Entzündliche Prozesse im Gehirn als Schlüsselfaktor bei Alzheimer

Einführung

Alzheimer ist eine verheerende neurodegenerative Erkrankung, die letztendlich zur Demenz führt. Eine wirksame Behandlung gibt es bislang nicht. Im Laufe der Krankheit verkleben winzige Eiweißstoffe - Amyloid-Beta-Peptide, kurz „Aβ“ genannt - und lagern sich im Gehirn ab. Diese Aggregate stehen im Verdacht, Nervenzellen zu schädigen. In jüngster Zeit hat sich zudem herausgestellt, dass Ablagerungen von Aβ entzündliche Prozesse in Gang setzen. Diese sogenannten Neuroinflammationen spielen eine massgebliche Rolle bei der Entwicklung der Alzheimer-Erkrankung. Die Forschung konzentriert sich zunehmend darauf, diese Entzündungsprozesse zu verstehen und zu beeinflussen, um neue Therapieansätze zu entwickeln.

Die Rolle des Immunsystems im Gehirn

Angestoßen werden die Entzündungsprozesse vom angeborenen Immunsystem des Gehirns, dessen Repertoire anders als bei der adaptiven Immunabwehr genetisch festgelegt ist. Ein molekularer Sensor des angeborenen Immunsystems, ein Proteinkomplex mit der Bezeichnung NLRP3, spielt dabei eine Schlüsselrolle. Im Gehirn von Alzheimer-Patienten ist NLRP3 aktiviert. NLRP3 verändert bei Aktivierung seine Struktur und veranlasst das Immunsystem, entzündungsfördernde Substanzen herzustellen. Darüber hinaus verbindet sich NLRP3 bei Aktivierung mit dem Eiweißmolekül ASC. Zellen können derlei Aggregate - sie werden „ASC Specks“ genannt - ausschütten.

ASC Specks und ihre Verbindung zur Neurodegeneration

Die aktuellen Untersuchungen zeigen nun, dass ASC Specks auch von aktivierten Immunzellen des Gehirns - den „Mikroglia“ - freigesetzt werden. Darüber hinaus belegen sie eine molekulare Verbindung zur Neurodegeneration. Es wurde herausgefunden, dass ASC Specks im extrazellulären Raum an Aβ binden und die Ablagerung von Aβ fördern. Diese Einschätzung stützt sich auf eine Reihe von Experimenten mit Mausmodellen der Alzheimer-Krankheit. Analysen von menschlichem Hirngewebe zeigen, dass Entzündungsreaktionen und Aβ-Pathologie beim Menschen in ähnlicher Weise ineinandergreifen können. Zusammenfassend legen diese Ergebnisse nahe, dass Entzündungen des Gehirns nicht nur eine Begleiterscheinung der Alzheimer-Krankheit sind, sondern vielmehr dazu beitragen, dass die Erkrankung voranschreitet.

NLRP3-Inflammasom als Ziel für therapeutische Interventionen

Das „NLRP3-Inflammasom“ wirkt wie ein Kontrollschalter: Bei der Alzheimer-Erkrankung löst seine Aktivierung Entzündungsprozesse aus (sogenannte Neuroinflammation), die Nervenzellen schädigen. Aus diesem Grund suchen Forschende nach Möglichkeiten, diesen molekularen Komplex mit Hilfe von „Inhibitoren“, speziellen Pharmastoffen, zu inaktivieren. Es ist bekannt, dass die Inhibition von NLRP3 nicht nur die Neuroinflammation verringert, sondern auch die Mikroglia dabei unterstützt, die schädlichen Ablagerungen von Amyloid-Beta zu beseitigen. Diesen Vorgang nennt man Phagozytose. Studien haben bisher unbekannte Signalwege entdeckt, die von NLRP3 beeinflusst werden. Insbesondere wurde herausgefunden, dass NLRP3 steuert, wie Mikroglia Nährstoffe verwerten und wie diese Nährstoffe auf Gene wirken, die eine entscheidende Rolle für die Funktion der Mikroglia spielen. Das ist sehr bedeutsam für deren Fähigkeit zur Phagozytose. Diese Erkenntnisse könnten bei der Entwicklung von Therapien gegen Demenz hilfreich sein.

