Sexualität und Alzheimer: Ein sensibles Thema im Umgang mit Demenz

Sexualität im Alter, insbesondere in Verbindung mit Demenz, ist ein Thema, das oft tabuisiert wird. Der Umgang mit Sexualität ist für Menschen mit Demenz besonders erschwert, und es kann zu unangemessenem Sexualverhalten kommen.

Einführung

Demenz ist eine Erkrankung, bei der Nervenzellen im Gehirn absterben. Dies führt zu Gedächtnisstörungen und einer veränderten Wahrnehmung, was wiederum das Verhalten beeinflussen kann. Für Partner, Kinder, Freunde und Pflegekräfte sind diese Veränderungen oft schwer zu verstehen und zu akzeptieren. Auch für die Mitarbeiter von Heimen, Wohngruppen und ambulanten Diensten stellt die Pflege von Menschen mit Demenz oft eine große Herausforderung dar.

Sexuelle Enthemmung bei Demenz

Eine Demenzerkrankung kann zu einer sexuellen Enthemmung führen. Betroffene zeigen dann ein unangemessenes Sexualverhalten, wie z. B. Onanie in der Öffentlichkeit. Es ist wichtig zu beachten, dass Gesten von Demenzkranken, die auf den ersten Blick nach sexuellem Verlangen aussehen, möglicherweise eine ganz andere Bedeutung haben.

Ursachen für sexuelle Enthemmung

Die Ursachen für sexuelle Enthemmung bei Demenz sind vielfältig:

  • Schädigung des Gehirns: Das Gehirn ist das Kontrollzentrum für Gefühle und Verhalten. Wird das Gehirn durch eine Demenz geschädigt, können die Kontrollmechanismen für sexuelles Verhalten versagen. Die Einsicht in und Kenntnis von sozialen Regeln (auch im sexuellen Umgang) gehen verloren.
  • Vergessen von Konventionen: Konventionen in Bezug auf das Ausleben der Sexualität sind erlernt, und Demenzkranke vergessen sie schlichtweg.
  • Werteverlust: Werte und Normen haben für Demenzkranke keine direkte Bedeutung mehr. Daher können sie auch nicht mehr danach handeln.
  • Mangelnde Impulskontrolle: Demenzkranke lassen sich mit zunehmender Demenz immer stärker vom Gefühl leiten. Sie folgen daher jedem Impuls sofort, ohne sich zu fragen, ob dies angemessen ist.
  • Situationsverkennung: Während der Körperpflege entsteht eine Nähe, die sonst nur in intimen Beziehungen vorkommt. Die Pflegekraft berührt die Pflegekunden an Stellen, die sonst nur der Partner berühren darf. Der Demenzkranke empfindet sich möglicherweise als jung und leistungsfähig und versteht die Pflegehandlung als sexuelle Aufforderung.
  • Erkrankungen: Sexuelle Enthemmung kommt häufig im Zusammenhang mit vaskulärer, frontotemporaler, Parkinson oder Lewy-Body-Demenz vor. Personen mit Alzheimer-Demenz sind seltener hiervon betroffen.

Mögliche positive Effekte sexueller Erregung

Es gilt auch die dabei entstehenden positiven Effekte für den an Demenz erkrankten Menschen zu beachten. So kann sexuelle Erregung innere Unruhe und Langeweile beseitigen. Sie wird manchmal eingesetzt, wenn die Umgebung keine interessanteren Reize und Einladungen bietet. Durch Masturbation kann sich auch ein Demenzkranker selbst regulieren und Kontrolle über sein Befinden erlangen. Wer masturbiert, erlebt sich dabei als „Mann“ oder „Frau“ und wird sich damit möglicherweise seiner Identität bewusst. Ebenso wie bei anderen funktionierenden Fähigkeiten kann man auch eine weiterhin vorhandene „sexuelle Kompetenz“ wertschätzen und sich mit dem Kranken daran erfreuen, dass es in der Sexualität noch Beziehung und Gemeinsamkeit gibt. Gelungene Begegnungen können nachhaltig entspannen und zufrieden machen (auch den gesunden Partner).

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Umgang mit unangemessenem Sexualverhalten

Es ist wichtig, zwischen übermäßig gesteigertem Sexualverhalten und anderen Ursachen zu unterscheiden. Wenn sich ein demenzkranker Angehöriger ständig zwischen die Beine greift, sollte man vom Arzt abklären lassen, ob eine Blasenentzündung oder Pilzinfektion vorliegt. Durch Schmerzen oder Juckreiz kann es möglicherweise zu einer ähnlichen Handlung kommen. Auch bestimmte Medikamente können zu unangemessenen sexuellen Handlungen führen.

