Die periphere Polyneuropathie (PNP) ist eine neurologische Erkrankung, die durch Schäden an den peripheren Nerven gekennzeichnet ist und eine Vielzahl von beeinträchtigenden Symptomen verursacht. Diese Symptome können die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Obwohl es derzeit keine Heilung für Polyneuropathie gibt, konzentriert sich die Forschung darauf, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Neben der medikamentösen Behandlung spielen physikalische Therapien eine wichtige Rolle bei der Linderung der Beschwerden.
Was ist Polyneuropathie?
Polyneuropathie (PNP) ist eine neurologische Erkrankung, die durch Schäden an den peripheren Nerven gekennzeichnet ist. Diese Schädigung führt zu einer Vielzahl von Symptomen, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Zu den typischen Symptomen gehören:
- Sensibilitätsstörungen (Taubheitsgefühle, Kribbeln, Brennen)
- Schmerzen (brennend, stechend, krampfartig)
- Muskelschwäche
- Muskelkrämpfe
- Lähmungen
Die Symptome können sich von distal (Zehen, Füße) nach proximal (Unterschenkel) ausbreiten ("dying back neuropathy"). Nächtliche Exazerbationen der Beschwerden und eine Besserung beim Gehen sind für dieses Krankheitsbild charakteristisch.
Ursachen der Polyneuropathie
Die Ursachen der Polyneuropathie sind vielfältig. Eine frühzeitige Diagnose der Ursache ist entscheidend, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen oder im besten Fall sogar zu verhindern. Zu den häufigsten Ursachen gehören:
- Diabetes mellitus: Etwa jeder dritte Mensch mit Diabetes entwickelt eine diabetische sensomotorische Polyneuropathie (DSPN). Eine möglichst normnahe Diabeteseinstellung ist die primäre Maßnahme, um das Fortschreiten der DSPN hinauszuzögern.
- Alkoholmissbrauch: Chronischer Alkoholismus kann zu einer toxisch bedingten Polyneuropathie führen.
- Medikamente: Bestimmte Medikamente, insbesondere Chemotherapeutika, ältere AIDS-Medikamente und seltener Antibiotika, können Polyneuropathie als Nebenwirkung verursachen.
- Infektionen: Bestimmte Infektionen, wie z.B. Borreliose, können Polyneuropathie verursachen.
- Stoffwechselstörungen und Vitaminmangel: Ein Mangel an bestimmten Vitaminen (z.B. B1, B12, Folsäure) oder Stoffwechselstörungen können Polyneuropathie verursachen.
- Toxische Substanzen: Der Kontakt mit Umwelt- oder Alltagsgiften wie Blei, Kupfer, Amalgam oder Cadmium kann Polyneuropathie verursachen.
- Weitere Ursachen: Seltene neurologische Erkrankungen, Krebserkrankungen, arterielle Durchblutungsstörungen, entzündliche Erkrankungen des Nervensystems, Thalassämie.
In einigen Fällen kann keine Grunderkrankung festgestellt werden. In diesem Fall spricht man von einer "idiopathischen Polyneuropathie".
Lesen Sie auch: Behandlungsoptionen bei Polyneuropathie: Elektrostimulation
Therapieansätze bei Polyneuropathie
Die Therapie der Polyneuropathie zielt in erster Linie darauf ab, die Grunderkrankung zu behandeln oder zu beseitigen, um eine nachhaltige Verbesserung zu erzielen. Wenn dies nicht möglich ist, konzentriert sich die Behandlung auf die Linderung der Symptome und die Verbesserung der Lebensqualität. Die Therapie umfasst in der Regel eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Ansätzen.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie von Polyneuropathie. Sie umfasst verschiedene Medikamentengruppen, die auf das Zentralnervensystem wirken, um Nervenschmerzen zu lindern. Dazu gehören:
- Antiepileptische Medikamente: Gabapentin und Pregabalin dämpfen die Aktivität von Nervenzellen und können Nervenschmerzen lindern.
- Antidepressiva: Neuere Antidepressiva wie Duloxetin sind ebenfalls gegen Nervenschmerzen wirksam. Sie hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin in die Synapsen, was zu einer erhöhten Konzentration dieser Botenstoffe führt.
- Opioide: Opioide können bei starken Schmerzen eingesetzt werden, haben aber ein Suchtpotential und sollten nur in ausgewählten Fällen in Betracht gezogen werden.
