Die Nerven, die am Schlucken beteiligt sind: Ein komplexer Prozess für Gesundheit und Wohlbefinden

Schlucken ist ein fundamentaler und erstaunlich komplexer Vorgang, der täglich bis zu 1000 Mal von einem Erwachsenen ausgeführt wird, oft ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Dieser scheinbar einfache Akt ist das Ergebnis einer fein abgestimmten Koordination von über 100 Muskeln der einzelnen am Schlucken beteiligten Organe (Wangen, Lippen, Kiefer, Zunge, Gaumensegel, Rachen, Kehlkopf, Zungenbein, Speiseröhre). Diese Muskeln werden nicht nur von spezialisierten Anteilen des Gehirns gesteuert, sondern auch von fünf wichtigen Hirnnerven versorgt, die eine entscheidende Rolle bei der sicheren und effizienten Beförderung von Speichel, Flüssigkeiten und Nahrung vom Mund in den Magen spielen.

Einführung in den komplexen Schluckvorgang

Schlucken ist weit mehr als nur der Transport von Nahrung in den Magen. Es ist ein komplexes Zusammenspiel von Muskelaktionen, Gehirnprozessen und sogar unserer Körperhaltung. Vom ersten Bissen, der in der Mundhöhle vorbereitet wird, bis zur endgültigen Passage in den Magen gibt es eine Reihe kritischer Schritte, die sicherstellen, dass wir nicht ersticken oder andere Komplikationen erleiden. Dieser Artikel beleuchtet die am Schlucken beteiligten Nerven, die verschiedenen Phasen des Schluckvorgangs, mögliche Störungen und Behandlungsansätze.

Die Phasen des Schluckvorgangs

Der Schluckvorgang kann in drei Hauptphasen unterteilt werden:

  1. Die orale Phase: Hier wird die Nahrung durch Kauen zerkleinert und durch den Speichel befeuchtet, um einen schluckbaren Bissen, den sogenannten Bolus, zu formen. Bei der oralen Schluckphase kann es bereits zu Beeinträchtigungen der Nahrungsaufnahme bzw. der Zerkleinerung im Mundraum kommen. Mögliche Ursachen sind Erkrankungen der peripheren Nerven mit Beteiligung der Hirnnerven und Muskelerkrankungen.
  2. Die pharyngeale Phase: Sobald der Bolus den Rachen erreicht hat, beginnt die pharyngeale Phase. Dies ist ein kritischer Moment im Schluckvorgang. Hier wird der Kehlkopf angehoben, um den Eintritt von Nahrung in die Luftröhre zu verhindern.
  3. Die ösophageale Phase: Der letzte Abschnitt des Schluckakts ist die ösophageale Phase. Hier wird der Bolus durch die Speiseröhrenmuskulatur in den Magen befördert.

Idealerweise gewährleistet das „richtige“ Schlucken, dass Nahrung und Flüssigkeit sicher von der Mundhöhle in den Magen gelangen, ohne die Atemwege zu beeinträchtigen.

Die Rolle der Hirnnerven beim Schlucken

Die am Schluckvorgang beteiligten Hirnnerven haben die Aufgabe, Bewegungsabläufe zu koordinieren und zu steuern. Fünf spezielle Hirnnerven sind für die Steuerung der am Schlucken beteiligten Muskeln verantwortlich:

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Schluckkrämpfen

  • N. facialis (VII): Dieser Nerv ist für den Geschmack und den Lippenschluss verantwortlich, sowie für die Steuerung der Speicheldrüsen, Kieferöffnung und des Wangentonus. Sein Ursprung liegt im Nucleus nervi facialis im Pons.
  • N. trigeminus (V): Dieser Nerv ist für die Gesichtssensorik und die Steuerung der Kaumuskeln zuständig. Sein Ursprung liegt im Nucleus motorius nervi trigemini im Pons. Er innerviert den M. mylohyoideus, M. digastricus anterior, M. temporalis, M. masseter, M. pterygoideus medialis und lateralis, M. tensor tympani, M..
  • Äste des N. vagus (X): Dieser Nerv ist für die Steuerung des Kehlkopfes und den Verschluss/die Öffnung des oberen Ösophagussphinkters, den Glottisschluss und die Taschenfaltenaktivität verantwortlich. Sein Ursprung liegt im Nucleus ambiguus in der Medulla oblongata. Sensorische Zellen des zehnten Hirnnervs erkennen, ob und wo sich in der Speiseröhre Nahrung befindet. Ihre Signale bewirken den Weitertransport zum Magen.
  • N. hypoglossus (XII): Der Nervus hypoglossus ist der 12. Hirnnerv (N. XII) und innerviert M. Styloglossus , M. Genioglossus, M..
  • Spinalnerven C1, C2 und C3: Auch die Spinalnerven C1, C2 und C3 innervieren am Schluckvorgang beteiligte Muskeln. Konkret den M. omohyoideus, M. Thyrohyoideus, M. Sternohyoideus und M..

