ZNS und Liebe zum Detail: Definition und Einblicke in die Neurologie

Die Behandlung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) gewinnt angesichts der alternden Bevölkerung zunehmend an Bedeutung. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Aspekte neurologischer Erkrankungen, von entzündlichen Prozessen bis hin zu innovativen Therapieansätzen.

Entzündliche Prozesse und Kopfschmerzen

Sekundäre Kopfschmerzen, die im Rahmen entzündlicher systemischer oder lokaler Erkrankungen wie atypischen Pneumonien oder einer Meningitis auftreten, können primären Kopfschmerzen wie Migräne oder Spannungskopfschmerzen ähneln. Diese Kopfschmerzen entstehen wahrscheinlich durch freigesetzte Entzündungsmediatoren, die sowohl direkt als auch indirekt durch Sensibilisierung Schmerzen auslösen können. Zu diesen Entzündungsmediatoren gehören neben Prostaglandinen und Stickstoffmonoxid auch Zytokine wie TNF-alpha oder Interleukin-6. Es wird jedoch auch bei primären Kopfschmerzen wie Migräne angenommen, dass ähnliche entzündliche Mechanismen bei der Schmerzentstehung eine Rolle spielen.

Besondere Aufmerksamkeit haben in den letzten Jahren primäre Kopfschmerzen bei entzündlichen ZNS-Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose erfahren, da unter immunmodulatorischer Therapie gehäuft Kopfschmerzen als Nebenwirkung beobachtet wurden. Auch bei medikamentös immunsupprimierten Patienten oder Patienten mit entzündlichen Systemerkrankungen mit neurologischer Beteiligung, z. B. dem Lupus erythematodes, oder ohne neurologische Beteiligung, wie z. B. einer Helicobacter-pylori-Infektion, sind häufiger primäre Kopfschmerzen beschrieben worden.

Innovative Therapieansätze bei neurologischen Erkrankungen

Experten diskutierten über Erfahrungen mit neuen Substanzen bei einem Presseworkshop der Promonta Lundbeck Arzneimittel in St. Moritz. Im Fokus standen dabei Depressionen, Morbus Parkinson und Schizophrenie.

Depressionen und Citalopram

Seit mehr als einem Jahr wird Citalopram (Cipramil®) zur Therapie der Depression angeboten. Citalopram gehört zur Gruppe der SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitors), die ihre antidepressive Wirkung über die selektive Hemmung der Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin in die präsynaptische Nervenzelle entfalten. Neben der psychotherapeutischen Betreuung steht in der Akutphase die medikamentöse Behandlung im Vordergrund. Priv.-Doz. Dr. Hans-Peter Volz (Jena) bezeichnet die SSRI gegenüber den Trizyklika als Mittel der 1. Wahl. Der Vorwurf, SSRI seien weniger wirksam als trizyklische Antidepressiva, konnte laut Volz aufgrund klinischer Studienergebnisse widerlegt werden.

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In der Regel, dies weisen europäische Studien aus, genügt die Einmalgabe von 20 mg Citalopram; in wenigen Fällen von schwerer Depression ist mit der seit Ende 1997 neu angebotenen 40mg-Tablette ebenfalls eine Einmalgabe möglich. Depressive Erkrankungen, betonte Volz, seien chronische Erkrankungen; die Phasen würden häufiger und schwerer, je älter der Patient ist. Hier liegt auch für den älteren Patienten ein Vorteil in der Therapie mit Citalopram: es hat ein geringes Interaktionspotential mit Ko-Medikationen. SSRI haben gegenüber den Trizyklika im Durchschnitt eine geringere Rate an Nebenwirkungen.

Morbus Parkinson und Budipin

Seit Mitte April 1997 gibt es Budipin (Parkinsan®) zur Behandlung der Morbus Parkinson. Es gilt als "atypisches" Parkinson-Medikament mit vielschichtigem Wirkmechanismus. Das Diphenylpiperidin-Derivat zeigt pharmakologische Effekte gegen alle drei Hauptsymptome der Parkinson-Krankheit (Tremor, Rigor und Akinese). Budipin zeigt außerdem zentral stimulierende Effekte. Es wirkt schwach antimuskarinerg und lässt einen indirekten dopaminergen Effekt vermuten. Durch die monoaminerge und antimuskarinerge Kombinationswirkung unterscheidet sich Budipin wesentlich von anderen Parkinson-Therapien.

