Einführung
Demenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen des Gehirns, die mit einem fortschreitenden Verlust kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten einhergehen. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form der Demenz und macht bis zu zwei Drittel aller Fälle aus. Demenz betrifft vor allem ältere Menschen, aber auch jüngere Menschen können erkranken. Angesichts der alternden Bevölkerung in Europa und weltweit ist die Zahl der Menschen mit Demenz ein wachsendes Problem für die Gesundheitssysteme und die Gesellschaft insgesamt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die aktuellen Statistiken zu Demenz in Europa und Deutschland, basierend auf Daten von Alzheimer Europe und anderen Quellen.
Demenz: Eine Definition und ihre verschiedenen Formen
Demenz ist ein Krankheitszustand, der mit einer Beeinträchtigung der geistigen Fähigkeiten und daher schwerwiegenden Folgen einhergeht. Zu den möglichen Symptomen gehören Gedächtnis- und Orientierungsprobleme, Sprachstörungen, Minderungen des Denk- und Urteilsvermögens sowie Veränderungen der Persönlichkeit. Im fortgeschrittenen Stadium sind die betroffenen Personen auf fremde Hilfe angewiesen, weil sie sich im Alltag nicht mehr alleine zurechtfinden. Sie sind dann pflegebedürftig.
Es gibt nicht DIE Demenz, sondern tatsächlich viele Formen davon. Demenz ist ein Überbegriff: Diverse Erkrankungen, die sich auf das Gehirn auswirken, können Demenz auslösen. Die bekannteste und bei weitem häufigste dieser Demenzerkrankungen ist Alzheimer. Sie macht bis zu 2/3 aller Demenzerkrankungen aus. Weitere sind zum Beispiel die Lewy-Körperchen-Demenz, die Vaskuläre Demenz und die Frontotemporale Demenz. Bei einer Parkinson-Erkrankung können zusätzlich zu motorischen Beeinträchtigungen auch Symptome von Demenz auftreten und bei Menschen mit Down-Syndrom ist die Entwicklung von Demenz aufgrund genetischer Veranlagung nahezu unausweichlich. Die verschiedenen Demenzerkrankungen unterscheiden sich in der Art und Weise, wie sie das Gehirn und dessen Funktion beeinträchtigen.
Prävalenz von Demenz: Globale, europäische und nationale Perspektiven
Globale Zahlen
Im Jahr 2019 gab es weltweit mehr als 55 Millionen Menschen mit Demenz (im Alter ab 40 Jahren), in der Altersgruppe ab 65 Jahren waren es rund 48 Millionen. Nach Prognosen könnte die Anzahl der Betroffenen (im Alter ab 40 Jahren) im Jahr 2030 auf rund 78 Millionen ansteigen und im Jahr 2050 ca. 139 Millionen erreichen.
Europäische Zahlen
In der EU (inklusive UK) lebten im Jahr 2018 schätzungsweise rund 8,9 Millionen Menschen mit Demenz (im Alter ab 30 Jahren), in der Altersgruppe ab 65 Jahren waren es ca. 8,4 Millionen. Im Jahr 2021 waren in Europa etwa 1,9 Prozent aller Menschen in der Altersgruppe 65 bis 69 an Demenz erkrankt, in der Altersgruppe 80 bis 84 waren es rund 14 Prozent - also etwa jede siebte Person. Gemäß Prognosen könnte die Anzahl der Betroffenen (im Alter ab 30 Jahren) im Jahr 2025 auf rund 10,3 Millionen ansteigen und im Jahr 2050 ca. 16,3 Millionen erreichen. In der Altersgruppe, in der Demenzerkrankungen überwiegen (im Alter ab 65 Jahren), werden für 2025 rund 9,8 Millionen Betroffene vorausberechnet, für 2050 sind es ca. 15,9 Millionen.
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Deutsche Zahlen
In Deutschland lebten im Jahr 2023 - nach Abschätzungen auf der Grundlage von Literaturdaten und der aktuellen Altersstruktur der Bevölkerung - rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz (im Alter ab 40 Jahren), in der Altersgruppe ab 65 Jahren waren es etwa 1,7 Millionen. Nach Prognosen könnte die Anzahl der Betroffenen (im Alter ab 65 Jahren) im Jahr 2030 auf bis zu 1,9 Millionen ansteigen, im Jahr 2040 auf bis zu 2,3 Millionen und im Jahr 2050 bis zu 2,7 Millionen erreichen. Im Jahr 2023 sind in der Altersgruppe ab 65 Jahren nach Berechnungen zwischen 364.000 und 445.000 Menschen neu an einer Demenz erkrankt.
