In der heutigen schnelllebigen Welt, in der eine Flut von Informationen und Reizen auf uns einstürmt, leiden immer mehr Menschen unter Konzentrationsschwierigkeiten. Maßnahmen wie die Verkürzung der Schulzeit bei gleichbleibender Anzahl an Lerninhalten tun ihr Übriges. Wenn Menschen sich schlecht konzentrieren können, hat das zumeist negative Auswirkungen auf die schulische Leistung, die Studienleistung oder die Produktivität auf der Arbeit. Dies wiederum kann zu mangelndem Selbstvertrauen und psychischem Druck führen. Ein zielgerichtetes Konzentrationstraining kann hier Abhilfe schaffen.
Studien zur Konzentrationsfähigkeit
Verschiedene Studien haben sich mit dem Thema Konzentration und Aufmerksamkeit auseinandergesetzt und interessante Ergebnisse geliefert.
Steigerung der Konzentration durch Gehirntraining
Eine Studie der Universität von Oregon von Eugene Starke zeigte, dass eine Steigerung im Bereich der Aufmerksamkeit und Intelligenz bereits nach fünf Sitzungen eines Gehirntrainings möglich ist. Dies deutet darauf hin, dass gezielte Übungen die Konzentrationsfähigkeit verbessern können, selbst wenn sich das Gehirnnetzwerk noch in der Entwicklung befindet.
Quelle: Rueda MR, Rothbart MK, McCandliss BD, Saccomanno L, Posner MI. Training, maturation, and genetic influences on the development of executive attention. Proc Natl Acad Sci U S A. 2005 Oct 11;102(41):14931-6. Epub 2005 Sep 28
Personalisertes Gehirntraining für stärkere Effekte
Das Karolinska Institut in Stockholm wies nach, dass ein personalisiertes Gehirntraining zu stärkeren Transfereffekten führt als ein Training ohne Personalisierung. Dabei wurden Verbesserungen im Bereich der Daueraufmerksamkeit sowohl bei älteren als auch bei jüngeren Teilnehmern gemessen. Zudem kam es zu einer Steigerung kognitiver Funktionen, die den Alltag vereinfachen.
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Quelle: Brehmer Y, Westerberg H, Bäckman L. Working memory training in younger and older adults: training gains, transfer, and maintenance. Front Hum Neurosci. 2012;6:63. doi: 10.3389/fnhum.2012.00063. Epub 2012 Mar 27
Dual N-Back Task zur Verbesserung der Aufmerksamkeit
Eine Studie der Washington Universität in St. Louis zeigte, dass der Dual N-Back Task zu Verbesserungen der Aufmerksamkeit, des Updating und des Kurzzeitgedächtnisses führen kann. Es kam zu starken Transfereffekten des N-Back Trainings auf die Aufmerksamkeit.
Quelle: Lilienthal L, Tamez E, Shelton JT, Myerson J, Hale S. Dual n-back training increases the capacity of the focus attention. Psychon Bull Rev. 2013 Feb;20(1):135-41. doi: 10.3758/s13423-012-0335-6
Die Aufmerksamkeitsspanne im digitalen Zeitalter
Im Frühling 2015 veröffentlichte Microsoft Canada eine Studie, die sich mit der sogenannten "attention span" beschäftigte. Die Autoren stellten fest, dass die durchschnittliche Dauer der Aufmerksamkeit des Menschen von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden im Jahr 2013 abgenommen hat. Diese Zahl erregte große Aufmerksamkeit, da sie mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches verglichen wurde, die angeblich bei 9 Sekunden liegt.
Microsoft beschreibt, dass Geräte wie PC und Tablet, die einerseits helfen, Aufgaben effektiv zu bewältigen, andererseits auch zahlreiche Ablenkungen schaffen können, die die selektive Aufmerksamkeit negativ beeinträchtigen. Messaging und Chatten stellen hierbei eine der größten Ablenkungen dar. Die Studie besagt außerdem, dass die selektive Aufmerksamkeit umso stärker sinkt, je mehr Bildschirme genutzt werden.
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Die wechselhafte Aufmerksamkeit ist die einzige Aufmerksamkeitsform, die laut Microsoft durch digitale Verhaltensweisen verbessert wird. Vor allem Multi-Screening sorgt dafür, dass die Multitasking-Fähigkeit der Anwender verbessert wird.
