Alzheimer und die Weihnachtszeit: Erinnerungen und Freude trotz Demenz

Weihnachten ist für viele Menschen eine Zeit der Freude, der Begegnungen und der Wärme. Doch was, wenn ein geliebter Mensch an Alzheimer erkrankt ist? Können die Feiertage trotzdem zu einem positiven Erlebnis werden? Die Antwort ist ja, aber es erfordert einiges an Planung, Verständnis und Anpassung.

Die Herausforderungen von Weihnachten mit Alzheimer

Eine Demenzerkrankung verändert die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Erinnern, Verstehen und Einordnen fallen zunehmend schwerer. Dies wirkt sich auf das Denken, die Orientierung und das Verhalten aus. An Feiertagen wie Weihnachten, an denen vieles anders läuft als sonst, können diese Veränderungen besonders deutlich werden.

  • Wahrnehmung: Geräusche, Gespräche, Musik, Gerüche oder Lichtreize können schnell zu viel werden. Was früher schön war - ein voller Raum, viele Stimmen, festliche Beleuchtung - kann heute verunsichern oder erschöpfen.
  • Orientierung: Feste Abläufe geben Menschen mit Demenz wichtigen Halt. Veränderungen im Tagesrhythmus, zu spätes Essen oder ungewohnte Ortswechsel können irritieren und Unruhe auslösen.
  • Belastbarkeit: Selbst schöne Erlebnisse kosten mehr Kraft als früher. Wenn jemand müde ist oder gehen möchte, ist dies kein Zeichen von Unhöflichkeit - die Situation ist dann einfach zu viel.

Die Bedeutung von Ritualen und Erinnerungen

Während aktuelle Bezüge und Erfahrungen bei Alzheimer-Patienten immer mehr verloren gehen, bleiben die Gefühle oft erhalten. Altbekannte Rituale und sinnliche Eindrücke können schöne Erinnerungen wecken und Geborgenheit vermitteln. Weihnachten lebt von Ritualen, und genau diese können bei Demenz eine wertvolle Stütze sein.

  • Biografische Gespräche: Ermöglichen Sie den Senioren ein biografisches Gespräch rund um das Thema "Weihnachtsbaum schmücken". Fragen Sie: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Weihnachtsbaum? Wo wurde der Weihnachtsbaum aufgestellt? Gab es besondere Routinen oder Traditionen im Zusammenhang mit dem Weihnachtsbaum? Bringen Sie gerne zu diesem biografischen Gespräch passende Gegenstände wie Weihnachtsbaumkugeln, Strohsterne oder Tannengrün mit. Dadurch können die Senioren das Thema mit allen Sinnen erfassen. Als Hilfestellung zum Erinnern dienen bunte Illustrationen und biografische Fragen.
  • Vertraute Traditionen: Rituale sind eingeübte Abläufe, die Menschen selbst dann noch ausführen können, wenn andere kognitive Fähigkeiten nachgelassen haben. Die Weihnachtszeit weckt Erinnerungen und Emotionen - auch bei Menschen mit Demenz.
  • Gemeinsame Aktivitäten: Wenn möglich, sollte der demenzkranke Mensch auch in die Vorbereitungen einbezogen werden - zum Beispiel beim Plätzchen backen, Tisch decken oder Tannenbaum schmücken. Auch kleine Aufgaben können guttun: Servietten falten, Kartoffeln schälen, Plätzchen ausstechen oder Geschenke verpacken - all dies vermittelt das wertvolle Gefühl, dazuzugehören und etwas beitragen zu können.

Tipps für ein harmonisches Weihnachtsfest

Um einen Menschen mit Demenz an Weihnachten zu begleiten, sollten Angehörige vorab schauen, mit welchen Situationen jemand noch gut zurechtkommt und was unnötig Stress auslösen kann. Hier sind einige Tipps, wie Sie die Feiertage so gestalten können, dass sie für Betroffene und ihre Familien zu einem positiven Erlebnis werden:

