Angekündigter Suizid bei Amyotropher Lateralsklerose (ALS): Ein komplexes Thema im Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Prävention

Einführung

Das Thema „Selbstbestimmtes Sterben“ gewinnt angesichts der fortschreitenden medizinischen Möglichkeiten zur Lebensverlängerung zunehmend an Bedeutung. Der Tod wird immer weniger als ein unerwarteter Schicksalsschlag wahrgenommen, sondern rückt als Konsequenz einer bewussten Entscheidung in den Fokus. Die Frage, ob ein „Selbstbestimmtes Sterben“ tatsächlich möglich ist, beschäftigt viele Menschen. Besonders brisant wird die Thematik im Zusammenhang mit schweren, unheilbaren Erkrankungen wie der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS), bei der Betroffene oft mit fortschreitendem Kontrollverlust über ihren Körper konfrontiert sind. Dieser Artikel beleuchtet die vielschichtigen Aspekte des angekündigten Suizids im Kontext von ALS, wobei sowohl die Perspektiven der Betroffenen, ihrer Angehörigen, medizinischer Fachkräfte und ethischer Überlegungen berücksichtigt werden.

ALS: Eine unheilbare Krankheit und ihre Auswirkungen

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die das Nervensystem lähmt. Sie führt zu Muskelschwäche, Muskelschwund und schließlich zum Verlust der Fähigkeit, sich zu bewegen, zu sprechen, zu schlucken und zu atmen. Die Krankheit ist unheilbar und führt in der Regel innerhalb von zwei bis fünf Jahren nach der Diagnose zum Tod.

Die Diagnose ALS stellt Betroffene und ihre Familien vor enorme Herausforderungen. Neben den körperlichen Einschränkungen sind auch die psychischen Belastungen erheblich. Viele Patienten leiden unter Angst, Depressionen und dem Gefühl des Kontrollverlusts. Die fortschreitende Natur der Erkrankung und die damit verbundene Abhängigkeit von fremder Hilfe können den Wunsch nach einem selbstbestimmten Lebensende verstärken.

Selbstbestimmtes Sterben: Ein Thema von wachsender Brisanz

Angesichts des medizinischen Fortschritts und der Möglichkeiten lebensverlängernder Maßnahmen wird das Thema des selbstbestimmten Sterbens immer wichtiger. Der Tod ist nicht länger zwangsläufig die Folge eines unerwarteten Schicksalsschlags, sondern kann das Ergebnis einer bewussten Entscheidung sein. Die Frage, ob selbstbestimmtes Sterben tatsächlich möglich ist, beschäftigt viele Menschen.

Der Fall Klaus V.: Ein Leben mit ALS und der Wunsch nach einem selbstbestimmten Ende

Ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit dem Thema Selbstbestimmung am Lebensende ist der Fall von Klaus V. aus Herne, der an ALS erkrankt ist. In einem Film wurde er über Monate begleitet, wobei sein Auf und Ab dokumentiert wurde. Klaus V., ein ehemaliger Schausteller und Schalke-Fan, äußerte den Wunsch, seinem Leben ein Ende zu setzen, sobald er nicht mehr in der Lage sei, sich selbstständig die Socken anzuziehen. Seine Tochter versuchte, ihm den Suizid auszureden, doch schließlich setzte er seine Ankündigung um. Ein Palliativarzt stellte ihm einen giftigen Medikamentencocktail bereit, und er starb. Seine Tochter äußerte, dass er glücklich aus dem Leben gegangen sei.

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Unterschiedliche Perspektiven auf das Lebensende

Der Fall von Klaus V. verdeutlicht die Komplexität des Themas Selbstbestimmung am Lebensende. Während er den Wunsch hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen, sobald er seine Selbstständigkeit verliert, gibt es andere Menschen, die jede medizinische Möglichkeit wahrnehmen möchten, um möglichst lange zu leben. Ein Beispiel hierfür ist die 37-jährige Ergotherapeutin Antje W. aus Dessau, die an Lungenkrebs im Endstadium erkrankt ist. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und möchte so lange wie möglich für ihre Kinder da sein. Sterbehilfe kommt für sie nicht in Frage.

