Brennende, stechende Schmerzen können Betroffene zur Verzweiflung treiben und sind oft, aber nicht immer, neuropathisch bedingt. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Nebenwirkungen von Antidepressiva, insbesondere Taubheitsgefühl und Atemnot, und stellt diese in den Kontext verschiedener Schmerzzustände und deren Behandlung.
Schmerzmechanismen verstehen
Um die Zusammenhänge zwischen Antidepressiva und ihren Nebenwirkungen besser zu verstehen, ist es wichtig, sich mit den Grundlagen der Schmerzentstehung auseinanderzusetzen.
Nozizeption versus Schmerz
Nozizeption bezeichnet die Wahrnehmung eines Reizes aus schmerzempfindlichem Gewebe durch spezielle Rezeptoren (Nozizeptoren) und die Weiterleitung dieses Reizes über das Rückenmark zum Zentralnervensystem (ZNS). Nozizeptoren sind freie Nervenendigungen, die auf thermische und mechanische Reize reagieren. Zahlreiche Botenstoffe wie Prostaglandine, Serotonin, Histamin oder Neuropeptide beeinflussen die Weiterleitung.
Es ist wichtig zu beachten, dass Nozizeption und Schmerz nicht dasselbe sind. Schmerz ist immer mit Nozizeption verbunden, aber Nozizeption kann auch Wahrnehmungen aus schmerzunempfindlichen Geweben weiterleiten.
Chronischer Schmerz und das Schmerzgedächtnis
Wenn Schmerzen länger als drei Monate andauern, kann sich ein chronisches Schmerzsyndrom entwickeln, bei dem sich ein Schmerzgedächtnis mit verringerter Schmerzschwelle und intensiveren Schmerzen bildet. Um dies zu verhindern, sollten Schmerzmittel rechtzeitig und ausreichend dosiert verabreicht werden.
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Die Schmerzempfindung wird individuell von genetischer Disposition, Erwartungshaltung, Lebensumständen und Emotionen beeinflusst. Somatische Schmerzen werden oft als hell und stechend wahrgenommen, viszerale Schmerzen eher als dumpf und drückend, neuropathische Schmerzen dagegen als brennend und einschießend.
Neuropathische Schmerzen: Ursachen und Mechanismen
Neuropathische Schmerzen entstehen, wenn Nervenstrukturen des Zentralnervensystems oder der Peripherie entzündet oder krankhaft verändert sind, was zu einer Übererregbarkeit dieser Nerven führt. Verschiedene pathophysiologische Mechanismen können zugrunde liegen, darunter genetische Veranlagung, Vitaminmangel (Vitamin B12, B6) oder -überdosierung (Pyridoxin), Alkohol, Toxine (Arsen, Blei, Quecksilber), Erkrankungen (Diabetes, Gürtelrose) und Medikamente (arzneimittelbedingte Neuropathien) sowie immunologische Vorgänge.
Antidepressiva in der Schmerztherapie
Antidepressiva spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung neuropathischer Schmerzen, insbesondere trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin, Nortriptylin, Clomipramin und Imipramin. Hier wird zur Schmerzreduktion eine deutlich niedrigere Dosis benötigt als für die antidepressive Wirkung. Auch der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Duloxetin wird eingesetzt, ist aber nur bei schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie zugelassen.
Mögliche Nebenwirkungen von Antidepressiva
Patienten sollten in der Apotheke über potenzielle starke Nebenwirkungen informiert werden, um die Adhärenz nicht zu gefährden. Im Folgenden werden einige der relevantesten Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Antidepressiva aufgeführt:
- Taubheitsgefühl (Parästhesien): Ein Gefühl von Kribbeln oder Taubheit der Haut kann als Nebenwirkung auftreten.
- Atemnot: Obwohl seltener, kann Atemnot in Verbindung mit bestimmten Antidepressiva auftreten. Dies sollte umgehend ärztlich abgeklärt werden, um schwerwiegende Ursachen auszuschließen.
- Herzrhythmusstörungen: Einige Antidepressiva können Herzrhythmusstörungen verursachen oder verstärken.
- Serotonin-Syndrom: In seltenen Fällen kann es bei Patienten, die mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern behandelt werden, zu einem Serotonin-Syndrom kommen, das sich durch hohes Fieber, Zittern, plötzliche Muskelzuckungen und Unruhe äußert.
- Suizidgedanken: Besonders zu Beginn der Behandlung mit Antidepressiva können Suizidgedanken auftreten oder sich verstärken.
Es ist wichtig zu betonen, dass die meisten Nebenwirkungen von Antidepressiva mild und vorübergehend sind. Sie treten vor allem zu Beginn der Behandlung auf und lassen mit Besserung der depressiven Beschwerden gewöhnlich nach.