Strategien für den Umgang

  • Offenheit und Erklärung: Wenn sich der Pflegebedürftige beim Treffen mit Freunden oder Bekannten unangemessen verhält, sollte man offen sein und erklären, dass die sexuelle Enthemmung mit der Demenzerkrankung zusammenhängt. Da er seine Gefühle nicht steuern kann, sollte das Verhalten nicht moralisiert werden.
  • Perspektivwechsel: In den meisten Situationen kann auch der Versuch eines „Perspektivwechsels“ scheinbar sexuell aufgeladene Situationen entspannen. Wenn sich beispielsweise ein Demenzkranker im Speisesaal einer Einrichtung entkleidet, kann man sich (und mitunter auch den Betreffenden selbst) fragen, wo dieser glaubt sich momentan zu befinden. Denn unter der Vorstellung, auf der Toilette, im Schlafzimmer, am FKK-Strand oder in einer Arztpraxis zu sein, kann das Verhalten durchaus passen. Ebenso verhält es sich mit enthemmtem Verhalten, wie beispielsweise das Masturbieren in der Öffentlichkeit.
  • Abklärung von Ursachen: Wenn sich der Pflegekunde auffällig oft im Genitalbereich berührt, kann die Ursache hierfür auch eine Blasenentzündung oder ein Pilzbefall sein. Lassen Sie dies immer von einem Arzt untersuchen.
  • Personalauswahl: Grundsätzlich sollten nur die Pflegekräfte einen sexuell übergriffigen Pflegekunden pflegen, welche dieser nicht als attraktiv empfindet, d. h. auf die er nicht entsprechend reagiert (z. B.
  • Raum verlassen: Wenn ein Pflegekunde während der Pflege sexuell erregt ist, verlassen Sie den Raum für einige Zeit. Falls er Sie berührt, schieben Sie die Hand mit einem eindeutigen „Nein, ich möchte das nicht“ fort. Gehen Sie danach nicht weiter auf den Vorfall ein.
  • Einheitliches Handeln im Team: Wichtig ist, dass Sie sich im Team auf ein einheitliches Handeln einigen. Ihr demenziell veränderter Pflegekunde kann sich Grenzen nur merken, wenn Sie diese häufig wiederholen. Wenn hingegen jede Pflegekraft unterschiedlich handelt, bieten Sie ihm keine Orientierung bezüglich seines Verhaltens. Legen Sie den Pflegeablauf genau fest.
  • Medikamentöse Einstellung: Falls Ihr Pflegekunde einen offensichtlich gesteigerten Sexualtrieb hat, etwa auffällig oft onaniert, besprechen Sie mit dem Arzt, ob eine medikamentöse Einstellung möglich ist. Häufig helfen schon Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahme- Hemmer oder Medikamente aus der Wirkstoffgruppe der Antiandrogene. Diese Medikamente werden zur Verringerung des männlichen Sexualhormons verabreicht, unter anderem auch bei Prostataerkrankungen. Wie bei jeder Medikation sollten Sie bzw. der Arzt sich auch hier mit dem Betreuer bzw.
  • Respekt wahren: Erhalten Sie sich Ihren Respekt. Häufig ist es schwierig, einem Menschen weiterhin Respekt entgegenzubringen, wenn er sich Ihnen oder anderen gegenüber unangemessen verhält. Bedenken Sie jedoch, dass das Verhalten nichts mit der eigentlichen Persönlichkeit zu tun hat.

