Die Alzheimer-Krankheit und andere Demenzformen stellen eine wachsende Herausforderung für die Gesellschaft dar. In Deutschland leben derzeit etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, wobei die Altersgruppe der über 80-Jährigen besonders betroffen ist. Laut Daten von Alzheimer’s Disease International gehört Deutschland zu den OECD-Ländern mit der höchsten Prävalenz von Demenz. Bis 2050 wird ein deutlicher Anstieg der Erkrankungszahlen erwartet, was die Notwendigkeit zukunftsorientierter Pflegeansätze unterstreicht.
Epidemiologie und Prognose
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft schätzt die Anzahl der Demenzkranken in Deutschland 2021 auf etwa 1,8 Millionen. Dabei ist vor allem die Altersgruppe 80 Jahre und älter von neurodegenerativen Krankheiten betroffen. Laut Daten von Alzheimer’s Disease International zählt die Bundesrepublik zu den OECD-Ländern mit der höchsten Prävalenz von Demenz - auf 1.000 Einwohner:innen kommen in Deutschland rund 21,8 Erkrankte. Noch häufiger kommt Demenz etwa in Italien (23,7 Erkrankungen pro 1.000 Einwohner:innen) und Japan (26,7 Erkrankungen pro 1.000 Einwohner:innen) vor. Bis 2050 soll die Verbreitung von Hirnkrankheiten nach Einschätzungen der Forscher:innen in nahezu jedem Land deutlich ansteigen. Besonders stark wird demnach China betroffen sein - bis 2050 wird sich die Prävalenz voraussichtlich verdreifachen. Auch in Spanien rechnen die Expert:innen mit einer Verdopplung auf 41,3 Erkrankungen je 1.000 Einwohner:innen. Weltweit prognostiziert die OECD für das Jahr 2050 rund 42 Millionen Fälle von Demenz. Der deutliche Anstieg ist dabei vor allem durch die stark alternde Bevölkerung in den Industrieländern bedingt.
Die demographische Entwicklung verstärkt die Problematik erheblich. Da die Menschen immer älter werden und zu wenige Kinder geboren werden, verändert sich auch die Altersstruktur der Bevölkerung. Während die Anzahl der über 60-Jährigen bis zum Jahr 2050 um ca. 10 Mio. zunehmen wird, sinkt die Zahl der 20- bis 60-Jährigen im gleichen Zeitraum um ca. 16 Mio. ab. Die heute noch etablierten Versorgungsstrukturen Demenzkranker im ambulanten Bereich werden dann vermutlich nicht mehr ausreichen.
Nach dem Gesetz von Benjamin Gompertz (1779-1865) steigt das Alter eines Menschen linear an. Die Wahrscheinlichkeit, an einem chronischen Leiden zu erkranken, pflegebedürftig zu werden oder eine Demenz zu entwickeln, nimmt jedoch im Laufe des Lebens exponenziell zu [Gompertz, 1825]. In unserer alternden Gesellschaft kommt dem Umgang mit chronischen Krankheiten, Pflegebedürftigkeit und Demenz eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung des Alterungsprozesses in der Bevölkerung zu. Der Aufbau neuer bzw.
In Deutschland leiden derzeit über 1 Million Menschen an einer Form von Demenz, wobei der überwiegende Anteil (rund zwei Drittel) an der so genannten Alzheimer-Demenz erkrankt ist. Angaben zur jährlichen Neuerkrankungsrate schwanken in der Literatur. Im Allgemeinen wird von ca. 200.000 bis 250.000 neuen Fällen pro Jahr ausgegangen [Alzheimer Europe, 2007]. Als Faustregel kann gelten, dass das Neuerkrankungsrisiko unterhalb von 65 Jahren sehr gering ist. Internationalen Schätzungen zufolge steigt das jährliche Neuerkrankungsrisiko von ca. 0,4 % bei den 65- bis 69-Jährigen auf über 10 % bei den Hochbetagten an [Bickel, 2000; Bickel, 2005; Alzheimer Europe, 2007]. Damit verstärkt die demographische Entwicklung mit der daraus resultierenden doppelten Alterung der Bevölkerung die Problematik erheblich. Da die Menschen immer älter werden und zu wenige Kinder geboren werden, verändert sich auch die Altersstruktur der Bevölkerung. Während die Anzahl der über 60-Jährigen bis zum Jahr 2050 um ca. 10 Mio. zunehmen wird, sinkt die Zahl der 20- bis 60-Jährigen im gleichen Zeitraum um ca. 16 Mio. ab [Statistisches Bundesamt, 2006]. Die heute noch etablierten Versorgungsstrukturen Demenzkranker im ambulanten Bereich werden dann vermutlich nicht mehr ausreichen.
