Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Migräne: Ursachen, Auswirkungen und Präventionsmaßnahmen

Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Migräne, einer neurologischen Erkrankung, die durch pulsierende Kopfschmerzen, Übelkeit und Empfindlichkeit gegen Licht und Geräusche gekennzeichnet ist. Die AOK Rheinland/Hamburg hat eine deutliche Zunahme von Krankschreibungen und Fehltagen aufgrund von Migräne bei Berufstätigen festgestellt. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Migräne, die Auswirkungen auf Betroffene und Unternehmen sowie Maßnahmen zur Prävention und zum Umgang mit Migräne am Arbeitsplatz.

Zunehmende Fallzahlen von Migränebedingter Arbeitsunfähigkeit

Auswertungen der AOK Rheinland/Hamburg zeigen einen Anstieg der Fallzahlen um 150 Prozent in den vergangenen 15 Jahren. Die Zahl der Fehltage hat sich im gleichen Zeitraum verdoppelt. Besonders betroffen sind Frauen, bei denen im Jahr 2024 5,33 Krankschreibungen mit der Diagnose Migräne je 100 Versicherte verzeichnet wurden, was 175 Prozent mehr als bei Männern (1,94 Krankschreibungen je 100 Versicherte) entspricht. Geschlechterübergreifend waren es durchschnittlich 3,42 Krankschreibungen je 100 Versicherte. In die Auswertungen des Instituts für betriebliche Gesundheitsförderung (BGF-Institut) der AOK Rheinland/Hamburg sind die Daten von mehr als einer Million Berufstätigen eingeflossen. Allein in den vergangenen drei Jahren ist es zu einem signifikanten Anstieg der Migräne-Zahlen gekommen. Von 2022 bis 2024 hat sich die Zahl der Fehltage um mehr als 23 Prozent erhöht: von 11,65 Tagen je 100 Versicherte im Jahr 2022 auf 14,38 Tage im Jahr 2024. Die Zahl der Migräne-Krankschreibungen ist in dieser Zeit um mehr als 38 Prozent gestiegen - und sogar um 146 Prozent im Vergleich zum Jahr 2010. Die durchschnittliche Fehlzeit bei einer Migräne-Krankschreibung hat zwischen 2022 und 2024 um 10,6 Prozent abgenommen, was darauf hindeutet, dass Versicherte häufiger, aber für kürzere Zeiträume wegen Migräne krankgeschrieben waren.

Ursachen für den Anstieg von Migränebedingten Ausfällen

Die Gründe für die Zunahme von migränebedingten Ausfällen am Arbeitsplatz sind vielfältig. Dazu zählen eine verbesserte Diagnostik, eine höhere Sensibilisierung für die Erkrankung sowie die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die auch kürzere Migräne-Attacken erfasst. Weitere Ursachen sind Post-Covid-Kopfschmerzen nach einer Corona-Infektion, klimatisch bedingte Kopfschmerzen durch extremere Wetterumschwünge und der andauernde globale Krisenmodus mit Wirtschaftskrisen, Kriegen und dem Klimawandel, der stressbedingte Migräne-Fälle begünstigt. Auch Wetterumschwünge können eine Rolle spielen und den Körper belasten.

Die Vielfalt der Migräne und ihre Auswirkungen

Migräne ist eine komplexe, neurovaskuläre Erkrankung des Gehirns, von der etwa 15 % der Bevölkerung innerhalb eines Jahres betroffen sind. Sie steht weltweit an zweiter Stelle der am meisten beeinträchtigenden Krankheiten und an erster Stelle bei jungen Frauen. Die Erkrankung bedingt eine enorme klinische und wirtschaftliche Belastung für den Einzelnen und die Gesellschaft. Migräne ist ein chronisches Leiden, das über viele Dekaden des Lebens bestehen kann und bei einem Teil der Patienten progressiv verlaufen kann, was bedeutet, dass sowohl die Häufigkeit der Migräneattacken als auch deren Intensität und Dauer zunehmen können. Gleichzeitig können auch Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen sowie Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit verstärkt werden. Die chronische Migräne betrifft ca. 1-2 % der Bevölkerung. Das Risiko für Depressionen, Angsterkrankungen und Suizid ist bei den Betroffenen 3-7 mal höher als bei Gesunden, und das Risiko für Kreislauferkrankungen, Herzinfarkte und Schlaganfall ist rund 1,5-2 mal höher als bei Gesunden. Es wird geschätzt, dass die deutsche Bevölkerung 32 Millionen Arbeitstage im Jahr durch Migräne verliert. Migräne und chronische Kopfschmerzen sind zweithäufigster Grund für kurzfristige Arbeitsunfähigkeit.

