Alzheimer durch Chemotherapie: Ursachen, Auswirkungen und Behandlungsansätze

Die Frage, ob Chemotherapie Alzheimer auslösen kann, ist komplex und Gegenstand aktueller Forschung. Während der Begriff "Chemobrain" oder "Onkobrain" kognitive Beeinträchtigungen beschreibt, die im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung und deren Therapien auftreten können, ist die Verbindung zu Alzheimer nicht direkt bewiesen. Es gibt jedoch Hinweise auf Wechselwirkungen zwischen Krebs, seinen Behandlungen und dem Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer.

Der "Molekulare Link" zwischen Krebs und Alzheimer

Im Jahr 2010 entdeckte die Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Thomas Bayer von der Universitätsmedizin Göttingen einen "molekularen Link" zwischen Alzheimer und Krebs: das Amyloid-Vorläufer-Protein (APP).

  • Bei Krebs fördert die zellschützende Funktion von APP das Wachstum von Tumoren. APP schützt und unterstützt Krebszellen, die vor allem immer weiter wachsen wollen. Es tritt daher als pathologisch wichtiger tumorfördernder Faktor auf.
  • Bei der Alzheimer-Krankheit fehlt diese zellschützende Funktion von APP, wodurch die toxische Wirkung intraneuronaler Abeta-Peptide überwiegt. Es scheint eine Verschiebung des Gleichgewichts zwischen schützender Funktion und giftiger Wirkung zu geben.

Diese Erkenntnisse deuten auf eine komplexe Beziehung zwischen den beiden Krankheiten hin, bei der ein einzelnes Protein in unterschiedlichen Kontexten gegensätzliche Rollen spielen kann.

Inverse Beziehung zwischen Krebs und Alzheimer?

Die Framingham-Studie von Prof. Jane Driver (Harvard Medical School) griff Beobachtungen aus chilenischen Altenheimen auf, die einen inversen Zusammenhang zwischen Krebs und Alzheimer nahelegten. Überlebende eines Krebsleidens erkranken demnach seltener an Alzheimer als Gleichaltrige ohne Krebs. Die Forscher vermuten, dass eine genetisch bedingte Neigung zur Apoptose (programmierter Zelltod) Krebs entgegenwirken könnte, gleichzeitig aber neurodegenerative Erkrankungen befördert.

Diese Ergebnisse wurden durch zwei groß angelegte Untersuchungen im Jahr 2013 gestützt:

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  • Eine italienische Studie mit über 200.000 Teilnehmern fand heraus, dass nur wenige Studienteilnehmer sowohl an Krebs als auch an Alzheimer erkrankt waren. Das Krebsrisiko der Alzheimer-Patienten war reduziert, während die Krebspatienten seltener an Alzheimer litten.
  • Eine US-amerikanische Studie mit knapp 3,5 Millionen Veteranen zeigte, dass die meisten Krebserkrankungen mit einem reduzierten Alzheimer-Risiko verbunden waren, wobei das Risiko bei Leberkrebs am stärksten reduziert war. Allerdings gab es auch Krebsarten (Melanome, Prostata- und Darmkrebs), die nicht mit einem verringerten Risiko einhergingen oder sogar mit einem erhöhten Risiko verbunden waren.

PD Dr. Oliver Wirths betont, dass diese Studien die Kritik an früheren Untersuchungen entkräften, wonach Krebs- oder Alzheimer-Patienten einfach nicht lange genug leben, um die jeweils andere Erkrankung zu bekommen.

Chemotherapie und das "Onkobrain"

Krebserkrankungen und ihre Therapien können Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen verursachen. Chemotherapien wurden häufig für diese Einbußen verantwortlich gemacht, was zum Begriff "Chemobrain" führte. Allerdings weiß man heute, dass nicht nur eine Chemotherapie, sondern auch andere Krebstherapien (Bestrahlung, Hormontherapie, Immuntherapie) sowie die Krebserkrankung selbst kognitive Einbußen verursachen können. Daher wird der Begriff "Onkobrain" bevorzugt.

Symptome des Onkobrains

Das Onkobrain ist mit kognitiven Einbußen verknüpft, die sich durch folgende Symptome äußern können:

  • Probleme mit Konzentration und Aufmerksamkeit
  • Gedächtnisprobleme (besonders Kurzzeitgedächtnis)
  • Wortfindungsstörungen
  • Verlangsamtes Denken
  • Verminderte Lernfähigkeit
  • Schwierigkeiten beim Multitasking
  • Verminderte Fähigkeit, komplexe Aufgaben auszuführen

Die Symptome können individuell verschieden stark ausgeprägt sein.