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Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass die genannten Probleme in der ambulanten Versorgung Demenzkranker langfristig nur durch eine neue Aufgabenteilung gelöst werden können.
Aktuelle Herausforderungen in der Demenzversorgung
Obwohl ca. 65 % bis 85 % aller Kranken mit fortgeschrittener Demenz während ihres letzten Lebensabschnitts institutionalisiert sind und ca. zwei Drittel aller Heimbewohner in Deutschland die Diagnose Demenz haben, werden bis zu 60 % aller Demenzkranken zu Hause versorgt [Schneekloth und von Törne, 2007]. Die pflegenden Angehörigen, in der Regel Kinder oder Ehepartner, weisen durch die hohe Belastung und Anforderungen einer Demenzpflege ebenfalls eine höhere Morbidität als der Durchschnitt der Bevölkerung auf. Aufgrund gesellschaftlicher und demographischer Entwicklungen (höhere Scheidungsraten, Kinderlosigkeit, Mobilitätsanforderungen im Beruf) wird der Bedarf an professioneller Hilfe steigen, wenn an Demenz erkrankte Menschen langfristig in ihrer gewohnten Umgebung adäquat versorgt werden sollen. Erschwerend kommt hinzu, dass der überwiegende Teil der Demenzkranken über 65 Jahre alt ist. In dieser Gruppe ist im Bevölkerungsdurchschnitt eine hohe Multimorbidität anzutreffen.
In der Versorgung von Demenzkranken besteht in vielen Bereichen der Diagnostik und der Therapie Optimierungsbedarf [Arlt et al., 2008; Dörner, 2008; Nesseler, 2008]. Insbesondere mangelnde Kenntnis von Versorgungsstrukturen, Schamgefühl auf Seiten der Betroffenen und Angst auf Seiten des Arztes, einen langjährigen Patienten zu verlieren oder zu verletzen, führen dazu, dass einerseits Angehörige nicht ausreichend über die Diagnose und ihre Implikationen sowie mögliche Therapie- und Hilfsangebote aufgeklärt werden, andererseits jedoch notwendige Differentialdiagnostik und Pharmakotherapie unterbleiben [Dörner, 2008; Gräßel et al., 2009; Kaduszkiewicz et al., 2009; Quinn et al., 2009]. Die mangelnde Integration der verschiedenen an der Versorgung von Demenzkranken beteiligten Leistungserbringer, Kosten- und Leistungsträger sowie der Akteure des Bürgerschaftlichen Engagements führt dazu, dass nicht-pharmakologische Therapieangebote häufig nicht allen Versorgern bekannt sind und daher Patienten und ihre Angehörige nicht darüber informiert werden. Obwohl gerade diese Therapieangebote wissenschaftlich nachgewiesen effektiv und z.B. für den Erhalt der Alltagskompetenz und damit dem Verbleib im häuslichen Umfeld einen wichtigen Beitrag leisten können. Defizite in der Therapie nach wissenschaftlich gesicherten Empfehlungen führen dazu, dass nicht alle Patienten eine geeignete medikamentöse Therapie erhalten. Andererseits werden jedoch teilweise ungeeignete Tests wiederholt durchgeführt, während beispielsweise psychiatrische und neurologische Begleiterkrankungen dieser Patienten häufig nicht erkannt werden. Dadurch kommt es zu Krankenhauseinweisungen, die durch eine adäquate und frühzeitige Diagnose und Therapie hätten vermieden werden können. Ein wichtiges Problem bei der Versorgung von demenzkranken Patienten ist die Unterstützung der pflegenden Angehörigen.