Phasen der Migräne

Die Migräne wird entsprechend der diagnostischen Kriterien der 3. Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation ICHD-3 diagnostiziert. Es werden heute 48 Hauptformen der Migräne unterschieden. Die wichtigsten Untergruppen sind die Migräne ohne Aura, die Migräne mit Aura, die chronische Migräne, die Migränekomplikationen, die wahrscheinliche Migräne und die episodischen Syndrome, die mit einer Migräne einhergehen können. Migränepatienten zeigen zwischen den Kopfschmerzphasen ein besonderes neuropsychologisches Profil. Die Reagibilität auf sensorische, kognitive und affektive Reize ist erhöht. Die Betroffenen nehmen intensiver wahr und habituieren nicht oder wenig auf repetitive Reizeinwirkung.

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Die Phasen der Migräne umfassen:

  • Prodromalphase: In dieser Phase, die bis zu 24 Stunden vor den Kopfschmerzen auftreten kann, zeigen sich unspezifische Symptome wie Übelkeit, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit, aber auch Heißhunger, Verstopfung oder Reizbarkeit. In dieser Frühphase lässt sich der vollständige Ausbruch einer Attacke manchmal noch durch Medikamente abwenden.
  • Auraphase: Bei etwa jedem siebten Betroffenen tritt eine Aura auf, die vorübergehende neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen verursacht, wie z.B. Sehstörungen.
  • Kopfschmerzphase: Diese Phase dauert typischerweise 4-72 Stunden und ist durch einseitige, pulsierende, pochende Schmerzen von sehr schwerer Intensität gekennzeichnet. Der Schmerz verstärkt sich durch körperliche Tätigkeiten, und es treten Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen sowie Photo- und Phonophobie auf.
  • Postdromalphase: Nach der Kopfschmerzphase verspüren die Patienten bis zu 48 Stunden Müdigkeit, Asthenie, erhöhte Reizbarkeit, Reduktion der Denkvorgänge und weiterer kognitiver Funktionen.

Triggerfaktoren und Energiedefizit

Immer noch weitverbreitet ist die Annahme, dass Migräneattacken durch spezielle Triggerfaktoren bedingt werden. Eine eindeutige Evidenz für deren Wirkung ist jedoch nicht vorhanden. Nach heutiger Annahme wird davon ausgegangen, dass die Wirkung möglicher Triggerfaktoren bereits Teil der Prodromalsymptome im Rahmen des Migränekomplexes darstellen. Aufgrund dieser permanenten Aktivität des zentralen Nervensystems kann nach einer bestimmten Phase der erhöhten Arbeitsanforderung des Gehirns ein Energiedefizit in den Nervenzellen bedingt werden. Dies führt zu einer Schutzreaktion des Nervensystems mit Aktivierung von Heißhunger zur Aufnahme von Energie in Form von Kohlenhydraten sowie Gähnen zur Aufnahme von Sauerstoff.

Migräne am Arbeitsplatz: Herausforderungen und Lösungsansätze

Migräne ist bei Berufstätigen unter 50 weltweit die führende Ursache für Arbeitsausfälle und Krankschreibungen. Obwohl viele Menschen betroffen sind, ist die Angst vor Ausgrenzung oder Stigmatisierung am Arbeitsplatz immer noch groß. Eine akute Migräne-Attacke hält bis zu drei Tage an, wodurch die berufliche Aktivität meist unmöglich wird und die Lebensqualität der Betroffenen stark eingeschränkt ist.

Umgang mit der Erkrankung am Arbeitsplatz

Für Migräne-Patienten ist es wichtig, selbstbewusst und offen mit ihren Vorgesetzten über ihre Erkrankung zu sprechen. Es hilft, zu erklären, dass die Migräne dank Behandlung bestmöglich im Griff ist, aber dass bei einer akuten Attacke ein Rückzug oder ein Aufenthalt zu Hause notwendig ist. Es gibt einige Migräneauslöser, die in direktem Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz stehen, wie z.B. Lärm, Bildschirmarbeit und Stress. Diese Faktoren sollten nach Möglichkeit reduziert oder abgestellt werden. Gespräche mit Kollegen können für besseres Verständnis sorgen und Missverständnisse oder falsche Vorstellungen aus dem Weg räumen.

