Der Begriff "Amok" stammt aus dem Malaiischen und bedeutet "in blinder Wut angreifen, töten". Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Amok als "eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens". Charakteristisch sind Amnesie und/oder Erschöpfung nach der Tat, oft gefolgt von selbstzerstörerischem Verhalten bis hin zum Suizid. Amokläufe sind komplexe Phänomene mit vielfältigen Ursachen und Auslösern.
Definition und Ursprung des Begriffs Amok
Der Begriff "Amok" hat seine Wurzeln im malaiischen Wort "amuk", was so viel wie "wütend" oder "rasend" bedeutet. Der Ausdruck "mengamuk" beschreibt spontane, gewaltsame Angriffe gegen Unbeteiligte. Alternativ wird der Ursprung im portugiesischen "Amuco" gesehen, einer Bezeichnung für Krieger in hinduistischen Staaten Indiens, die den Feind todesverachtend angriffen. In Hinterindien übernahmen malaysische und javanische Krieger diesen Begriff und das einschüchternde Kriegsgeschrei "Amok, Amok!".
Ein ähnlicher Bedeutungswandel vollzog sich beim altnordischen Wort "Berserkr", ursprünglich für Krieger in Bärenfellen, später für Menschen, die in Ekstase versetzt "mit übermenschlicher Stärke wütend kämpften". Im malaiisch-indonesischen Kulturkreis wurde Amoklaufen mit der Einführung des Islams im 14. Jahrhundert zu einem Akt religiösen Fanatismus gegen "Ungläubige".
Psychologische und soziale Faktoren bei Amokläufen
Amokläufe lassen sich nicht auf ein einzelnes Motiv oder eine bestimmte Täterpersönlichkeit reduzieren. Vielmehr spielen verschiedene Ursachen und Auslöser zusammen, die letztlich in einem Gewaltausbruch münden.
Soziale Spannungen und Demütigungen
Amokläufer in der westlichen Welt leiden oft unter extremen sozialen Spannungen, demütigenden Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz, in der Schule oder mit Behörden, oder sie erleben schwere Schicksalsschläge. Diese Ereignisse müssen nicht unbedingt real sein, sondern können auch einer verzerrten Wahrnehmung der Realität entspringen.
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Motive: Rache, Politik und persönliche Gründe
Die Motive der Täter lassen sich grob unterteilen in politische, persönliche bzw. familiäre Gründe und Rache. Psychologen und Sicherheitsexperten stellten in über der Hälfte der untersuchten Fälle Rache als Motiv fest.
Persönlichkeitsstörungen und Geisteskrankheiten
Obwohl nur in wenigen Fällen (sieben Prozent) eine seelische Erkrankung festgestellt wurde, dürfte die Dunkelziffer erheblich höher liegen, da viele Täter während des Amoklaufs sterben. Persönlichkeitsstörungen wie Paranoia und Narzissmus können zu schweren Konflikten mit anderen Menschen und der Gesellschaft führen. Paranoide Menschen reagieren überempfindlich und nachtragend auf reale oder eingebildete Zurückweisungen und Erniedrigungen. Narzissmus, eine schwere neurotische Störung, zeichnet sich durch extreme Selbstliebe und die Erwartung von Bewunderung aus. Negative Erlebnisse können hier zu Gewaltausbrüchen führen.
Manche Fachleute sehen einen Zusammenhang mit emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen (impulsiver oder Borderline-Typus), bei denen es zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen kommen kann. Auch Psychosen (z.B. im Rahmen einer Schizophrenie) oder Drogenkonsum werden als mögliche Ursachen diskutiert.
Die Rolle von Hirnschäden und -erkrankungen
Organische Erkrankungen des Gehirns können ebenfalls eine Rolle spielen. Ein prominentes Beispiel ist Charles Whitman, der 1966 als "Texas Tower Sniper" 15 Menschen tötete und einen Hirntumor hatte.
Hirnschäden und Verhaltensänderungen
Hirnschäden durch Unfälle oder Krankheiten können das Wesen eines Menschen verändern. Schädigungen im Frontalhirn, insbesondere im orbitofrontalen Cortex, können zu antisozialem, enthemmtem und aggressivem Verhalten führen. Betroffene können Impulse schlechter unterdrücken und reagieren möglicherweise auf falsche Annahmen aggressiv. Studien zeigen, dass junge Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma häufiger straffällig werden.
