Wenn Alzheimer-Patienten Angst vor Angehörigen haben: Ursachen, Umgang und Prävention

Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die weit über den Verlust der geistigen Fähigkeiten hinausgeht. Sie beeinträchtigt die Wahrnehmungen, das Verhalten und das Erleben der Betroffenen - das gesamte Sein des Menschen. Ein häufiges und belastendes Symptom ist die Angst vor Angehörigen, die sich in aggressivem Verhalten, Misstrauen oder Rückzug äußern kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen dieser Angst, gibt praktische Tipps für den Umgang mit Betroffenen und zeigt Möglichkeiten auf, wie Angehörige ihre eigene Belastung reduzieren und Gewalt in der Pflege vermeiden können.

Einführung

Die Diagnose Demenz stellt nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihre Angehörigen vor große Herausforderungen. Neben den kognitiven Einschränkungen verändern sich oft auch das Verhalten und die Persönlichkeit der Erkrankten. Dies kann zu Ängsten, Missverständnissen und Konflikten im Betreuungsalltag führen. Besonders belastend ist es, wenn Menschen mit Demenz Angst vor ihren engsten Bezugspersonen entwickeln.

Ursachen der Angst vor Angehörigen bei Demenz

Die Angst vor Angehörigen bei Menschen mit Demenz kann verschiedene Ursachen haben:

  • Verwirrung und Orientierungslosigkeit: Demenzkranke Menschen verlieren in der Regel das Kurzzeitgedächtnis, die Welt um sie herum ist ständig neu und fremd. Die eingeschränkte Fähigkeit der Betroffenen, Situationen und Wahrnehmungen richtig zu deuten, führt häufig zu Erklärungsversuchen, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen. So beschuldigen sie beispielsweise ihre Angehörigen, Geld gestohlen zu haben, oder halten Verwandte für verkleidete Fremde. Das verunsichert sie sehr und löst Unruhe in ihnen aus. Die Betroffenen finden sich oft in ihrer Umgebung nicht mehr zurecht, haben das Gefühl, am falschen Ort zu sein und wissen nicht, welche Tages- oder Jahreszeit gerade ist oder was als nächstes passiert.
  • Angst vor Verlassenwerden: Menschen mit Demenz haben häufig große Angst davor, verlassen zu werden und allein zu sein. Für sie ist eine Person, die den Raum verlässt, für immer verschwunden.
  • Innere Unruhe und Anspannung: Krankheitsbedingte Unruhezustände und ständige Fremdheit erzeugen Anspannung, welche die Kranken durch Umherwandern und Nachlaufen ausdrücken, wodurch sie aber auch Entlastung finden. Mögliche Ursachen sind innere Anspannung oder Nervosität, die oftmals durch krankhafte Veränderungen im Gehirn hervorgerufen werden.
  • Suche nach Nähe und Vertrautheit: Die zunehmende Fremdheit in ihrer Umgebung und der Verlust des Bezuges zu sich selbst treibt Menschen mit Demenz dazu, sich einen festen Bezugspunkt zu suchen: Jemanden oder Etwas, das ihnen Sicherheit und Halt gibt. In der Regel ist das der Partner, das Kind oder ein anderes nahestehendes Familienmitglied. Aber auch in einem Haustier kann der demenzkranke Mensch diesen Bezugspunkt finden.
  • Schmerzen und körperliches Unwohlsein: Körperliche Schmerzen oder Unwohlsein können eine Ursache sein.
  • Reizüberflutung: Umweltfaktoren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Schon ein nebenbei laufender Fernseher, Radio oder Gespräche von mehreren Personen gleichzeitig wie auch unsere Missbilligung und Kritik am Tun oder Lassen der Erkrankten, können zu Unruhe und heftigen Reaktionen der Betroffenen führen. Zu viele Eindrücke können verwirren, anstrengen und Stress verursachen.
  • Erinnerungen an frühere Traumata: Mit dem Fortschreiten der Demenz wird die Lebenswelt der Betroffenen weitgehend von den noch vorhandenen Erinnerungen geprägt. Sie leben mit den Vorstellungsbildern einer bestimmten Lebensphase und verhalten sich dementsprechend: Sie machen sich auf den Weg zur Arbeit oder suchen ihre Eltern. Oftmals gibt das Leben in der Vergangenheit Halt und Sicherheit.
  • Verlust von Kontrolle: Der Verlust an Kontrolle der an Demenz erkrankten Person führt zudem auch häufig zu Rollenveränderungen im praktischen Alltag: Haushalt, Abrechnungen und Schriftverkehr müssen übernommen, Entscheidungen getroffen werden. Im emotionalen Bereich fehlt der gewohnte Austausch und die gegenseitige Stütze.
  • Medikamente: Auch Medikamente haben Nebenwirkungen und viele müssen mit der Zeit immer höher dosiert werden, um weiterhin zu wirken.