Frühe Anzeichen von Entzündungsaktivität im Gehirn

Schon lange vor dem Auftreten von Demenz gibt es Anzeichen für eine erhöhte Aktivität des Immunsystems des Gehirns. Zu dieser Einschätzung kommen Forschende des DZNE und des Universitätsklinikums Bonn (UKB) auf der Grundlage einer Studie an mehr als 1.000 älteren Erwachsenen. Diverse Proteine wurden dazu im Nervenwasser erfasst: Sie dienten als sogenannte Biomarker, die auf Entzündungsprozesse des Nervensystems hinweisen. Wie sich herausstellte, sind manche dieser Moleküle offenbar Teil eines Programms des Immunsystems zur Schadensbegrenzung - was für die Entwicklung neuer Medikamente nützlich sein könnte.

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Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler analysierten verschiedene immunologische Biomarker, die sich durch gute Nachweisbarkeit im Nervenwasser und reproduzierbare Ergebnisse auszeichnen. Es wurde festgestellt, dass manche dieser Entzündungsmarker schon dann auffällig sind, wenn es noch keine Symptome von Demenz gibt. Ausgangspunkt der Untersuchungen waren Daten der sogenannten DELCODE-Studie, in deren Rahmen das DZNE gemeinsam mit bundesweit mehreren Universitätskliniken Demenz und deren Vorstadium erforscht. In das aktuelle Studienprojekt flossen Befunde von rund 300 Frauen und Männern ein, alle im Alter über 60 Jahre. Zur Probandengruppe zählten neben kognitiv unauffälligen Erwachsenen auch solche mit Gedächtnisproblemen unterschiedlich starker Ausprägung sowie Personen mit Alzheimer-Demenz. Von allen Studienteilnehmendem lagen Proben des Nervenwassers und standardisierte Gedächtnistests vor, von den meisten auch per Magnetresonanztomographie generierte Aufnahmen des Gehirns. Die Daten umfassten neben der Eingangsuntersuchung mindestens eine Nachuntersuchung ein Jahr später.

Entzündungsmarker als Indikatoren für Nervenzellschäden

Es gibt etablierte Biomarker für Amyloid und Tau. Das sind Proteine, die sich bei einer Alzheimer-Erkrankung im Gehirn ansammeln und auch im Nervenwasser nachweisen lassen. Deren Messspiegel verändern sich in der Regel noch bevor Symptome von Demenz auftreten, was als Zeichen für nervenschädigende Prozesse gilt. Tatsächlich wurde festgestellt, dass die meisten Entzündungsmarker erhöht sind, insbesondere wenn ein Marker für Nervenzellschäden erhöht ist. Das gilt auch, wenn diese Personen noch keine Symptome von Demenz aufweisen. Insbesondere zwei dieser Marker - Proteine der „TAM-Rezeptor-Familie“ - scheinen mit einem Schadensbegrenzungsprogramm zusammenzuhängen. Denn bei Studienteilnehmenden mit besonders hohen Werten dieser Marker war das Hirnvolumen vergleichsweise groß und die kognitiven Funktionen gingen im zeitlichen Verlauf langsamer zurück.

