Das Innenohr ist ein komplexes Sinnesorgan, das sowohl für das Hören als auch für den Gleichgewichtssinn von entscheidender Bedeutung ist. Die korrekte Funktion dieser Strukturen hängt von einer intakten Anatomie und einer adäquaten Blutversorgung sowie der Funktion der zugehörigen Nerven ab. Dieser Artikel befasst sich mit der Anatomie des Innenohrs, einschließlich der Cochlea, des knöchernen und membranösen Labyrinths, sowie dem normalen MRT-Erscheinungsbild des Nervus facialis und des Nervus vestibulocochlearis.
Einführung in die Anatomie des Innenohrs
Das Innenohr (Auris interna) liegt im Felsenbein und besteht aus einem komplexen System von Knochengängen, dem sogenannten knöchernen Labyrinth (Labyrinthus osseus). Innerhalb dieses knöchernen Labyrinths befindet sich das häutige Labyrinth (Labyrinthus membranaceus), das aus den drei Bogengängen (Ductus semicirculares), dem Utriculus und dem Sacculus besteht. Diese Strukturen sind mit Endolymphe gefüllt und werden afferent durch den Nervus vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv) innerviert. Die Cochlea, eine spiralförmig aufgewundene Röhre, ist für das Hören zuständig. Sie ist durch zwei Membranen in drei Gänge unterteilt: die Scala vestibuli, die Scala tympani und den Ductus cochlearis. Die Scala vestibuli und die Scala tympani enthalten Perilymphe, während der Ductus cochlearis Endolymphe enthält. Auf der Basilarmembran im Ductus cochlearis befindet sich das Corti-Organ, das die mechanischen Schallwellen in elektrische Signale umwandelt, die dann über den Nervus cochlearis an das Gehirn weitergeleitet werden.
Blutversorgung des Innenohrs: Die Arteria labyrinthi
Die Arteria labyrinthi ist die einzige Arterie, die das gesamte Innenohr versorgt. Sie entspringt in 85-90 % der Fälle aus der AICA (Arteria cerebelli inferior anterior) und in ca. 10-15 % aus der Arteria basilaris oder einer Arteria pontis. Die Arteria labyrinthi verläuft zwischen dem Nervus facialis und der Pars cochlearis des Nervus vestibulocochlearis. In etwa zwei Drittel der Fälle gibt es zwei Arteriae labyrinthi, und in seltenen Fällen können auch mehrere Arteriae labyrinthi vorliegen. Als Endäste teilt sich die Arteria labyrinthi in die Arteria vestibularis anterior, die Arteria vestibulocochlearis und die Arteria cochlearis auf. Diese Arterien versorgen den Komplex des Nervus facialis und des Nervus vestibulocochlearis.
Die Rolle des Nervus vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv)
Der Nervus vestibulocochlearis, auch als Nervus statoacusticus bekannt, ist der achte Hirnnerv und besteht aus zwei Hauptanteilen: der Pars vestibularis (Gleichgewichtsnerv) und der Pars cochlearis (Hörnerv). Die Pars vestibularis leitet Sinneserregungen vom Vorhof im Felsenbein zum Gehirn, während die Pars cochlearis die Erregungen von der Hörschnecke im Innenohr zum Gehirn leitet. Der Nervus vestibulocochlearis tritt zusammen mit dem Nervus facialis aus dem Kleinhirnbrückenwinkel aus und verläuft gemeinsam mit diesem durch den inneren Gehörgang.
MRT-Bildgebung des Innenohrs und der zugehörigen Nerven
Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist ein wichtiges bildgebendes Verfahren zur Beurteilung des Innenohrs und der zugehörigen Nerven. Hochauflösende T2-gewichtete Aufnahmen der hinteren Schädelgrube ermöglichen eine detaillierte Darstellung des Nervus facialis und des Nervus vestibulocochlearis im inneren Gehörgang. Mit speziellen Sequenzen wie der T2-3D-CISS-Sequenz (constructive interference in steady state) können die feinen Strukturen des Innenohrs, wie die Cochlea, die Bogengänge und das Vestibulum, visualisiert werden. Die MRT-Bilder können nachbearbeitet werden, um MPR-Rekonstruktionen (Multiplanar Reconstructions) in verschiedenen Ebenen zu erhalten, was die Beurteilung der anatomischen Strukturen erleichtert.
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Funktionelle Aspekte des Innenohrs
Das Ohr erfüllt in seiner Sinnesfunktion die Aufgaben als Vestibular- (Gleichgewichts-) und Hörorgan. Die Detektionsorgane im Innenohr wandeln durch Ionenströme die mechanischen Signale (Schallwellen beim Hören, Bewegungsenergie beim Gleichgewicht) in elektrische Nervensignale um. Diese werden über den Nervus vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv) zum Gehirn geleitet. Schallwellen, die das Ohr erreichen, gelangen durch den äußeren Gehörgang zum Trommelfell und versetzen dieses in Schwingung. Die Schwingung wird über die Gehörknöchelchen weitergeleitet. Über den Steigbügel wird am ovalen Fenster die Perilymphe bewegt. Durch die Bewegung beginnt die Basilarmembran mit den Hörsinneszellen zu schwingen.