Umgang mit Angst und Aggression bei Demenz

Wenn Menschen mit Demenz Angst vor ihren Angehörigen haben, ist es wichtig, ruhig zu bleiben und auf ihre Gefühle einzugehen. Hier sind einige Tipps für den Umgang mit solchen Situationen:

  • Verständnis zeigen: Versuchen Sie, sich in die Lage des Betroffenen hineinzuversetzen und seine Ängste und Verwirrung zu verstehen. Erinnern Sie sich daran, dass sein Verhalten durch die Krankheit verursacht wird und nicht persönlich gemeint ist.
  • Beruhigend wirken: Sprechen Sie langsam und deutlich, verwenden Sie einfache Sätze und vermeiden Sie komplizierte Begriffe. Schaffen Sie eine ruhige und entspannte Atmosphäre. Gut beleuchtete Ecken verhindern Angst erzeugende Schatten.
  • Ablenken: Versuchen Sie, den Betroffenen abzulenken, indem Sie das Thema wechseln oder ihm eine angenehme Beschäftigung anbieten, wie z.B. Papiere sortieren, Kartoffeln schälen oder gemeinsam Musik hören.
  • Nähe und Berührung schenken: Menschen mit Demenz mögen meistens Körperkontakt. Eine Massage der Hände mit einem wohlriechenden Lieblingsöl beruhigt. Schenken Sie Nähe und Berührung, kurz und intensiv, immer mal wieder zwischendurch.
  • Sicherheit vermitteln: Geben Sie dem Betroffenen das Gefühl, dass er in Sicherheit ist und dass Sie für ihn da sind. Vermeiden Sie es, ihn zu kritisieren oder zu korrigieren.
  • Realität anpassen: Erwarten die Angehörigen von ihnen, dass sie sich ihre Verirrung eingestehen, wird dies als Bedrohung erlebt. Deshalb ist es meist sinnvoller, den Betroffenen auf der Gefühlsebene zu begegnen, statt den Wahrheitsgehalt ihrer Äußerungen anzuzweifeln. Wirklichkeitsfremde Äußerungen des Kranken können als Vorschlag für ein Gesprächsthema oder als Anregung zu passenden Aktivitäten betrachtet werden.
  • Routinen schaffen: Ein gleichbleibender, überschaubarer Tagesablauf, helles Licht und die Beleuchtung wichtiger Wege in der Nacht erleichtern es den Kranken, sich zurecht zu finden. Auch Hinweisschilder in der Wohnung können hilfreich sein. Eine gut lesbare Uhr und ein Kalender, auf dem das jeweilige Datum markiert wird, erleichtern die zeitliche Orientierung. Es ist auch empfehlenswert, die Gewohnheiten der Betroffenen nach Möglichkeit beizubehalten.
  • Reize reduzieren: Vermeiden Sie Sinnesüberlastung. Laute Wassergeräusche, helles Licht oder intensive Düfte von Pflegeprodukten können Stress auslösen. Schalten Sie den Fernseher oder das Radio aus, wenn sie nicht gebraucht werden.
  • Auf die eigenen Bedürfnisse achten: Gerade wenn sich Menschen mit sanftmütigem Charakter plötzlich aggressiv verhalten, ist dies für die Angehörigen ein Schock. In solchen Momenten ist es mitunter hilfreich, daran zu denken, dass ihr Verhalten durch die Demenz verursacht wird und nicht durch sie selbst. Um solchen Aggressionen vorzubeugen, ist es wichtig, die Anlässe für dieses Verhalten herauszufinden und, wenn möglich, zu beseitigen. Gelingt dies nicht, kann Ablenkung eine sinnvolle Strategie sein. Wenn Menschen mit Demenz beispielsweise bei der Körperpflege aggressiv reagieren, reicht es unter Umständen schon aus, in solchen Situationen gemeinsam deren Lieblingslieder zu singen. Versuchen Sie, gelassen zu bleiben und die betroffene Person zu beruhigen. Achten Sie auch auf Ihre Sicherheit, falls der Mensch mit Demenz zu aggressivem Verhalten neigt und dabei gefährliche Gegenstände benutzt.

