AstraZeneca und Rückenmark-Nebenwirkungen: Ein umfassender Überblick

Die Entwicklung von Impfstoffen, insbesondere im beschleunigten Tempo während der Corona-Pandemie, ist ein komplexer Prozess, der ständige Überwachung und Bewertung erfordert. Während die Vorteile von Impfungen im Allgemeinen die Risiken überwiegen, ist es wichtig, potenzielle Nebenwirkungen zu verstehen und zu untersuchen. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Zusammenhänge zwischen dem AstraZeneca-Impfstoff und Rückenmark-Nebenwirkungen, insbesondere der transversen Myelitis, und untersucht die laufenden Forschungsbemühungen zur Identifizierung von Biomarkern für Impfschäden.

Transverse Myelitis und Vektorbasierte Impfstoffe

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat vereinzelte Berichte über transverse Myelitis, eine vermutlich immunvermittelte Entzündung des Rückenmarks, im Zusammenhang mit den Vektor-basierten Impfstoffen Vaxzevria (AstraZeneca) und COVID-19 Vaccine Janssen (Johnson & Johnson) erhalten. Dies führte dazu, dass ein entsprechender Hinweis in die Fachinformationen der Impfstoffe aufgenommen wurde.

Was ist Transverse Myelitis?

Transverse Myelitis ist eine akute Entzündung des Rückenmarks, die je nach Lokalisation und Ausdehnung zu unterschiedlichen motorischen und/oder sensorischen Ausfällen führen kann. Diese Ausfälle treten querschnittförmig unterhalb der Läsionen auf. Häufige Symptome sind Schmerzen, sensorische Probleme, Schwäche in den Beinen und möglicherweise auch den Armen sowie Blasen- und Darmstörungen. Die Entzündungen sind häufig zeitlich begrenzt, und die Patienten erholen sich zumindest teilweise. Es kann jedoch zu weiteren Schüben kommen. Transverse Myelitis kann in jedem Lebensalter auftreten und ohne erkennbaren Grund entstehen oder Teil einer Autoimmunerkrankung wie der Multiplen Sklerose sein. Auch Infektionen und Impfungen sind mögliche Auslöser.

Der Verdacht bei Vektorimpfstoffen

In den vergangenen Jahren wurde vereinzelt über Patienten berichtet, die im Rahmen von COVID-19 eine transverse Myelitis entwickelten. Es gab allerdings auch Berichte über Impfkomplikationen. Die Tatsache, dass diese Komplikationen auf die Vektorimpfstoffe beschränkt zu sein scheinen, deutet darauf hin, dass die verwendeten Adenoviren der Trigger für die vermutete Immunreaktion sein könnten. Belegt ist dies allerdings nicht. Nach Recherchen der EMA sind weltweit 25 Fälle nach der Impfung mit Vaxzevria und 13 Fälle nach der Impfung mit der COVID-19 Vaccine Janssen aufgetreten. Der Pharmakovigilanzausschuss PRAC der EMA kam zu dem Schluss, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen diesen beiden Impfstoffen und einer transversen Myelitis zumindest möglich ist („reasonable possibility“).

Nutzen-Risiko-Abwägung

Trotz der Seltenheit dieser Komplikation betont die EMA, dass das günstige Nutzen-Risiko-Profil beider Impfstoffe weiterhin besteht. Dies liegt daran, dass die Anzahl der aufgetretenen Fälle im Verhältnis zu der Gesamtzahl der verimpften Dosen sehr gering ist (1,391 Milliarden Dosen von Vaxzevria und 33,58 Millionen Dosen der COVID-19 Vaccine Janssen). Die Hersteller werden jedoch in Zukunft auf die seltene Komplikation hinweisen, auch um eine mögliche Haftung auszuschließen.

Lesen Sie auch: AscoTop: Anwendung und Wirksamkeit

Der Fall AstraZeneca: Unterbrechung einer Impfstoffstudie

Im September wurde bekannt, dass der Pharmakonzern AstraZeneca die klinische Studie für seinen Corona-Impfstoff vorsorglich gestoppt hatte, nachdem bei einem Teilnehmer aus Großbritannien gesundheitliche Probleme aufgetreten waren. Das Unternehmen betonte, dass dies eine Routinemaßnahme für solche Fälle sei: „In großen Versuchsreihen treten Erkrankungen zufällig auf, müssen aber von unabhängiger Seite untersucht werden, um das gründlich zu überprüfen.“

Transverse Myelitis als mögliche Ursache

Es wurde berichtet, dass es sich bei den gesundheitlichen Problemen um eine Transverse Myelitis handelte. Der von AstraZeneca hergestellte Wirkstoff AZD1222 basiert auf der abgeschwächten Version eines Erkältungsvirus von Schimpansen und soll das Immunsystem auf Trab bringen, damit es Sars-CoV-2 im Falle einer Infektion unschädlich machen kann. Die Unterbrechung der Studie erfolgte, um zu untersuchen, ob ein Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und der Erkrankung des Teilnehmers besteht.

