Alzheimer und andere neurodegenerative Erkrankungen stellen eine wachsende globale Herausforderung dar. Da es derzeit keine Heilung gibt und die verfügbaren Therapien begrenzt sind, gewinnen Prävention und Früherkennung zunehmend an Bedeutung. Der Weg zu einer frühzeitigen Diagnose ist jedoch oft langwierig und kompliziert, da Alzheimer typischerweise erst dann erkannt wird, wenn bereits erhebliche Hirnschäden vorliegen und die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen beeinträchtigt sind.
Die Herausforderung der Früherkennung
Um Alzheimer-Demenz eindeutig zu diagnostizieren, ist der Nachweis von Amyloid- und Tau-Proteinen im Gehirn erforderlich. Dies geschieht in der Regel durch eine Liquoruntersuchung oder einen PET-Scan, beides aufwendige und kostspielige Verfahren, die in erster Linie in spezialisierten Gedächtniskliniken verfügbar sind. Die damit verbundenen Wartezeiten und Kosten können dazu führen, dass wertvolle Zeit für wirksame Therapien verloren geht.
Der Durchbruch: Ein neuer Bluttest
Ein vielversprechender Ansatz zur Verbesserung der Früherkennung von Alzheimer ist die Entwicklung von Bluttests. Auf der Jahrestagung der amerikanischen Alzheimer’s Association wurde ein neuer Bluttest vorgestellt, der unter der Leitung der Universität Lund in Schweden entwickelt wurde. Dieser Test kann mit einer Genauigkeit von 90 Prozent feststellen, ob eine Person mit Gedächtnisverlust an Alzheimer leidet. Darüber hinaus kann der Test Veränderungen im Gehirn bereits rund 20 Jahre vor dem Auftreten von Demenzsymptomen erkennen.
Wie funktioniert der Bluttest?
Der Bluttest sucht im Blut nach einem speziellen Eiweiß, dem phosphorylierten Tau-Protein (P-tau217). Dieses Eiweiß spielt eine wichtige Rolle bei der Schädigung von Gehirnzellen, die für Alzheimer typisch ist. Studien mit über 1.400 Teilnehmern haben gezeigt, dass der Test eine hohe Genauigkeit bei der Unterscheidung zwischen Menschen mit und ohne Alzheimer aufweist. Bei Personen mit einem hohen genetischen Risiko für Alzheimer konnte der Test erhöhte P-tau217-Werte im Blut bereits 20 Jahre vor dem Auftreten von Symptomen nachweisen.
Vorteile des Bluttests
Der neue Bluttest bietet mehrere Vorteile gegenüber herkömmlichen Diagnoseverfahren:
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- Einfache Handhabung: Der Test kann in der Hausarztpraxis durchgeführt werden, was den Zugang zur Früherkennung erleichtert.
- Kostengünstig: Der Bluttest ist eine kostengünstigere Alternative zu aufwendigen Untersuchungen wie Liquoruntersuchungen und PET-Scans.
- Frühe Erkennung: Der Test kann Veränderungen im Gehirn bereits Jahre vor dem Auftreten von Symptomen erkennen, was eine frühzeitige Intervention ermöglicht.
Der weltweit erste zugelassene Bluttest ist verfügbar
Inzwischen ist der weltweit erste zugelassene Bluttest zur Alzheimer-Früherkennung, der "Aß42/ß40"-Test, in Österreich über Fach- und Hausärzte bei labors.at erhältlich.
Weitere Fortschritte in der Früherkennung
Neben dem Bluttest aus Schweden gibt es weitere vielversprechende Entwicklungen in der Alzheimer-Früherkennung:
- Bochumer Forschungsteam: Ein Forschungsteam der Ruhr-Universität Bochum hat herausgefunden, dass sich Alzheimer bereits 17 Jahre vor Ausbruch der Krankheit anhand von Blutproben feststellen lässt. Die Wissenschaftler entwickelten einen Sensor, der die Fehlfaltung des Protein-Biomarkers Amyloid-beta erkennt.
- DZNE Magdeburg: Am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Magdeburg wird eine App namens "neotivCare" entwickelt, die darauf abzielt, Frühzeichen der Erkrankung zu erkennen. Die App enthält kognitive Tests, die spezifische Gehirnregionen ausleuchten und auf subtile kognitive Veränderungen hinweisen.