Das Zusammenspiel dieser Nerven ermöglicht eine präzise Steuerung der Muskeln, die für die verschiedenen Phasen des Schluckens erforderlich sind.

Schluckmuster und ihre Bedeutung

Schluckmuster sind die wiederholte Abfolge von Bewegungen und Muskelkontraktionen, die eine Person regelmäßig beim Schlucken von Nahrung oder Flüssigkeiten ausführt. Sie umfassen die Bewegungen der Zunge und anderer Muskeln im Mund während des Schluckens. Schluckmuster können jedoch auch falsch sein und Probleme verursachen, etwa wenn die Zunge beim Schlucken gegen oder zwischen die Zähne drückt, was zu Problemen wie Zahnfehlstellungen und anderen Störungen führen kann.

Die Rolle des Gehirns beim Schlucken

Das zentrale Nervensystem, insbesondere das Gehirn und das Rückenmark, steuert den Schluckvorgang. Spezielle Hirnregionen, wie der Hirnstamm, koordinieren die verschiedenen Phasen des Schluckens. Das Gehirn hat die Hauptaufgabe, die von den Sensoren gesammelten Informationen zu interpretieren und zu verarbeiten. Es spielt eine entscheidende Rolle beim Lernen und Speichern von Schluckmustern. Von Kindesbeinen an passt sich unser Gehirn an verschiedene Nahrungsformen und -beschaffenheiten an, lernt dabei verschiedene Schluckmuster und kann diese ein Lebens lang abrufen. Dies ermöglicht es uns, sowohl flüssige als auch feste Nahrung sicher und effizient zu schlucken. Schädigungen in diesen Bereichen können zu Schluckstörungen führen.

Sensorische Überwachung des Schluckvorgangs

Schlucken ist nicht nur eine mechanische Funktion; es wird von einem ausgefeilten Überwachungssystem kontrolliert, das hauptsächlich auf Sensoren beruht. Diese Sensoren, die sich im Mund, im Rachen und tiefer in der Speiseröhre befinden, sammeln eine Vielzahl von Informationen. Der Tastsinn spielt eine zentrale Rolle in diesem Prozess. Die beteiligten Rezeptoren senden Signale an das Gehirn, das daraufhin den optimalen Schluckreflex auslöst. Vor kurzem wurden in der Speiseröhre neuartige Dehnungssensoren entdeckt. Diese Sensoren spielen eine bedeutende Rolle bei der Überwachung der Nahrungspassage durch die Speiseröhre. Sie helfen dem Körper zu erkennen, wann und wie stark die Muskulatur der Speiseröhre kontrahieren muss, um die Nahrung effektiv in den Magen zu befördern.

Schluckstörungen (Dysphagie): Ursachen, Symptome und Diagnose

Eine Störung des Schluckvorgangs, bei der der Schluckvorgang beeinträchtigt ist, wird als Dysphagie bezeichnet. Die Dysphagie bezeichnet die Unfähigkeit, Speichel, Flüssigkeiten oder Nahrung zuverlässig vom Mund in den Magen zu befördern und tritt relativ häufig auf.

Lesen Sie auch: Schlaganfall und Schluckbeschwerden

Ursachen von Dysphagie

Dysphagie kann verschiedene Ursachen haben, darunter:

  • Neurologische Erkrankungen: Schlaganfälle, Morbus Parkinson, Multiple Sklerose oder amyotrophe Lateralsklerose (ALS) können die Nerven und Muskeln beeinträchtigen, die am Schlucken beteiligt sind. Bei 80 Prozent der Patient*innen mit einem akuten Schlaganfall kann es zu einer Schluckstörung kommen, bei einem Viertel davon bleibt sie für immer bestehen.
  • Mechanische Ursachen: Tumore oder strukturelle Veränderungen der Speiseröhre können das Schlucken erschweren.
  • Entzündungen: Entzündungen im Mund- und Rachenraum, wie Aphten oder Kehlkopfentzündungen, können Schmerzen verursachen und das Schlucken beeinträchtigen.
  • Andere Faktoren: Ältere Menschen leiden häufiger an Schluckbeschwerden aufgrund altersbedingter Abbauprozesse. Bestimmte Medikamente können ebenfalls Schluckstörungen verursachen.

Symptome von Dysphagie

Die Symptome einer Schluckstörung können vielfältig sein und umfassen:

  • Husten oder Erstickungsgefühle beim Schlucken
  • Würgereiz
  • Heiserkeit
  • Aufstoßen oder Reflux
  • Veränderte Haltung beim Schlucken
  • Andauernde Schluckbeschwerden können zu Appetitlosigkeit führen und mit daraus folgendem Gewichtsverlust einhergehen.
  • Ein gefährliches Symptom ist die Aspiration (Verschlucken), die zu Lungenentzündung (Aspirationspneumonie) oder Ersticken führen kann.

Diagnose von Dysphagie

Die Diagnostik einer Schluckstörung beginnt mit einer ausführlichen Anamnese, in der Beschwerden, Essgewohnheiten und begleitende Symptome erfasst werden. Weitere Verfahren wie die flexible endoskopische Evaluation des Schluckens (FEES) oder die Videofluoroskopie ermöglichen eine genauere Beurteilung der beteiligten Strukturen.

