Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten globalen Herausforderungen dar, insbesondere angesichts der steigenden Zahl betroffener Menschen und des Mangels an Heilungsmöglichkeiten. Eine aktuelle Langzeitstudie in Kiel sucht Probanden, um die Mechanismen von Alzheimer und anderen neurologischen Erkrankungen besser zu verstehen und neue Ansätze zur Früherkennung und Behandlung zu entwickeln. Diese Studie ist Teil einer breiteren Initiative, die darauf abzielt, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und anderen neurologischen Erkrankungen zu verbessern.
Die Bedeutung der Mobilität bei neurologischen Erkrankungen
Mobilität und die Qualität des Gehens sind wichtige Indikatoren für Gesundheit und Wohlbefinden. Ein schlechter oder langsamer Gang kann auf ein erhöhtes Risiko für Krankheiten, Denkstörungen, Demenz und Stürze hindeuten. Die Langzeitstudie in Kiel konzentriert sich darauf, wie sich Menschen über einen längeren Zeitraum in ihrem Alltag bewegen. Mit Hilfe von Sensoren wollen die Forscher am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) herausfinden, wie Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose mit der Art des Gehens zusammenhängen.
Die "mobilise-d" Studie: Ein europäisches Forschungsprojekt
Die Studie "mobilise-d" ist ein europaweites Forschungsprojekt mit einem Budget von 50 Millionen Euro, an dem über 30 Institutionen beteiligt sind. Ziel ist es, ein System zu entwickeln, mit dem die Qualität von Bewegungen digital gemessen werden kann. In Kiel sind neben der Neurologie am UKSH auch die Medizinische Fakultät der Universität beteiligt.
Methodik der Studie
Die Studie verwendet Sensoren, um die Bewegungen der Teilnehmer in ihrem natürlichen Umfeld zu erfassen. "Uns geht es vor allem darum, dort Daten zu sammeln, wo die Patienten sich auf natürliche Weise bewegen - zu Hause", sagt Walter Maetzler, Leiter der Neurogeriatrie am UKSH. Die Teilnehmer tragen kleine Sensoren an Waden, Oberschenkeln, Füßen und am Rücken, die ihre Bewegungen aufzeichnen. In regelmäßigen Abständen werden die Ergebnisse dann beim Arzt ausgelesen.
Ablauf der Studie für Probanden
- Erster Besuch im UKSH: Den Probanden wird die Studie genau erklärt. Sie schlüpfen in eine Radlerhose und bekommen mehrere kleine Sensoren an Waden, Oberschenkeln, Füßen und am Rücken angebracht. Ihre Bewegungen werden dort in der Klinik auch noch mit Kameras aufgezeichnet.
- Alltagsbewegungen in der Klinik: Die Teilnehmer müssen einige Alltagsbewegungen ausführen: bügeln, den Tisch abdecken oder Zähne putzen.
- Bewegungserfassung zu Hause: Für die Zeit zu Hause bekommen die Studienteilnehmer lediglich ein bis drei Sensoren mit, die sie eine Woche am Stück tragen können - dann müssen die Minicomputer eine Nacht lang aufgeladen werden. In regelmäßigen Abständen werden die Ergebnisse dann beim Arzt ausgelesen. In der insgesamt zwei Jahre dauernden Studie tragen die Teilnehmer ihre Sensoren zusammengenommen etwa zehn Wochen.
Gesuchte Probanden und Teilnahmebedingungen
Für die Langzeitstudie werden 170 bis 200 Patientinnen und Patienten aus dem Norden gesucht. Wer Interesse an der Studie hat, kann sich in der Parkinsonambulanz des UKSH melden. Gesucht werden männliche und weibliche Probanden mit Alzheimer-Demenz im Frühstadium, Diabetes mellitus Typ II-Patienten mit leichten Gedächtnisstörungen sowie gesunde Kontrollprobanden. Die Teilnahme von Patienten, die nicht mehr nach eigenem Ermessen über ihre Teilnahme entscheiden können, ist leider nicht möglich.
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Kontakt für Interessierte
Interessierte für den Bereich der Universität Duisburg-Essen (Alzheimer-Patienten und gesunde Kontroll-Teilnehmer) können sich bei der Studienkoordinatorin Frau S. melden. Patienten mit Diabetes mellitus müssen sich an die Medizinische Klinik I des Universitätsklinikums Lübeck wenden.
Mögliche Vorteile und Ziele der Studie
Die Studienergebnisse sollen dazu beitragen, Menschen mit bestimmten Krankheiten besser medikamentös einzustellen. Vor allem sollen die Ergebnisse aber der Selbstkontrolle und Selbstmotivation dienen. Wer sieht, wie seine Gehgeschwindigkeit und -qualität mit dem gesundheitlichen Zustand zusammenhängen, der werde unter Umständen dazu angespornt, das zu verbessern. Zumindest könne er seine Bewegungen aber besser nachvollziehen.