Die Dringlichkeit, diese Faktoren beim Aufbau von neuen Versorgungsstrukturen zu berücksichtigen, ergibt sich auf dem Boden epidemiologischer Fakten und der sich wandelnden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: 2050 werden in Deutschland vermutlich ca. 2,3 Mio. Menschen mit Demenz leben. Gleichzeitig werden die „klassischen“ Versorgungsstrukturen, die durch die Familien getragen werden, abnehmen. Dadurch wird ein nicht unerheblicher Teil der Kosten auf die Pflegeversicherung verschoben. Schon heute weist die Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes für 2002 rund 5,6 Mrd. Euro für Demenz aus. Der Löwenanteil von ca. 3,6 Mrd. Euro entfällt auf die stationäre und teilstationäre Pflege. Der unbezahlte Betreuungsaufwand pflegender Angehöriger ist hierbei nicht berücksichtigt. Geht man davon aus, dass ca. 60 % aller Demenzkranken zu Hause betreut werden und dass sich diese Anzahl aufgrund des Strukturwandels in der Bevölkerung zu Lasten der stationär betreuten Patienten verschiebt, gleichzeitig jedoch die Prävalenz der Demenz aufgrund der Alterung der Bevölkerung steigen wird, so lässt sich abschätzen, welche Bedeutung dem Aufbau ambulanter Versorgungsstrukturen zukommt, die eine möglichst lange Betreuung im gewohnten familiären Umfeld ermöglicht. Dem langjährigen Hausarzt kommt in solchen Konzepten eine Schlüsselrolle zu. Neben der über Jahre hinweg aufgebauten vertrauensvollen Arzt-Patientenbeziehung kann in der hausärztlichen Versorgung die Koordination aller Akteure sowie aller notwendigen Behandlungsprozesse von der Prävention über Diagnostik, Therapie und Rehabilitation gut verankert werden.
Im Vergleich zu bereits etablierten Versorgungsstrukturen für chronisch Kranke wie z.B. den Disease-Management-Programmen sollten die Strukturen zur Versorgung Demenzkranker aus mehreren Gründen anders ausgestaltet sein: (1) Aufgrund des sich abzeichnenden Arztmangels wird der Versorungsaufwand nicht alleine durch den Arzt leistbar sein. (2) Der besondere Unterstützungsbedarf der Angehörigen erfordert zusätzliche und anders gestaltete Versorgungsstrukturen als die medizinische Versorgung. (3) Die Verzögerung der Pflegebedürftigkeit und der Erhalt der gesundheitsbezogenen Lebensqualität haben einen hohen Stellenwert. (4) Bestehende Strukturen sind i.d.R. auf die Versorgung von Patienten mit einer definierten Diagnose ausgelegt und für die Versorgung von Patienten mit Demenz häufig nur sehr eingeschränkt geeignet. Zudem wird das Problem der Multimorbidität in bestehenden Strukturen, wie z.B.
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Innovationen und Zukunftstrends in der Demenzpflege
Um die Versorgungsstrukturen zu optimieren, wird derzeit in Deutschland eine Vielzahl von Projekten durchgeführt. Exemplarisch seien an dieser Stelle die Demenz-Service-Zentren NRW [KLDS-NRW, 2009] und die vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Leuchtturmprojekte Demenz genannt [BMG, 2008]. Außerdem gab es in der Vergangenheit eine Reihe von umfangreichen Reformen, um die Rahmenbedingungen für innovative Versorgungskonzepte zu verbessern. So besteht durch die Paragraphen 140 a-d SGB V und 192 b SGB XI die Möglichkeit der Integrierten Versorgung und damit der Vernetzung verschiedener an der Versorgung chronisch Kranker beteiligter Akteure. Besonders hervorzuheben ist die Pflegereform 2008, bei der durch den neu geschaffenen § 7a SGB XI ein gesetzlicher Anspruch auf eine individuelle Beratung und Hilfestellung bei Auswahl und Inanspruchnahme von bundes- oder landesrechtlich vorgesehenen Sozialleistungen sowie sonstigen Hilfsangeboten, die auf die Unterstützung von Menschen mit Pflege-, Versorgungs- oder Betreuungsbedarf ausgerichtet sind, besteht. Hierzu gehört die systematische Erfassung des Hilfebedarfs unter Berücksichtigung des MDK-Gutachtens, die Erstellung eines individuellen Versorgungsplans, die Initiierung der erforderlichen Maßnahmen, einschließlich deren Genehmigung, und die Überwachung und ggf. Anpassung des Versorgungsplans. Stattfinden soll die Pflegeberatung in Pflegestützpunkten (§ 92c SGB XI), die in fast allen Bundesländern seit dem 1. Juli 2008 sukzessive eingerichtet werden. Zusammenfassend kann konstatiert werden, dass in Deutschland insbesondere durch die Pflegereform 2008 die Rahmenbedingungen für eine Weiterentwicklung der Versorgungslandschaft geschaffen worden sind.