  • Planung und Vorbereitung: Planen Sie, wenn möglich, zusammen, was Sie tun möchten und lassen Sie los, was zu viel sein könnte. Sprechen Sie mit dem Pflegepersonal, wenn der Betroffene in einem Heim lebt. Ist die oder der Demenzerkrankte aktuell in der Verfassung, einige Zeit außerhalb der Pflegeeinrichtung zu verbringen? Wie könnte er oder sie nach einer Rückkehr reagieren - wird zusätzliche Eingewöhnungszeit benötigt? Ist das geklärt, sollte auch innerhalb der Familie über das Dasein des demenzkranken Familienmitglieds gesprochen werden.
  • Ruhige Atmosphäre: Die Feiertage sollten ruhig gestaltet und am besten in einem kleinen, vertrauten Kreis begangen werden. Zu viel Programm, Hektik oder unbekannte Gesichter wären für Alzheimer-Patienten eine Überforderung. Vermeiden Sie Stress, da er ein Stimmungskiller ist und gerade von Familien mit demenzerkrankten Mitgliedern vermieden werden sollte.
  • Anpassung der Erwartungen: „Man muss das Fest so feiern, wie es für den Demenzkranken gut ist. Nicht so, wie wir selbst es uns vorstellen“, sagt Dietlinde Pointner, Pflegeberaterin und Demenzexpertin. Lassen Sie den Anspruch an ein „perfektes Weihnachten“ los. Weihnachten darf so schlicht sein, wie es gerade nötig ist.
  • Vertraute Umgebung: Der gewohnte Tagesablauf ist für Menschen mit Demenz ein wichtiger Anker - auch an Feiertagen. Es hilft, so viel Vertrautes wie möglich beizubehalten. Wer sonst um 9 Uhr aufsteht und im Pyjama frühstückt, darf das auch an Weihnachten tun. Der vertraute Rhythmus gibt Halt und trägt durch den Tag.
  • Kleine Runden: Weihnachten bringt oft mehr Menschen, mehr Geräusche und mehr Trubel mit sich. Für Menschen mit Demenz kann das schnell zu viel werden, wenn zu viele Eindrücke auf einmal zusammenkommen. Darum gilt: kleine Runden, überschaubare Situationen. Wenige Gäste sind angenehmer als große Gruppen.
  • Rückzugsmöglichkeiten: Bieten Sie Rückzugsmöglichkeiten für die Demenzkranken an. Wenn die erkrankte Person unruhig wird, zeigt das: Es war genug für den Moment. Ein kurzer Spaziergang und/oder eine Weile ausruhen im Lieblingssessel helfen, zur Ruhe zu kommen.
  • Verständnisvolle Kommunikation: Erklären Sie Kindern die Situation. Auch Kinder bemerken oft Veränderungen, zum Beispiel dass Oma nicht mehr mit ihnen spielen will oder Opa nicht am Tisch sitzen bleibt. Erklären Sie, dass dies eine Krankheit ist und dass das veränderte Verhalten nichts mit ihnen zu tun hat.
  • Sinnvolle Geschenke: Menschen mit Alzheimer freuen sich besonders über Geschenke, die ihre Sinne, Gefühle oder alte Erinnerungen ansprechen - wie zum Beispiel das frühere Lieblingsparfüm, eine CD mit alten Schlagern oder Volksliedern, eine kuschelige Decke, ein Massageball oder ein einfaches Spiel. Das klassische Memory-Spiel kann man mit eigenen Fotos von der Familie oder aus der Vergangenheit des Beschenkten gestalten lassen. Zu kompliziert verpackt sollten die Geschenke aber nicht sein. Die Geschenke sollten so verpackt sein, dass die Beschenkten die Schleifen ohne Frust selbst aufschnüren können. Papier auswählen, das nicht allzu starr ist und auch nicht so leicht einreißt, vielleicht sogar gleich Tücher zum Einpacken verwenden, dazu breite, weiche Bänder. Zu viel sollte nicht unter dem Christbaum liegen.
  • Musik: Nichts hebt oft so sehr die Stimmung wie zusammen ein Weihnachtslied zu singen. Es vermittelt Gemeinschaftsgefühle und aktiviert die emotionalen Zentren im Gehirn. Singen ist Balsam für die Seele und Kraftfutter fürs Gehirn. Es kann starke Gefühle der kindlichen Freude auslösen. Es weckt Erinnerungen, nicht nur an die eigene Kindheit, sondern in den meisten Fällen auch an fast jede Liederstrophe.
  • Geschichten: Es gibt unzählige Geschichten zu Weihnachten, die man sich in gemütlicher Runde gegenseitig vorlesen kann. Aber nicht alle sind für Menschen mit Demenz geeignet. Angehörige sollten beachten, dass die Geschichten möglichst kurz und in einfacher Sprache geschrieben sind. Sie sollten außerdem möglichst positiv ausfallen, da ein trauriges Ende bei den Erkrankten große Bestürzung hervorrufen kann. Sie agieren auf der emotionalen Ebene viel stärker als Gesunde.
  • Vertraute Küche: Verzichten Sie auf exotisches Neuland und bereiten Sie ihrer Familie lieber altbekannte Gerichte zu. Allein der köstliche Duft wird bei dem Erkrankten schöne Gefühle und Erinnerungen auslösen.
  • Gottesdienst: Wenn Sie gern zu Heiligabend in die Kirche gehen, dann besuchen Sie doch anstatt des normalen Gottesdienstes den Kindergottesdienst. Kinder lösen außerdem bei vielen Demenzkranken ein großes Gefühl des Segens und der Freude aus.
  • Alternativen zum Besuch zu Hause: Auch wenn sie schwerfällt, kann es die fürsorglichste Entscheidung sein, Weihnachten mit dem erkrankten Menschen im Pflegeheim zu feiern: mit einem kleinen Runde durch den Park und ein, zwei ruhigen Stunden beim gemeinsamen Kaffee in der Cafeteria. Für die meisten Menschen mit Demenz macht es keinen Unterschied, ob Ihr Weihnachtsbesuch am 24. oder 25. Dezember - oder auch zwei Tage früher - stattfindet.