Paradigmenwechsel in der Patientenversorgung
Walter Maetzler betont die Bedeutung der Eigenverantwortung der Patienten: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr über sich und ihre Krankheiten in Erfahrung bringen wollen.“ So könne sich auch die Rolle zwischen Arzt und Patient verändern.
Weitere Forschungsansätze und Studien zu Alzheimer
Neben der "mobilise-d" Studie gibt es zahlreiche weitere Forschungsansätze und Studien, die sich mit der Alzheimer-Krankheit befassen. Einige davon werden im Folgenden kurz vorgestellt:
Einfluss des Mikrobioms auf Alzheimer
Eine Studie zielt auf die Charakterisierung des Mikrobioms (Gesamtheit der Bakterien) im Darm und in der Mundhöhle bei Patienten mit Morbus Alzheimer sowie Vorgänger- und Risikostadien ab. Mithilfe der 16-S RNA Analyse werden Stuhl- und Speichelproben untersucht. Ziel der Studie ist die Charakterisierung des oralen und intestinalen Mikrobioms bei Patienten mit Morbus Alzheimer, einer prodomalen Phase des MCI (mild cognitive impairment) sowie Risikoprobanden mit einer Hetero- oder Homozygotie für APOE4.
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Insulin als Nasenspray zur Verbesserung der Gedächtnisleistung
Patienten mit einer Alzheimer-Demenz sowie Patienten mit Diabetes mellitus Typ II zeigen im Verlauf der Erkrankungen eine Verschlechterung ihrer Gedächtnis- und Denkleistungen, d.h. ihrer kognitiven Leistungen. Diese lassen sich möglicherweise durch die Gabe von Insulin als Nasenspray verbessern. Hierbei wird ein schnell wirkendes Insulin (Insulin Aspart), das normalerweise von insulinpflichtigen Diabetes-Patienten zur Senkung des Blutzuckerspiegels unter die Haut gespritzt wird, als Nasenspray (intranasal) viermal am Tag angewendet.
Resveratrol zur Vorbeugung von Alzheimer
Tiermodelle konnten zeigen, dass eine Kalorienrestriktion Alterskrankheiten einschließlich Alzheimer vorbeugt, möglicherweise durch die Aktivierung von Sirtuinen. Resveratrol könnte als potenter Aktivator von SIRT1 eine Kalorienrestriktion nachahmen, um Alterskrankheiten zu verhindern. Eine 52-wöchige randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-II-Studie mit Resveratrol bei Personen mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Krankheit (> 49 Jahre) wurde durchgeführt, um die Sicherheit und Verträglichkeit von Resveratrol, die Auswirkungen auf die Alzheimer-Biomarker und die klinischen Effekte zu untersuchen.
Früherkennung von Alzheimer durch Bluttests
Der Nachweis einer fehlerhaften Faltung des Proteins Amyloid-β im Blut zeigt bei symptomfreien Menschen, die später tatsächlich Alzheimer entwickelten, ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko an - bis zu 14 Jahre vor der klinischen Diagnose der Demenz. Ein Sensor erkennt fehlgefaltete Proteinbiomarker im Blut. Das bietet eine Chance, Alzheimer bereits im symptomfreien Zustand zu erkennen.
Zusammenhang zwischen Herzproblemen und kognitiven Einbußen
Herzprobleme haben eine gestörte Genaktivität in der Gedächtniszentrale des Gehirns zur Folge, woraus sich kognitive Einbußen entwickeln. Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) kommen zu dieser Einschätzung auf der Grundlage von Laborstudien.
Die Rolle von Entzündungsprozessen bei Alzheimer
Entzündungsprozesse treiben die Entwicklung neurodegenerativer Hirnerkrankungen voran und sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich in den Nervenzellen sogenannte Tau-Proteine anhäufen. Eine Immunreaktion im Gehirn scheint für die Entwicklung der Alzheimer-Erkrankung maßgeblich mitverantwortlich zu sein. Sie gießt gewissermaßen „Öl ins Feuer“ und sorgt so augenscheinlich für eine Entzündung, die sich gewissermaßen selbst immer weiter anfacht.
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Einfluss der Ernährung auf das Alzheimer-Risiko
Eine mediterran geprägte Ernährung kann helfen, das Risiko für Alzheimer deutlich zu reduzieren - besonders bei Menschen mit genetischer Vorbelastung. Wer regelmäßig pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst, Vollkornprodukte, Fisch und Olivenöl verzehrt, kann das Risiko für kognitive Erkrankungen langfristig senken. Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei Personen mit der genetischen Risikovariante APOE4.
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