Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Form der Demenz, ist eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns, die sich meist nach dem 65. Lebensjahr manifestiert. Sie ist durch einen kontinuierlichen Verlust der geistigen Fähigkeiten gekennzeichnet und stellt Betroffene wie Angehörige vor erhebliche Herausforderungen. Ein häufiges und oft beunruhigendes Symptom ist das Verstecken von Gegenständen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für dieses Verhalten und gibt Einblicke in den Umgang damit.
Demenz: Mehr als nur Gedächtnisverlust
Eine Demenzerkrankung, und insbesondere Alzheimer, geht weit über den reinen Verlust der geistigen Fähigkeiten hinaus. Sie beeinflusst die Wahrnehmung, das Verhalten und das gesamte Erleben des betroffenen Menschen. In ihrer veränderten Welt erhalten Dinge und Ereignisse oft eine völlig andere Bedeutung als in der Realität gesunder Menschen. Da sich Betroffene oft nur im Anfangsstadium der Demenz selbst mitteilen können, ist es für die Betreuenden essenziell, sich in die Welt der Erkrankten hineinzuversetzen, um sie besser zu verstehen.
Ursachen für das Verstecken von Dingen
Das Verstecken von Gegenständen bei Menschen mit Demenz hat verschiedene Ursachen, die oft in der veränderten Wahrnehmung und den kognitiven Beeinträchtigungen der Erkrankung begründet liegen:
- Verlust der Orientierung: Menschen mit Demenz verlieren allmählich ihren "inneren Anker", der ihnen hilft, sich in ihrer Umgebung und in der Zeit zurechtzufinden. Sie können sich in ihrer Umgebung verirren, selbst an vertrauten Orten, und erkennen bekannte Wege nicht mehr. Diese Desorientierung kann dazu führen, dass sie Gegenstände an ungewöhnlichen Orten ablegen, etwa den Schlüssel im Kühlschrank, und sich später nicht mehr daran erinnern.
- Gedächtnisverlust: Die Schwierigkeit, sich Dinge zu merken, steht in der Regel am Beginn einer Demenzerkrankung. Betroffene können neue Informationen nicht mehr im Langzeitgedächtnis speichern und vergessen Termine, verlegen Gegenstände oder erinnern sich nicht an die Namen entfernter Bekannter. Im weiteren Verlauf der Demenz verblassen auch bereits eingeprägte Inhalte des Langzeitgedächtnisses.
- Sicherheitsbedürfnis: Oft verstecken Menschen mit Demenz wichtige Gegenstände wie Schlüssel, Geld oder Lebensmittel aus einem vermeintlichen Sicherheitsbedürfnis heraus. Sie fühlen sich in einer unübersichtlichen und möglicherweise gefährlichen Welt unsicher und versuchen, durch das Verstecken von Wertgegenständen ein Gefühl der Kontrolle und Sicherheit zu bewahren.
- Veränderte Wahrnehmung: Menschen mit Demenz können zwar in der Regel sehen, hören, schmecken und riechen, aber die Verarbeitung dieser Eindrücke im Gehirn ist gestört. Sie sind dadurch immer weniger in der Lage, mithilfe ihres Verstandes die auf sie einströmenden Informationen und Eindrücke zu ordnen oder zu bewerten. Dies kann zu Fehleinschätzungen und daraus resultierenden Handlungen führen, wie dem Verstecken von Gegenständen.
- Angst und Unsicherheit: Wenn Menschen mit Alzheimer bei sich die typischen Veränderungen bemerken, die Orientierung verlieren und Vertrautes plötzlich nicht wiedererkennen, erleben sie Gefühle von Unsicherheit, Trauer, Angst oder auch Wut. Das Verstecken von Gegenständen kann ein Ausdruck dieser Gefühle sein, ein Versuch, etwas Wertvolles zu schützen und die Kontrolle zu behalten.
