AstraZeneca und das Migräne-Risiko: Ein Überblick

Die Diskussion um den COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca (Vaxzevria®) und mögliche Risiken, insbesondere im Zusammenhang mit Kopfschmerzen und Migräne, hat viele Menschen verunsichert. Dieser Artikel fasst die aktuelle Faktenlage zusammen und bietet Informationen für Betroffene.

Kopfschmerzen nach der Impfung: Wann ist Vorsicht geboten?

Kopfschmerzen sind eine häufige Nebenwirkung nach einer COVID-19-Impfung, unabhängig vom verwendeten Impfstoff. Diese treten in der Regel kurz nach der Impfung auf und verschwinden nach kurzer Zeit wieder. Laut Experten der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) ist es daher nicht notwendig, bei jedem Menschen, der nach einer Impfung über Kopfschmerzen klagt, eine MRT durchzuführen.

Eine weiterführende Diagnostik ist jedoch sinnvoll, wenn in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Impfung neuartige und ungewöhnlich starke Kopfschmerzen auftreten, die sich mit üblichen Schmerzmitteln nicht lindern lassen. Insbesondere, wenn zusätzliche neurologische Symptome wie epileptische Anfälle, Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen hinzukommen, sollte umgehend eine weitere Diagnostik erfolgen. Kleine, punktförmige Einblutungen in die Haut, vor allem der Arme und Beine, könnten zudem auf einen Mangel an Blutplättchen hindeuten, wie sie bei einem Teil der Fälle mit zerebralen Sinus- und Venenthrombosen (CSVT) beobachtet wurde.

Zerebrale Sinus- und Venenthrombosen (CSVT)

In seltenen Fällen kann es nach einer Impfung mit dem COVID-19-Impfstoff von AstraZeneca zu schwerwiegenden thrombotischen Ereignissen, insbesondere zu zerebralen Sinus- und Venenthrombosen (CSVT), kommen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) gab nähere Angaben zu den ersten Fällen bekannt. Bei den Betroffenen handelte es sich um Frauen zwischen 22 und 48 Jahren, die 6 bis 16 Tage nach der Impfung eine CSVT erlitten haben, einige davon mit tödlichem Ausgang. Ein männlicher Patient verstarb an den Folgen einer Hirnblutung im Zusammenhang mit einer ungewöhnlichen Gerinnungsstörung. Bei einem Teil der Betroffenen lag zudem eine erniedrigte Blutplättchenzahl (Thrombozytopenie) vor.

Die Symptome einer CSVT können vielfältig sein, wobei Kopfschmerzen das häufigste und in der Regel erste klinische Symptom sind. Es gibt allerdings kein typisches Kopfschmerzsyndrom, das spezifisch für eine CSVT ist. Meist nimmt der Schmerz allmählich und undulierend über wenige Tage oder sogar Wochen an Intensität zu. In aller Regel ist der Schmerz anhaltend und spricht nicht suffizient auf einfache Schmerzmittel und nicht-steroidale Antirheumatika an. Valsalva-Manöver oder Bücken führt häufig zur Zunahme der Schmerzen. Weitere häufige Symptome sind Übelkeit sowie, in Abhängigkeit von der Lokalisation, der Schwere und dem Verlauf der Thrombose, flüchtige oder anhaltende neurologische Ausfallsymptome wie Lähmungen, Sehstörungen, Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen.

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Risikofaktoren und Diagnose

Bei den SVT in der Folge der Impfung hat sich gezeigt, dass die Thrombosen auf einem Immunmechanismus mit Thrombozytopenie beruhen. Deswegen spielen in dieser speziellen Konstellation die klassischen Risikofaktoren eher keine Rolle, sondern es ist zusätzlich auf Blutungsstigmata zu achten.

Besteht der klinische Verdacht auf eine SVT muss umgehend Schnittbildgebung mit Darstellung der Venen und Sinus mittels venöser CT-Angiografie (CTA) oder MR-Angiografie (MRA) erfolgen. Anhand einer alleinigen nativ cCT oder cMRT ist der Ausschluss einer SVT nicht mit der erforderlichen Sensitivität möglich.

Behandlung von Thrombosen

Im ersten Schritt werden Ärzte mit verschiedenen Verfahren nach einer Thrombose suchen, um ihre Lage und Größe zu beurteilen. Ultraschall eignet sich bei Verdacht auf ein Blutgerinnsel der Hals-, Arm-, Becken- oder Beinvenen. Die Computertomographie‎ (CT) oder Magnetresonanztomographie‎ (MRT) kommt bei Verdacht auf eine Thrombose im Gehirn zum Einsatz. Auch ein Blutbild wird angefertigt.

Die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) rät, bei einem Blutgerinnsel in zeitlichem Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Impfstoff im Blut nach Antikörpern gegen Heparin zu suchen. Treten diese auf, sollten Patienten hochdosierte Immunglobuline erhalten. Hinzu kommen Arzneimittel zur Hemmung der Blutgerinnung (Antikoagulanzien), aber keine Heparine.