Reaktionen von Experten

Experten betonten, dass ein solcher vorläufiger Studienstopp „nicht ungewöhnlich“ sei und ein Zeichen der funktionierenden Qualitätskontrolle darstelle. Es gehe nun darum festzustellen, ob die gesundheitlichen Probleme des Studienteilnehmers vom Impfstoff ausgelöst wurden. Ein möglicher Auslöser einer solchen Myelitis seien vermutlich Kreuzreaktionen von Virusantigenen mit körpereigenen Strukturen. Im besten Fall hatte der Proband eine parallele Virusinfektion, die das Krankheitsbild verursacht hat und nicht die Impfung.

Postvac-Syndrom und die Suche nach Biomarkern

Die Diskussion um mögliche Impfnebenwirkungen hat zur verstärkten Erforschung des sogenannten Postvac-Syndroms geführt. Dabei suchen Forscherteams nach Biomarkern, die einen Zusammenhang zwischen einer Impfung und anschließenden Erkrankungen belegen können.

Autoantikörper als Schlüssel

Ein vielversprechender Ansatz ist die Untersuchung von Autoantikörpern. Diese Antikörper richten sich gegen körpereigene Strukturen und können Schäden verursachen. Harald Prüß von der Berliner Charité erklärt: „Antikörper können gegen beides reagieren, sowohl gegen das Virus als auch gegen körpereigene Strukturen, und dadurch Schäden verursachen.“ Solche Kreuzreaktionen oder molekulare Mimikry sind bei Impfungen seit langem bekannt.

Lesen Sie auch: Überblick: AstraZeneca und Migräne

Fallbeispiel: Gehirnentzündung nach Corona-Impfung

Ein konkretes Beispiel ist der Fall eines älteren Mannes, der nach einer Corona-Impfung mit Bewusstseinsstörungen in die Berliner Charité eingeliefert wurde. Die Ärzte stellten eine Gehirnentzündung fest und fanden im Nervenwasser des Patienten eine große Menge an Entzündungszellen und Antikörpern. Diese Antikörper koppelten an Strukturen des Mausgehirns, was darauf hindeutet, dass sie auch beim Menschen Gehirnstrukturen angreifen könnten.

Fortschritte bei anderen Impfnebenwirkungen

Auch bei anderen sehr seltenen Nebenwirkungen der Corona-Impfung hat die Spurensuche Fortschritte gemacht und weist in Richtung spezifischer Biomarker. So konnte beispielsweise bei der vakzineinduzierten immunogenen Thrombozytopenie (VITT) gezeigt werden, dass die Betroffenen Antikörper gegen ein Protein auf der Oberfläche ihrer eigenen Blutplättchen bilden. Auch bei der Myokarditis, einer Herzmuskelentzündung, wurden spezifische Antikörper gegen Proteine gefunden, die Entzündungen hemmen.

Die Bedeutung gründlicher Untersuchungen

Experten plädieren für gründliche Untersuchungen von Patienten, die den Verdacht haben, dass eine Impfung schwere Probleme ausgelöst hat. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), betont: „Wann immer es möglich ist und der Patient zustimmt, sollte man auch das Nervenwasser untersuchen. Das wird häufig versäumt.“ Zudem empfiehlt er, Blut und Nervenwasser tiefgefroren aufzubewahren, um sie später auf neue Antikörper testen zu können.

Die Impfung bleibt das kleinere Risiko

Trotz der potenziellen Risiken und Nebenwirkungen betonen Experten, dass die Impfung im Allgemeinen das kleinere Risiko darstellt. Ulrike Protzer von der Technischen Universität München erklärt: „Wenn Sie das Myokarditis-Risiko nehmen: Das ist nach einer Infektion fünf- bis zehnmal so hoch wie nach einer Impfung.“ Covid-19 ist also deutlich gefährlicher als jede Corona-Impfung.

Das Immunsystem im Vergleich

Die Impfung konfrontiert das menschliche Immunsystem lediglich mit einem einzigen Baustein des Virus, meist dem Spike-Protein. Das Immunsystem von Covid-19-Patienten hingegen muss sich mit dem kompletten Virus auseinandersetzen. Das liefert viel mehr Gelegenheiten für Mimikry und Kreuzreaktivität. Außerdem regt eine Viruserkrankung das Immunsystem insgesamt viel stärker an als eine Impfung. Auch das erhöht das Risiko für Folgekomplikationen.

Lesen Sie auch: Detaillierte Analyse: AstraZeneca-Impfstoff

tags: #astra #zeneca #ruckenmark