- Cannabis-Präparate: Cannabis-Präparate können in ausgewählten Fällen nach Ausschöpfung anderer Therapien in Betracht kommen.
- Capsaicin-Pflaster: Capsaicin-Pflaster sind für bestimmte Schmerzzustände wirksam und gut verträglich.
- Ketamin: Ketamin wird aktuell als potenzielle Behandlung untersucht.
Die Beurteilung der Wirksamkeit eines Medikaments sollte dabei frühestens nach circa vier Wochen erfolgen.
Physikalische Therapie
Physikalische Maßnahmen stellen eine wesentliche Therapiesäule in der Behandlung der Polyneuropathie dar. Sie zielen darauf ab, die Durchblutung zu verbessern, die Nervenrezeptoren zu stimulieren und die Muskelkraft zu stärken. Zu den physikalischen Therapien gehören:
- Elektrotherapie: Elektrotherapien wie Zellenbäder und die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) können helfen, die Übererregbarkeit der Nerven zu regulieren und Schmerzen zu lindern.
- Zellenbäder: Bei Zellenbädern wird elektrischer Strom durch Wasser geleitet. Diese sind besonders nützlich bei Gefühlsstörungen oder Schmerzen in Armen und Beinen. Sie sollten aber nicht bei offenen Wunden, Hauterkrankungen, metallischen Implantaten oder von Schwangeren angewendet werden.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Bei der TENS-Therapie werden Elektroden nahe schmerzenden Stellen angebracht, um die Schmerzweiterleitung zu verringern. Die TENS-Behandlung kann auch die Freisetzung von Endorphinen fördern, die körpereigene Schmerzmittel sind. Die elektrischen Impulse stimulieren Nervenfasern, die eigentlich Berührungsreize weiterleiten und im Rückenmark mit den Schmerzfasern verschaltet sind. Das Signal der Berührungsnerven kann so die Weiterleitung der Schmerzen an das Gehirn hemmen.
- Physiotherapie: Physiotherapie ist besonders wichtig bei Gangunsicherheit, einer häufigen Begleiterscheinung von Polyneuropathie. Sie zielt darauf ab, periphere Nerven zur Regeneration anzuregen, Bewegungseinschränkungen zu verringern und Muskelkraft zu steigern. Patienten erlernen Gleichgewichts- und Koordinationstrainings sowie Übungen zur Kräftigung der Bein- und Fußmuskulatur. Regelmäßiges Üben zu Hause ist entscheidend, um langfristige Verbesserungen in Kraft, Koordination sowie Geh- und Stehfähigkeit zu erzielen und das Sturzrisiko zu senken.
- Ergotherapie: Ergotherapeutisches Training zielt darauf ab, die Greiffunktionen zu verbessern, wenn Schädigungen der Nerven dazu führen, dass alltägliche Gegenstände wie Gläser oder Besteck schwer zu greifen sind.
- Hydrotherapie: Verschiedene Methoden zur Verbesserung der Durchblutung und Stimulation der Nervenrezeptoren können bei Polyneuropathie hilfreich sein, darunter Trockenbürsten, Wassertreten, Teilbäder, Lehmpackungen und Kaltanwendungen wie Eisbäder oder Kaltlufttherapie.
- Saunabesuche: Saunabesuche können schmerzlindernd wirken und das vegetative Nervensystem beeinflussen, erfordern jedoch eine gewisse Belastbarkeit und ausreichende Durchblutung.
Alternative Therapien
Neben der medikamentösen und physikalischen Therapie gibt es auch eine Reihe von alternativen Therapien, die bei Polyneuropathie eingesetzt werden können. Dazu gehören:
Lesen Sie auch: Depressionsbehandlung durch Elektrostimulation
- Akupunktur: Akupunktur, ein wichtiger Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), nutzt Nadeln an spezifischen Körperpunkten, um therapeutische Wirkungen zu erzielen. Bei Polyneuropathie, die sich durch Symptome wie Beinschmerzen manifestiert, wird Akupunktur zur Regulierung von Energie und Blutzirkulation eingesetzt.