Die bisherigen Therapiemöglichkeiten zur Behandlung des Morbus Parkinson waren, so resümierte Prof. Horst Przuntek (Bochum), unzureichend, vor allem was den Tremor betraf. Budipin ist eine der Substanzen, die nicht direkt in das dopaminerge System eingreifen. Sie beeinflusst das noradrenerge und serotonerge System und hemmt indirekt den Dopamin-Reuptake. In einer Reihe von Studien zeigte Przuntek die Antiparkinson-Wirkung von Budipin auf. So kommt es bei zusätzlicher Gabe von Budipin zu L-Dopa zu einer Befundbesserung bei gleichzeitig möglicher Reduktion von L-Dopa. Budipin, additiv zu L-Dopa verabreicht, führte zu einer deutlichen Besserung der Beweglichkeit. In der Langzeittherapie zeigt Budipin keine unerwünschten Ereignisse auf. Die Verträglichkeit wurde mit sehr gut bis gut beurteilt. Nebenwirkungen traten nur bei zu hoher Anfangsdosis oder zu schneller Dosissteigerung auf. In der Monotherapie mit Budipin, betonte Przuntek, könne die L-Dopa-Pflichtigkeit in frühen Stadien hinausgezögert werden. Das Präparat wird in Tabletten zu 10, 20 und 30 mg angeboten. Ein Nebeneffekt von Budipin, der weiterer Untersuchungen bedarf, ist die Wirksamkeit der Substanz bei schwerer Migräne.

Schizophrenie und Sertindol

Die Substanz Sertindol (Serdolect®) wurde Anfang August 1997 in Deutschland zur Behandlung schizophrener Psychosen zugelassen. Sertindol ist chemisch gesehen eine völlig neuartige Substanz (Phenylindol-Derivat) und gehört zu keiner der bekannten Neuroleptika-Klassen. Bei der Behandlung mit klassischen Neuroleptika treten als unerwünschte Wirkungen vor allem die extrapyramidalen Syndrome (EPS) wie Dystonie, neuroleptisch induzierter Parkinsonismus und Akathisie auf. Diese neue Substanz minimiert diese EPS auch bei höherer Dosierung. Prof. Peter Falkai (Bonn) sprach sich für die neuen Substanzen wie Sertindol aus, da sie bei gleicher Wirkung wie beispielsweise Haloperidol wesentlich selektiver auf das limbische System wirken. Sertindol verfügt nur über ein geringes Potential für anticholinerge Nebenwirkungen oder Sedierung. Es wird gut resorbiert mit maximaler Plasmakonzentration nach 10 Stunden. Die Substanz wird hauptsächlich über den Gastrointestinaltrakt ausgeschieden, ihre Pharmakokinetik ist unabhängig von Nierenfunktion, Alter, Geschlecht und Rasse.

Die Therapie der Schizophrenie stützt sich auf drei Säulen. Neben der Sozio- und Psychotherapie ist die Pharmakotherapie die entscheidende. Der Schwindel zu Beginn der Therapie kann durch langsames Höherdosieren minimiert werden. Sertindol hat sich besonders in der Langzeittherapie bewährt. Für die Lebensqualität der Schizophreniekranken, sagte Falkai, sei das verminderte Auftreten von Negativsymptomen sehr entscheidend. Serdolect® gibt es als Filmtabletten mit 4, 12, 16 und 20 mg Wirkstoff. Die Tagesdosis kann bis maximal 24 mg erhöht werden. Falkai prognostiziert für die neuen antipsychotischen Substanzen wie Sertindol, dass sich in den nächsten Jahren die Therapie schizophrener Psychosen grundlegend ändern wird.

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Multiple Sklerose: Einblicke in die Forschung

Prof. Dr. Christine Stadelmann-Nessler gibt im Interview Einblicke in die Vorgänge im zentralen Nervensystem bei Multipler Sklerose. Sie beleuchtet, was bereits bekannt ist und was es noch zu erforschen gilt, und wie verschiedene Wissenschaften zusammenarbeiten, um das Leben mit MS zu erleichtern und Schäden vorzubeugen.

