Einführung
Astrozytome sind Hirntumoren, die von Astrozyten ausgehen, einer Art von Gliazellen im Gehirn. Sie machen einen erheblichen Teil der primären Hirntumoren aus und weisen unterschiedliche Grade an Malignität auf. Die Diagnose und Behandlung von Astrozytomen erfordert ein umfassendes Verständnis ihrer Klassifizierung, klinischen Präsentation und Differenzialdiagnosen, insbesondere im Kontext von Schlaganfällen. Dieser Artikel soll einen detaillierten Überblick über Astrozytome geben und ihren differenzialdiagnostischen Prozess im Vergleich zu Schlaganfällen hervorheben.
Überblick über Astrozytome
Astrozytome sind eine vielfältige Gruppe von Tumoren, die von niedriggradigen, langsam wachsenden Läsionen bis hin zu hochgradigen, aggressiven Krebsarten reichen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert Astrozytome anhand histologischer Merkmale wie Kernatypie, mitotische Aktivität, Zelldichte, Gefäßproliferation und Nekrose in vier Grade.
Klassifizierung von Astrozytomen nach WHO-Grad:
- Grad I: Pilozytisches Astrozytom: Diese Tumoren sind typischerweise gutartig und kommen häufig bei Kindern und jungen Erwachsenen vor. Sie haben oft eine zystische Komponente und sind mit einer günstigen Prognose verbunden.
- Grad II: Diffuses Astrozytom: Dies sind langsam wachsende Tumoren, die in das umgebende Hirngewebe infiltrieren. Sie können sich im Laufe der Zeit zu höhergradigen Tumoren entwickeln.
- Grad III: Anaplastisches Astrozytom: Diese Tumoren weisen eine erhöhte mitotische Aktivität und Atypien auf. Sie sind bösartiger als Grad-II-Astrozytome und haben eine schlechtere Prognose.
- Grad IV: Glioblastom: Dies ist der aggressivste und häufigste Typ des Astrozytoms. Glioblastome sind durch schnelles Wachstum, Nekrosen und Gefäßproliferation gekennzeichnet. Sie haben eine sehr schlechte Prognose.
Klinische Präsentation
Die klinische Präsentation von Astrozytomen hängt von der Lokalisation, der Größe und dem Grad des Tumors ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Kopfschmerzen: Insbesondere Kopfschmerzen, die nachts oder morgens schlimmer sind und sich im Laufe der Zeit nicht durch Medikamente bessern.
- Krampfanfälle: Sie können als fokale oder generalisierte Anfälle auftreten.
- Neurologische Defizite: Diese können je nach Lage des Tumors unterschiedlich sein und Schwäche, sensorische Veränderungen, Sprachschwierigkeiten oder Sehstörungen umfassen.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- oder exekutive Funktionsstörungen.
- Erhöhter intrakranieller Druck: Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Lethargie und Papillenödem können auftreten.
Differenzialdiagnose
Bei der Beurteilung eines Patienten mit neurologischen Symptomen ist es wichtig, Astrozytome von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Manifestationen hervorrufen können. Zu den wichtigsten Differenzialdiagnosen gehören:
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall ist eine plötzliche Unterbrechung der Blutversorgung des Gehirns, die zu neurologischen Defiziten führt. Es ist wichtig, zwischen ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfällen zu unterscheiden, da die Behandlung unterschiedlich ist.
- Metastatische Tumoren: Tumoren, die von anderen Körperteilen in das Gehirn gestreut haben, können ähnliche Symptome wie Astrozytome verursachen.
- Infektionen: Hirnabszesse, Enzephalitis und Meningitis können neurologische Defizite und Kopfschmerzen verursachen, die Astrozytomen ähneln.
- Entzündliche Erkrankungen: Multiple Sklerose und andere entzündliche Erkrankungen des Gehirns können sich mit einer Vielzahl neurologischer Symptome manifestieren.
- Andere Hirntumoren: Oligodendrogliome, Ependymome und Meningeome können ähnliche Symptome wie Astrozytome verursachen.