Es ist jedoch wichtig anzumerken, dass die von Microsoft verwendete Statistikquelle von statisticbrain stammt, die ihre Angaben wiederum auf Weinreichs, Obendorfs, Herder und Mayers Artikel "Not Quite the Average: An Empirial Study of Web Use" stützt. In diesem Bericht wird jedoch kein einziges Mal der Wert 8 Sekunden mit der Aufmerksamkeitsspanne des Menschen in Verbindung gebracht.
Warum können wir uns nicht länger konzentrieren?
Die einfache Antwort lautet: Weil es viele kognitive Ressourcen verbraucht. Ein Zustand von dauerhafter Konzentration ist für den Organismus schlicht zu anstrengend, erklärt Sabine Kastner, Neurowissenschaftlerin an der Princeton University.
Eine Studie von Niklas Johannes, Verhaltensforscher an der Universität Oxford, zeigte keinen Leistungsunterschied, wenn das Smartphone entweder in Sichtweite liegt oder nicht. Trotzdem berichteten die Teilnehmenden, bei denen das Handy auf dem Tisch lag, dass sie sich abgelenkt fühlten. Das Smartphone lenke vor allem dann ab, wenn einem die Arbeit wenig Spaß mache, erklärt Niklas Johannes.
Die Arbeits- und Organisationspsychologin Anja Baethge von der Medical School Hamburg hat zu täglichen Unterbrechungen während der Arbeitszeit promoviert. Sie fand heraus, dass Unterbrechungen zusätzliche Zeit kosten, um wieder in die ursprüngliche Aufgabe hineinzufinden. Bei einer Studie mit Beamten kam sie sogar auf insgesamt zwei Stunden Ablenkung pro Acht-Stunden-Arbeitstag. Frustration und Stress, die durch Unterbrechungen entstehen, hemmen die Konzentration und können sogar den Schlaf beeinträchtigen.
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Anja Baethge findet jedoch, dass viele Menschen viel zu überzogene Anforderungen an sich stellen, was ihre Konzentrationsfähigkeit auf Dauer angeht. Sie empfiehlt, nicht mehr als eine Stunde konzentriert zu arbeiten - ohne Pause sogar eher weniger.
Tipps zur Verbesserung der Konzentration
Um der Konzentration unter die Arme zu greifen, rät die Arbeitspsychologie zum guten alten "Bitte nicht Stören"-Schild. Das kann im Homeoffice auch ein Chat-Status oder eine feste Abwesenheitszeit sein, die man mit Kolleginnen und Kollegen vereinbart.
Aufmerksamkeit lässt sich trainieren. Zum Beispiel durch Achtsamkeitsübungen. Dass Menschen, die regelmäßig Achtsamkeit praktizieren, sich besser konzentrieren können, ist bereits durch eine Vielzahl an Studien bestätigt. Die Idee: Durch das bewusste Wahrnehmen von Ablenkungen wird die Konzentration gestärkt, indem zum ursprünglichen Fokus zurückgekehrt wird. Zum Beispiel zur Atmung.
Man kann sich aber auch einfach Zeit nehmen, um etwas zu tun, das interessiert und Spaß macht: So lernt unser Gehirn, sich wieder länger auf Dinge zu konzentrieren.
Konzentrationsfähigkeit im Wandel der Zeit
Entgegen der landläufigen Meinung sind Kinder durch Internet und Social Media im Schnitt nicht unaufmerksamer geworden, wie eine große Studie zeigt.
Eine Metaanalyse in der Fachzeitschrift "Personality and Individual Differences" kommt zu dem Ergebnis, dass das Konzentrationsvermögen von Erwachsenen in den vergangenen 20 bis 30 Jahren sogar gestiegen ist. Die Forschungsgruppe um Denise Andrzejewski von der Universität Wien sieht darin einen Beleg dafür, dass auch die Aufmerksamkeit dem Flynn-Effekt unterliegt.
Im Durchschnitt stieg die Konzentrationsleistung bei den Erwachsenen mit den Jahren moderat an. Bei den Kindern blieb sie jedoch in etwa gleich: Sie arbeiteten zwar zunehmend schneller, machten dabei aber mehr Fehler. Die Forschenden deuten das als Hinweis auf ein impulsives, oberflächlicheres Testverhalten.
Konzentration bei Kindern
Zehn Minuten Ruhe - mit fünf Jahren sollte das möglich sein. Aber sehr viel mehr kann Bastians Umfeld auch nicht erwarten. Höchstens eine Viertelstunde können sich fünf- bis siebenjährige Kinder im Durchschnitt konzentrieren. Bei Zehnjährigen steigt die Aufmerksamkeitsspanne auf etwa 20 Minuten. Das bedeutet: Die meisten Klagen über mangelnde Konzentration erwachsen aus unrealistischen Erwartungen.