Ursachen des Onkobrains

Die Ursachen des Onkobrains sind noch unklar. Forschende vermuten, dass mehrere Faktoren beteiligt sind, darunter:

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  • Posttraumatischer Stress und psychische Belastungen durch die Krebsdiagnose und -behandlung
  • Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen
  • Einfluss von Krebstherapien (Operation, Chemotherapie, Strahlentherapie, weitere Krebsmedikamente)
  • Schmerzen
  • Hormonelle Veränderungen (z.B. durch Antihormontherapie)

Diagnose und Behandlung des Onkobrains

Um das Onkobrain zu diagnostizieren, werden Ärztinnen und Ärzte die Krankengeschichte und Symptome erfragen sowie kognitive Tests durchführen. Es gibt keine einheitliche Therapie oder speziell zugelassene Medikamente gegen das Onkobrain. Es gibt aber verschiedene Strategien, um die Symptome zu lindern:

  • Psychotherapie (z.B. kognitive Verhaltenstherapie)
  • Bewegung und Sport
  • Ausreichend Schlaf und gute Schlafqualität
  • Entspannungstechniken (z.B. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Yoga)
  • Achtsamkeitstraining
  • Gesunde, vollwertige und abwechslungsreiche Ernährung
  • Regelmäßiges Gehirntraining oder Gehirnjogging
  • Medikamente (in manchen Fällen)

Der Verlauf des Onkobrains ist individuell verschieden. Bei manchen Menschen erholen sich die kognitiven Funktionen teilweise oder vollständig wieder, während andere länger mit den Störungen zu kämpfen haben.

Tipps zur Steigerung der Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit

Die Fondation Cancer Luxemburg gibt folgende Tipps für Menschen mit einem Onkobrain:

  • Aufmerksamkeit steigern:
    • Multitasking vermeiden
    • Kurze Pausen einlegen
    • Prioritäten setzen
    • Ruhige Atmosphäre schaffen
    • Auf körperliches Wohlbefinden achten
  • Merkfähigkeit verbessern:
    • Informationen strukturieren
    • Verknüpfungen (Assoziationen) bilden
    • Geistige (mentale) Bilder verwenden
    • Grafiken, Illustrationen, Fotos oder Tabellen nutzen
    • Gedächtnishilfen verwenden (Notizbücher, Kalender, To-do-Listen, Diktierfunktionen)

Brustkrebsbehandlung und Demenzrisiko

Eine Studie aus Südkorea untersuchte das Demenzrisiko bei Brustkrebspatientinnen im Vergleich zu krebsfreien Kontrollpersonen. Dabei zeigte sich, dass Medikamente gegen Brustkrebs und Strahlentherapien das Demenzrisiko senken können, obwohl die Behandlungen oft mit Gedächtnisstörungen (Chemobrain) einhergehen.

  • Bestimmte Wirkstoffe scheinen als Nebeneffekt schützend auf das Gehirn zu wirken.
  • Tiermodelle zeigen, dass das Demenzrisiko durch eine Krebsbehandlung sinken kann.

Die Forscher vermuten, dass niedrig dosierte Streustrahlung bei der Strahlentherapie die Selbstreinigungsfunktionen des Gehirns unterstützt und immunmodulierend wirkt. Bei Anthracyclinen (Chemotherapie-Medikamente) vermuten sie neuroprotektive Effekte und eine Reduktion des Demenzrisikos, da diese Substanzen die Zusammenlagerung fehlgefalteter Tau-Proteine im Gehirn Demenzkranker hemmen.

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Bexaroten als potenzielles Alzheimer-Medikament

Das Mittel Bexaroten, das zur Behandlung von Hautkrebs eingesetzt wird, sorgte im Jahr 2012 für Schlagzeilen, da es im Kampf gegen Alzheimer ein aussichtsreicher Kandidat sein könnte. Dr. Gary Landreth fand heraus, dass Bexaroten die Produktion des körpereigenen Apolipoprotein E (ApoE) ankurbelt und so die bei Alzheimer typischen Eiweißablagerungen aus Beta-Amyloid im Gehirn beseitigt. Auch die kognitiven Fähigkeiten der Versuchstiere verbesserten sich.

Weitere Studien konnten die ursprünglichen Ergebnisse von Dr. Landreth jedoch nur teilweise bestätigen. Während es keine Veränderungen im Bezug auf die Alzheimer typischen Eiweißablagerungen gab, konnten die Verbesserungen der Verhaltensdefizite der Tiere ebenfalls belegt werden. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind noch nicht verstanden und werden zurzeit intensiv erforscht.

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