Die Rolle der Palliativmedizin und Hospizarbeit

Für Dr. Gertrud Kokott ist das Sterben ein Vorgang, der zum Leben gehört. Sie betont die Wichtigkeit, Schwerkranke und ihre Angehörigen in dieser schwierigen Phase bestmöglich zu unterstützen. Eine der wichtigsten Aufgaben der Hospize ist es, Schwerkranken Menschen Wege aufzuzeigen, wie sie die verbleibende Zeit mit Lebensqualität füllen können, so Frank Schöberl.

Patientenverfügungen: Den letzten Lebensabschnitt selbst gestalten

Die Tatsache, dass bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Selbstbestimmtes Sterben“ die Mehrheit des Publikums angab, eine Patientenverfügung zu haben, zeigt den Wunsch vieler Menschen, den letzten Lebensabschnitt selbst zu gestalten. In einer Patientenverfügung können Menschen im Voraus festlegen, welche medizinischen Behandlungen sie im Fall einer schweren Erkrankung oder eines Unfalls wünschen oder ablehnen.

Ethische und kulturelle Aspekte

Pfarrer Bertsch betonte, dass das Thema komplex und kulturell bedingt sei. Er wies darauf hin, dass es nicht unwürdig sei, auf den Tod zu warten, gleich in welcher Form er kommt.

Suizidprävention: Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Die TelefonSeelsorge Deutschland (TSD) erinnert zum Welttag der Suizidprävention daran, dass Suizidprävention eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Damit Menschen in Krisen auch künftig verlässlich Hilfe finden, braucht es ein starkes Suizidpräventionsgesetz, das niedrigschwellige Angebote dauerhaft sichert und flächendeckend ermöglicht.

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Die Rolle der Medien

Medien prägen, wie wir über Suizid denken. Sie beeinflussen, wie sicher oder riskant bestimmte Darstellungen wirken können - gerade bei Menschen, die selbst belastet sind. Wie über Suizid berichtet wird, macht einen Unterschied. Detaillierte Schilderungen von Suiziden oder Suizidversuchen bergen das Risiko, den Werther-Effekt auszulösen.

Einsamkeit und Suizid

Einsamkeit hat viele Gesichter und kann in Krisensituationen verstärkt auftreten. Besonders betroffen von Einsamkeit sind u. a. ältere Menschen, Menschen mit psychischen Erkrankungen und Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Einsamkeit ist kein Randphänomen: Viele Menschen fühlen sich auch dann einsam, wenn sie soziale Kontakte haben. Medienbilder von „perfektem Weihnachten“ können das Gefühl verstärken, ausgeschlossen oder „nicht normal“ zu sein.

Hilfsangebote für Menschen in Krisen

Es gibt zahlreiche Hilfsangebote für Menschen in psychischen Krisen und mit Suizidgedanken. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr erreichbar und bietet kostenlose, anonyme und kompetente Beratung an. Die Nummer gegen Kummer bietet telefonische Beratung für Kinder, Jugendliche und auch Eltern an. Es gibt auch Online-Beratungsangebote für junge Menschen.

Männer und Suizid

Im Jahr 2021 starben in Deutschland 9.215 Menschen durch Suizid, etwa 75 % von ihnen waren Männer. Männer in Krisen können denken, nur ihnen geht es so und es gibt keinen Ausweg und keine Hilfe. Die Webseite MEN-ACCESS - Suizidprävention für Männer wurde für und mit Männer(n) entwickelt, um Suizidversuche und Suizide zu verhindern.

Assistierter Suizid: Ein kontroverses Thema

In vielen europäischen und angloamerikanischen Ländern sind assistierter Suizid und teilweise auch Tötung auf Verlangen legalisiert worden oder werden toleriert. Die Ittinger Erklärung äußert sich besorgt über eine Zunahme und Ausbreitung von Angeboten zum assistierten Suizid.

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Die Bedeutung der Trauerbegleitung nach Suizid

„Trauer nach Suizid - Du fehlst“ ist ein Podcast von BeSu Berlin, der Menschen begleitet, die jemanden durch Suizid verloren haben oder mit suizidgefährdeten Personen leben. Der Podcast behandelt häufige Themen aus der Arbeit mit Hinterbliebenen und gibt Sprache für Erfahrungen, über die sonst oft geschwiegen wird.

Depressionen und Suizid

Personen mit Depressionen oder früheren Suizidversuchen sind besonders gefährdet. Der Podcast „Raus aus der Depression“ von ARD Gesund und der Stiftung Deutsche Depressionshilfe spricht mit prominenten Gästen über deren Erfahrungen mit Depressionen.

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