Bei der Optimierung der Versorgungsstrukturen für demenzkranke Patienten hat die Verbesserung bzw. der Erhalt der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Patienten und Angehörigen Priorität. Ziel sollte sein, dass die Patienten so lange wie möglich in ihrem vertrauten Umfeld bleiben können. Dazu sind geeignete ambulante Versorgungsstrukturen erforderlich, die Krankenhausaufenthalte vermeiden, die Selbstständigkeit so lange wie möglich erhalten, die Heimeinweisung und die Pflegebedürftigkeit verzögern und die Gesundheit pflegender Angehöriger weitestgehend schützen. Dies erfordert eine Verbesserung der Integration und Koordination der Versorgung. Beispielsweise kann die Integration einer geriatrischen Rehabilitation in die ambulante Versorgung die Pflegebedürftigkeit von demenzkranken Menschen verzögern und den Erhalt der Selbstständigkeit fördern [Vollmar et al., 2008].
Einsatz von Technologien in der Demenzpflege
Technologische Entwicklungen rücken immer stärker in den Fokus der Pflege und Gesundheitsversorgung. Insbesondere im Umgang mit demenzerkrankten Patient:innen eröffnen moderne Technologien neue Möglichkeiten. Sie können sowohl zur Unterstützung der Pflegefachpersonen als auch zur Erhöhung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz beitragen.
- Assistenzsysteme und Monitoring: GPS-Tracker und Smart-Home-Technologien können helfen, Verhaltensauffälligkeiten wie das "Weglaufen" oder das Verirren zu bewältigen. Diese Systeme überwachen die Bewegungen der Betroffenen und ermöglichen eine schnelle Reaktion, wenn sie sich verirren oder die sichere Umgebung verlassen. Gleichzeitig geben sie den Angehörigen Sicherheit und entlasten Pflegefachpersonen.
- Roboter in der Pflege: Pflegerobotik bietet Potenzial zur Unterstützung von Pflegefachpersonen. Roboter wie "Pepper" oder "Paro" können auf die Bedürfnisse von Demenzpatient:innen reagieren und sie emotional ansprechen. Diese Roboter werden bereits erfolgreich in der Therapie eingesetzt, indem sie durch ihre Interaktivität und ihr freundliches Auftreten emotionale Unterstützung bieten.
- Virtuelle Realität und kognitive Stimulation: Virtual Reality (VR) ermöglicht es, Menschen mit Demenz in eine sichere und kontrollierte Umgebung zu versetzen, die positive Erinnerungen weckt. Studien zeigen, dass VR positive Effekte auf das emotionale Wohlbefinden von Demenzpatient:innen haben kann, indem sie Erlebnisse ermöglicht, die in der realen Welt nicht mehr zugänglich sind.
- Digitales Pflege-Management: Elektronische Dokumentationssysteme und digitale Patientenakten ermöglichen es Pflegefachpersonen, Informationen effizient zu erfassen und schneller zu handeln. Besonders in der Versorgung von Demenzkranken, die häufig mehrere Betreuungspersonen involviert, kann der schnelle Zugriff auf medizinische Informationen entscheidend sein.
Herausforderungen bei der Integration von Technologien
Trotz der vielen Vorteile stehen die Pflegeeinrichtungen und Pflegefachpersonen vor Herausforderungen, wenn es um die Implementierung dieser Technologien geht. Zunächst muss sichergestellt werden, dass die Technologien den speziellen Bedürfnissen von Menschen mit Demenz gerecht werden. Diese sind oft nicht in der Lage, komplexe technische Geräte zu bedienen, und benötigen deshalb einfache und intuitive Lösungen.
Ein weiteres Problem stellt die Finanzierung dar. Innovative Technologien sind oft kostenintensiv, und nicht alle Pflegeeinrichtungen haben die notwendigen Ressourcen, um in diese Technologien zu investieren. Auch rechtliche und ethische Fragen, insbesondere im Hinblick auf den Datenschutz und die Privatsphäre der Patient:innen, müssen berücksichtigt werden. So sollte beispielsweise der Einsatz von Überwachungssystemen wie GPS-Trackern immer im Einvernehmen mit den Betroffenen oder ihren Angehörigen erfolgen.
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Chancen für die Zukunft
Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist ein unaufhaltsamer Trend, der auch in der Pflege immer mehr Einzug hält. Die Möglichkeiten, die sich daraus für die Versorgung von Demenzpatient:innen ergeben, sind enorm. Langfristig könnten Technologien dazu beitragen, die Pflegepersonalnot zu lindern, indem sie zeitintensive Aufgaben wie die Dokumentation oder die Überwachung übernehmen.