Sexualität als Grundbedürfnis

Auch wenn bei Menschen mit Demenz viele Fähigkeiten verloren gehen und ihre Persönlichkeit verändert scheint, werden sie dadurch nicht zu geschlechtslosen Wesen. Sexualität und der Ausdruck der eigenen sexuellen Identität sind ein grundlegendes menschliches Recht - und das gilt auch für Menschen, die nicht mehr selbständig für sich sorgen können. Liebe, Zuneigung und der Wunsch nach Zärtlichkeit hören im Alter nicht einfach auf. Diese Bedürfnisse leben zu können, wünschen sich auch Menschen mit Demenz. Sexualität gehört zum Leben jedes Menschen, mit oder ohne Demenz. Damit sind nicht nur sexuelle Handlungen wie Geschlechtsverkehr oder Selbstbefriedigung gemeint, sondern allgemein Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit und Berührungen. Während manche Menschen mit Demenz ein gesteigertes Interesse an Sex entwickeln, verlieren andere das Interesse daran völlig, schreibt die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft (DAlzG). Beides beeinflusse eine Partnerschaft stark, denn der gesunde Partner muss mit dem veränderten Verhalten umgehen lernen und eigene Bedürfnisse oft völlig zurückstellen. Andererseits könne das Ignorieren sexueller Bedürfnisse zu herausforderndem und störendem Verhalten des Demenzpatienten führen. Kann das Bedürfnis nach Nähe und Intimität befriedigt werden, würden unangemessene Verhaltensweisen häufig verschwinden.

Sexuelle Selbstbestimmung und Teilhabe

Auch für Menschen, die in Pflegeheimen wohnen, gilt das von der UN-Menschenrechtskonvention formulierte Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Teilhabe. Doch bis heute wird dort älteren Menschen oft das Ausleben ihrer Sexualität abgesprochen, tabuisiert oder sogar durch die Heimordnung untersagt. Nur wenige Institutionen haben den Umgang mit Sexualität in ihrem Leitbild verankert oder bieten Rückzugsräume an, in denen die Bewohner ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen können. Werden diese Bedürfnisse unterdrückt, kann das zu negativen Reaktionen wie Aggression oder Depression führen. Umgekehrt ist es möglich, die Lebensqualität von Pflegebedürftigen deutlich zu steigern, wenn ihnen ein aktives Sexualleben ermöglicht wird.

Partnerschaftliche Aspekte

Gesunden und verantwortlich denkenden und handelnden Partnern gilt es die Sorge zu nehmen, dass sie bei sexuellen Begegnungen den Kranken „missbrauchen“. Folgende Überlegungen können bei dieser Sorge helfen: Ehe und Liebe enden nicht mit dem Eintritt einer Demenz. Sexualität zwischen Erwachsenen ist kein Rechtsgeschäft, sondern eine intime „Begegnung“. Solange der Demenzkranke zu „Begegnungen“ in der Lage ist und nicht dazu gezwungen wird, schließt dies einen „Missbrauch“ eher aus. Grundsätzlich gelten die gleichen Prinzipien wie vor Eintritt der Demenz: Es kommt immer auf den natürlichen Willen beider Partner an. Soweit der demenzkranke Partner weiterhin zu verstehen gibt, dass er sexuellen Verkehr wünscht und genießt, sind keine ethischen oder rechtlichen Probleme zu erwarten.

Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Pflege von Menschen mit Demenz, die sexuell enthemmt sind, stellt eine große Herausforderung dar. Es gibt jedoch verschiedene Lösungsansätze, um mit diesem Problem umzugehen.

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Schulungen und Konzepte

Es ist wichtig, dass Pflegekräfte im Umgang mit Sexualität bei Demenz geschult werden. Sie müssen lernen, die Bedürfnisse der Betroffenen zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Zudem sollten Pflegeeinrichtungen Sexualitätskonzepte entwickeln, die den Bewohnern ein würdevolles Ausleben ihrer Sexualität ermöglichen.

Umgang mit der eigenen Haltung

Junge weibliche Pflegekräfte können mit sexuellen Annäherungen oft besonders schwer umgehen - sie dürfen damit nicht allein gelassen werden. Ein offener Umgang mit dem Thema helfe, Lösungen zu entwickeln, wenn eigene Grenzen verletzt werden.

Sexualassistenz

Wenn Menschen mit Demenz gegenüber den Pflegenden sexuell übergriffig werden, kann es zum Beispiel hilfreich sein, eine sogenannte Sexualassistenz für die Patienten zu engagieren. Regelmässige Besuche durch solche Sexualbegleiter wirken auf sie oft heilsam und können sexuell unangemessenes Verhalten verringern.

Fazit

Sexualität ist ein wichtiger Teil des Lebens, auch für Menschen mit Demenz. Es ist wichtig, dieses Thema nicht zu tabuisieren, sondern offen und sensibel damit umzugehen. Nur so kann man den Betroffenen ein würdevolles und erfülltes Leben ermöglichen. Angehörige und Pflegende sollten die Sexualität von demenziell Erkrankten nicht tabuisieren. Wie alle anderen Menschen brauchen auch sie Zuneigung, Nähe, Zärtlichkeit und Berührungen.

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