- Pflanzliche Stoffe: Pflanzliche Stoffe wie Antioxidantien aus Acai-Beeren, Noni-Bäumen und Aronia können bei Polyneuropathie hilfreich sein. Sie bieten einen schützenden Effekt im Stoffwechsel und sind als Kapseln oder Säfte verfügbar. Phytotherapeutisch werden auch Zitterpappel-, Weiden-, Eschen-, Goldruten- und Teufelskrallen-Extrakte verwendet. Weidenrinde enthält Salicylsäure mit entzündungshemmenden Eigenschaften und kann als Tee genutzt werden.
- Ernährung und Vitamine: Für eine gesunde Nervenfunktion sind Vitamine, Spurenelemente, Elektrolyte und Aminosäuren essenziell. Bei Polyneuropathie ist daher eine ausgewogene Mikronährstoffzufuhr wichtig. Nahrungsergänzungsmittel, insbesondere der Vitamin-B-Komplex, können hilfreich sein, sollten aber mit einer/-m Ärztin/Arzt abgestimmt werden. Omega-3-Fettsäuren sind besonders für Diabetiker/innen mit Polyneuropathie relevant, da sie möglicherweise Symptome verbessern und den Krankheitsverlauf verlangsamen.
Hochfrequente Rückenmarkstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS)
Bei Patienten mit Pharmakotherapie-refraktären neuropathischen Schmerzen stellt die hochfrequente Rückenmarkstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS) eine vielversprechende Behandlungsoption dar. Dabei werden Elektroden anatomisch im Epiduralraum platziert, die mit einer Frequenz von 10 000 Hertz (10-kHz-SCS) Impulse an das Rückenmark abgeben. Studien haben gezeigt, dass die 10-kHz-SCS kombiniert mit konventioneller medikamentöser Therapie (CMM) neuropathische Schmerzen bei Patienten mit DSPN lindern kann, die sich als therapierefraktär gegenüber alleinigem CMM gezeigt haben.
TENS bei Polyneuropathie: Eine detaillierte Betrachtung
Die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine nicht-invasive Methode zur Schmerzlinderung, die bei verschiedenen Arten von Schmerzen, einschließlich neuropathischer Schmerzen bei Polyneuropathie, eingesetzt wird.
Wie funktioniert TENS?
Ein TENS-Gerät sendet elektrische Impulse über Elektroden, die auf der Haut in der Nähe der schmerzenden Bereiche platziert werden. Diese Impulse können auf verschiedene Weise wirken:
- Gate-Control-Theorie: Die elektrischen Impulse stimulieren Nervenfasern, die normalerweise Berührungsreize weiterleiten. Diese Stimulation kann die Schmerzweiterleitung zum Gehirn blockieren oder reduzieren.
- Endorphin-Freisetzung: TENS kann die Freisetzung von Endorphinen fördern, körpereigenen Schmerzmitteln, die die Schmerzwahrnehmung reduzieren können.
- Verbesserung der Durchblutung: Einige Studien deuten darauf hin, dass TENS die Durchblutung in den behandelten Bereichen verbessern kann, was zur Schmerzlinderung beitragen kann.
- Nervenregeneration: Es gibt Hinweise darauf, dass TENS die Nervenregeneration fördern kann, was langfristig zur Verbesserung der Symptome beitragen kann.
Anwendung von TENS
Die Anwendung von TENS ist in der Regel einfach und kann zu Hause durchgeführt werden. Es ist jedoch wichtig, die Anweisungen des Herstellers und die Empfehlungen Ihres Arztes oder Therapeuten zu befolgen.
- Elektrodenplatzierung: Die Elektroden sollten in der Nähe der schmerzenden Bereiche platziert werden. Ihr Arzt oder Therapeut kann Ihnen bei der optimalen Platzierung helfen.
- Intensitätseinstellung: Die Intensität der elektrischen Impulse sollte so eingestellt werden, dass sie ein angenehmes Kribbeln oder Vibrieren verursachen, aber nicht schmerzhaft sind.
- Anwendungsdauer: Die Anwendungsdauer kann je nach Bedarf variieren, liegt aber in der Regel zwischen 15 und 60 Minuten.
- Häufigkeit: TENS kann mehrmals täglich angewendet werden.
Ist TENS wirksam?
Die Wirksamkeit von TENS bei Polyneuropathie ist Gegenstand laufender Forschung. Einige Studien haben gezeigt, dass TENS Schmerzen lindern und die Lebensqualität verbessern kann, während andere Studien keine signifikanten Vorteile gefunden haben.