Zudem eröffnen Technologien neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Pflegeeinrichtungen und Angehörigen. Telemedizinische Angebote und digitale Plattformen können eine Brücke zwischen den verschiedenen Akteur:innen schlagen und so die Pflege verbessern.
Die Entwicklung personalisierter Technologien, die auf die individuellen Bedürfnisse von Demenzpatient:innen abgestimmt sind, könnte in Zukunft eine noch größere Rolle spielen. Beispielsweise könnten Algorithmen entwickelt werden, die Verhaltensmuster erkennen und daraufhin personalisierte Pflegepläne erstellen.
Medikamentöse Therapieansätze
Mehr als 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz, die meisten von ihnen an Alzheimer. Nun ist erstmals in Europa ein Medikament erhältlich, das die Nervenerkrankung im Frühstadium zu bremsen verspricht. Für den Neurologen Thorsten Bartsch ist das neue Medikament Lecanemab nichts weniger als ein "Meilenstein“. Erstmals, sagt der Leiter der Gedächtnisambulanz am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, könne bei Alzheimer direkt in den Krankheitsprozess eingegriffen werden.
Am Anfang einer Alzheimer-Erkrankung beobachten Forschende unter anderem eine falsche Zerlegung bestimmter Proteine. Im Gehirn entstehen instabile Eiweißstücke, Beta-Amyloid. Auch bei Gesunden passiert das - der Körper kann die Eiweißbruchstücke allerdings noch abbauen. Bei Alzheimer aber entsteht zu viel Beta-Amyloid, das sich zu sogenannten Protofibrillen zusammenlagert. Sie gelten als besonders schädlich für die Nervenzellen.
Bislang konnten Neurologen wie Thorsten Bartsch nichts gegen den geistigen Verfall ihrer Patientinnen und Patienten tun, nur versuchen, die Symptome zu lindern. 2023 wurde dann in den USA der neue Wirkstoff Lecanemab zugelassen. Seit Anfang September ist das Medikament in Deutschland verfügbar. Dabei handelt es sich um einen Antikörper, der an die entscheidenden Formen von Beta-Amyloid bindet. Die dadurch entstehenden Komplexe können von den Immunzellen aufgenommen und abgebaut werden.
Tatsächlich kommt das neue Medikament aber wohl nur für rund zehn Prozent der von Alzheimer Betroffenen infrage - in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung. Denn Lecanemab kann den Krankheitsprozess nicht stoppen, sondern nur bremsen. "Je früher die Therapie anfängt, desto besser ist der Erfolg", sagt der Göttinger Neurowissenschaftler André Fischer vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen.
Die europäische Zulassungsbehörde war zunächst auch deshalb zögerlich, weil die Therapie Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen und Mikroblutungen haben kann. Alzheimer-Patienten mit einer bestimmten genetischen Anlage - zwei Kopien des sogenannten ApoE4-Gens - sind wegen ihres erhöhten Risikos für diese Komplikationen grundsätzlich von einer Behandlung ausgeschlossen. Insgesamt ist die Therapie mit Lecanemab aufwändig, denn sie erfordert alle zwei Wochen eine Infusion.
Prävention und Früherkennung
Weil die Früherkennung so entscheidend ist, um den Untergang von Nervenzellen zu bremsen, suchen Forschende weltweit nach aussagekräftigen Biomarkern im Blut, die schnell und einfach Hinweise auf eine sich entwickelnde Alzheimer-Erkrankung geben können. Auch am DZNE in Göttingen wird daran geforscht. Neurowissenschaftler André Fischer hofft, dass man solche Tests künftig zum Screening einsetzen kann, für alle ab 60, alle zwei Jahre. Zwei Bluttests auf fehlerhafte Eiweiße werden in Europa bereits im Rahmen klinischer Studien eingesetzt. Der Kieler Neurologe Thorsten Bartsch hofft, dass sie schon bald die Routinediagnostik der Alzheimer-Erkrankung unterstützen können.