Die Rolle der Neuropathologie

Prof. Stadelmann-Nessler betont die Notwendigkeit, Krankheiten auf der Gewebeebene und der zellulären Ebene zu verstehen. Unser Körper und unsere Gewebe sind aus Einzelzellen aufgebaut, die interagieren. Pathologische Zellen können hinzukommen, ebenso Entzündungen, die aus dem Blutstrom einwandern. Um Erkrankungen zu verstehen, ist es wichtig, diese zelluläre Ebene zu sehen. Die Neuropathologie ermöglicht es, Zelltypen in einem bestimmten Gewebe zu identifizieren, ihre Aktivierung zu beurteilen und ihre Funktionen zu analysieren. Dabei werden Techniken wie immunhistochemische Färbungen eingesetzt, um gezielte Proteine im Gewebe darzustellen.

Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen

Die Neuropathologie arbeitet eng mit klinisch tätigen Neurologen und Neuroradiologen zusammen. Der klinische Verlauf, die Symptomatik und die MRT-Befunde sind wichtige Informationen für die neuropathologische Untersuchung. Ein Teil der Forschung zielt darauf ab, MRT- und Pathologiebefunde besser zu korrelieren, um Biopsien idealerweise zu vermeiden. Zudem ist die Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern wichtig, um die molekulare Ebene besser zu verstehen.

Entzündung und Neurodegeneration bei MS

Prof. Stadelmann-Nessler unterscheidet zwei Teilaspekte bei MS: Entzündung und Neurodegeneration. Die Entzündung wandelt sich im Laufe der Erkrankung und kann vom adaptiven Immunsystem (T- und B-Zellen) oder vom angeborenen Immunsystem (Makrophagen, Mikrogliazellen) getrieben sein. Der Zusammenhang zwischen Entzündung und Neurodegeneration ist noch nicht vollständig verstanden. Es wird jedoch angenommen, dass die Entzündung die neuronale Schädigung induziert und dass die chronisch entzündliche Erkrankung über die Zeit schädigend auf Neurone und Axone einwirkt.

Bedeutung von Tierexperimenten

Tierexperimente sind für das Verständnis der MS und die Entwicklung von Therapien unerlässlich. Viele MS-Therapien und das MS-Verständnis stammen aus diesen Experimenten. Ohne Tierexperimente gäbe es unser Verständnis der Immunologie nicht. Es ist jedoch wichtig, Tierexperimente geplant und gezielt einzusetzen und den Tieren jedes Leid zu ersparen.

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#MitmachenMutmachen: Ein Online-Projekt für Menschen mit ZNS-Erkrankungen

Das Online-Projekt #MitmachenMutmachen bietet spannende und ermutigende Inhalte für Menschen mit ZNS-Erkrankungen. Im Bereich Austausch finden sich viele Beiträge, die von Betroffenen und Angehörigen eingesendet wurden. Das ZNS-Referenten-Team und Unterstützer stellen digital viele hilfreiche Informationen bereit, beispielsweise in Form von Videos oder Texten zum Download. Themen sind unter anderem:

  • Leben in einer Beziehung mit / trotz Behinderung
  • Wege zur Beantragung von Leistungen
  • Übungen zur Bewegung und Entspannung

Die hier vorgestellten Übungen wurden im Rahmen der Kampagne #MitmachenMutmachen für Menschen mit Schädelhirnverletzung entwickelt. Stefan Tiefenbacher ist "Botschafter für Unfallopfer mit Beeinträchtigungen" und Mutmacher für andere schädelhirnverletzte Menschen und ihre Angehörigen. Eva Lind, "Botschafterin für Musiktherapieprojekte", berichtet darüber, wie sie die Arbeit unterstützt und was Musiktherapie bei schwerstverletzten Menschen im (sogenannten) Wachkoma bewirken kann.

Dienstleistungen und Informationen für Patienten

Die Praxis bietet ein weitreichendes Spektrum diagnostischer und therapeutischer Möglichkeiten des nervenärztlichen Fachgebietes.

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