Der sechste Sinn: Propriozeption, Gehirn und Körperwahrnehmung

Die Dokumentation von Arte beleuchtet die faszinierende Welt der Propriozeption, oft als der "sechste Sinn" bezeichnet. Dieser Sinn ermöglicht es uns, unsere Körperlage im Raum wahrzunehmen und Bewegungen mühelos auszuführen.

Was ist Propriozeption?

Propriozeption ist die Eigenwahrnehmung des Körpers im Raum. Sie ermöglicht es uns, zu gehen, zu stehen, zu tanzen oder einfach nur den Arm zu heben, ohne ständig darüber nachdenken zu müssen. Im Gegensatz zu den fünf bekannten Sinnen - Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten - hat die Propriozeption kein eigenes Sinnesorgan. Stattdessen basiert sie auf zahlreichen Sinnesrezeptoren in Muskeln, Gelenken und Sehnen, die permanent Informationen an das Gehirn senden.

Diese Rezeptoren, sogenannte Propriozeptoren, informieren uns ununterbrochen über die Position unserer Gliedmaßen und die Bewegungen, die wir ausführen. Das Gehirn verarbeitet diese Informationen und ermöglicht es uns so, jederzeit sicher zu stehen, zu gehen oder zu ruhen.

Die Bedeutung der Propriozeption im Alltag

Die Propriozeption ist für jede körperliche Aktivität unerlässlich. Sie interagiert permanent mit allen anderen Sinnen und passt jede Bewegung den erforderlichen Bedürfnissen an. Sie ermöglicht es Spitzensportlern, selbst die schwierigsten Übungen mühelos aussehen zu lassen, und dem Ungeübten, neben dem Laufen, Tanzen oder Gehen gleichzeitig weitere Tätigkeiten auszuführen, wie Musik hören oder ein Gespräch führen.

Der Choreograph Yoann Bourgeois veranschaulicht in der Arte-Dokumentation die Rolle der Propriozeption bei jeder auch noch so kleinen Körperbewegung. Um die propriozeptiven Fähigkeiten seiner Tänzer zu stimulieren, platziert er sie auf Drehscheiben, Trampolinen und Wippen.

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Was passiert, wenn die Propriozeption gestört ist?

Die Arte-Dokumentation "Unser geheimer 6. Sinn" geht auch den möglichen Fehlleistungen der Propriozeption nach. Weltweit leben nur sehr wenige Menschen ohne jegliche propriozeptive Fähigkeit.

Dr. Fabrice Sarlegna vom Institut für Bewegungswissenschaften in Marseille erklärt: „Der propriozeptive Sinn ist wenig bekannt, weil die Krankheiten, die damit zusammenhängen, kaum bekannt sind.“ Eine gestörte Propriozeption kann dazu führen, dass Bewegungen nur dann ausgeführt werden können, wenn die konkreten Gliedmaßen dabei beobachtet werden können. Andernfalls sind Verletzungen vorprogrammiert.

Ginette, eine der wenigen Personen weltweit, die die Eigenempfindung verloren hat, wird am Institut des "Sciences du Mouvement" in Marseille regelmäßig getestet. Sie sitzt im Rollstuhl, obwohl sie körperlich in der Lage wäre, zu gehen, da sie ihre Kraft auf die Dinge in ihrer Umgebung nicht einschätzen kann und in der Dunkelheit nicht einmal den Arm bewegen kann wie angesagt.

Propriozeptionstraining: Die Schulung des sechsten Sinns

Im Leistungssport werden im Propriozeptionstraining Reaktionsmechanismen erarbeitet und abgespeichert, damit sie im Ernstfall schnellstens abgerufen werden können. Der Trainingswissenschaftler Robert Heiduk ist von der Wichtigkeit propriozeptiver Trainingseinheiten überzeugt: „Im sportlichen Training und der Rehabilitation zielen wir auf die Schärfung der sensorischen Informationen aus den Körperteilen ab, denn je besser wir unseren Körper oder einzelne Körperteile wahrnehmen, desto besser ist das Bewegungsresultat.“

Eine der einfachsten und effektivsten Methoden zur Schulung der Propriozeption ist laut Robert Heiduk, die entsprechenden Bewegungen mit verbundenen Augen durchzuführen. Der Sportler muss sich dann verstärkt auf seine kinästhetische Wahrnehmung verlassen. Bereits in den 1980er-Jahren ließen sowjetische Spitzen-Gewichtheber und Turner zeitweise in abgedunkelten Räumen trainieren.