Prävention von Gewalt in der Pflege

Die Pflege von Menschen mit Demenz ist eine große Belastung, die zu Überforderung und Gewalt führen kann. Um dies zu verhindern, ist es wichtig, frühzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten:

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  • Information und Beratung: Informieren Sie sich umfassend über die Erkrankung und ihre Folgen. Nutzen Sie Beratungsangebote, um sich über Entlastungsmöglichkeiten und Unterstützungsmöglichkeiten zu informieren.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Angehörigen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein, um sich nicht allein mit seinen Problemen zu fühlen und neue Strategien zu entwickeln.
  • Entlastungsangebote: Nehmen Sie Entlastungsangebote wie Tagespflege, Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege in Anspruch, um sich eine Auszeit von der Pflege zu gönnen.
  • Professionelle Hilfe: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie sich überfordert fühlen. Psychologische Beratung oder Psychotherapie können Ihnen helfen, mit der Belastung umzugehen und neue Perspektiven zu entwickeln.
  • Unterstützung im Alltag: Familienmitglieder, Freunde, Nachbarinnen oder Mitglieder der Kirchengemeinde können unterstützen. Es ist auch möglich, sich Hilfe durch einen ambulanten Pflegedienst zu holen oder aber Tagespflege, Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege in Anspruch zu nehmen.
  • Eigene Bedürfnisse nicht vergessen: Viele pflegende Angehörige haben Hemmungen, sich Zeit nur für sich und die eigenen Bedürfnisse zu nehmen. Dennoch ist es für die eigene Gesundheit wichtig, sich von der Belastung zu erholen. Denn nur wenn es einem selbst gut geht, kann man einem anderen Menschen zur Seite stehen. Viele brauchen etwas Zeit, um gut auf die eigenen Bedürfnisse einzugehen und zu lernen, sich um sich selbst zu sorgen. Ein einfacher Tipp für den Anfang: Nimm dir fest vor, einmal pro Woche etwas nur für dich selbst zu tun.

Rechtliche Aspekte

In extremen Fällen von Gewalt kann es notwendig sein, die Polizei einzuschalten oder eine Einweisung in die Psychiatrie zu veranlassen. Es ist wichtig, sich über die rechtlichen Rahmenbedingungen zu informieren und sich im Zweifelsfall beraten zu lassen.

Die Rolle der Musik

Musik kann eine wichtige Rolle im Umgang mit Menschen mit Demenz spielen. Sie kann Erinnerungen wecken, Emotionen auslösen und die Kommunikation fördern. Playlisten für den mp3-Player mit den Lieblingsliedern der Betroffenen aus dem jungen Erwachsenenalter sind unheimlich wertvoll. Viele Menschen, die vorher gar nicht gesprochen haben, kamen durch die Musik wieder mit ihren Angehörigen ins Gespräch. Auch bei dem Sprechen über die Vergangenheit ist es wichtig, die Erkrankten nicht unter Druck zu setzen oder zu forcieren, wenn Dinge eben nicht mehr erinnert werden können. Da das Langzeitgedächtnis aber länger erhalten bleibt, kann es eine schöne gemeinsame Erfahrung sein, beispielsweise alte Lieder zu hören, gemeinsam zu tanzen, Fotoalben anzuschauen. Aber nicht als Aufgabe oder Training, sondern weil es Freude bereitet.

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