Rechtliche Aspekte und Unterstützung

Bei einer akuten Migräneattacke können Betroffene in der Regel drei Tage zu Hause bleiben, ohne eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vom Arzt zu benötigen, wobei der Arbeitgeber eine AU jedoch schon zu einem früheren Zeitpunkt einfordern kann. Eine Kündigung wegen häufiger Arbeitsausfälle aufgrund von Migräne ist an strenge Voraussetzungen geknüpft, und oft ist es möglich, sich erfolgreich mit einer Kündigungsschutzklage dagegen zu wehren. Migräne-Patienten können unter Umständen einen Schwerbehindertenausweis beantragen.

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Betriebliche Gesundheitsförderung und Prävention

Unternehmen können viele Maßnahmen ergreifen, um Migräne entgegenzuwirken und Betroffenen gezielt zu helfen. Die betriebliche Gesundheitsförderung ist ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen. Das BGF-Institut der AOK Rheinland/Hamburg unterstützt Betriebe dabei, Kopf- und Nackenschmerzen am Arbeitsplatz und auch im Homeoffice vorzubeugen. Mit Entspannungspausen während der Arbeitszeit oder Seminaren rund um die Themen Stressmanagement, Resilienz und Achtsamkeit können Mitarbeitende auf dem Weg zu mehr Wohlbefinden begleitet werden. Ein ergonomischer Arbeitsplatz, der die optimale wechselseitige Anpassung zwischen dem Menschen und seinen Arbeitsbedingungen gewährleistet, ist ebenfalls wichtig.

Maßnahmen zur Stressreduktion und Entspannung

Ein geregelter Tagesablauf sowie eine individuell gut eingestellte Behandlung können einen akuten Anfall lindern oder Migräneattacken vorbeugen. Strategien zur Stressreduktion spielen dabei eine besondere Rolle. Neben einer bewussteren und ausbalancierteren Alltagsgestaltung werden die regelmäßige Durchführung von Entspannungsverfahren (Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Atemtherapie, Autogenes Training) empfohlen. Diese bewirken, neben der Entspannung der Muskulatur, auch einen Abbau der Stresshormone und eine Regeneration der körpereigenen Schmerzabwehrsysteme. Zahlreiche Studien zeigen, dass die regelmäßige Anwendung solcher Entspannungstechniken langfristig die Anzahl der Attacken deutlich reduzieren kann. Zusätzlich werden Schulter- und Nackenverspannungen verbessert und Bluthochdruck gesenkt.

Der Einfluss des Arbeitsplatzes auf Migräne

Auch im Büro lauern unzählige Trigger und Reize, die am Arbeitsplatz auf uns niederprasseln. Sei es ein alter flackernder Bildschirm, grelles Neonlicht, stickige Luft in Großraumbüros, laute Gespräche unter Kolleg:innen, ein Telefon, das pausenlos schrill klingelt, Stress, oder ein beißendes Parfüm einer Kollegin. Eine häufige Ursache für Kopfschmerzen im Arbeitsalltag ist auch eine fehlerhafte Körperhaltung am Schreibtisch und damit verbundene Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich. In den meisten Fällen ist der eigene Arbeitsplatz ergonomisch nicht auf den Mitarbeiter:innen abgestimmt. Diese dauerhafte Anspannung aktiviert Schmerzrezeptoren, wodurch Kopfschmerzen ausgelöst werden können.