Die Bedeutung von TAM-Proteinen für die Immunregulation

Entzündungsprozesse sind per se nicht schlecht, sondern vor allem zu Beginn eine normale, schützende Reaktion des Immunsystems auf bedrohliche Reize. Aber sie dürfen nicht zu lange andauern, dafür müssen sie reguliert werden. Von den Proteinen der TAM-Familie sei bekannt, dass sie Immunreaktionen beeinflussen und die zelluläre Abfallbeseitigung fördern. Diese Schutzfunktion zu unterstützen, wäre ein interessanter Ansatzpunkt für die Pharma-Forschung. Hier sehe ich Anwendungspotenzial für die von uns identifizierten Marker. Für die Früherkennung von Demenz im Rahmen der Routineversorgung ist die Messung dieser Marker zu aufwändig. Aber bei der Erprobung neuer Medikamente in klinischen Studien gibt es andere technische Möglichkeiten. Für solche Studien benötigt man Indikatoren, um bewerten zu können, ob Maßnahmen anschlagen und getestete Arzneimittel wirksam sind.

Identifizierung von Eiweißen im Hirnwasser als Biomarker für Entzündungsprozesse

Alzheimer, Parkinson und andere neurodegenerative Erkrankungen gehen mit Entzündungsprozessen im Gehirn einher. Tübinger Forschenden ist es gelungen, eine Gruppe von Eiweißen im Hirnwasser zu identifizieren, die Rückschlüsse auf solche Entzündungsvorgänge geben könnten. Als sogenannte Biomarker könnten diese Eiweiße künftig helfen, Krankheitsprozesse besser zu verstehen und die Wirkung potenzieller Medikamente gegen diese Entzündungen zu testen.

Um Informationen über die dynamischen Entzündungsreaktionen im Gehirn zu erhalten, hat das Tübinger Forschungsteam nun nach möglichen molekularen Biomarkern gesucht. Dies sind Substanzen, deren Anwesenheit oder Konzentrationsänderung im Körper auf einen Krankheitsprozess hinweist. Sie lassen sich etwa in Blut, Urin oder anderen Körperflüssigkeiten messen und sind ein wichtiges Instrument der medizinischen Diagnostik oder um einen Krankheitsverlauf zu beobachten. In der aktuellen Studie analysierten die Neurobiologen Hirnwasser von Mäusen, die charakteristische Merkmale der Alzheimererkrankung oder von Morbus Parkinson zeigen. Mittels moderner Messtechnik konnten in nur zwei Mikrolitern Hirnwasser, also einem winzigen Tropfen, mehr als 600 Eiweiße gleichzeitig gemessen werden. Es wurde herausgefunden, dass die Konzentration von 25 Eiweißen bei beiden Mausmodellen gegenüber gleichaltrigen, gesunden Tieren verändert war. Bemerkenswert ist, dass der Großteil dieser Eiweiße von Gliazellen stammt oder mit diesen in Verbindung gebracht werden kann. Praktisch alle sind auch im menschlichen Hirnwasser nachweisbar und zum Teil bei Alzheimerkranken verändert. Die veränderten Konzentrationen der Eiweiße könnten unterschiedliche Aktivierungsstadien der Gliazellen widerspiegeln. Sie hätten damit das Potential, als Biomarker zu dienen. Die Möglichkeit, die Entzündungsreaktionen im Hirnwasser zu messen, wäre ein großer Fortschritt. Das würde erlauben, Erkrankungsstadien besser zu verstehen und auch erste Medikamente gegen diese Entzündungen in klinischen Studien zu testen. Die neuen Erkenntnisse aus dem Labor fänden damit praktische Anwendung in der Patientenversorgung und wären somit ein gutes Beispiel für translationale Hirnforschung.

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Die Rolle von Apolipoprotein E (ApoE) bei Entzündungen

Apolipoprotein E, kurz ApoE, ist ein multifunktionales Eiweiß, das eine wichtige Rolle als Regulator im Fettstoffwechsel spielt. Daneben sind zahlreiche andere Eigenschaften beschrieben worden. So wird ApoE nicht nur mit Atherosklerose, sondern auch mit der Alzheimer-Demenz, AIDS und vielen anderen entzündlichen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Der Zusammenhang zwischen seinen unterschiedlichen Funktionen konnte trotz internationaler Forschungsanstrengungen während der letzten Jahrzehnte aber noch nicht identifiziert werden.