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Fallbeispiele und spezielle Schmerzzustände
Diabetische Neuropathie
Eine Spätkomplikation, vor allem bei Menschen mit nicht optimal eingestelltem Diabetes mellitus, ist die diabetische Neuropathie. Sie ist eine der häufigsten Polyneuropathien in Europa und manifestiert sich in verschiedenen Formen. Der dauerhaft erhöhte Glucosespiegel im Blut verursacht eine irreversible Glykierung und Ablagerungen von »advanced glycation endproducts« (AGE). Die sensomotorische Neuropathie betrifft die peripheren Nerven mit Symptomen wie brennenden Schmerzen, Kribbeln oder Taubheitsgefühl, vor allem in Füßen und Unterschenkeln, aber auch in Händen und Fingern.
Postzosterische Neuralgie
Die postzosterische Neuralgie kann infolge einer Gürtelrose, ausgelöst durch das Varizella-Zoster-Virus, auftreten. Nach der Primärinfektion (Windpocken) verbleibt das Virus in den Ganglien des Rückenmarks und der Hirnnerven und kann bei entsprechender Disposition reaktiviert werden. Es kommt zur Entzündung des Nervengewebes mit struktureller und biochemischer Veränderung. Die Patienten leiden an starken Schmerzen und Brennen in den vom infizierten Nervenstrang versorgten Hautgebieten, auf denen sich zumeist auch Bläschen zeigen.
Phantomschmerzen
Unter Phantomschmerzen versteht man Schmerzen in Gliedmaßen, die nicht mehr vorhanden sind. Diese Missempfindungen können auch nach einer Brustamputation, Zahnextraktion (Phantomzahnschmerz) oder nach der Exstirpation eines Auges (Phantomaugen-Syndrom) auftreten. Die Patienten beschreiben sie als brennend schmerzhaft, juckend oder kribbelnd.
Arzneimittelbedingte Neuropathien
Manche Arzneimittel können als Nebenwirkung brennende neuropathische Schmerzen verursachen. Dies hängt von der Dosis und der Einnahmedauer ab und ist nicht immer eindeutig zu erklären. Das Risiko einer Polyneuropathie ist bei allen Statinen erhöht; nach Absetzen der Medikation verschwinden die Symptome. Periphere Polyneuropathien mit Parästhesien und Sensibilitätsstörungen sind häufige Nebenwirkungen bei der Behandlung der Tuberkulose mit dem Antibiotikum Isoniazid, das auch den Vitamin-B6-Stoffwechsel stört. Chemotherapie-induzierte, akute und chronische Neuropathien verursachen heftige Beschwerden und gewinnen an Bedeutung aufgrund neuer Substanzen in der Tumorbehandlung und der Zunahme maligner Erkrankungen.
Weitere Ursachen für brennende Schmerzen
Brennende Schmerzen können auch andere Ursachen haben, die nicht direkt mit Antidepressiva in Verbindung stehen.
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Brennende Augen
Brennende Augen werden nicht immer durch einen Erreger verursacht. Häufig spielt eine verminderte Tränenflüssigkeit mit Austrocknung der Augenoberfläche eine Rolle, die durch Überanstrengung, längere Bildschirmtätigkeit, Tragen von Kontaktlinsen, Müdigkeit und die Einnahme von Medikamenten wie Anticholinergika, Antihypertonika oder Antiallergika bedingt sein kann.
Herzinfarkt
Typische Symptome eines Herzinfarkts sind Atemnot, Druck und Engegefühl in der Brust sowie heftige Schmerzen, die in den linken Arm, Oberbauch, Rücken, Hals, Kiefer oder die Schulterblätter ausstrahlen können. Hinter dem Brustbein (retrosternal) treten starke brennende Schmerzen auf.
Refluxkrankheit
Brennende Schmerzen hinter dem Brustbein können auch eine weniger bedrohliche Ursache haben, nämlich Magensäure, die unphysiologischerweise vom Magen zurück in die Speiseröhre fließt und die Schleimhaut reizt. Bei der Refluxkrankheit führt der Rückfluss des Mageninhalts zu einer Entzündung des Ösophagus und typischen Beschwerden wie Sodbrennen, brennenden retrosternalen Schmerzen, Dysphagie, Übelkeit, Erbrechen und Hustenreiz.
Halsschmerzen
Halsschmerzen haben vielfältige Ursachen. In der Apotheke sind die »Red Flags« (Scharlach-Exanthem, Mononukleose, Infektionen wie Pneumonie, Bronchitis, Otitis, Sinusitis, Immunsuppression, Chemotherapie, orale Corticoidtherapie, hohes Fieber, Atemnot) zu hinterfragen und damit die Grenzen der Selbstmedikation festzustellen.