Astrozytom vs. Schlaganfall
Sowohl Astrozytome als auch Schlaganfälle können sich mit akuten neurologischen Defiziten manifestieren, was die Unterscheidung erschwert. Es gibt jedoch einige wichtige Unterschiede, die helfen können, die beiden zu unterscheiden:
Lesen Sie auch: Aktuelle Erkenntnisse zum anaplastischen Astrozytom
- Beginn: Schlaganfälle treten typischerweise plötzlich auf, während sich die Symptome von Astrozytomen im Laufe der Zeit allmählich entwickeln können.
- Risikofaktoren: Schlaganfälle sind häufig mit Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen und Rauchen verbunden. Astrozytome haben keine bekannten Risikofaktoren, obwohl bestimmte genetische Syndrome das Risiko erhöhen können.
- Bildgebung: Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist das bildgebende Verfahren der Wahl zur Unterscheidung zwischen Astrozytomen und Schlaganfällen. Astrozytome zeigen sich typischerweise als raumfordernde Läsionen mit Kontrastmittelverstärkung, während Schlaganfälle als Bereiche mit eingeschränkter Diffusion oder Blutungen erscheinen können.
- Klinische Anamnese: Auch die Anamnese des Patienten kann wichtige Hinweise geben. Beispielsweise kann ein Patient mit einer Vorgeschichte von Krebs eher Hirnmetastasen haben, während ein Patient mit Vorhofflimmern eher einen Schlaganfall hat.
Neurofibromatose Typ 1 (NF1)
Neurofibromatose Typ 1 (NF1) ist eine autosomal-dominant vererbte genetische Erkrankung, die mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Hirntumoren, einschließlich Astrozytomen, einhergeht. NF1 wird durch eine Mutation im NF1-Gen auf Chromosom 17q11.2 verursacht, das für Neurofibromin kodiert, ein Protein, das die Signaltransduktion reguliert und das Zellwachstum kontrolliert.
Merkmale von NF1:
- Café-au-lait-Flecken: Dies sind flache, hellbraune Hautflecken, die bei Menschen mit NF1 häufig vorkommen.
- Neurofibrome: Dies sind gutartige Tumoren, die sich auf den Nerven entwickeln. Sie können auf der Haut oder im Körper auftreten. Plexiforme Neurofibrome haben ein erhöhtes Risiko der Entartung (ca. 10-15%), insbesondere bei größerem Durchmesser ≥ 3cm MPNST (malignant peripheral nerve sheath tumor). Vorstufe häufig ANNUBP (Atypical Neurofibromatous Neoplasm with Uncertain Biologic Potential).
- Lisch-Knötchen: Dies sind kleine, gutartige Tumoren der Iris. Sie können mit einer Spaltlampe bei einer Augenuntersuchung festgestellt werden.
- Optikusgliome: Dies sind Tumoren des Sehnervs, die bei Kindern mit NF1 auftreten können.
- Knochenanomalien: NF1 kann eine Keilbeindysplasie, eine anterolaterale Verkrümmung des Schienbeins oder eine Pseudoarthrose eines langen Knochens verursachen.
Diagnose von NF1:
Die Diagnose von NF1 basiert auf klinischen Kriterien, die von der International Consensus Group on Neurofibromatosis Diagnostic Criteria (I-NF-DC) festgelegt wurden. Zu diesen Kriterien gehören das Vorhandensein von ≥ 6 Café-au-lait-Flecken, Sommersprossen in der Achselhöhle oder Leistengegend, ≥ 2 Neurofibrome jeglicher Art oder 1 plexiformes Neurofibrom, ein Gliom der Sehnervenbahn (Optikusgliom), ≥ 2 durch Spaltlampenuntersuchung identifizierte Lisch-Knötchen (Iris-Hamartome) oder ≥ 2 Anomalien der Aderhaut, eine ausgeprägte knöcherne Läsion, eine heterozygote pathogene NF1-Variante mit einem Anteil von 50 % Variantenallelen in scheinbar normalem Gewebe.