Wissenschaftler konnten nun nachweisen, dass ApoE als Schlüsselmolekül und Regulator in eine zentrale Signalkaskade der Immunreaktion eingreift und damit Entzündungen direkt beeinflusst. Durch die Behandlung mit einem Wirkstoff, der an dieser Kaskade ansetzt, gelang es den Wissenschaftlern, Atherosklerose und entzündliche Prozesse im Gehirn zu hemmen. Damit haben die Forscher eine völlig unerwartete aber vor allem gemeinsame Funktion von ApoE bei unterschiedlichen Erkrankungen identifiziert und einen Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Therapien bei diesen Erkrankungen gefunden.

Beim Menschen gibt es drei verschiedene Varianten von ApoE, die ein breites Spektrum an Wirkmechanismen haben, deren verschiedene Funktionen aber bisher unklar blieben. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist bekannt, dass Träger der Variante ApoE4 ein höheres Risiko tragen, eine bestimmte Form von Alzheimer-Demenz zu entwickeln. Viele Alzheimer-Forscher betrachten ApoE deshalb als schädlich. In Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirkt sich ApoE aber offenbar positiv aus: Mäuse, die dieses Protein nicht bilden können, weil das entsprechende Gen ausgeschaltet („ausgeknockt“) wurde, zeigen erhöhte Blutfettwerte und schwere Atherosklerose.

Es ist bekannt, dass auch Alzheimer-Demenz mit entzündlichen Prozessen im Gehirn in Verbindung steht. Um die Funktion des Proteins genauer zu charakterisieren, untersuchten die Forscher unter anderem, wie sich ApoE-Mangel auf das Gehirn auswirkt. Dabei fanden sie in einer wichtigen Struktur im Gehirn von Patienten - dem sogenannten Plexus Choroideus - pathologische Fettablagerungen in der Mehrzahl der erkrankten und keine oder nur geringe Ablagerungen bei gesunden Patienten. Der Plexus Choroideus ist ein zentrales Adergeflecht im Gehirn, das etwa für die Bildung der Blut-Hirn-Schranke und den Gehirnstoffwechsel sowie für die Einwanderung von Immunzellen in das Gehirn verantwortlich ist und deshalb eine wichtige Schnittstelle zwischen dem Immunsystem, dem Herz-Kreislauf System und dem Gehirn bildet. Diese Fettablagerungen sind ein ganz neues Krankheitsbild, das zuvor völlig unbekannt war. Je ausgeprägter diese Ablagerungen sind, umso früher und ausgeprägter entwickelten die Patienten Demenz.

Wie die Forscher weiter zeigen konnten, lösen die Fettablagerungen entzündliche Prozesse aus, indem sie das sogenannte Komplementsystem aktivieren, eine Signalkaskade des Immunsystems, an der fast 30 Proteine beteiligt sind. Alle menschlichen Apo-Varianten waren in der Lage, diese Aktivierung abzuschwächen, indem sie an ein bestimmtes Protein dieses Systems mit dem Namen C1q binden. Damit wurde ApoE als Bindungspartner von C1q als ein direkter und zentraler Regulator dieser Signalkaskade identifiziert. Den resultierenden C1q-ApoE-Komplex haben wir an so unterschiedlichen Orten wie im Plexus Choroideus, den Alzheimer-typischen Plaques im Gehirn und in atherosklerotischen Arterien des Herzens, der Arterien, die das Gehirn mit Blut versorgen und der Hauptschlagader (Aorta) nachgewiesen. Dabei korrelierte die Anzahl der Komplexe mit dem Grad an Demenz von Alzheimer-Patienten und mit dem Schweregrad der Atherosklerose.

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Hemmung von Entzündungsreaktionen als Therapieansatz

Forschende liefern neue Belege dafür, dass die Eindämmung entzündlicher Prozesse im Gehirn ein aussichtsreicher Ansatz zur Behandlung der Alzheimer-Erkrankung ist. Ihre Ergebnisse beruhen auf Studien an Zellkulturen, Mäusen und menschlichen Gewebeproben und könnten zur Entwicklung wirksamerer Therapien beitragen.