Genetik und Früherkennung
Forschungsergebnisse des DZNE und der Ruhr-Universität Bochum zeigen, dass eine genetische Veranlagung für die altersbedingte Form der Alzheimer-Erkrankung beeinflusst, wie die Gehirne junger Erwachsener bestimmte Gedächtnisaufgaben verarbeiten. In einer Studie mit jungen Erwachsenen im Alter von etwa 20 Jahren wurde festgestellt, dass unterschiedliche Varianten des ApoE-Gens die Hirnaktivität während Gedächtnisaufgaben unterschiedlich beeinflussen. Ob diese Effekte für die Entwicklung einer Alzheimer-Erkrankung im Alter von Bedeutung sind, ist noch unklar, könnte aber zur Entwicklung von Biomarkern für die Früherkennung von Demenz beitragen.
Bluttests als Ergänzung zu etablierten Verfahren
Verschiedene Forschungsteams haben Bluttests entwickelt, mit denen Alzheimer zuverlässig erkannt werden kann. Die beiden Bluttests „Precivity AD-Bloodtest“ sowie "Elecsy pTau181-Test" haben eine EU-Zulassung und werden nun für den Einsatz in der Praxis vorbereitet.
Die Alzheimer-Krankheit kann nur durch eine Ärztin oder einen Arzt festgestellt werden. Es gibt keinen zuverlässigen Test zur Selbstdiagnose. Nach einem ärztlichen Gespräch folgen eine körperliche Untersuchung und psychometrische Tests wie der Mini-Mental-Status-Test (MMST).
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Je nach Bluttest können nun unterschiedliche Nachweise im Blut erfolgen:
- Der US-amerikanische Precivity AD-Bloodtest beispielsweise misst das Verhältnis zweier unterschiedlicher Beta-Amyloid-Peptide namens Beta-Amyloid-40 und Beta-Amyloid-42 im Blut.
- Der Elecsys pTau181-Test der Firma Roche in Zusammenarbeit mit Eli Lilly misst ein chemisch verändertes Tau-Protein, das sogenannte pTau181. Es gilt als Indikator für die Alzheimer-Erkrankung.
Der Florey Dementia Index (FDI)
Ein Forschungsteam aus Australien hat den Florey Dementia Index (FDI) entwickelt - ein Prognose-Tool, das den Beginn einer Alzheimer-Erkrankung vorhersagen soll. Dafür braucht es nur zwei Angaben: das Alter der betroffenen Person und einen Messwert namens CDR-SB (Clinical Dementia Rating - Sum of Boxes), der den geistigen Zustand beschreibt.
Risikofaktoren und Prävention
Eine Studie aus den USA hat die wichtigsten Faktoren identifiziert, mit denen man eine Demenz schon 20 Jahre im Voraus vorhersagen kann. Dazu haben die Wissenschaftler die Health and Retirement Study (HRS), einer großen, landesweit repräsentativen Längsschnittstudie zur US-Bevölkerung über 50 Jahren, herangezogen. Anhand dieser Daten untersuchten die Forscher insgesamt 181 potenzielle Risikofaktoren aus verschieden Bereichen wie etwa sozioökonomischer Status, Lebensstil, Gesundheitsverhalten, Persönlichkeitsmerkmale, soziale Aktivitäten etc. und bewerteten sie.
Wer sein Demenzrisiko senken will, kann einiges dafür tun. Studien haben gezeigt, dass Menschen seltener an Demenz erkranken, wenn sie folgende zwölf Tipps beherzigen:
- Bewegung
- Geistige Fitness
- Gesunde Ernährung
- Soziale Kontakte
- Übergewicht reduzieren
- Ausreichend Schlaf
- Nicht rauchen
- Kopfverletzungen vermeiden
- Bluthochdruck checken
- Diabetes überprüfen
- Depressionen behandeln
- Auf Schwerhörigkeit achten
MicroRNAs als Biomarker
Künftig könnte man eine Alzheimer-Demenz und auch ihre Vorstufe durch Messung sogenannter MicroRNAs im Blut erkennen. Ein deutsch-amerikanischer Forschungsverbund hat das Potenzial für einen neuartigen Bluttest gezeigt. MicroRNAs sind Moleküle mit regulierender Wirkung: Sie beeinflussen die Herstellung von Proteinen und damit zentrale Abläufe des Stoffwechsels. Anhand einer Signatur von knapp 20 MicroRNAs konnten die Forschenden Menschen mit Alzheimer-Demenz und auch solche mit hohem Demenzrisiko identifizieren.
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