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Neurobiologische Faktoren
Hirnforscher untersuchen die Rolle von Botenstoffen wie Serotonin bei aggressivem Verhalten. Ein Mangel an Serotonin wird mit erhöhter Aggressivität in Verbindung gebracht. Medikamente, die den Serotoningehalt im Gehirn erhöhen, könnten potenziell aggressives Verhalten reduzieren.
Fallbeispiel Kevin Pregler
Ein Beispiel für die Komplexität von Hirnerkrankungen und Verhaltensänderungen ist der Fall von Kevin Pregler. Bei ihm wurde zunächst das Opsoklonus-Myoklonus-Ataxie-Syndrom diagnostiziert, eine seltene neurologische Störung. Später wurde ein Hirntumor entdeckt, der jedoch gutartig war. Zusätzlich wurde eine Kleinhirnatrophie festgestellt. Trotz dieser Schicksalsschläge bleibt Pregler optimistisch und sucht aktiv nach Behandlungsmöglichkeiten.
Amoklauf in der Literatur
Die erzählende Literatur von Hermann Hesse über Stefan Zweig bis Peter Handke tut sich mit dem Thema Amok schwer. In der Literatur gibt es viele Trittbrettfahrer. Je grausamer und unerklärlicher eine Tat erscheint, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Schriftsteller auf den Plan ruft.
Hermann Hesse: "Klein und Wagner"
Hermann Hesse führte Wagners Amoklauf auf gesellschaftliche Zwänge zurück, zumal auf Erfolgsdruck.
Stefan Zweig: "Amok. Novellen einer Leidenschaft"
In der Titelnovelle versucht Zweig, das rational Unfassbare des Amoks mithilfe einer psychologischen Typologie zu fassen. Es fällt ihm schwer - auch wenn statt seiner die Figuren um Worte ringen: Amok, das sei "eine Art Trunkenheit bei den Malaien", heißt es ethnologisch stochernd, eine Form der "Tollheit, eine Art menschlicher Hundswut", ein "Anfall mörderischer, sinnloser Monomanie".
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Peter Handke: "Ratschläge für einen Amoklauf"
Peter Handke räumte in einem dem Massaker von Austin gewidmeten Text, der Beschreibung den Primat vor der Spekulation über Motive einzuräumen.
Vorbeugung und Intervention
Um Amokläufe zu verhindern, ist es wichtig, die Sensibilität gegenüber Hinweisen auf ernsthafte Probleme bei Mitmenschen zu erhöhen. Dies gilt insbesondere für Schüler und Lehrer. Der Zugang zu Schusswaffen sollte erschwert werden, um die Zahl der Opfer zu verringern.
Therapie und soziale Kompetenz
Bei Menschen, die nach Hirnschäden Wesensveränderungen zeigen, ist eine therapeutische Intervention sinnvoll. Dabei sollte geprüft werden, ob die Ursache eher in Frustration über gesundheitliche Einschränkungen oder in organischen Ursachen für mangelnde Impulskontrolle liegt. Soziale Kompetenz kann durch spezielle Programme neu erlernt werden.
Umgang mit Impulskontrollproblemen
Bei Impulskontrollproblemen sollten die häufigsten Auslöser identifiziert und Strategien zur Bewältigung von Anspannung erlernt werden. Wichtig ist die Einsicht des Betroffenen, dass er sein Verhalten ändern möchte.
Die Rolle der Blut-Hirn-Schranke bei der Behandlung von Hirntumoren
Das Gehirn ist durch die Blut-Hirn-Schranke vor vielen Medikamenten geschützt. Diese Schranke lässt nur wenige Stoffe passieren. Die Erforschung, wie Bakterien die Blut-Hirn-Schranke überwinden, könnte helfen, Medikamente gezielt ins Gehirn einzuschleusen, um Hirntumoren oder die Alzheimer-Krankheit besser zu behandeln.
Meningitis als Modell für die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke
Die bakterielle Meningitis, eine Entzündung der Hirnhäute, ist ein Beispiel dafür, wie Erreger die Blut-Hirn-Schranke überwinden können. Die Forschung zu Meningitis hat neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnet und könnte auch für die Behandlung anderer Hirnerkrankungen relevant sein.
Die Immunreaktion bei Meningitis
Bei der Behandlung von Meningitis ist es wichtig, die überschießende Immunreaktion des Körpers zu dämpfen, während die Antibiotika die Bakterien bekämpfen. Steroide wie Dexamethason können die Entzündungsreaktion reduzieren und die Überlebensrate erhöhen.