Die Angst vor schweren Erkrankungen wie Alzheimer und Krebs ist in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet. Studien zeigen jedoch eine überraschende umgekehrte Beziehung zwischen diesen beiden Krankheiten. Während das Risiko für beide Erkrankungen mit zunehmendem Alter steigt, scheint das Auftreten der einen Krankheit das Risiko für die andere zu verringern. Dieser Artikel beleuchtet dieses Phänomen, untersucht mögliche Erklärungen und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsansätze.
Angst vor Krankheit in Deutschland
Umfragen zeigen, dass Krebs und Demenz die größten gesundheitlichen Ängste der Deutschen sind. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit ergab, dass sich 69 Prozent der Befragten am meisten vor Krebs fürchten, während 54 Prozent Angst vor Alzheimer oder Demenz haben. Die Angst vor Krebs ist bei den 30- bis 44-Jährigen besonders ausgeprägt (73 Prozent), während bei den über 60-Jährigen die Sorge vor Demenz (58 Prozent) größer ist als die vor Krebs. Diese Ängste sind nicht unbegründet, da die Zahl der Demenzerkrankungen in Deutschland voraussichtlich weiter steigen wird. Experten gehen davon aus, dass sich die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2050 verdoppeln wird.
Inverse Beziehung zwischen Alzheimer und Krebs
Mehrere Studien haben einen inversen Zusammenhang zwischen Alzheimer und Krebs festgestellt. Das bedeutet, dass Menschen mit Alzheimer seltener an Krebs erkranken und umgekehrt. Eine italienische Studie mit über 200.000 Teilnehmern ergab, dass Alzheimer-Patienten ein um 50 Prozent reduziertes Krebsrisiko hatten, während Krebspatienten ein um 35 Prozent geringeres Risiko hatten, an Alzheimer zu erkranken. Dieser Effekt wurde für die zehn häufigsten Krebsarten beobachtet.
Diese Ergebnisse werden durch weitere Studien gestützt. Eine Studie mit knapp 3,5 Millionen US-Veteranen ergab, dass die meisten Krebserkrankungen mit einem reduzierten Alzheimer-Risiko von 9 bis 51 Prozent verbunden sind. Allerdings gab es auch Krebsarten, die nicht mit einem verringerten Risiko einhergingen oder sogar mit einem erhöhten Risiko verbunden waren, wie Melanome, Prostata- und Darmkrebs.
Mögliche Erklärungen für die inverse Beziehung
Die Gründe für die inverse Beziehung zwischen Alzheimer und Krebs sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch mehrere Theorien, die dieses Phänomen erklären könnten:
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- Tumorsuppressorgene: Ein möglicher Grund für die inverse Beziehung zwischen Alzheimer- und Krebsinzidenz könnten Tumorsuppressorgene wie p53 sein.
- Apoptose: Frühere Forschungsarbeiten hatten bereits gezeigt, dass Nervenzellen im Gehirn von Alzheimer-Patienten durch Apoptose (programmierter Zelltod) sterben. Die Forscher vermuten, dass eine genetisch bedingte Neigung zur Apoptose Krebs entgegenwirken könnte, gleichzeitig aber neurodegenerative Erkrankungen befördert.
- Molekularer Link: Prof. Dr. Thomas Bayer von der Universitätsmedizin Göttingen konnte mit seiner Arbeitsgruppe einen „molekularen Link“, also eine Verbindung auf molekularer Ebene, zwischen Alzheimer und Krebs nachweisen. Dieser Link ist das Alzheimer-Protein „Amyloid-Vorläufer-Protein (APP)“. Bei Krebs fördert die zellschützende Funktion von APP das Wachstum von Tumoren, während bei der Alzheimer-Krankheit die zellschützende Funktion von APP fehlt.
- Übersehene Symptome: Es gab den Verdacht, die geringeren Fallzahlen gingen auf übersehene oder falsch gedeutete Symptome zurück. So würden beispielsweise Erinnerungsprobleme bei einem Krebspatienten eher als eine Folge der Krankheit oder der Behandlung interpretiert - die wirkliche Diagnose „Alzheimer“ werde in diesen Fällen meist gar nicht gestellt.
- Sterblichkeit: Ein weiteres Argument war, dass die Betroffenen nur deswegen die jeweils andere Krankheit seltener entwickelten, weil sie schlicht vorher stürben. Musicco und seine Kollegen werteten daher die Daten der Probanden, die während der Studienzeit starben, noch einmal extra aus - und konnten keinen signifikanten Unterschied zu denen der Überlebenden feststellen.
Zukünftige Forschungsansätze
Um die inverse Beziehung zwischen Alzheimer und Krebs besser zu verstehen, sind weitere Studien erforderlich. Zukünftige Forschungsansätze könnten sich auf folgende Aspekte konzentrieren:
- Lebensstilfaktoren: Es ist wichtig, den Einfluss von Lebensstilfaktoren wie Body-Mass-Index, Alkohol- oder Zigarettenkonsum oder den Grad an körperlicher Bewegung zu berücksichtigen.
- Genetische Faktoren: Weitere Studien sind notwendig, um festzustellen, ob genetische Faktoren eine Rolle bei der inversen Beziehung zwischen Alzheimer und Krebs spielen.
- Therapeutische Auswirkungen: Es ist wichtig zu untersuchen, ob die Erkenntnisse über die inverse Beziehung zwischen Alzheimer und Krebs therapeutische Auswirkungen haben könnten.
Ein interessanter Ansatz hierzu stellt das Krebs-Medikament Bexaroten dar, das in einer Studie an genetisch veränderten Mäusen zu einer drastischen Abnahme der Alzheimer typischen Eiweißablagerungen und Verbesserungen der kognitiven Fähigkeiten führte.
Prävention von Alzheimer und Krebs
Obwohl die genauen Ursachen für Alzheimer und Krebs noch nicht vollständig geklärt sind, gibt es eine Reihe von Risikofaktoren, die beeinflusst werden können. Dazu gehören:
- Was gut für Ihr Herz ist, ist auch gut für Ihr Gehirn.
- Lernen Sie Neues - auch im Alter. Das hält Ihr Gehirn auf Trab.
- Orientieren Sie sich an der klassischen mediterranen Ernährung. Essen Sie viel Obst und Gemüse, Olivenöl und Nüsse.
- Zu zweit oder in der Gruppe machen Aktivitäten mehr Spaß und Ihre grauen Zellen werden gefordert.
- Achten Sie darauf, dass Sie nicht zu viele Kilos auf die Waage bringen.
- Regelmäßige Bewegung ist wichtig für die Gesundheit von Körper und Geist.
- Rauchen schadet auch Ihrem Gehirn.
- Vermeiden Sie übermäßigen Alkoholkonsum.
- Lassen Sie Ihren Blutdruck regelmäßig kontrollieren.
- Behalten Sie Ihren Blutzuckerspiegel im Blick.
- Sorgen Sie gut für sich. Wenn Sie über eine längere Zeit antriebslos oder niedergeschlagen sind, ist es sinnvoll, Ihren Arzt oder Ihre Ärztin aufzusuchen, um die Ursache abzuklären.
- Nehmen Sie es ernst, wenn Sie merken, dass Sie schlechter hören.
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