Umgang mit Migräneattacken am Arbeitsplatz

Wer auf der Arbeit jedoch von einer Migräne-Attacke überrollt wird, ist in aller Regel nicht mehr in der Lage weiterzuarbeiten. Migräne-Attacken sind mehr als ’nur‘ Kopfschmerzen und beeinträchtigten in hohem Maße die Konzentration der Betroffenen. Bahnt sich eine eine Migräne-Attacke an, ist es nicht mehr möglich mit voller Leistung weiterzuarbeiten. Eine Migräne-Attacke bedeutet sinkende Konzentration, eine erhöhte Fehlerquote und verlangsamte Arbeitsabläufe. Treten dazu noch neurologische Ausfälle wie Wahrnehmungsstörungen in Form einer Aura auf, birgt dies je nach Tätigkeit erhebliche Risiken. Betroffene brauchen aufgrund ihrer Lärm-, Licht- und Geruchsempfindlichkeit einen ruhigen und dunklen Raum, in den sie sich zurückziehen können. Im Akutfall können spezifische Migräne-Mittel wie Triptane eingenommen werden. Triptane blockieren die Freisetzung von Nervenbotenstoffen, die zur lokalen neurogenen Entzündung an den Blutgefäßen im Gehirn führen kann. Außerdem normalisieren Triptane die erhöhte Nervenaktivität in verschiedenen Gehirnzentren und verengen erweiterte Gefäße. Wer mit Migräne von der Arbeit mit dem Auto nach Hause fahren will, sollte jedoch beachten, dass die Fahrtüchtigkeit unter der Einnahme von (starken) Schmerzmitteln herabgesetzt sein kann und auch die generelle Reaktionsfähigkeit und Konzentration bei starken Schmerzen abnimmt. Um sich selbst und andere nicht zu gefährden und ein erhöhtes Unfallrisiko zu vermeiden, sollte deswegen lieber auf öffentliche Verkehrsmittel oder ein Taxi zurückgegriffen werden.

Offenheit und Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg

Kommunikation, Offenheit und mehr Informationen schaffen Klarheit und fördern Verständnis und Einfühlungsvermögen. Für Außenstehende, die weder die Auslöser, Häufigkeit und Stärke eurer Migräne-Attacken kennen, ist es sehr schwierig die Intensität der Schmerzen und die äußeren Umstände einordnen und richtig einschätzen zu können. Hier ist die Kommunikation der Schlüssel. Da Migräne leider immer noch sehr häufig nicht ernst genommen wird und vielen Arbeitskolleg:innen und Arbeitgeber:innen das Verständnis fehlt, kann es helfen in einem offenen Gespräch wichtige Fragen bezüglich Leistungsschwankungen und Ausfällen zu klären, Vorurteile aus der Welt zu schaffen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

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Berufsunfähigkeit aufgrund von Migräne

Migräne kann jedoch die Leistungs- und Handlungsfähigkeit stark einschränken - und je nach Ausprägung sogar die berufliche Existenz gefährden, nämlich dann, wenn Betroffene unter einer chronischen Migräne leiden. Dies ist gegeben, wenn an mindestens drei aufeinanderfolgenden Monaten an jeweils 15 oder mehr Tagen Kopfschmerzen oder Migräne aufgetreten sind. Ist dies der Fall und man wird aufgrund der chronischen Erkrankung als berufsunfähig erklärt, kann unter gewissen Umständen beim Versorgungsamt eine Behinderung anerkannt und eine Erwerbsminderungsrente beantragt werden. Ob eine teilweise oder volle Erwerbsminderungsrente bewilligt wird, lässt sich pauschal nicht beantworten. Häufig sind es nämlich mit der Migräne einhergehende Begleiterkrankungen, wie zum Beispiel Angst- oder depressive Störungen sowie soziale Belastungsfaktoren, die es unmöglich machen, im Job die erwartete Leistung zu bringen.

Maßnahmen für einen migränefreundlichen Arbeitsplatz

Eine Umstrukturierung des Arbeitsplatzes sowie eine veränderte Organisation der Arbeit können helfen, die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren. Basis eines migränefreundlichen Arbeitsplatzes ist es, im Unternehmen über Migräne zu informieren: Wie zeigt sich die Krankheit? Was löst die Attacken aus? Wie wird Migräne behandelt? Dadurch sollen zum einen die Betroffenen lernen, besser mit ihrer Krankheit umzugehen. Zum anderen ist es auch wichtig, dass Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzte über die Krankheit informiert sind. Über räumliche Anpassung können Arbeitgebende das Umfeld der Migränepatienten optimieren. So können Betriebe einen Ruheraum zur Verfügung stellen. Wenn Betroffene ihre Trigger am Arbeitsplatz kennen, kann versucht werden, diese zu vermeiden. Nützlich ist es, Migräne-Betroffenen Homeoffice und flexible Arbeitszeiten zu gewähren, die Menge an Kundenkontakten und Dienstreisen zu verringern und eine Vertretungsregelung einzuführen für Tage, an denen die Betroffenen nicht arbeiten können.

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