Die Alzheimer-Krankheit, eine der häufigsten Ursachen für Demenz, stellt eine wachsende Herausforderung für die alternde Bevölkerung dar. Die Früherkennung ist entscheidend, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und Betroffenen sowie ihren Familien wertvolle Zeit für Planung und Lebensstiländerungen zu ermöglichen. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Veränderungen im Auge, insbesondere in der Netzhaut und den Augenbewegungen, frühe Anzeichen von Alzheimer sein könnten.
Die Schwierigkeit der Früherkennung
Die Diagnose einer Demenz, insbesondere der Alzheimer-Krankheit, ist oft schwierig und kann erst dann mit Sicherheit gestellt werden, wenn das Gehirn bereits erheblich geschädigt ist. Dies liegt daran, dass die typischen zellschädigenden Ablagerungen fehlgefalteter Beta-Amyloid-Proteine sich oft schon Jahre vor dem Auftreten erster Symptome bilden. Bisher gibt es keine Möglichkeit, diesen Prozess aufzuhalten, obwohl die Forschung intensiv daran arbeitet.
Augenuntersuchungen als Fenster zum Gehirn
In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend das Potenzial von Augenuntersuchungen zur Früherkennung von Alzheimer in den Fokus gerückt. Die Netzhaut, auch Retina genannt, ist eine Schicht aus Nervenzellen im hinteren Teil des Auges, die eng mit dem Gehirn verbunden ist. Sie wird oft als "Fenster zum Gehirn" bezeichnet, da sie direkt von neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer betroffen sein kann.
Veränderungen in der Netzhautstruktur
Mediziner untersuchen, inwiefern die Netzhaut Auskunft über eine mögliche Alzheimererkrankung geben kann. Reiner Leitgeb von der medizinischen Universität in Wien und seine Kollegen suchten nach typischen Veränderungen in der Netzhaut, die bei der Alzheimer Krankheit entstehen: "Man hat gesehen, dass sich bestimmte Schichten in der Netzhaut, die Netzhaut ist sehr, sehr fein strukturiert, dass bestimmte Schichten in der Netzhaut dünner werden aufgrund von Alzheimer. Man hat auch gesehen, dass es einen Einfluss gibt auf die Gefäßstruktur in der Netzhaut. All diese Veränderungen hat man sehen können." Die optische Kohärenztomografie (OCT) ermöglicht die Darstellung der einzelnen Netzhautschichten in höchster Auflösung, wodurch Veränderungen der Netzhautstrukturen, die Hinweise auf neurodegenerative Prozesse wie die Alzheimer-Erkrankung liefern können, sichtbar werden.
Veränderungen der Augenbewegungen und visuellen Wahrnehmung
Schon länger weiß man, dass Menschen mit Demenz bereits vor dem Auftreten erster kognitiver Einschränkungen ihre Augen anders bewegen. Sie folgen nicht mehr den üblichen, standardisierten Mustern, nach denen Gesunde neue Gesichter scannen, um sie abzuspeichern und später wiederzuerkennen. Auch der oft etwas verlorene Ausdruck Betroffener könnte darauf beruhen, dass die Umgebung von ihnen nicht mehr gezielt mit Blicken abgetastet wird, wie das Gesunde tun. Die logische Folge: das Erkennen von Gesichtern und der Umgebung fällt schwerer, weil alles nicht mehr so genau betrachtet wird.
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Forschungsergebnisse und Studien
Mehrere Studien haben vielversprechende Ergebnisse in Bezug auf die Früherkennung von Alzheimer durch Augenuntersuchungen geliefert.
EPIC-Norfolk-Studie
Das Team um Eef Hogervorst von der Loughborough University in England hat sich Daten von 8623 Personen zwischen 48 und 92 Jahren angesehen und ausgewertet. Von diesen Studienteilnehmern entwickelten 537 im Laufe der Zeit eine Demenz. Die untersuchten Daten waren Teil der EPIC Norfolk-Studie, an der die Probanden bereits seit über 25 Jahren teilnehmen. Konkret konzentrierte sich das Forschungsteam auf eine bestimmte Untersuchung der Sehleistung. Probanden sollten so schnell wie möglich einen Knopf drücken, sobald sich aus beweglichen Punkten auf einem Bildschirm ein Dreieck bildete. Menschen, die später an Demenz erkrankten, erkannten das Dreieck wesentlich später als diejenigen, die frei von Demenz lebten. Der mögliche Grund dafür könnte den Forschern zufolge sein, dass sich die für Alzheimer typischen Ablagerungen fehlgefalteter Proteine zuerst in bestimmten Hirnbereichen bilden. Konkret scheinen das die für das Sehen zuständigen Teile des Gehirns zu sein. Einschränkungen in diesem Bereich weisen möglicherweise also auf eine beginnende Problematik hin, und zwar schon bis zu zwölf Jahre vor einer Diagnose.
