Neurologische Nebenwirkungen des AstraZeneca-Impfstoffs: Eine umfassende Übersicht

Die Impfung gegen COVID-19 ist ein entscheidender Schritt zur Bekämpfung der Pandemie. Wie bei allen Impfstoffen können jedoch auch bei den COVID-19-Impfstoffen Nebenwirkungen auftreten. In den letzten Monaten wurde verstärkt über seltene neurologische Nebenwirkungen im Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Impfstoff (Vaxzevria®) und dem Impfstoff von Johnson & Johnson berichtet. Dieser Artikel bietet einen Überblick über diese Nebenwirkungen, insbesondere die Sinusvenenthrombose und das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), und beleuchtet die aktuelle Faktenlage.

Vektorimpfstoffe und Sinusvenenthrombose: Ein möglicher Zusammenhang

AstraZeneca und Johnson & Johnson sind beides Vektorimpfstoffe. Das bedeutet, dass sie ein Trägervirus verwenden, um genetisches Material zur Herstellung eines Antigens in die Körperzellen einzuschleusen. Im Falle von AstraZeneca und Johnson & Johnson sind diese Trägerviren Adenoviren, die ebenfalls DNA enthalten.

Es wird vermutet, dass das Trägervirus selbst für die Auslösung schwerer Nebenwirkungen wie der Sinusvenenthrombose verantwortlich sein könnte. Der Pathomechanismus ähnelt der Heparin-induzierten Thrombozytopenie (HIT), bei der es zu einer verstärkten Aktivierung der Blutplättchen kommt. In der Folge bilden sich kleine Klumpen, wodurch die Anzahl der Thrombozyten sinkt (Thrombozytopenie). Ursächlich hierfür wird die Bildung von Autoantikörpern gegen den Plättchenfaktor 4 (PF4) vermutet.

Warum diese Reaktion nach der Verabreichung von Vektorimpfstoffen ausgelöst wird, ist noch unklar.

Symptome und Diagnose der Sinusvenenthrombose

Durch die vermehrte Aggregation der Thrombozyten entsteht eine Thromboseneigung. Typischerweise treten diese Störungen 4-14 Tage nach der Impfung auf. Symptome können Blutergüsse, kleine Hauteinblutungen (Petechien) und eine reduzierte Anzahl von Blutplättchen (Thrombopenie) sein. Zusätzlich treten meist starke, anhaltende Kopfschmerzen auf.

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Es ist wichtig zu beachten, dass keine überzufällige Häufung von Sinusvenenthrombosen im Rahmen der Impfung mit Vektorimpfstoffen oder mRNA-Impfstoffen im Vergleich zur Normalbevölkerung erkennbar ist. Die genannten Autoimmunreaktionen sind im Falle einer VITT (Vakzine-induzierte immunogene thrombotische Thrombozytopenie) nicht mit den Mechanismen bei der Entstehung einer Thrombose bei schwer erkrankten COVID-19-Patienten vergleichbar.

Dank intensiver Forschung gibt es jedoch einen entsprechenden Diagnostik- und Therapiealgorithmus für Verdachtsfälle.

Behandlung von Thrombosen nach AstraZeneca-Impfung

Im ersten Schritt suchen Ärzte nach einer Thrombose, um ihre Lage und Größe zu beurteilen. Ultraschall eignet sich bei Verdacht auf ein Blutgerinnsel der Hals-, Arm-, Becken- oder Beinvenen. Bei Verdacht auf eine Thrombose im Gehirn kommt die Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) zum Einsatz. Auch ein Blutbild wird angefertigt.

Die Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) empfiehlt, bei einem Blutgerinnsel in zeitlichem Zusammenhang mit dem AstraZeneca-Impfstoff im Blut nach Antikörpern gegen Heparin zu suchen. Treten diese auf, sollten Patienten hochdosierte Immunglobuline und Arzneimittel zur Hemmung der Blutgerinnung (Antikoagulanzien), aber keine Heparine, erhalten.