Selbstfürsorge für Angehörige

Weihnachten kann nicht nur für die Erkrankten, sondern auch für die Angehörigen belastend sein. Durch die Erwartungen anderer und die allgegenwärtigen Bilder harmonischer Familien unterm Weihnachtsbaum entsteht oft unnötiger Druck, „alles richtig zu machen“. Wichtig ist, sich von diesem Druck ein Stück zu lösen:

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  • Ehrlichkeit: Sich ehrlich eingestehen, wie es einem geht. So zu tun, als wäre alles in Ordnung, obwohl es sich nicht so anfühlt, ist anstrengend. Sprechen Sie mit einer Freundin oder jemand anderem, der Sie versteht.
  • Fokus auf das Wesentliche: Sich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Wenn Sie in diesem Jahr keinen Weihnachtsschmuck aufhängen oder keine Karten schreiben möchten, ist das okay. Es ist aber genauso okay, dies zu tun, wenn es Ihnen Spaß macht.
  • Eigene Wünsche: Eigene Wünsche ernst nehmen. Sie möchten den Heiligabend lieber mit Kindern und Enkeln verbringen als mit Ihrem erkrankten Mann im Pflegeheim? Dann hören Sie auf Ihr Bauchgefühl und verschieben den Besuch in den Vormittag oder gehen Sie an einem anderen Tag zu ihm.
  • Unterstützung: Erklären Sie Ihre Situation und bitten Sie andere um Unterstützung. Planen Sie einen Ausweg ein.

Weihnachtsbaumschmuck als Türöffner zu Erinnerungen

Der Weihnachtsbaum spielt eine zentrale Rolle in vielen Weihnachtstraditionen. Das Schmücken des Baumes kann für Menschen mit Demenz eine besonders wertvolle Aktivität sein, da sie Erinnerungen wecken und positive Emotionen hervorrufen kann.

  • Alte Christbaumkugeln: Die Christbaumkugeln aus der Kindheit oder Jugend können eine starke Verbindung zur Vergangenheit herstellen. Die Farben, Formen und Materialien der Kugeln können Erinnerungen an bestimmte Ereignisse oder Personen wachrufen.
  • Selbstgemachter Schmuck: Das gemeinsame Basteln von Weihnachtsschmuck kann eine schöne Möglichkeit sein, Zeit miteinander zu verbringen und gleichzeitig die Feinmotorik zu fördern. Einfache Strohsterne, Papieranhänger oder bemalte Tannenzapfen sind leicht herzustellen und können mit persönlichen Erinnerungen verbunden werden.
  • Themenbaum: Ein Themenbaum, der mit Gegenständen aus dem Leben des Betroffenen geschmückt ist, kann eine besonders persönliche Note verleihen. Fotos, kleine Spielzeuge oder andere Erinnerungsstücke können den Baum zu einem einzigartigen Spiegelbild der Lebensgeschichte machen.

Weihnachtskarten: Eine Geste der Verbundenheit

Weihnachtskarten sind eine schöne Möglichkeit, Menschen mit Demenz zu zeigen, dass man an sie denkt. Wählen Sie Karten mit einfachen Motiven und klaren Botschaften. Persönliche Grüße und Fotos von Familie und Freunden können die Karten noch wertvoller machen. Es gibt auch spezielle Weihnachtskarten, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zugeschnitten sind. Diese Karten haben oft größere Schriftarten, einfache Bilder und kurze, verständliche Texte.

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