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Propriozeptionstraining nützt aber nicht nur Leistungssportlern. Mit der Technologisierung und der Zunahme sitzender Tätigkeiten ist der Bewegungssinn zurückgegangen. Bereits Kinder sind häufig unbeweglich, grobmotorisch und können sich schon bei normalen Bewegungen verletzen. Auch chronische Rückenschmerzen können mit einem Mangel an lokaler Propriozeption zusammenhängen.

Um das Bewegungserleben zu stärken, wird propriozeptive Stimulation eingesetzt, bei der die Aufmerksamkeit gezielt auf die Körper- und Bewegungsempfindung gelenkt wird. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen: Berührungen mit unterschiedlichen Gegenständen, wie die Verwendung von Bürsten auf der Haut, das Balancieren auf instabilen Untergründen, Atemübungen, kreative Bewegungsvariationen oder Kaltwasseranwendungen.

Das Körperschema und die Propriozeption

Das Körperschema, also das Bewusstsein der Gesamtheit unseres Körpers, basiert ebenfalls auf propriozeptiven Informationen. Es entwickelt sich ab dem Kleinkindalter, wenn sich visuelle und propriozeptive Informationen zu verbinden beginnen, und baut sich in Kindheit und Jugend weiter auf, indem die Infos weiter strukturiert werden. Jede Handlung, bei der die Propriozeption zum Einsatz kommt, beeinflusst und erweitert das Körperschema.

Christine Assaiante von der Universität Aix-Marseille will mit Hilfe funktionaler MRT-Bildgebung nachweisen, dass der sechste Sinn wichtig für die Herausbildung des Körperschemas ist.

Propriozeption und Leistung

Im Leistungssport werden im Propriozeptionstraining Reaktionsmechanismen erarbeitet und abgespeichert, damit sie im Ernstfall schnellstens abgerufen werden können. Das kann je nach Sportart unterschiedlich aussehen: Während der Kunstflieger seine akrobatischen Figuren kurz vor dem Flug am Boden in einer Visualisierungsübung durchgeht und Reflexbewegungen trainiert, kann der Fußballer im Propriozeptionstraining Automatismen fürs Umknicken erlernen, um Verletzungen zu vermeiden. Die Piloten der "Patrouille de France" bereiten sich dank ihrer propriozeptiven Fähigkeiten mental auf ihre Flüge vor.

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Die Grenzen der Quantifizierung

Robert Heiduk weist darauf hin, dass es einen Faktor gibt, der die Schulung propriozeptiver Fähigkeiten auch in Zukunft nicht an die erste Stelle des Trainingsplans schieben dürfte: „In unserer Kultur geht es um Leistung, um das in Zahlen Quantifizierbare: Wie weit bin ich heute mit dem Fahrrad gefahren, wie viel Gewichte habe ich gestemmt? Alles lässt sich in Zahlen messen. Propriozeption kann man aber nicht quantifizieren. Dafür müsste man qualitative Fähigkeiten wie Leichtigkeit, Anmut oder Mühelosigkeit definieren.“

Synästhesie: Wenn Sinne sich vermischen

Synästhesie ist ein faszinierendes Phänomen, bei dem die Wahrnehmung eines Sinnesreizes gleichzeitig ein Erlebnis in einem anderen Sinnesbereich auslöst. So können beispielsweise Töne Farben hervorrufen oder Buchstaben mit bestimmten Geschmäckern verbunden sein.

Beispiele für Synästhesie in Filmen und Dokumentationen

  • "Synästhesie - Leben mit verknüpften Sinnen" (arteTV): Eine aktuelle Dokumentation über Synästhetiker und ihre Synästhesie.
  • "Synästhesie - Außergewöhnlich normal": Vier Synästhetiker berichten von ihrer außergewöhnlich normalen Wahrnehmung.
  • "Die Superhirne" (ZDF "Terra X"): Die Musikerin Elisabeth Sulser berichtet über ihre synästhetischen Wahrnehmungen. Der Pianist Derek Amato sieht nach einem Unfall plötzlich Quadrate, die ihm vorgeben, was er auf dem Klavier spielen soll.
  • "Temple Grandin": Ein Film über eine Autistin, die in Bildern denkt und diese Fähigkeit in ihrer Arbeit einsetzt.
  • "Ratatouille": In einer Sequenz des Films sieht die Maus Remy den Geschmack von Essen in Bildern.
  • "Heroes": In der Folge "Tinte" wird der Charakter von Emma eingeführt, die mitunter Geräusche und Töne in Farben und Formen sieht.
  • "Chicago Med": In der Folge "Spiegelbilder" wird das Mädchen Ariel mit Mirror Touch-Synästhesie vorgestellt.