Regionale Unterschiede in Deutschland
Die Verteilung von Menschen mit Demenz ist in Deutschland regional sehr unterschiedlich - Ursache ist die Altersstruktur der lokalen Bevölkerung. Der Anteil von Menschen mit Demenz an der Bevölkerung unterscheidet sich zwischen den Bundesländern deutlich. Dies liegt an den Unterschieden in der Altersstruktur der Länder. Während in Hamburg und Berlin, die bundesweit den niedrigsten Altersdurchschnitt haben, weniger als 1,8 Prozent der Bevölkerung eine Demenz haben, ist der Anteil in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen prozentual mit mehr als 2,4 Prozent am höchsten.
Demenz bei jüngeren Menschen
Weil Demenz vorwiegend im höheren Alter auftritt, erfassen viele Statistiken über Demenz nur Personen ab dem Alter von 65 Jahren. Tatsächlich können jedoch auch jüngere Menschen erkranken - in sehr selten Fällen sogar Kinder und Jugendliche. Nach Schätzungen der WHO gab es 2019 weltweit mehr als 55 Millionen Menschen mit Demenz im Alter ab 40 Jahren, davon etwa 6,8 Millionen in der Altersgruppe zwischen 40 und 64 Jahren. In Deutschland gab es Schätzungen zufolge im Jahr 2018 etwa 73.000 Menschen mit Demenz im Alter zwischen 30 und 64 Jahren. Fast 6 Prozent der Betroffenen in Deutschland - rund 106.000 Menschen - sind jünger als 65 Jahre. Diese Gruppe wird erst seit wenigen Jahren zunehmend wahrgenommen und es fehlt vielfach noch an geeigneten Unterstützungsangeboten für sie und ihre Familien.
Demenz bei Menschen mit Migrationshintergrund
Für Menschen mit Migrationshintergrund, die von Demenz betroffen sind, kann sich der Zugang zu medizinischen Informationen, ärztlicher Betreuung und Versorgungsangeboten aufgrund von Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden zur einheimischen Bevölkerung als schwierig erweisen: Denn kultursensible medizinische und pflegerische Betreuung sowie mehrsprachige Informationsmaterialien sind bislang nicht Standard - weder in Deutschland noch in vielen anderen Teilen Europas. Allerdings ist der Umgang mit dem Thema „Demenz und Migration“ von Land zu Land höchst unterschiedlich. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des DZNE haben im Rahmen eines von der Robert Bosch Stiftung geförderten Forschungsprojektes die Situation in 35 europäischen Ländern untersucht.
In Europa leben gegenwärtig 86,7 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (MmM). Davon sind 16,2 % 65 Jahre oder älter (circa 14 Millionen) und befinden sich in einer Altersgruppe die ein erhöhtes Risiko haben, um an einer Demenz zu Erkranken. Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass MmM ein erhöhtes Demenz-Risiko haben. Eine Analyse aus dem Jahr 2019 schätzt die Zahl der MmM mit Demenz in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) und der Europäischen Freihandelszone (EFTA) auf etwa 475.000. Unsere Erhebung für den EU-Atlas fällt etwas höher aus, daraus ergibt sich eine Schätzung der MmM mit Demenz von ca. Die gesundheitlichen Folgen einer Demenz-Erkrankung sind bei MmM oftmals schlimmer als bei Menschen aus der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Ursächlich ist unter anderem, dass das Gesundheitssystem häufig nicht für die Versorgung dieser Bevölkerungsgruppe ausgestattet ist und nicht über Versorgungsleistungen verfügt, die für ihre Bedürfnisse geeignet sind. Gleichzeitig besteht auf der Seite der MmM meist ein Mangel an Wissen über Demenz und das Gesundheitssystem mit seinen Versorgungsleistungen.
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In der EU sowie UK, Island, Liechtenstein, Norwegen und Schweiz leben, nach Schätzungen des DZNE, insgesamt etwa neun Millionen Menschen mit Demenz - davon mehr als eine halbe Million mit Migrationshintergrund (konkret sind damit Personen gemeint, die nicht in ihrem Geburtsland leben). Hierzulande waren es im Jahr 2021 Schätzungen zufolge fast 160.000 (im Alter ab 65 Jahren).
Wirtschaftliche Auswirkungen von Demenz
Deutschland: Berechnungen des DZNE beziffern die Kosten für Demenz in Deutschland für das Jahr 2020 mit rund 83 Milliarden Euro - das entspricht mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach Prognosen könnten diese Kosten im Jahr 2040 auf rund 141 Milliarden Euro, im Jahr 2060 auf rund 195 Milliarden Euro anwachsen.