NF1 und Schlaganfall:
Obwohl NF1 nicht direkt mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko verbunden ist, können die mit der Erkrankung verbundenen Gefäßanomalien das Schlaganfallrisiko erhöhen. Darüber hinaus können Optikusgliome, die bei Menschen mit NF1 auftreten können, Symptome verursachen, die einen Schlaganfall imitieren.
Diagnostische Bewertung
Die diagnostische Bewertung von Astrozytomen umfasst in der Regel eine Kombination aus neurologischer Untersuchung, Bildgebung und Biopsie.
- Neurologische Untersuchung: Eine umfassende neurologische Untersuchung kann helfen, die Lage und das Ausmaß des Tumors zu bestimmen.
- Bildgebung: Die MRT ist die bevorzugte Bildgebungstechnik für die Beurteilung von Astrozytomen. Sie kann Informationen über die Größe, Lage und Eigenschaften des Tumors liefern. Die Computertomographie (CT) kann auch verwendet werden, ist aber weniger sensitiv als die MRT.
- Biopsie: Eine Biopsie ist notwendig, um die Diagnose zu bestätigen und den Grad des Tumors zu bestimmen. Die Biopsie kann durch Operation oder stereotaktische Nadelbiopsie erfolgen.
- Zusätzliche Diagnostik bei Verdacht auf NF1: Ophthalmologische Untersuchung (Lisch-Knötchen, Optikusgliom), internistische Untersuchung (Abklärung Bluthochdruck, Katecholamine im Urin bei V.a. Phäochromozytom, Polysomnographie bei Schlafstörungen, Ultraschall der Nieren), hautärztliche Untersuchung (Screening Untersuchung auf kutane Manifestation), orthopädische Untersuchung (Röntgen der Extremitäten), evtl. Bildgebung des Kopfes mittels Computertomographie, genetische Testung (Sequenzierung des Neurofibromin Gens. Nach Ausschluß einer NF1, Diagnostik auf ein Legius-Syndrom). Radiologische Diagnostik (Bildgebung der Knochen, Kernspintomographie Kopf, Wirbelsäule, Ganzkörperuntersuchung mittels MRT Zur Tumorsuche, Kernspinangiographie Extra-/intrakraniellen Gefäße Zur Diagnostik im Hinblick auf Kaliberunregelmäßigkeiten, nuklearmedizinische Diagnostik (PET-CT). Gynäkologische Diagnostik (Screening auf Mamma-Carcinom ab ca. 30).
Behandlung
Die Behandlung von Astrozytomen hängt von einer Reihe von Faktoren ab, darunter der Grad des Tumors, seine Lage und der allgemeine Gesundheitszustand des Patienten. Zu den Behandlungsoptionen gehören:
Lesen Sie auch: Ursachen der Müdigkeit bei Astrozytom Grad 2
- Operation: Ziel der Operation ist es, so viel Tumor wie möglich zu entfernen, ohne das umliegende Hirngewebe zu schädigen.
- Strahlentherapie: Die Strahlentherapie kann verwendet werden, um verbleibende Tumorzellen nach der Operation abzutöten oder Tumoren zu behandeln, die nicht operiert werden können.
- Chemotherapie: Die Chemotherapie kann verwendet werden, um Tumorzellen im ganzen Körper abzutöten. Sie wird häufig in Kombination mit Operation und Strahlentherapie bei hochgradigen Astrozytomen eingesetzt.
- Gezielte Therapie: Selumetinib, ein MEK-Inhibitor, kann bei bestimmten Astrozytomen eingesetzt werden, um das Zellwachstum zu hemmen oder zu reduzieren.
- Symptommanagement: Kortikosteroide können verwendet werden, um Schwellungen im Gehirn zu reduzieren und Symptome wie Kopfschmerzen und Krampfanfälle zu lindern.
Lesen Sie auch: Prognose nach Astrozytom Grad 2
tags: #astrozytom #mit #schlaganfall #verwechseln