Einleitung
Die Zahl der Menschen mit Demenz steigt weltweit rasant an. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft und insbesondere Medizin und Pflege darauf reagieren sollten. In den Niederlanden gibt es mit De Hogeweyk ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie Menschen mit Demenz ein weitgehend normales und würdevolles Leben ermöglicht werden kann. Dieses innovative Pflegeheim hat international Anerkennung gefunden und dient als Modell für andere Einrichtungen.
Das Konzept von De Hogeweyk
De Hogeweyk, gelegen in der Kleinstadt Weesp nahe Amsterdam, ist kein typisches Pflegeheim, sondern ein speziell gestaltetes Dorf für Menschen mit Demenz. Das Besondere an De Hogeweyk ist, dass "nichts besonders ist". Es ist im Grunde ein normales Dorf. Aber wenn man bedenkt, dass es sich hier um ein Pflegeheim handelt, ist natürlich gerade die Normalität das Besondere. Die Bewohner können sich frei bewegen und ihren Interessen nachgehen. Das Gelände umfasst Wohnhäuser, ein Café, einen Supermarkt, ein Restaurant, einen Clubraum, ein Theater, einen Springbrunnen, einen Friseur und sogar einen Ticketservice.
Normalität als Schlüssel zur Lebensqualität
Das Ziel von De Hogeweyk ist es, den Bewohnern so viel Freiheit und Normalität wie möglich zu bieten. Sie sollen ihren Alltag so gestalten können, wie sie es gewohnt waren, und sich nicht wie in einem Krankenhaus fühlen. Die Mitarbeiter sind nicht als Pflegekräfte erkennbar, sondern agieren als Verkäufer im Supermarkt, Kellner im Restaurant oder einfach als Mitbewohner.
Sicherheit und Geborgenheit
Obwohl die Bewohner viel Freiheit genießen, ist ihre Sicherheit gewährleistet. Das Gelände ist nach außen hin abgeschlossen und wird von einem Pförtner bewacht. Es gibt nur einen Ein- und Ausgang. Aber für unsere Bewohner ist es zu gefährlich, allein nach draußen zu gehen. Sie verstehen nicht mehr, wie die Welt da draußen funktioniert. Wenn sie wirklich raus möchten, dann organisieren wir jemanden, der sie begleitet. Aber meistens ist es so, dass die Menschen, die zum Ausgang kommen, gar nicht wirklich raus wollen. Sie kommen beim herumlaufen zufällig zum Ausgang. Innerhalb des Dorfes können sie sich jedoch frei bewegen und ihre Umgebung erkunden.
Individuelle Betreuung und Lebensstile
Bevor ein neuer Bewohner in De Hogeweyk einzieht, wird seine Lebensgeschichte und seine Vorlieben genauestens erfasst. Anschließend wird er einer Wohngemeinschaft zugeteilt, die seinem Lebensstil entspricht. Es gibt verschiedene Wohngruppen, die beispielsweise den traditionellen niederländischen Lebensstil, ein vornehmes Ambiente oder kulturelle Interessen widerspiegeln. Die Einrichtungen und Speisepläne orientieren sich an den Gewohnheiten, an die sich die Menschen trotz der Demenz häufig noch erinnern können.
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Aktivitäten und soziale Kontakte
In De Hogeweyk gibt es zahlreiche Möglichkeiten für die Bewohner, aktiv zu sein und soziale Kontakte zu pflegen. Sie können einkaufen gehen, kochen, gärtnern, Sport treiben, ins Theater gehen oder an verschiedenen Clubs und Veranstaltungen teilnehmen. Diese Aktivitäten tragen dazu bei, ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten zu erhalten und ihre Lebensqualität zu verbessern.
Die Vorteile von De Hogeweyk
Das Konzept von De Hogeweyk bietet zahlreiche Vorteile für Menschen mit Demenz:
- Mehr Lebensqualität: Die Bewohner fühlen sich wohler und weniger gestresst als in herkömmlichen Pflegeheimen.
- Erhalt der Selbstständigkeit: Sie können ihren Alltag weitgehend selbst gestalten und ihre Fähigkeiten nutzen.