Global: Im Jahr 2019 betrugen die weltweiten Kosten für Demenz rund 1,3 Billionen (Tausend Milliarden) US-Dollar. Weltweit beliefen sich die Krankheitskosten von Demenzerkrankungen zuletzt auf rund eine Billion US-Dollar, im Jahr 2030 könnten es schätzungsweise rund zwei Billionen sein.
Lebenserwartung und Todesursachen bei Demenz
Menschen mit Demenz haben eine verkürzte Lebenserwartung. Bei fortgeschrittener Demenz leidet dann auch der allgemeine Gesundheitszustand, insbesondere werden die betroffenen Personen anfälliger für Infektionen. Viele Menschen mit Demenz versterben daher an einer Lungenentzündung. Im Allgemeinen ist es also nicht der geistige Abbau, der unmittelbar zum Tode führt, sondern gesundheitliche Komplikationen, die mit Demenz einhergehen. Im Jahr 2019 (vor der Corona-Pandemie) gingen fünf Prozent der Todesfälle in der EU auf Alzheimer und andere Formen der Demenz zurück. Der Sammelbegriff Demenz (ICD-10-Code F00-F03) beschreibt chronische Erkrankungen des Gehirns, die mit einem schleichenden Verfall kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten zusammenfallen. Demenz-Patienten leiden insbesondere unter Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und einer damit einhergehenden erhöhten Vergesslichkeit, die sich im weiteren Krankheitsverlauf bis zum Verlust der Sprach- und Rechenfähigkeiten ausweiten kann: Pflegebedürftigkeit ist die Folge. Die häufigste Form der Demenz ist dabei die Alzheimer-Krankheit, die alleine in Deutschland jährlich über 10.000 Todesopfer fordert. Seit dem Jahr 1980 steigt die Anzahl der Todesfälle weltweit an und liegt knapp 50 Jahre später bei rund zwei Millionen Verstorbenen. Mit über einer halben Million Alzheimer-Sterbefällen entfielen die meisten auf die Volksrepublik China, gefolgt von den Vereinigten Staaten mit knapp 287.000 Fällen und Indien mit rund 130.000 Todesopfern.
Risikofaktoren und Prävention von Demenz
Bislang sind 14 Risikofaktoren für Demenz bekannt, die prinzipiell modifizierbar sind und durch medizinische Vorsorge und gesunde Lebensgewohnheiten zum Teil persönlich beeinflusst werden können. Dazu gehören unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Schwerhörigkeit, Luftverschmutzung, geringe Bildung und soziale Isolation. Demnach wären bei Beseitigung dieser 14 Risiken rund 45 Prozent aller Demenzerkrankungen vermeidbar oder könnten hinausgezögert werden - theoretisch. Denn Fachleute sind der Ansicht, dass eine Reduzierung in dieser Größenordnung in der Praxis nicht realistisch ist.
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Ein hohes Bildungsniveau, hohe körperliche und insbesondere geistige Aktivität sowie eine gesunde Ernährung sind Schutzfaktoren gegenüber der Entwicklung einer Demenz. Sie können deren Risiko verringern oder das Auftreten hinauszögern. Risikofaktoren für Demenz sind dagegen Störungen der Hirndurchblutung (zum Beispiel als Folge von Herzerkrankungen, Schlaganfall, arterieller Hypertonie, Adipositas, Diabetes und hohen Cholesterinwerten), Depressionen und vermehrter Alkoholkonsum sowie ein geringes Bildungsniveau.
Nationale Demenzstrategien und zukünftige Herausforderungen
Die von der Bundesregierung verabschiedete Nationale Demenzstrategie hat das Ziel, die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu verbessern. Der erwartete Anstieg bei den Demenzerkrankungen ist vor allem dem Bevölkerungswachstum und demografischen Wandel geschuldet. Die erwartete Zahl demenzkranker Menschen werde die Gesundheitssysteme weiter unter Druck setzen.
Monika Kaus, 1. Vorsitzende der DAlzG: „Egal von welchem Szenario wir ausgehen: Wir wissen, dass auch in den nächsten Jahrzehnten immer mehr Menschen von einer Demenz betroffen sein werden. Einen großen Teil der Betreuung und Pflege übernehmen die Angehörigen. Doch auch sie brauchen Unterstützung bei dieser Aufgabe. Schon heute gelangt unser Pflegesystem an seine Grenzen. Die Zahl der Menschen mit Demenz nimmt weiter zu.