Harnwegsinfektion
Klagt eine nicht schwangere erwachsene Frau ohne anatomische oder funktionelle Besonderheiten über wiederkehrende Schmerzen beim Urinieren, spricht die S3-Leitlinie der DEGAM »Brennen beim Wasserlassen« von einer unkomplizierten Harnwegsinfektion.
Wichtige Hinweise zur Einnahme von Antidepressiva
Citalopram: Anwendung und Vorsichtsmaßnahmen
Citalopram gehört zu einer Gruppe von Antidepressiva, die selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) genannt werden. Es wird angewendet zur Behandlung von depressiven Erkrankungen (Episoden einer Major Depression).
Dosierung: Die übliche Dosis beträgt 20 mg pro Tag, kann aber vom Arzt auf maximal 40 mg pro Tag erhöht werden. Bei älteren Patienten sollte die Anfangsdosis auf die Hälfte gesenkt werden.
Dauer der Behandlung: Die Wirkung von Citalopram setzt nicht sofort ein. Es dauert mindestens zwei Wochen, bevor eine Besserung bemerkt wird. Nach Beschwerdefreiheit sollte das Arzneimittel weitere 4 - 6 Monate eingenommen werden.
Beendigung der Behandlung: Das Arzneimittel sollte langsam abgesetzt werden; es wird empfohlen, die Dosis schrittweise über einen Zeitraum von mindestens 1 - 2 Wochen zu reduzieren.
Kontraindikationen: Citalopram darf nicht eingenommen werden, wenn eine Allergie gegen Citalopram oder einen sonstigen Bestandteile besteht, bei Einnahme von MAO-Hemmern, bei angeborenen Herzrhythmusstörungen oder bei Einnahme von Arzneimitteln zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen: Vor der Einnahme von Citalopram sollte ein Arzt konsultiert werden, insbesondere bei Herzproblemen, niedrigem Ruhepuls, Diabetes, Epilepsie, Manie/Hypomanie, Blutungsstörungen, Leber- oder Nierenfunktionsstörungen oder Augenproblemen.
Amitriptylin: Anwendung und Vorsichtsmaßnahmen
Amitriptylin gehört zu den trizyklischen Antidepressiva und hat eine ausgeprägte sedierende Wirkung. Es wird angewendet bei Depressionen, neuropathischen Schmerzen, Vorbeugung von chronischen Spannungskopfschmerzen, Migräneprophylaxe und nächtlichem Einnässen bei Kindern ab 6 Jahren.
Kontraindikationen: Amitriptylin darf nicht eingenommen werden, wenn eine Allergie gegen Amitriptylin besteht, bei kürzlichem Herzinfarkt, Herzproblemen, Einnahme von MAO-Hemmern oder schwerer Lebererkrankung.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen: Vor der Einnahme von Amitriptylin sollte ein Arzt konsultiert werden, insbesondere bei Herzrhythmusstörungen, niedrigem Blutdruck, Suizidgedanken, manischen Episoden, Engwinkelglaukom, Epilepsie, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, Vergrößerung der Prostata, Erkrankung der Schilddrüse, bipolarer Störung oder Schizophrenie.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln: Amitriptylin kann Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln haben, darunter Antidepressiva, Arzneimittel mit anticholinerger Wirkung, Sympathomimetika, MAO-Hemmer, Fluoxetin oder Fluvoxamin, Duloxetin oder Bupropion, Johanniskraut, blutdrucksenkende Mittel, Arzneimittel, die das QT-Intervall im EKG verlängern, Neuroleptika, Cimetidin und Cumarin-Derivate.
Sertralin: Anwendung und Vorsichtsmaßnahmen
Sertralin hellt bei Depressionen die Stimmung der Erkrankten auf und beugt dem erneuten Auftreten von depressiven Phasen vor.
Gegenanzeigen: Sertralin darf nicht angewendet werden bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, gleichzeitiger Behandlung mit MAO-Hemmern oder Pimozid-Behandlung.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen: Bei Kindern und Jugendlichen, die in klinischen Studien mit diesem Medikament behandelt wurden, kam es häufiger zu Gefühlsschwäche, Selbstmord-einleitenden Verhaltensweisen (Selbsttötungsgedanken und Selbsttötungsversuche) als bei Kindern, die mit einem Scheinmedikament behandelt wurden. Das feindselige Verhalten äußerte sich in Wut, Angriffslust oder Widersetzlichkeit.
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