- Soziale Kontakte: Sie leben in einer Gemeinschaft und haben die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen.
- Weniger Medikamente: Durch die anregende Umgebung und die individuelle Betreuung benötigen die Bewohner oft weniger Medikamente.
- Bewegung und Aktivität: Der großzügige Außenbereich und die vielfältigen Aktivitäten fördern die körperliche Gesundheit.
Kritik und Herausforderungen
Trotz der vielen Vorteile gibt es auch Kritik an De Hogeweyk. Einige bemängeln, dass das Dorf eine heile Welt vorgaukelt und die Bewohner von der Realität abschottet. Andere sehen die Gefahr, dass die Bewohner sich verirren oder in den Springbrunnen fallen könnten.
Ethische Fragen
Die Frage, ob man Menschen mit Demenz gegen ihren Willen einschließen darf, ist ein zentrales ethisches Thema in der Pflege. In den Niederlanden regelt das Gesetz "Wet zorg en dwang" seit 2020, dass Freiheitsbeschränkungen nur zulässig sind, wenn die Betroffenen eine Gefahr für sich oder andere darstellen.
Die Zukunft von De Hogeweyk
Das Management von De Hogeweyk diskutiert derzeit, wie die Einrichtung noch weiter geöffnet werden könnte, um den Bewohnern mehr Kontakte zur Außenwelt zu ermöglichen. Eine Vision ist es, Städte und Dörfer so an die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz anzupassen, dass sie länger in ihrer gewohnten Umgebung leben können.
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Nachahmung in anderen Ländern
Das Konzept von De Hogeweyk hat international großes Interesse geweckt. Inzwischen gibt es ähnliche Einrichtungen in anderen Ländern, darunter auch Deutschland.
Das erste deutsche Demenzdorf in Alzey
Im rheinland-pfälzischen Alzey soll das erste deutsche Demenzdorf entstehen. Das Projekt orientiert sich am Modell von De Hogeweyk und soll den Bewohnern ein möglichst selbstbestimmtes und würdevolles Leben ermöglichen.
Weitere innovative Ansätze in der Demenzpflege
Neben De Hogeweyk gibt es noch weitere innovative Ansätze in der Demenzpflege, die darauf abzielen, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Milieutherapie
Die Milieutherapie setzt auf eine wohnliche und vertraute Umgebung, die den Bewohnern Orientierung und Sicherheit gibt. Dazu gehören beispielsweise die Gestaltung der Räume mit alten Möbeln und Gegenständen, die an frühere Zeiten erinnern, sowie die Schaffung von kleinen, überschaubaren Wohngruppen.
Aktivierung und Beschäftigung
Aktivierungs- und Beschäftigungsangebote sollen die geistigen und körperlichen Fähigkeiten der Bewohner erhalten und fördern. Dazu gehören beispielsweise Gedächtnistraining, Bewegungstherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie und gemeinsame Aktivitäten wie Kochen, Gärtnern oder Spielen.
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Integration von Natur und Tieren
Die Integration von Natur und Tieren in den Alltag von Menschen mit Demenz kann sich positiv auf ihr Wohlbefinden auswirken. Studien haben gezeigt, dass der Kontakt mit Tieren Stress reduzieren, die Stimmung verbessern und die soziale Interaktion fördern kann.
Technische Hilfsmittel
Technische Hilfsmittel können Menschen mit Demenz dabei unterstützen, ihren Alltag selbstständiger zu gestalten und ihre Sicherheit zu erhöhen. Dazu gehören beispielsweise Ortungssysteme, die es ermöglichen, verlorene Personen wiederzufinden, sowie spezielle Apps, die bei der Orientierung und Kommunikation helfen.
Die Bedeutung der Angehörigen
Die Angehörigen spielen eine wichtige Rolle in der Betreuung von Menschen mit Demenz. Sie sind oft die wichtigsten Bezugspersonen und können durch ihre Unterstützung und Zuwendung viel zur Lebensqualität der Betroffenen beitragen. Es ist wichtig, dass die Angehörigen gut informiert und beraten werden und die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und zu vernetzen.
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