- Erinnerungen an frühere Lebensphasen: Mit dem Fortschreiten der Demenz wird die Lebenswelt der Betroffenen weitgehend von den noch vorhandenen Erinnerungen geprägt. Sie leben mit den Vorstellungsbildern einer bestimmten Lebensphase und verhalten sich dementsprechend. In diesem Zusammenhang kann das Verstecken von Gegenständen eine Handlung sein, die in einer früheren Lebenssituation sinnvoll war, beispielsweise das Verstecken von Geld in Notzeiten.
Typische Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Demenz
Neben dem Verstecken von Dingen gibt es weitere Verhaltensweisen, die häufig bei Menschen mit Demenz auftreten und mit denen sich Angehörige auseinandersetzen müssen:
- Verlieren von Sachen: Eine Demenzerkrankung führt oft dazu, dass Betroffene immer häufiger Sachen verlieren. Sie wissen nicht mehr, wo etwas hingehört und räumen es dann falsch ein, beispielsweise Besteck in den Kleiderschrank.
- Sammeln und Horten: Menschen mit Demenz sammeln und horten manchmal Dinge, weil sie sich nicht daran erinnern, diese bereits gekauft zu haben, oder als Vorbereitung für härtere Zeiten.
- Wegwerfen wichtiger Dinge: Es kommt vor, dass pflegebedürftige Angehörige wichtige Dinge wegwerfen.
- Wiederholtes Fragen und Handeln: Viele Menschen mit Demenz stellen immer wieder dieselbe Frage oder wiederholen die gleichen Sätze oder Handlungen. Dies ist oft ein Zeichen von Angst oder Unsicherheit.
- Bewegungsdrang und Unruhe: Im mittleren Stadium der Demenz zeigen viele betroffene Menschen einen ausgeprägten Bewegungsdrang, gepaart mit starker Unruhe.
- Fehlinterpretationen und Beschuldigungen: Die eingeschränkte Fähigkeit der Betroffenen, Situationen und Wahrnehmungen richtig zu deuten, führt häufig zu Erklärungsversuchen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. So beschuldigen sie beispielsweise ihre Angehörigen, Geld gestohlen zu haben, oder halten Verwandte für verkleidete Fremde.
- Aggressives Verhalten: Menschen mit Demenz verhalten sich manchmal verbal oder körperlich aggressiv. Auslöser für Wutausbrüche und aggressives Verhalten sind weniger krankheitsbedingte Veränderungen im Gehirn als vielmehr die erschwerten Lebensbedingungen und die daraus resultierende Angst der Betroffenen.
Umgang mit dem Verstecken von Dingen
Der Umgang mit dem Verstecken von Dingen bei Menschen mit Demenz erfordert Geduld, Verständnis und Einfühlungsvermögen. Hier sind einige Tipps, die helfen können:
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- Akzeptanz und Verständnis: Es ist wichtig, die betroffene Person so anzunehmen, wie sie ist, und das zu akzeptieren, was sie tatsächlich leisten kann. Machen Sie sich bewusst, dass das Verstecken von Dingen ein Symptom der Erkrankung ist und keine böswillige Absicht dahintersteckt.
- Sichere Umgebung schaffen: Gestalten Sie die Umgebung der betroffenen Person so sicher und vertraut wie möglich. Eine klare Strukturierung der Wohnung, zum Beispiel durch farbliche Markierungen oder Schilder, kann helfen, sich besser zurechtzufinden.
- Feste Plätze für wichtige Gegenstände: Schaffen Sie feste Plätze für wichtige Gegenstände wie Schlüssel, Geldbörse und Brille. Dies erleichtert das Wiederfinden und reduziert die Notwendigkeit, Dinge zu verstecken. Neben der Haus- oder Wohnungstür kann man beispielsweise ein Hakenbrett in Form eines Schlüssels aufhängen, das daran erinnert, den Schlüssel dort abzulegen oder mitzunehmen.
- Routinen etablieren: Regelmäßige Tagesabläufe mit festen Mahlzeiten und Aktivitäten bieten Halt und geben Orientierung.
- Gemeinsam suchen: Wenn ein Gegenstand fehlt, suchen Sie gemeinsam mit der betroffenen Person danach. Vermeiden Sie Vorwürfe oder Schuldzuweisungen.