Die Alzheimer-Erkrankung ist durch die Ablagerung von Proteinen, sog. Amyloid-Plaques, und daraus resultierenden Entzündungsprozessen gekennzeichnet. Das NLRP3-Inflammosom ist ein Entzündungssensor im Gehirn, der schädliche Prozesse erkennt und Entzündungen auslöst. Bei Alzheimer ist dieses System dauerhaft aktiviert, was zu Schädigungen der Nervenzellen führt. Unter anderem werden auch die Immunzellen des Gehirns (Mikroglia) beschädigt. Die Mikroglia sind dafür zuständig, Amyloid-Ablagerungen abzubauen, die zum Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit beitragen.

Ziel der Studie war es, das NLRP3-Inflammosom zu hemmen. So sollte untersucht werden, ob die Nervenzellen dadurch geschützt werden und folglich mehr Amyloid-Ablagerungen entfernen können. Getestet wurde der neue Therapieansatz an 3 verschiedenen Modellen: Zellkulturen im Labor, transgene Mausmodelle mit Alzheimer-ähnlichen Symptomen und menschliche Gewebeproben zur Untersuchung der Übertragbarkeit.

Zur Überprüfung der Entzündungsprozesse wurden Entzündungsmarker und Stoffwechselparameter der Mikroglia erfasst. Außerdem wurde der Abbau der Amyloid-Ablagerungen bewertet. Die Wissenschaftler konnten einen verbesserten Abbau von Amyloid-Plaques und eine reduzierte Entzündungsreaktion feststellen. Außerdem beobachteten sie eine verbesserte Energieversorgung der Mikroglia, die zu einem effizienteren Abbau der Plaques führte.

Das NLRP3-Inflammosom spielt eine wichtige Rolle im Energiehaushalt und der Funktion der Mikroglia. Durch die Inaktivierung ging nicht nur die Entzündung zurück, sondern es konnten schädliche Ablagerungen effizienter entfernt werden, so die Forschenden.

Zusammenhang zwischen Tau-Proteinen und Entzündungen

Trotz unterschiedlicher Symptome haben einige Demenzerkrankungen auf molekularer Ebene eines gemeinsam: auffällige Tau-Proteine. Diese Proteine haften normalerweise an Verstrebungen und Transportbahnen im Inneren von Nervenzellen und stabilisieren sie. Doch bei Alzheimer und einigen anderen Hirnerkrankungen werden die Tau-Proteine chemisch verändert. Infolgedessen lösen sie sich vom Zellskelett und verkleben. Das beeinträchtigt wichtige Abläufe in der Nervenzelle.

Ein Forscherteam konnte aufklären, wie es zur Veränderung der Tau-Proteine kommt. Die Befunde beruhen auf der Analyse von Hirngewebe verstorbener Menschen mit Demenz und auf Laboruntersuchungen an Mäusen. Eine maßgebliche Rolle spielt dabei das NLRP3 Inflammasom. Mit diesem Proteinkomplex, der in den Immunzellen des Gehirns angesiedelt ist, befassen sich die Forschenden schon länger. Sein Name leitet sich ab von „Inflammation“, dem Fachbegriff für Entzündung. Die Untersuchungen weisen darauf hin, dass das vom Inflammasom ausgelöste Entzündungsgeschehen für die Tau-Pathologie eine wichtige Rolle spielt.

Ein bestimmtes Zytokin, dessen Freisetzung vom Inflammasom vermittelt wird, bindet an einen Rezeptor auf der Oberfläche von Nervenzellen. Das wiederum löst eine Kaskade von Ereignissen aus, die letztendlich dazu führt, dass die Tau-Proteine chemisch verändert werden. Diese Veränderung bewirke, dass sich die Proteine vom Zellgerüst abtrennen und verklumpen, so der Bonner Forscher.