Der Kölner Psychologie-Professor Gerhard Lauth hat festgestellt, dass Erwachsene oft zu viel Disziplin von den Kleinen verlangen. Tatsächlich liegt der Anteil wirklicher Aufmerksamkeitsstörungen, die nach wissenschaftlichen Kriterien diagnostiziert werden, bei drei bis vier Prozent.
Die Magdeburger Neurobiologin Anna Katharina Braun erklärt, dass die Aufmerksamkeit willkürlich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf eine bestimmte Sache zu lenken, im Laufe des Lebens erst geübt werden muss. Das Gehirn will lernen und ist sogar richtig süchtig danach. Jeder Lernerfolg führt über die Ausschüttung körpereigener Hormone zu Glücksgefühlen.
Den Spaß am Lernen zu wecken ist vor allem Aufgabe der Eltern - und gar nicht schwer. Am besten läuft es bei gemeinsamen Aktivitäten. So bekommen Kinder nämlich zwischen den Zeilen eine wichtige Lektion mit: Disziplin und Aufmerksamkeit führen zu guten Ergebnissen.
Spielend das Gehirn trainieren
Kinder können ihre Konzentrationsfähigkeit spielerisch schulen. Wichtig ist, dass es Spaß macht! Hier ein paar Spielanregungen für zu Hause:
- Kleinere Kinder (2-4 Jahre): Kartenaufdeckspiele, "Die griechische Statue" (Musik stoppt, Kinder müssen stillstehen), Ausmalen von Mandala-Bildern.
- Größere Kinder (ab 4 Jahre): Knobelspiele (Labyrinthe), Sprachspiele (Geschichten mit vorgegebenen Wörtern), Traumreisen.
- Kinder ab 6 Jahre: Spiele wie "Ich packe meinen Koffer", Konzentrationsspiele im Handel.
Die Rolle des Smartphones
Kein Handygedaddel mehr in der großen Pause - als erstes Bundesland hat Hessen im jetzt angelaufenen Schuljahr die private Nutzung von Smartphones in Schulen verboten. Auch Erwachsene klagen darüber, wie das Smartphone ihren Alltag beherrscht.
Bei Kindern und Jugendlichen ist die Studienlage recht eindeutig. Ist das Smartphone in der Nähe, sind sie häufig abgelenkt, ihre Lernleistung sinkt. Kindern fehlten auch Reize, wenn sie immer am Bildschirm klebten, warnt Neurobiologe Martin Korte.
Bei Erwachsenen kommen Studien hingegen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Eine Gruppe um die Psychologin Denise Andrzejewski von der Universität Wien hat herausgefunden, dass sich Erwachsene heute sogar etwas besser konzentrieren können als in zurückliegenden Jahrzehnten. Dagegen geht Gloria Mark von der University California Irvine davon aus, dass die Konzentrationsfähigkeit abgenommen hat.
Psychologe Jan Röer von der Universität Witten-Herdecke betont, dass menschliche Konzentration und Aufmerksamkeit schwierig zu erforschen ist, weil sie unterschiedliche Dimensionen hat, die schwierig voneinander abzugrenzen sind.
Positive Effekte von Smartphone-Verzicht
Auch wenn sich Konzentrationsmängel und psychische Probleme nicht kausal auf die Handynutzung allein zurückführen lassen, scheint Verzicht oder zumindest bewusster Umgang deutliche positive Effekte zu haben. Gleich mehrere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass es Menschen besser geht, wenn sie ihr Smartphone häufiger in der Tasche lassen.
Eine internationale Forschungsgruppe blockierte mittels einer App das Internet auf dem Smartphone von insgesamt 470 Testpersonen. Nach zwei Wochen gaben 90 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, dass es ihnen psychisch besser geht. Tests ergaben außerdem eine höhere Konzentrationsfähigkeit.
Die Donau-Universität Krems beschränkte bei über hundert Testteilnehmern die tägliche Smartphone-Nutzung. Nach drei Wochen verbesserte sich das Wohlbefinden deutlich.
Smartphone-Nutzer haben es selbst in der Hand: alle gängigen Hersteller bieten sogenannte Fokus-Funktionen. Dort lässt sich das Ablenkungspotential des Handys reduzieren, indem Anrufe und Mitteilungen ganz abgeschaltet oder auf einen engen Kreis von Personen eingeschränkt werden.