Das Wunder des Hörens

Immer hellwach, auch dann, wenn fast der gesamte restliche Körper schläft und das Bewusstsein endlich ruhen darf: Das menschliche Ohr ist 24 Stunden am Tag auf Empfang. Was früher, in gefährlichen Urzeiten, überlebensnotwendig war, um auch nachts in Habachtstellung zu bleiben, kann heute zu einer schweren Belastung werden. Die neue ARTE-Dokumentation "Das Wunder des Hörens" zeigt auf, wie leistungsfähig das menschliche Gehör ist. Sie warnt aber auch vor seiner Verletzlichkeit und vor unterschätzten modernen Zivilisationskrankheiten.

Immerhin sind laut WHO weltweit mehr als 400 Millionen Menschen von Hörverlust betroffen. Als gefährdet gelten mehr als eine Milliarde junger Menschen. Ursachen sind permanente Reizüberflutung und gefährlicher Stress. Der Filmemacher Ralph Loop zeigt das sehr anschaulich. So "sieht" der blinde französische Unternehmer Didier Roche mit seinen Ohren.

Das Rätsel des Bewusstseins

Die Dokumentation "Frank B. Bewusstsein: Das Rätsel unseres Bewusstseins" erläutert die neuesten neurowissenschaftlichen Studien über die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins, über den Schlaf, den Traum sowie über gravierende Beeinträchtigungen der menschlichen Psyche.

Im Lauf der Evolution des Menschen hat es sich als vorteilhaft erwiesen, im Innern des Organismus eine Vorstellung von der Außenwelt zu entwickeln. Das Bewusstsein - oder das, was man »Geist« nennt - ist letztendlich die biologische Fähigkeit, im Gehirn eine immer differenziertere Vorstellung von der Außenwelt zu entwickeln.

Um den Ursprung des Geistes zu verstehen, müssen das Vorstellungs-, das Interpretations- und das Rekonstruktionsvermögen des Gehirns untersucht werden. Was wir sehen, ist eine ständige Rekonstruktion der äußeren Realität. Mit optischen Täuschungen lässt sich das menschliche Bewusstsein deshalb nach Belieben manipulieren.

Dank spektakulärer Fortschritte auf dem Gebiet der Neurowissenschaften und mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren beginnen wir, das Bewusstsein besser zu verstehen. Forschungsprojekte wie das Human Brain Project der Europäischen Kommission oder die Coma Science Group in Lüttich untersuchen die genaue Funktionsweise des Bewusstseins.

Die Dokumentation erläutert die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entwicklung des Bewusstseins bei Neugeborenen, die menschliche Gehirnaktivität während des Schlafs sowie Bewusstseinsstörungen bis hin zu deren schwerster Form, dem Koma.

Die Bedeutung von Berührungen

Ein Faustschlag ins Gesicht schmerzt und lässt die Lippe bluten. Starkes Zwicken hinterlässt blaue Flecken. Kaum weniger folgenschwer sind jedoch gut gemeinte Berührungen: Wenn die Finger eines Menschen sanft über den Arm eines anderen gleiten, wenn sich nackte Körper aneinander schmiegen, sich Nasen, Wangen, ganze Gesichtshälften reiben - dann erzeugt unser Organismus Gefühle, die zu den schönsten unserer Existenz gehören. Körperliche Nähe fördert so den Zusammenhalt, lindert Schmerz und Stress und ist, dank seiner erregenden und stimulierenden Eigenschaften, die Grundlage unserer Sexualität.

Jede Berührung aktiviert Millionen Rezeptoren und sendet innerhalb von Millisekunden elektrische Impulse über ein dichtes Netz an Nervenfasern in verschiedene Regionen des Gehirns. Spezialisierte Nerven lösen dann die Ausschüttung von Botenstoffen aus, also von Hormonen und Neurotransmittern, die für wachstumsfördernde Prozesse und andere positive Effekte sorgen.

Forscher identifizierten ein zweites schwer zu lokalisierendes Nervensystem - bestehend aus sogenannten C-taktilen Zellen, auch Streichelfasern genannt. Deren Signale benötigen ein bis zwei Sekunden, bis sie ins Gehirn gelangen, und richten sich speziell an Areale, die für Empfindungen, die Selbstwahrnehmung und das Reflexionsvermögen verantwortlich sind. C-­taktile Zellen kommunizieren dadurch, ob eine Berührung angenehm ist - oder unangenehm, etwa wenn einen der falsche Mensch streichelt.

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