- Humor bewahren: Versuchen Sie, die Situation mit Humor zu nehmen. Dies kann helfen, Spannungen abzubauen und eine positive Atmosphäre zu schaffen.
- Nicht diskutieren: Vermeiden Sie es, mit Menschen mit Demenz auf Streitereien oder Diskussionen einzulassen und dabei zu versuchen, die betroffene Person durch logische Argumente zu überzeugen. Oftmals leidet die betroffene Person unter Dingen, die sie nicht mehr nachvollziehen kann.
- Ablenkung: Wenn die betroffene Person unruhig oder ängstlich ist, versuchen Sie, sie abzulenken, beispielsweise durch Musik, Spaziergänge oder andere angenehme Aktivitäten.
- Professionelle Hilfe: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Beratungsstellen, Pflegekurse und Selbsthilfegruppen können wertvolle Unterstützung bieten.
Hilfreiche Maßnahmen zur Unterstützung im Alltag
Neben den genannten Tipps gibt es eine Reihe weiterer Maßnahmen, die Menschen mit Demenz im Alltag helfen können:
- Orientierungshilfen: Große, gut sichtbare Kalender und Uhren können zu Hause bei der Orientierung helfen. Manche Demenzerkrankte kommen auch gut mit einem Kalender in Buchform zurecht.
- Emotionale Verbindungen: Abstrakte Begriffe werden von Menschen mit Demenz zunehmend schlechter verstanden. Oft erleichtern emotionale Verbindungen das Verständnis, wie "die Stadt, in der deine Tochter wohnt" oder "der Monat nach deinem Geburtstag".
- Technische Hilfsmittel: Es gibt eine Vielzahl technischer Hilfsmittel, die den Alltag von Menschen mit Demenz erleichtern können, wie beispielsweise Brandmelder mit Abschaltfunktion für Haushaltsgeräte, Wassermelder und elektronische Medikamentenspender.
- Wichtige Kontakte griffbereit: Alle wichtigen Telefonnummern sollten griffbereit gehalten werden, beispielsweise in einer Liste neben dem Telefon oder in einem Telefonregister.
- Termine überblicken: Ein großer, gut lesbarer Kalender, in den Termine und Verabredungen eingetragen werden, vermittelt Sicherheit und hilft, den Tagesablauf zu strukturieren.
Medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlung
Die Demenz wird mit einer Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen behandelt. Ziel der Therapie ist, die Selbstständigkeit der Betroffenen möglichst lange zu erhalten und die Lebensqualität zu verbessern.
- Medikamentöse Behandlung: Die klassischen Antidementiva können den Verlust der Nervenzellen nicht aufhalten, aber in einigen Fällen die Symptome lindern. Sie sollen die gestörte Hirnleistung verbessern und die sprachlichen und lebenspraktischen Fähigkeiten sowie das Verhalten der Erkrankten günstig beeinflussen. Zu den eingesetzten Medikamenten gehören Acetylcholinesterasehemmer und Memantin. Mit Lecanemab wurde 2025 das erste krankheitsmodifizierende Medikament für die Alzheimertherapie in der EU zugelassen.
- Nicht-medikamentöse Behandlung: Da die heute verfügbare medikamentöse Therapie eine Demenz nicht heilt, kommt der Milieutherapie eine besondere Bedeutung zu. Sie zielt darauf ab, eine möglichst vertraute und anregende Umgebung zu schaffen, in der sich die Betroffenen wohlfühlen und ihre Fähigkeiten erhalten können. Auch das Realitätsorientierungstraining ist eine in der aktuellen S3-Leitlinie "Demenzen" empfohlene Methode zur kognitiven Unterstützung von Menschen mit Demenz.
Frühzeitige Information und Unterstützung für Angehörige
Gut zwei Drittel aller Kranken werden zu Hause von der Familie betreut, unter für Außenstehende oft kaum nachvollziehbaren Belastungen. Um an diesen Belastungen nicht zu zerbrechen, sollten sich Angehörige rechtzeitig über den Krankheitsverlauf informieren. Dazu können sie Beratungsstellen oder Pflegekurse besuchen, die häufig auch von Krankenkassen finanziert werden.
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