Migräne und COVID-19-Impfung: Was ist zu beachten?

Die Schmerzklinik Kiel erhält täglich hunderte Anfragen zu einem möglichen Zusammenhang zwischen einer Impfung gegen Covid-19 und dem Vorgehen bei einer parallel bestehenden Migränebehandlung. Es gibt aktuell keine Datengrundlage, dass die Migränebehandlung die Wirksamkeit oder Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe beeinträchtigt. Es gibt bisher keine Daten, die zeigen, dass die durch den Impfstoff gebildeten Antikörper gegen das SARS-CoV-2-Spike-Protein das Medikament Onabotulinumtoxin A unwirksam machen würden.

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Da im Einzelfall auch ausgeprägte Nebenwirkungen auftreten können, empfehlen wir zur Vermeidung additiver Effekte bzgl. der Nebenwirkungen (Summation von Nebenwirkungen beider Arzneimittel) einen möglichst großen Abstand zwischen der Impfung gegen Covid-19 und der Gabe von monoklonalen Antikörpern zur Migränevorbeugung einzuhalten. Da die Gabe der monoklonalen Antikörper zur Migränevorbeugung in der Regel im Abstand von vier Wochen erfolgt, entspricht dies einem möglichen Abstand von 14 Tagen.

Treten Kopfschmerzen nach der Impfung auf, können diese mit Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol behandelt werden. Treten Migräneattacken nach der Impfung auf, können diese wie sonst auch mit der empfohlenen Akutmedikation behandelt werden.

Psychologische Aspekte

Psychologieprofessor Winfried Rief vermutet, dass die "schlechte Presse" des Astrazeneca-Impfstoffs in den vergangenen Wochen eine Rolle bei der Wahrnehmung von Nebenwirkungen spielen könnte. Würden dann Berichte über Nebenwirkungen hinzukommen, gerate der Impfstoff in eine "Negativspirale". Durch negative Berichterstattung gebe es mehr Menschen, die eine negative Einstellung hätten, was weitere Berichte über Nebenwirkungen zur Folge haben kann - ein Teufelskreis.

Es ist daher wichtig, sich breit zu informieren und Kanäle zu nutzen, die als zuverlässig angesehen werden.

Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO)

Die Deutsche Herzstiftung hält sich an Empfehlungen der Ständigen Impfkommission. Diese Vorgaben können sich ändern. Derzeit rät die Ständige Impfkommission, den Impfstoff vor allem Menschen über 60 Jahren zu verabreichen. Das liegt am vermuteten Zusammenhang zwischen Thrombosen und der Impfung. Patienten - gleich welchen Alters - denen bei der ersten Impfung AstraZeneca verabreicht wurde, sollen nach den jüngsten STIKO-Empfehlungen nun als zweite Dosis generell einen mRNA-Impfstoff erhalten. Zuvor galt diese Regelung nur für Patienten unter 60 Jahren. Hier sollte der Abstand bis zur Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff mindestens vier Wochen betragen. Studien zeigen, dass die erzielte Immunantwort nach heterologer Impfung deutlich stärker ist als mit 2 x Vaxzevria.

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Herzpatienten und die COVID-19-Impfung

Für Herz-Kreislauf-Patienten sind alle zugelassenen Impfstoffe hinsichtlich ihrer Schutzwirkung vor schwerem Covid-19-Verlauf gleich gut. Dies gilt sowohl für Patienten mit Bluthochdruck, nach Herzinfarkt, mit implantierten Herzklappen als auch mit Herzschrittmachern und implantierbaren Defibrillatoren wie den ICD-/CRT-Geräten. Patienten sollten vor der Impfung medikamentös optimal eingestellt sein, etwa hinsichtlich ihres Blutdrucks oder ihrer Blutgerinnung. Die Deutsche Herzstiftung warnt eindringlich davor, Arzneimittel vor dem Impftermin abzusetzen.

Herzpatienten, die Gerinnungshemmer einnehmen, sollten die Injektionsstelle nach der Impfung etwas länger komprimieren, bis die Gerinnung eingesetzt hat. Der impfende Arzt wird in der Regel auch eine sehr feine Injektionsnadel verwenden (23 oder 25 G). Bei angeborenen oder erworbenen Störungen der Bildung von Blutplättchen (Thrombozyten) darf nicht mit AstraZeneca geimpft werden.

Guillain-Barré-Syndrom

Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat das Guillain-Barré-Syndrom auf die Liste „sehr seltener“ Nebenwirkungen des Coronaimpfstoffs von Astrazeneca aufgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung mit dem Astra­zeneca-Vakzin und dem Auftreten der Nervenerkrankung gebe, sei „zumindest begründet“. Die Wahrscheinlichkeit, nach einer Astrazeneca-Impfung am Guillain-Barré-Syndrom zu erkranken, sei sehr gering, betonte die EMA aber auch. Von 10.000 Menschen sei weniger als einer betroffen.

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