Die Behandlung von Migräne erfordert einen vielschichtigen Ansatz, der sowohl akute Interventionen als auch präventive Maßnahmen umfasst. Psychopharmaka, insbesondere Antidepressiva, spielen in der Migräneprophylaxe eine wichtige Rolle. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Psychopharmaka, insbesondere Amitriptylin, in der Migränebehandlung, wobei sowohl die Wirkmechanismen als auch die potenziellen Nebenwirkungen und Kontraindikationen berücksichtigt werden.
Einführung in die Migränebehandlung
Bei der Therapie von Migräne wird grundsätzlich zwischen der Akuttherapie und der Intervallprophylaxe unterschieden. Die Akuttherapie zielt darauf ab, die Symptome einer akuten Migräneattacke zu lindern, während die Migräneprophylaxe darauf abzielt, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren.
Amitriptylin: Ein trizyklisches Antidepressivum in der Migräneprophylaxe
Amitriptylin ist ein trizyklisches Antidepressivum, das primär zur Behandlung von Depressionen eingesetzt wird. Es findet jedoch auch Anwendung bei neuropathischen Schmerzen sowie zur Prophylaxe von Migräne und chronischen Spannungskopfschmerzen. Unter den trizyklischen Antidepressiva weist Amitriptylin die beste Datenlage für die letztgenannten Indikationen auf. Off-Label wird es häufig als Hypnotikum bei Schlafstörungen eingesetzt und zeigt Wirksamkeit beim Reizdarmsyndrom und bei Fibromyalgie.
Wirkmechanismus von Amitriptylin
Amitriptylin hemmt unspezifisch die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin in den Synapsen des zentralen Nervensystems, was zu einer Erhöhung der Konzentration dieser Neurotransmitter im synaptischen Spalt führt. Dieser Mechanismus wird mit der antidepressiven Wirkung in Verbindung gebracht. Zusätzlich blockiert Amitriptylin Natrium-, Kalium- und NMDA-Kanäle sowohl zentral als auch im Rückenmark, was zur schmerzhemmenden Wirkung beiträgt.
Darreichungsformen und Dosierung von Amitriptylin
Amitriptylin ist in Form von Tabletten (teils mit verzögerter Wirkstofffreisetzung), Tropfen und Injektionslösungen erhältlich. Die Dosierung erfolgt einschleichend und ausschleichend.
Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie
- Depressionen: Die Anwendung erfolgt zweimal täglich, beginnend mit einer Tagesdosis von 50 mg, wobei die Höchstdosis bei 150 mg pro Tag liegt. Eine antidepressive Wirkung ist in der Regel nach zwei bis vier Wochen zu erwarten.
- Neuropathische Schmerzen und Migräneprophylaxe: Amitriptylin kann einmal täglich oder aufgeteilt auf zwei Teildosen eingenommen werden. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 10 bis 25 mg am Abend. Einzeldosen von mehr als 75 mg werden nicht empfohlen.
- Bettnässen bei Kindern: Kinder von sechs bis zehn Jahren nehmen täglich 10 mg bis 20 mg eine bis anderthalb Stunden vor dem Schlafengehen ein, Kinder ab elf Jahren 25 mg bis 50 mg.
Kontraindikationen von Amitriptylin
Amitriptylin darf nicht angewendet werden bei Patienten mit kürzlich erlittenem Herzinfarkt, Herzrhythmusstörungen oder Durchblutungsstörungen des Herzmuskels. Ebenfalls kontraindiziert ist der Arzneistoff bei Patienten mit einer schweren Lebererkrankung. Aufgrund des Risikos eines potenziell lebensbedrohlichen Serotonin-Syndroms darf Amitriptylin nicht gleichzeitig mit MAO-Hemmern angewendet werden. Bei einem Therapiewechsel ist ein zeitlicher Sicherheitsabstand zu beachten.
Nebenwirkungen von Amitriptylin
Wie bei allen trizyklischen Antidepressiva stehen anticholinerge Nebenwirkungen im Vordergrund:
- Mundtrockenheit
- Durst
- Miktionsstörungen
- Obstipation
- Sehstörungen durch Steigerung des Augeninnendrucks und Akkomodationslähmung
- Delir
- Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen
Zudem kann die anticholinerge Wirkung kardiovaskuläre Störungen wie Hypotonie, orthostatische Dysregulation, Tachykardie und Herzrhythmusstörungen verursachen. Letztere können auch durch die Verlängerung der QT-Zeit durch Trizyklika zustande kommen. Vereinzelt können durch Amitriptylin auch epileptische Krampfanfälle ausgelöst werden. Bei Kindern besteht ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Karies.
Wechselwirkungen von Amitriptylin
Die gleichzeitige Anwendung mit folgenden Wirkstoffgruppen wird nicht empfohlen, da Amitriptylin deren Wirkung verstärken kann:
- Sympathomimetika
- Adrenozeptorblocker
- Anticholinergika
- Antimykotika
- Arzneimittel, die das QT-Intervall verlängern
Gleiches gilt für eine gleichzeitige Gabe der CYP2D6-Substrate Thioridazin und Tramadol. Trizyklische Antidepressiva einschließlich Amitriptylin werden vorwiegend über CYP2D6 und CYP2C19 metabolisiert. Zudem sind am Abbau CYP3A4, CYP1A2 und CYP2C9 beteiligt. Darauf gilt es bei einer gleichzeitigen Gabe von Induktoren beziehungsweise Inhibitoren zu achten. Des Weiteren inhibieren trizyklische Antidepressiva und Neuroleptika wechselseitig ihre Metabolisierung, was zur Senkung der Krampfschwelle und zum Auftreten von Krampfanfällen führen kann.
Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne
Anwendung von Amitriptylin während der Schwangerschaft und Stillzeit
Amitriptylin sollte während der Schwangerschaft, insbesondere im ersten sowie im letzten Drittel, nur bei zwingender Notwendigkeit und nach strenger Abwägung von Nutzen und Risiko eingenommen werden.
Absetzen von Amitriptylin
Beim Absetzen von Antidepressiva sind diverse Entzugssymptome möglich, die überaus vielfältig sind und zudem von einer Rückkehr der Grunderkrankung abgegrenzt werden müssen. Charakteristisch für ein Absetzsyndrom sind ein rasches Auftreten innerhalb von drei bis sieben Tagen sowie eine spontane Rückbildung innerhalb von zwei bis sechs Wochen.
Klinische Studien und Metaanalysen zur Wirksamkeit von trizyklischen Antidepressiva bei Kopfschmerzen
Eine Metaanalyse prospektiver, randomisierter Studien zum Einsatz von trizyklischen Antidepressiva bei Kopfschmerzen umfasste 37 Studien mit insgesamt 3176 Patienten mit Migräne oder chronischem Spannungskopfschmerz. Die Studien hatten eine mittlere Beobachtungszeit von 10 Wochen.
Ergebnisse der Metaanalyse
- Die Zahl der Tage mit Spannungskopfschmerzen und die Häufigkeit von Migräneattacken waren unter einer Therapie mit trizyklischen Antidepressiva um 30% niedriger als unter Plazebo.
- Die Wirkung der Trizyklika nahm mit der Dauer der Einnahme zu.
- Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Behandlung die Intensität der Kopfschmerzen um mindestens 50% verringert, war unter Trizyklika höher als unter Plazebo (41% bei Patienten mit chronischem Spannungskopfschmerz und 80% bei Patienten mit Migräne).
- Trizyklische Antidepressiva waren signifikant besser wirksam als selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.
- Trizyklika verursachten mehr Nebenwirkungen als Plazebo, wobei Mundtrockenheit, Benommenheit und Gewichtszunahme am häufigsten genannt wurden.
Diese Metaanalyse bestätigt die Wirksamkeit von trizyklischen Antidepressiva sowohl in der Migräneprophylaxe als auch bei der Behandlung chronischer Spannungskopfschmerzen. Die Wirksamkeit ist besonders hoch bei Patienten, die gleichzeitig an einer Depression leiden.
Weitere Medikamentöse Optionen zur Migräneprophylaxe
Neben Amitriptylin gibt es weitere medikamentöse Optionen zur Migräneprophylaxe, die je nach individueller Situation und Begleiterkrankungen des Patienten in Betracht gezogen werden können.
Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?
Betablocker
Betablocker wie Propranolol und Metoprolol sind gut etablierte Prophylaktika, deren Wirksamkeit in zahlreichen Studien belegt wurde. Sie eignen sich besonders für Patienten mit Bluthochdruck oder Angstzuständen.
Kalziumkanalblocker
Flunarizin ist ein Kalziumkanalblocker, der insbesondere bei Migränepatienten mit Schwindel, Schlafstörungen oder Untergewicht eingesetzt wird.
Antiepileptika
Antiepileptika wie Valproinsäure und Topiramat können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden. Sie sind besonders geeignet für Patienten mit Übergewicht, Epilepsie oder Manie. Valproinsäure sollte jedoch aufgrund teratogener Eigenschaften nicht von Frauen im gebärfähigen Alter ohne sichere Verhütung eingenommen werden.
CGRP-Inhibitoren
CGRP-Inhibitoren wie Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab sind eine neuere Klasse von Medikamenten, die speziell für die Migräneprophylaxe entwickelt wurden. Sie wirken, indem sie das Neuropeptid Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor blockieren, das eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielt.
Nicht-Medikamentöse Maßnahmen zur Migräneprophylaxe
Neben der medikamentösen Therapie gibt es auch eine Reihe von nicht-medikamentösen Maßnahmen, die zur Migräneprophylaxe beitragen können. Dazu gehören:
- Regelmäßiger aerober Ausdauersport: Sportliche Aktivität kann die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren.
- Entspannungsverfahren: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Vermeidung von Triggern: Das Identifizieren und Vermeiden von individuellen Auslösern wie bestimmten Nahrungsmitteln, Stress oder Schlafmangel kann ebenfalls zur Migräneprophylaxe beitragen.
- Ernährung: Eine Ernährung, die den Blutzucker stabil hält, kann ebenfalls helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
Die Rolle des Patienten in der Migränebehandlung
Eine aktive Beteiligung des Patienten ist entscheidend für den Erfolg der Migränebehandlung. Dazu gehört:
- Führen eines Kopfschmerztagebuchs: Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, Auslöser zu identifizieren, die Wirksamkeit von Medikamenten zu beurteilen und die Häufigkeit und Intensität von Attacken zu dokumentieren.
- Einhaltung der Therapie: Die Einhaltung der verordneten Medikamente und nicht-medikamentösen Maßnahmen ist wichtig, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen.
- Offene Kommunikation mit dem Arzt: Eine offene Kommunikation mit dem Arzt über Symptome, Nebenwirkungen und Bedenken ist entscheidend, um die Therapie optimal anzupassen.
tags: #migrane #und #psychopharmaka