenzellen blockiert wird. Mit ihrer Grundlagenforschung liefern die Molekularwissenschaftler wichtige Erkenntnisse, die auch für die Entwicklung von Mediakamenten gegen Demenzerkrankungen hilfreich sind.

Die Ursachen des hyperthymestischen Syndroms

Die Ursache des hyperthymestischen Syndroms ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen. Eine Studie der Universität Basel hat gezeigt, dass ein bestimmtes Gen dafür verantwortlich sein könnte, dass Vergessen an den Schnittstellen der Nervenzellen blockiert wird.

Die Auswirkungen des hyperthymestischen Syndroms

Das hyperthymestische Syndrom kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Menschen mit HSAM können sich an viele Details aus ihrem Leben erinnern, was ihnen ein reiches und detailliertes Gedächtnis ermöglicht. Allerdings kann es auch belastend sein, sich an jedes Detail aus der Vergangenheit zu erinnern, insbesondere an negative Erlebnisse.

Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCI)

Mit einer Gehirn-Computer-Schnittstelle, einem sogenannten Brain Computer Interface (BCI) schaffen es gelähmte Menschen, nur mit Gedankenkraft einen Roboterarm zu steuern, einen Cursor auf einem Computerbildschirm zu bewegen, oder ein Auto durch eine virtuelle Umgebung zu lenken. Nur mit einer Kopplung von Gehirn und Computer ist das möglich. Warum also nicht Gedächtnisinhalte mit Hirnchips auslesen und verbessern? Doch die Entwicklung ist nicht wirklich ausgereift und lange nicht alltagstauglich. Zudem ist der invasive Eingriff, bei dem Elektroden ins Gehirn gepflanzt werden, nicht ungefährlich.

Die Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen

Die Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Im Jahr 2004 wurde erstmals einem Mann, der nach einem Messerstich vollkommen gelähmt war, eine Elektrode ins Gehirn implantiert. Die erste Studie leitete Leigh Hochberg, Neurowissenschaftler an der Brown University Rhode Island und Intensivmediziner am Massachusetts General Hospital in Boston. Jahrzehntelange Beobachtungen von Hirnaktivitäten bei Affen schufen die Grundlage, um zu verstehen, wie die Signale von Bewegungen im Gehirn übertragen werden. Inzwischen lassen sich neuronale Aktivitäten viel leichter über Algorithmen entschlüsseln, betont der Neurowissenschaftler Leigh Hochberg. Die BCIs von heute bieten ein viel breiteres Spektrum an Fähigkeiten, da die Elektroden in verschiedene Hirnregionen implantiert werden. Die Entwicklung von Funkchips als Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer ist der nächste Schritt der medizin-technischen Entwicklungen von BCIs.

Ethische Aspekte von Gehirn-Computer-Schnittstellen

Die Entwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen wirft auch ethische Fragen auf. Wollen wir unsere Gedanken veröffentlichen? Noch sind die Implantate und die Anwendung mit hohem technischen und personellen Aufwand verbunden und nicht alltagstauglich. Doch die Zukunft dieser Hirnchips ist vielversprechend: Elon Musk, dem nicht nur Tesla, sondern auch die Firma Neurolink gehört, arbeitet zum Beispiel intensiv an der Entwicklung von BCIs. "Nerven sind wie elektronische Schaltungen. Man braucht viel Elektronik, um ein elektronisches Problem zu lösen", sagt Musk. Die Hirnsignale für BCIs müssen jedoch mit Referenzmustern verglichen werden. Dafür sind Daten notwendig. Aber unser Gehirn mit all seinen Schaltkreisen und Verknüpfungen ist sehr komplex. Das Gedächtnis herunterzuladen, Erinnerungen aufzuzeichnen, womöglich noch zu verändern, klingt nach Science-Fiction. Für weitere Entwicklungen sind die Wissenschaftler und Ingenieure aber auf Daten angewiesen. Doch wer möchte sich wirklich so genau in seine Gedanken blicken lassen?