Netzhautanalyse und Künstliche Intelligenz
Forscher aus Großbritannien vermuten, dass Erkrankungen des Gehirns frühzeitig an der Netzhaut sichtbar werden. Um diese These zu belegen, nahmen sie rund 110.000 Netzhautbilder von mehr als 63.000 Männern und Frauen unter die Lupe. Die Probanden waren zwischen 40 und 69 Jahre alt. Die Forscher betrachteten Unterschiede in der Form und Größe der Blutgefäße im hinteren Teil des Auges. Sie fanden heraus: Probanden mit einer schlechten Denkleistung hatten eine geringe Breite der Blutgefäße im Auge, eine geringe Fläche der Blutgefäße im Auge, eine geringe Verdrehung derjenigen Blutgefäße im Auge, die vom Herzen weg in den Körper führen (Arteriolen) und eine erhöhte Verdrehung derjenigen Blutgefäße im Auge, die das Blut zurück zum Herzen führen (Venolen). Diesen Zusammenhang entdeckten die Forscher unabhängig vom Alter und Geschlecht der Probanden. Sie gehen davon aus, die Auffälligkeiten im Auge könnten mit einer verminderten Blutversorgung zusammenhängen, die eine frühe Ursache oder Folge sein könnte.
Posterior cortical atrophy (PCA)
In circa 10 Prozent der Alzheimer-Fälle treten frühzeitig seltsame visuelle Störungen auf. Die Studie umfasst Daten von mehr als 1000 Patienten an 36 Standorten in 16 Ländern. Die Forscher fanden heraus, dass PCA (Posterior cortical atrophy) eine Vorhersage für die Alzheimer-Krankheit sein kann. Etwa 94 Prozent der PCA-Patienten wiesen eine Alzheimer-Pathologie auf. Die restlichen sechs Prozent hatten Erkrankungen wie die Lewy-Körperchen-Krankheit oder die frontotemporale Lobärdegeneration. Nach Angaben der Forscher haben die meisten PCA-Patienten anfangs normale kognitive Fähigkeiten. Zum Zeitpunkt ihres ersten diagnostischen Besuchs, im Durchschnitt 3,8 Jahre nach dem Auftreten der Symptome, zeige sich jedoch eine leichte oder mittelschwere Demenz mit Defiziten in den Bereichen Gedächtnis, Exekutivfunktion, Verhalten sowie Sprache und Sprechen.
Vorteile der Früherkennung
Obwohl Alzheimer derzeit nicht heilbar ist, bietet die Früherkennung dennoch erhebliche Vorteile:
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- Frühzeitige Intervention: Eine frühe Diagnose ermöglicht es, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, um den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dazu gehören beispielsweise kognitives Training, körperliche Aktivität und eine gesunde Ernährung.
- Planung und Vorbereitung: Eine frühe Diagnose gibt Betroffenen und ihren Familien Zeit, sich auf die Zukunft vorzubereiten, finanzielle Angelegenheiten zu regeln und Entscheidungen über die Pflege zu treffen.
- Teilnahme an klinischen Studien: Die Früherkennung ermöglicht es Betroffenen, an klinischen Studien teilzunehmen, in denen neue Medikamente und Therapien getestet werden.
Herausforderungen und Einschränkungen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es noch einige Herausforderungen und Einschränkungen bei der Früherkennung von Alzheimer durch Augenuntersuchungen:
- Spezifität: Es ist wichtig zu beachten, dass Veränderungen im Auge auch durch andere Erkrankungen verursacht werden können. Daher ist es wichtig, die Ergebnisse von Augenuntersuchungen immer im Zusammenhang mit anderen diagnostischen Verfahren zu betrachten.
- Kosten: Die bisherigen Verfahren zur Messung der Augenbewegungen sind teuer, denn dafür benötigt man speziell geschultes Personal und komplexe Technologie. Gelingt es, die Methoden besser zugänglich zu machen, könnte das bei der frühzeitigen Diagnose von Demenzen helfen.
- Weitere Forschung erforderlich: Bevor Augenuntersuchungen als routinemäßiges Screening-Verfahren eingesetzt werden können, sind weitere Studien erforderlich, um die Genauigkeit und Zuverlässigkeit der Methoden zu validieren.
Weitere Symptome von Alzheimer
Neben Veränderungen im Auge gibt es weitere Symptome, die auf eine beginnende Alzheimer-Erkrankung hindeuten können:
- Gedächtnisprobleme / Vergesslichkeit
- Schwierigkeiten beim Planen und Problemlösen
- Probleme mit gewohnten Tätigkeiten
- Schwierigkeiten, Bilder zu erkennen und räumliche Dimensionen zu erfassen
- Schwierigkeiten, einem Gespräch zu folgen
- Verlieren von Gegenständen
- Verlust der Eigeninitiative
- Starke Stimmungsschwankungen
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