Guillain-Barré-Syndrom (GBS) als mögliche Nebenwirkung

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine seltene Autoimmunerkrankung des peripheren Nervensystems, die sich typischerweise mit rasch aufsteigenden, schlaffen Lähmungen sowie sensorischen und autonomen Störungen manifestiert.

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Ein Fallbericht und weitere Berichte deuten darauf hin, dass GBS eine mögliche Nebenwirkung von Vaxzevria® sein könnte. Dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) wurden bis zum 31.07.2021 insgesamt 84 Fallberichte eines GBS bzw. Miller-Fisher-Syndroms im Zusammenhang mit Vaxzevria® gemeldet.

Auf Empfehlung des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der EMA wurde GBS als sehr seltene Nebenwirkung in die Fachinformationen von Vaxzevria® und COVID-19 Vaccine Janssen aufgenommen.

Symptome und Diagnose des GBS

Typisch für das GBS ist die sogenannte zytoalbuminäre Dissoziation im Liquor mit erhöhtem Eiweiß bei normaler Zellzahl. Bis zu 30 % der Patienten entwickeln eine respiratorische Insuffizienz und müssen beatmet werden.

Behandlung des GBS

Patienten müssen sorgfältig überwacht und ggf. mit intravenösen Immunglobulinen oder Plasmaaustausch behandelt werden. Die Symptome erreichen in der Regel innerhalb von vier Wochen ihren Höhepunkt. Die Erholungsphase kann Monate bis Jahre dauern.

Aktuelle Empfehlungen und Risikobewertung

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt aktuell für alle Personen, die eine erste Impfung mit Vaxzevria® erhalten haben, die Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff nach einem mindestens vierwöchigen Intervall durchzuführen. Hintergrund ist eine verbesserte Immunantwort dieses sogenannten heterologen Impfschemas.

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Trotz der genannten Risiken überwiegt aus Sicht der Experten nach wie vor der Nutzen der Impfung mit Vaxzevria® deren Risiken. Es ist wichtig, dass Personen vor der Impfung über mögliche Risiken aufgeklärt werden und auf Symptome achten, die im Nachgang auftreten können.

Für Herzpatienten

Für Herz-Kreislauf-Patienten sind alle zugelassenen Impfstoffe hinsichtlich ihrer Schutzwirkung vor schwerem Covid-19-Verlauf gleich gut. Patienten sollten vor der Impfung medikamentös optimal eingestellt sein und ihre Medikamente nicht absetzen.

Herzpatienten sollten nicht den Impfstoff von AstraZeneca erhalten, wenn sie eine angeborene oder erworbene Thrombozytenstörung haben.

Meldung von Nebenwirkungen

Jede Auffälligkeit, die über die gängigen Impfreaktionen (Kopf- und Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Schlappheit, Fieber) hinausgeht, muss dem Paul-Ehrlich-Institut gemeldet werden.

Studienergebnisse und Forschungsergebnisse

Eine in Deutschland durchgeführte Studie unter der Projektleitung der Klinik für Neurologie an der Uniklinik RWTH Aachen zeigte, dass es nach Impfung mit dem SARS-CoV-2-AstraZeneca-Impfstoff zu signifikant mehr zerebralen Sinus- und Hirnvenenthrombosen (CVT) kam als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen.

Die Rate der aufgetretenen CVT-Ereignisse war nach einer Erstimpfung mit Vakzinierung mit ChAdOx1 um mehr als neunmal höher als nach Impfung mit den mRNA-Impfstoffen. Auch ältere Frauen haben ein erhöhtes Risiko, Hirnvenenthrombosen nach Gabe des AstraZeneca-Vakzins zu erleiden.

Forscher der Universität Greifswald haben einen möglichen Mechanismus beschrieben, wie die Astrazeneca-Impfung gegen Covid-19 möglicherweise Thrombosen verursachen kann. Demnach könnten in seltenen Einzelfällen über die Immunantwort des Körpers die Blutplättchen aktiviert werden, was wiederum zu den schwerwiegenden Hirnvenenthrombosen mit Blutplättchenmangel führen könnte.

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