Die Amyloid-Kaskaden-Hypothese und die Rolle des Inflammasoms

Hier kommt allerdings ein weiterer Akteur ins Spiel: Amyloid-Beta. Auch dieser Eiweißstoff sammelt sich bei der Alzheimer-Erkrankung im Gehirn an, woraus die berüchtigten Plaques hervorgehen. Anders als bei den Tau-Proteinen geschieht dies jedoch nicht innerhalb, sondern zwischen den Nervenzellen. Außerdem beginnt die Ablagerung von Amyloid schon in einer frühen Phase der Erkrankung, während die Aggregate aus Tau-Proteinen erst später auftreten. Das Inflammasom ist hier ebenfalls beteiligt.

Es stellt sich die Frage, wie Amyloid- und Tau-Pathologie zusammenhängen. Wenn man neuere Ergebnisse und ältere insgesamt betrachtet, dann stützen sie die Amyloid-Kaskaden-Hypothese für die Entwicklung der Alzheimer-Erkrankung. Vielleicht sei die Wirkung des Amyloids auf das Gehirn aber gar nicht so schwerwiegend. Allerdings ist das Amyloid ein Immunstimulator. Es wirkt auf das Inflammasom und stößt wahrscheinlich auch diverse andere Entzündungsprozesse an, die letztendlich die Nervenzellen schädigen. Der entscheidende Mechanismus zwischen Amyloid-Ablagerung, die ja sehr früh stattfindet, und dem Zelltod durch Tau, der möglicherweise erst Jahrzehnte später geschieht, ist demnach die inflammatorische Komponente der Erkrankung. Das Inflammasom ist das Bindeglied zwischen Amyloid- und Tau-Pathologie. Entzündungsprozesse treiben demnach die Erkrankung voran, denn sie befeuern die Entwicklung der Amyloid- und der Tau-Pathologie. Das Inflammasom hat bei Alzheimer und anderen Hirnerkrankungen eine Schlüsselstellung. Er sieht darin Ansatzpunkte für neue Behandlungsoptionen.

Aktuelle Forschungsansätze und Therapieentwicklungen

Die Forschung zu Alzheimer und anderen Demenzen entwickelt sich rasant. Weltweit arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daran, die Ursachen der Erkrankung besser zu verstehen, neue Diagnostikverfahren zu entwickeln und Therapien zu finden, die den Verlauf der Krankheit beeinflussen können.

Erste Medikamente greifen gezielt in den Krankheitsverlauf ein, und Therapien können das Leben von Menschen mit Demenz bereits heute spürbar verbessern, indem sie den Alltag erleichtern, Fähigkeiten länger erhalten und die Lebensqualität steigern. Forschende weltweit arbeiten daran, Alzheimer eines Tages zu stoppen oder zu heilen und dadurch das Leben künftiger Generationen entscheidend zu verändern.

Früherkennung

Alzheimer und andere Demenzerkrankungen beginnen oft viele Jahre, bevor erste Symptome auftreten. Neue Bluttests, bildgebende Verfahren und digitale Methoden sollen es ermöglichen, die Krankheiten deutlich früher und zuverlässiger zu erkennen. Gerade weil Medikamente im frühen Stadium am besten wirken, wird die Früherkennung zu einem entscheidenden Schlüssel in der Versorgung.

Antikörper-Medikamente

Mit den Antikörpern Leqembi und Kisunla gibt es erstmals Medikamente, die den Verlauf von Alzheimer verlangsamen können. Sie richten sich an Menschen in einem frühen Krankheitsstadium und greifen gezielt in die Prozesse im Gehirn ein. Noch ist offen, wie groß ihr Nutzen langfristig ist und wie Nebenwirkungen am besten kontrolliert werden können. Forschungsteams arbeiten außerdem daran, ob sich die Antikörper künftig mit anderen Wirkstoffen kombinieren lassen.