Behandlung von Schluckstörungen

Die Behandlung von Dysphagie richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Zu den gängigen Behandlungsansätzen gehören:

  • Logopädische Schlucktherapie: Gezielte Übungen zur Kräftigung der beteiligten Muskulatur sowie spezielle Schlucktechniken. Die logopädische Therapie sollte nach einer plötzlichen Hirnschädigung (wie Schlaganfall), sobald es der Allgemeinzustand des Patienten erlaubt, begonnen werden. Häufig erfolgt sie zunächst intensiv im Rahmen einer stationären Rehabilitationsmaßnahme. Danach erfolgt sie in einer logopädischen Praxis oder zu Hause. Bei fortschreitenden neurologischen Erkrankungen stellen sich Symptome schleichend ein. Die Dauer ist stark abhängig von der Ursache und Ausprägung der Störung. Sie erfordert aber grundsätzlich Geduld. Bei abrupten Hirnschädigungen (z. B. nach Schlaganfall) kann man in den ersten Wochen nach dem Ereignis das Gehirn häufig sehr gut reaktivieren. In diesem Zeitraum kann es auch zu spontanen Rückbildungen kommen. Das erste Jahr nach Schlaganfall ist das wichtigste, um die Sprach-, Sprech- und Schluckregionen im Gehirn neu zu strukturieren. Bei Störungen im Rahmen einer fortschreitenden neurologischen Erkrankung ist meist eine Intervalltherapie mit Unterbrechungen sinnvoll. Hier wird immer wieder Übungs- und Schulungsbedarf bestehen. Damit eine Behandlung begonnen werden kann, ist die Ausstellung einer logopädischen Verordnung durch eine entsprechende medizinische Fachrichtung erforderlich (z. B. HNO-Arzt, Neurologe, Hausarzt).
  • Ergotherapeutische Maßnahmen: Anpassungen der Ernährungsweise wie spezielle Diäten oder Andickungsmittel helfen, die Sicherheit beim Essen zu verbessern.
  • Medikamentöse Behandlung: Bei Entzündungen oder anderen Grunderkrankungen können Medikamente zur Linderung der Symptome eingesetzt werden.
  • PEG-Sonde: In schweren Fällen kann eine PEG-Sonde erforderlich sein, um eine ausreichende Ernährung sicherzustellen.
  • FaceFormer-Therapie: Die FaceFormer Therapie ist eine innovative Behandlungsmethode, die ursprünglich zur Therapie von Schluckstörungen und zur Optimierung der Atemfunktion entwickelt wurde. Sie basiert auf der Nutzung eines speziell entwickelten Trainingsgeräts - dem FaceFormer -, das dazu dient, die Muskulatur von Gesicht, Mundraum, Hals und Rachen zu kräftigen und zu koordinieren. Oft entwickeln Menschen infolge unregelmäßiger Schluckmuster und Atemgewohnheiten muskuläre Dysbalancen im Kopf- und Nackenbereich, die wiederum zu Fehlhaltungen führe können.

Schlucken und Atmen: Eine enge Verbindung

Schlucken und Atmen sind zwei Prozesse, die in unserem Alltag ständig und meist unbemerkt im Hintergrund ablaufen. Obwohl sie scheinbar unabhängig voneinander sind, sind sie eng miteinander verbunden und koordiniert. Während des Schluckens wird die Atmung kurzzeitig gestoppt, um einen sicheren Übergang von Nahrung oder Flüssigkeit in den Magen zu gewährleisten. Dieser kurze Moment, in dem die Atmung aussetzt, wird als „Atempause“ bezeichnet. Korrektes Schlucken ist nicht nur für die Nahrungsaufnahme essenziell, sondern auch für die optimale Funktion des Atmungssystems. Probleme in einem dieser Systeme können sich auf das andere auswirken. Ein kombiniertes Training, das sowohl Schlucken als auch Atmen berücksichtigt, kann helfen, die Koordination und Effizienz beider Prozesse zu verbessern.

Lesen Sie auch: Behandlungsansätze bei Dysphagie nach Schlaganfall

Tipps für ein sicheres Schlucken

Um das Risiko von Schluckbeschwerden zu minimieren, können folgende Tipps hilfreich sein:

  • Nehmen Sie sich Zeit zum Essen und trinken Sie langsam.
  • Konzentrieren Sie sich auf das Essen und vermeiden Sie Ablenkungen.
  • Sitzen Sie aufrecht beim Essen und Trinken.
  • Schneiden Sie die Nahrung in kleine Stücke.
  • Vermeiden Sie es, während des Essens zu sprechen.
  • Achten Sie auf eine gute Mundpflege.
  • Hören Sie nach dem Essen auf Ihre Stimme - wenn sie sich gurgelnd und belegt anhört, husten Sie kräftig und schlucken Sie noch mehrmals kräftig nach.

tags: #am #schlucken #beteiligte #nerven