Klinische Bedeutung: Erkrankungen des Innenohrs und des Nervus vestibulocochlearis
Verschiedenste Krankheiten können Beschwerden am Ohr auslösen. Diese äußern sich meist in Schwindel, Gehörstörungen oder Schmerzen. Eine häufige Beschwerde ist beispielsweise der Cerumen obturans - ein Ohrenschmalzpfropf, der meist keine pathologische Bedeutung hat, aber die Weiterleitung von Schall im Bereich des Außenohrs behindert. Besonders Kinder leiden häufig unter Ohrenschmerzen. Diese können beispielsweise durch bakterielle oder virale Entzündungen des Mittelohrs (sogenannte Otitis media) ausgelöst werden. Auch ein Trommelfelldefekt oder systemische Erkrankungen wie Masern oder Scharlach können Grund für die Mittelohrentzündung sein. Je nach Ursache erfolgt eine symptomatische Behandlung und/oder eine Antibiose.
Hörstörungen
Hörstörungen können verschiedene Ursachen haben, darunter genetische Faktoren, Infektionen, Lärmtrauma, ototoxische Medikamente und Tumoren. Im Kindesalter ist die wichtigste Ursache einer Leitungsschwerhörigkeit die Ergussbildung im Rahmen einer Otitis media bei Malfunktion der Eustachi-Tube. Bis zu ein Drittel aller Kinder, welche eine bakterielle Meningitis überleben, behalten eine Innenohrschwerhörigkeit. Perinatale Infektionen können zu einer sensorineuralen Hypakusis (Innenohrschwerhörigkeit) führen; speziell zu nennen sind mütterliche Infektionen mit Treponema pallidum, Rötelnvirus, Zytomegalievirus und Varicella-Zoster-Virus (VZV). Auch im Erwachsenenalter können bakterielle Meningitiden, spezifische Infektionen wie Syphilis oder Tuberkulose sowie immunologische Entzündungen zu einer sensorineuralen Schwerhörigkeit führen. Stets sollte bei der erworbenen Hypakusis ein Tumorleiden ausgeschlossen werden. In aller Regel sind die AEP in diesen Fällen pathologisch. Auch sehr kleine intrakanalikuläre Vestibularisschwannome von 5 mm Durchmesser werden zuverlässig mittels der kranialen MRT diagnostiziert und können so fazialis- und gehörerhaltend operiert werden.
Tinnitus
Bei einer Vielzahl von otologischen Erkrankungen kommt es als Begleitsymptom zur subjektiven Wahrnehmung eines Ohrgeräusches (Tinnitus). Der pulsatile Tinnitus weist auf eine Gefäßläsion hin. Wenn die Wahrnehmung dem tastbaren Puls der A. radialis entspricht, ist er in der Regel arterieller Genese. Typische Ursachen sind arteriovenöse Malformationen, Dissektionen beispielsweise der A. carotis interna, höhergradige Gefäßstenosen, Glomustumoren, arteriovenöse Fistelbildungen oder gefäßreiche Tumoren wie der Glomus-jugulare-Tumor oder die Histiozytosis X. Ein gleichbleibendes pulsatiles Geräusch, welches durch Venenkompression modifizierbar ist, zeichnet den Tinnitus bei Anomalien der V. jugularis aus. Eine muskuläre Genese hat der Tinnitus beim sog. Ear-click-Syndrom. Hierbei handelt es sich um einen Myoklonus des weichen Gaumens, wobei sich das Gaumensegel rhythmisch hebt und senkt, was bei der Inspektion zu sehen ist. Häufiger sind bei Mittelohrerkrankungen Dauertöne im tiefen Frequenzbereich im Rahmen der Otosklerose.
Schwindel
Schwindel zählt zu den häufigsten Beschwerdekomplexen in der ärztlichen Praxis. Vertigo im engeren Sinne ist die Fehlwahrnehmung von Bewegung der Außenwelt oder des eigenen Körpers - diese kann rotatorisch (Drehschwindel) oder linear (Liftgefühl) sein. Nicht selten werden vom Kranken auch Schwarzwerden vor den Augen, Benommenheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Gangunsicherheit oder Sehstörungen als Schwindel bezeichnet. Verschiedene Systeme wirken eng zusammen: Impulse aus den Gleichgewichtsorganen dienen der Übermittlung von Bewegungsgeschwindigkeiten sowie der Körperposition.
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