Krankheitsmechanismen verstehen

Was genau passiert im Gehirn von Menschen mit Alzheimer? Forschende untersuchen zentrale Prozesse wie die Ablagerung der Proteine Amyloid-beta und Tau, entzündliche Vorgänge, die Bedeutung von Umwelteinflüssen und genetische Aspekte. Ziel ist es, die Entstehung der Erkrankungen besser zu verstehen und neue Ansatzpunkte für Therapien zu finden.

Vorbeugung von Demenzerkrankungen

Rund 45 Prozent aller Demenzerkrankungen ließen sich nach aktuellem Stand der Wissenschaft durch die Reduktion bestimmter Risikofaktoren verzögern oder sogar verhindern. Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes, Hörverlust, Depressionen oder soziale Isolation. Die Forschung versucht, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und Menschen dabei zu unterstützen, ihr persönliches Risiko zu senken.

Pflege und Lebensqualität

Neben der medizinischen Forschung rückt auch der Alltag von Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt. Studien befassen sich damit, wie die Versorgung individueller, die Belastung für Angehörige geringer und die Selbstständigkeit der Erkrankten länger erhalten werden kann. Technische Hilfen, soziale Teilhabe und neue Versorgungsmodelle spielen eine zentrale Rolle.

Die Rolle von Dapansutril bei der Eindämmung von Neuroinflammationen

Neuroinflammationen, also entzündliche Reaktionen im Gehirn, spielen beim Verlauf der Alzheimer-Krankheit eine wichtige Rolle. Forschende der Technischen Universität Braunschweig konnten in einer Studie mit Mäusen zeigen, dass die Substanz Dapansutril (OLT1177) Neuroinflammationen in den Gehirnen der Mäuse verhindern kann.

Um Krankheitserreger unschädlich zu machen, aktivieren Mikrogliazellen spezielle Proteinkomplexe, die Inflammasome. Diese lösen eine Neuroinflammation aus, also entzündliche Prozesse im Gehirn, die in der Regel mit dem Gesundwerden enden. Hier setzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jetzt bei der aktuellen Studie an: Sie haben die Substanz Dapansutril (OLT1177) eingesetzt, um das Inflammasom NLRP3 zu hemmen. Das spielt bei verschiedenen Entzündungsreaktionen eine Rolle, vermutlich auch bei der Alzheimer-Krankheit.

Das Forschungsteam hat untersucht, wie sich die Hemmung von NLRP3 auf das Gehirn von Mäusen auswirkt, die Symptome ähnlich denen von Alzheimer-Patienten entwickelt haben und dadurch schlecht lernen können. Nach drei Monaten haben sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann die Gehirne und das Lernverhalten der Tiere angeschaut: Die synaptische Plastizität, also die Fähigkeit der Synapsen, sich als Voraussetzung zum Lernen verstärken zu können, war bei den „Alzheimer-Mäusen“, die Dapansutril zu sich genommen haben, vollkommen normal. Bei der Kontrollgruppe war sie dagegen eingeschränkt.

Die Ergebnisse sind ein weiteres, wichtiges Puzzlestück in der Erforschung der Alzheimer-Krankheit. Sie stützen zum einen die Erkenntnis, dass entzündliche Reaktionen beim Entstehen der Krankheit wahrscheinlich eine wichtigere Rolle spielen als bisher angenommen. Zum anderen konnten wir zeigen, dass Dapansutril im Gehirn prinzipiell wirksam ist und das Inflammasom NLRP3 erfolgreich hemmen kann. Ob die Ergebnisse aus dem Alzheimer-Mausmodell sich auf den Menschen übertragen lassen oder nicht, wird weitere Forschung zeigen müssen. Aber sie liefern einen wichtigen Baustein für eine mögliche therapeutische Option, die jetzt in klinischen Studien weiter untersucht werden muss. Der Vorteil von Dapansutril ist, dass es einer der Hauptbestandteile von Brokkoli und deshalb für den Menschen unbedenklich ist. Das wurde bereits klinisch nachgewiesen.

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