Gedächtnisleistung ohne Hirnchips verbessern

Der Versuch, das Gehirn mit Chips zu tunen, steht vermutlich erst am Anfang. Gleichwohl gibt es bereits nicht-medizinische BCIs zur Fitnesssteigerung, zum Abbau von Stress, oder als Hilfe gegen Konzentrationsprobleme. Diese BCIs steuern kein Computersystem, aber sie arbeiten mit Gehirnströmen oder senden elektrische Impulse. Wir können die elektrische Aktivität unserer Nervenzellen messen und therapeutisch nutzen. Zum Beispiel mit der Neurofeedback-Methode. Mithilfe von Tönen oder Bildern kann diese Methode bei ADHS, einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung, eine bessere Konzentration fördern. Immer mehr Studien belegen den erfolgreichen Einsatz von Neurofeedback. Die Psychologin Dr. Susanne Karch forscht am Klinikum der Universität München zu Neurofeedback. Doch sie warnt vor Gadgets für den Heimgebrauch, die mit elektrischen Impulsen arbeiten, denn die Nebenwirkungen für ein gesundes Gehirn seien nicht unerheblich.

Möglichkeiten zur Verbesserung der Gedächtnisleistung

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Gedächtnisleistung ohne den Einsatz von Hirnchips zu verbessern. Dazu gehören:

  • Gehirntraining: Lernprogramme dazu findet ihr reichlich. Doch euer Gedächtnis mit Gehirnjogging auf Trab halten, das klappt doch nicht so gut, wie bislang vermutet, betonen der Magdeburger Wissenschaftler Emrah Düzel und seine Kollegin Anne Maass.
  • Bewegung: Bei ihren Forschungen mit sogenannten Super-Agern konnten sie feststellen, dass viel Bewegung, ausreichend Schlaf und eine gesunde Ernährung vor Demenzerkrankungen und vor Vergessen schützen können. Diese einfachen Mitteln sorgen für eine bessere Durchblutung des Gehirns und für ein besseres Gedächtnis.
  • Anregende Umgebung: Wissenschafter der TU Dresden konnten in Tierexperimenten mit Mäusen nachweisen, dass eine Umgebung mit viel Anregung das Gedächtnis jung hält. Prof. Gerd Kempermann und sein Team erklären diesen Zusammenhang mit aktiven Genen, die Nervenzellen im Gedächtnis erneuern und Verbindungen knüpfen. Ihre Beobachtungen auf Menschen zu übertragen gelingt nicht ganz, aber die Neurowissenschaftler vermuten, dass es ähnlich wirkt, wenn wir immer wieder Neues lernen. Damit können wir unser Gedächtnis fit halten.
  • Ausreichend Schlaf: Schlafen und Träumen helfen, das Gedächtnis zu festigen. "Emotionale Erinnerungen brennen sich vor allem in den frühen Morgenstunden ein", weiß der Psychologe Ullrich Wagner von der Uni Lübeck.

Die Bedeutung von Erinnerungen und Gefühlen

Erinnerungen und Gefühle sind eng miteinander verbunden und prägen unser Leben in vielerlei Hinsicht. Sie beeinflussen unsere Entscheidungen, unser Verhalten und unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Das Verständnis der neuronalen Grundlagen von Erinnerungen und Gefühlen kann uns helfen, uns selbst und andere besser zu verstehen und Strategien zu entwickeln, um mit Gedächtnisproblemen und emotionalen Herausforderungen umzugehen.

Erinnerungen prägen unsere Persönlichkeit

Was ihr täglich erlebt und lernt, prägt eure Persönlichkeit. Die Basis dafür ist unser Gedächtnis. Bisherige Erfahrungen helfen uns, auf zukünftige Situationen besser zu reagieren. So können wir uns schnell entscheiden und handeln.

Erinnerungen helfen uns, aus der Vergangenheit zu lernen

Erinnerungen ermöglichen es uns, aus unseren Fehlern zu lernen und in Zukunft bessere Entscheidungen zu treffen. Sie helfen uns, uns an Erfolge zu erinnern und uns für zukünftige Herausforderungen zu motivieren.

Erinnerungen verbinden uns mit anderen Menschen

Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse verbinden uns mit anderen Menschen und stärken unsere Beziehungen. Sie ermöglichen es uns, uns an vergangene Zeiten zu erinnern und die Bedeutung unserer Beziehungen zu schätzen.

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