Unabhängig von neuen Antikörper-Medikamenten setzt Thorsten Bartsch auf Prävention durch eine Veränderung des Lebensstils. Auch andere Risikofaktoren für eine Demenz sind beeinflussbar: Diabetes und Übergewicht lassen sich ebenso behandeln wie Bluthochdruck und ein erhöhter Cholesterinspiegel. Hörgeräte sorgen für soziale Teilhabe - auch das ein wichtiger Faktor, um die grauen Zellen fit zu halten. Darüber hinaus gibt es eine weitere Möglichkeit, das Risiko für eine Demenz zu reduzieren: Die Impfung gegen Gürtelrose-Viren. Das belegt eine jüngst im Fachmagazin Nature publizierte Studie aus Wales. Dort bekamen Seniorinnen und Senioren, die am Stichtag jünger als 80 Jahre alt waren, eine kostenlose Gürtelrose-Impfung. Sie erkrankten in den folgenden sieben Jahren seltener an Gürtelrose als die nur wenige Tage älteren, nicht Geimpften. Ähnliche Effekte sind auch bei anderen Viren denkbar, sagt Konstantin Sparrer vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Ulm. Unklar ist aber noch, wie genau Virusinfektionen Demenzerkrankungen befördern. Entweder die Viren dringen direkt ins Gehirn ein und schädigen dort die Nervenzellen. Oder das Immunsystem wird durch die Infektion so stark stimuliert, dass es überreagiert. In der Forschung zeichne sich ab, so Konstantin Sparrer, "dass jegliche Virusinfektion nicht gut ist für eine Demenz“.
Bislang sind 14 Risikofaktoren für Demenz bekannt, die prinzipiell modifizierbar sind und durch medizinische Vorsorge und gesunde Lebensgewohnheiten zum Teil persönlich beeinflusst werden können. Dazu gehören unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Schwerhörigkeit, Luftverschmutzung, geringe Bildung und soziale Isolation. Demnach wären bei Beseitigung dieser 14 Risiken rund 45 Prozent [26] aller Demenzerkrankungen vermeidbar oder könnten hinausgezögert werden - theoretisch. Denn Fachleute sind der Ansicht, dass eine Reduzierung in dieser Größenordnung in der Praxis nicht realistisch ist [29].
Nationale Demenzstrategie
Die von der Bundesregierung verabschiedete Nationale Demenzstrategie hat das Ziel, die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu verbessern.
Regionale Unterschiede und Kosten
Die Verteilung von Menschen mit Demenz ist in Deutschland regional [3,5] sehr unterschiedlich - Ursache ist die Altersstruktur der lokalen Bevölkerung.
In den Jahren 2015 bis 2022 ist die Anzahl der dokumentierten Demenzdiagnosen in deutschen Arztpraxen zurückgegangen [30]. Dieser Trend ist von den Hausarztpraxen geprägt. Bei den niedergelassenen Fachärzten sind die Demenzdiagnosen hingegen gestiegen. Die Ursachen sind aktuell unklar: Mögliche Faktoren sind ein gesunkenes Demenzrisiko und Änderungen im Diagnoseverhalten. Diese Erhebung (sie beruht auf Daten der gesetzlichen Krankenkassen für den niedergelassenen Bereich) unterliegt jedoch gewissen Einschränkungen (insbesondere: Privatversicherte sowie Demenzdiagnosen in Kliniken wurden nicht erfasst oder nur indirekt abgedeckt) und lässt daher keine unmittelbare Aussage über die Entwicklung von Demenzerkrankungen in der Gesamtbevölkerung zu.
Berechnungen des DZNE beziffern die Kosten für Demenz in Deutschland für das Jahr 2020 mit rund 83 Milliarden Euro - das entspricht mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach Prognosen könnten diese Kosten im Jahr 2040 auf rund 141 Milliarden Euro, im Jahr 2060 auf rund 195 Milliarden Euro anwachsen.
Bedeutung der Angehörigenunterstützung
Ein wichtiges Problem bei der Versorgung von demenzkranken Patienten ist die Unterstützung der pflegenden Angehörigen. Um Pflegenden den Weg in ein soziales Umfeld zu erleichtern, in dem Pflegesituationen zum Alltag gehören, hat die Initiative "wir pflegen!" eine App entwickelt. Mit ihr können sich Pflegende untereinander vernetzen, Erfahrungen austauschen und praktische Tipps teilen - alles datengeschützt. Auch Informationen über den Verein "wir pflegen!" und aktuelle Veranstaltungen sind über die App abrufbar.
Fazit
Die Demenzpflege steht vor großen Herausforderungen, bietet aber auch vielfältige Chancen durch innovative Technologien, verbesserte Medikamente und präventive Maßnahmen. Die Zukunft der Demenzpflege wird von einer stärkeren Integration von Technologie, personalisierten Therapieansätzen und einer verbesserten Unterstützung der pflegenden Angehörigen geprägt sein. Es ist entscheidend, dass die Gesellschaft und das Gesundheitssystem gemeinsam daran arbeiten, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihren Familien zu verbessern.