Lesen Sie auch: Schlaganfalltherapie mit FES
Eine Meta-Analyse von 2022 mit insgesamt 381 randomisierten, kontrollierten Studien legt eine Wirksamkeit nahe. Die Forscherinnen und Forscher kamen zu dem Schluss: TENS lindert Schmerzen vermutlich besser als ein Placebo. Auch im Vergleich zu anderen medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien ergab das Verfahren einen Nutzen. Allerdings bemängelten Fachleute die Qualität der zugrunde liegenden Studien.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Wirksamkeit von TENS von Person zu Person variieren kann. Einige Menschen erfahren eine deutliche Schmerzlinderung, während andere keine oder nur geringe Verbesserungen feststellen.
Sicherheit von TENS
TENS ist in der Regel eine sichere Behandlungsmethode mit wenigen Nebenwirkungen. In seltenen Fällen kann es zu Hautreizungen an den Stellen kommen, an denen die Elektroden angebracht werden. Bei sensibler Haut können antiallergene Elektroden die Reizungen lindern.
TENS sollte nicht angewendet werden bei:
- Menschen mit einem Herzschrittmacher oder einer Epilepsie
- Schwangere (in Deutschland nicht empfohlen, im englischsprachigen Raum teilweise zur Linderung von Geburtsschmerzen eingesetzt)
- Personen mit tiefen Venenthrombosen oder Symptomen einer solchen Erkrankung
Fazit zu TENS
TENS kann eine wirksame und schonende Möglichkeit zur Schmerzlinderung bei Polyneuropathie sein. Es ist wichtig, die Behandlung mit Ihrem Arzt oder Therapeuten zu besprechen, um festzustellen, ob TENS für Sie geeignet ist und wie es am besten angewendet wird.
Weitere Therapieansätze
- HiToP® PNP: HiToP® PNP ist ein geprüftes Medizinprodukt, das spezielle Frequenzen nutzt, die körpereigene elektrische Prozesse unterstützen. Die Anwendung ist angenehm, leicht verständlich und zu Hause durchführbar.
- Vibrationstherapie: Die Vibrationstherapie kann die Muskelfunktion und Koordination verbessern und die Sturzgefahr verringern.
- Ergotherapie und Physiotherapie: Die Ergotherapie gehört zu den Gesundheitsberufen. Sie sind Teil des Portfolios der Fachrichtung Physikalische Medizin und Rehabilitation. Und Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten fokussieren darauf, Patientinnen und Patienten mit funktionalen Defiziten durch regelmäßige und wiederholte Anwendung ergotherapeutischer Maßnahmen dahingehend zu helfen, dass sie in ihrem täglichen Alltag, sprich Zuhause, in der Hausarbeit, im Berufsleben und im Privatleben optimal zurande kommen. Dies geschieht durch teilweise motorische Anwendungen. Unter anderem spielt bei der Polyneuropathie die Gangsicherheit eine Rolle, Gangsicherheit, Sturzprävention, aber auch das Thema medizinische Trainingstherapie, Aufbau von Kraft, von Ausdauer, Erhalt derselben. Im Bereich Polyneuropathie speziell hat sie unter anderem den Sinn, etwaige Schmerzen, die Polyneuropathie ist ja auch ein Schmerzsyndrom, besser bewältigen zu können - also Schmerzbewältigung.
Hilfreiche Tipps für den Alltag
- Sicherheit: Achten Sie auf Sturzfallen in Ihrer Wohnung und entfernen Sie diese. Tragen Sie rutschfeste Schuhe oder Pantoffeln. Sorgen Sie für gute Beleuchtung, um Stolperfallen zu vermeiden.
- Körperwahrnehmung: Schulen Sie Ihre Körperwahrnehmung durch achtsame Übungen.
- Bewegung: Bleiben Sie aktiv und bewegen Sie sich regelmäßig. Walking-Stöcke können eine gute Unterstützung sein.
- Hilfsmittel: Nutzen Sie Hilfsmittel wie Handläufe an Treppen, um Ihre Sicherheit zu erhöhen.
- Grad der Behinderung: Lassen Sie den Grad der Behinderung feststellen, um finanzielle Unterstützung zu erhalten.
tags: #elektrostimulation #bei #peripherer #polyneuropathie