Auf leisen Sohlen ins Gehirn: Wie Metaphern unsere politische Meinungsbildung beeinflussen

George Lakoff und Elisabeth Wehling analysieren in ihrem Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“ die Macht der Metaphern in der politischen Sprache und Meinungsbildung. Das Buch, das als Gespräch zwischen den beiden Forschern konzipiert ist, beleuchtet, wie Metaphern unser Denken und Handeln beeinflussen, oft unbewusst.

Metaphern als Grundlage unseres Denkens

Lakoff argumentiert, dass Metaphern nicht nur sprachliche Werkzeuge sind, sondern die Art und Weise prägen, wie wir die Welt wahrnehmen und erfahren. "Wir können nämlich gar nicht anders, als in Metaphern zu denken", so Lakoff. Unser Gehirn bildet neuronale Verbindungen, die durch wiederholtes Denken bestimmter Konzepte verstärkt werden. Diese Verbindungen beeinflussen, wie wir Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen.

Ein klassisches Beispiel ist die Metapher "Diskussion ist Krieg". Wir verwenden Begriffe wie "jemanden treffen", "los schießen", "sich positionieren" oder "ein Wortgefecht liefern", um Diskussionen zu beschreiben. Dies impliziert, dass wir Diskussionen als Auseinandersetzungen betrachten, bei denen es darum geht, zu gewinnen und den Gegner zu besiegen. Eine andere Metapher wäre "Zuneigung ist Wärme", die sich in Ausdrücken wie "warm werden" oder "eine Beziehung kann erkalten" widerspiegelt.

Frames: Tief verwurzelte Denkmuster

Lakoff führt den Begriff des "Frames" ein, der tief verwurzelte Denkmuster bezeichnet, die unser Verständnis der Welt strukturieren. Frames sind wie Rahmen, die unsere Wahrnehmung von Informationen lenken und beeinflussen, welche Schlussfolgerungen wir ziehen.

Ein Beispiel für Framing ist der Begriff "Steuererleichterung". Dieses Wort suggeriert, dass Steuern eine Belastung sind, von der wir befreit werden müssen. Dies rahmt die Debatte um Steuern so, dass Steuersenkungen als etwas Positives dargestellt werden, während Steuererhöhungen negativ konnotiert sind. Politische Kommunikation nutzt bewusst solche konzeptuellen Metaphern und Frames, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

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Politische Implikationen der Metaphern-Theorie

Lakoff und Wehling zeigen, wie Politiker Metaphern und Frames nutzen, um ihre Botschaften zu vermitteln und die öffentliche Meinung zu manipulieren. Sie analysieren Sprachschöpfungen wie "Krieg gegen den Terror" oder "Achse des Bösen", um zu verdeutlichen, wie diese Begriffe unser Denken beeinflussen und politische Entscheidungen legitimieren.

Das Buch "Auf leisen Sohlen ins Gehirn" wirft ein neues Licht auf Fragen der politischen Identität, der Moral und religiöser Werte oder der Rolle von Medien und Berichterstattern. Es lehrt die Mechanismen des eigenen politischen Denkens, Sprechens und Handelns besser kennen. Man erfährt, wie stark und gleichzeitig subtil die eigenen politischen Einstellungen durch Metaphern bestimmt sind und was nötig ist, um sich davon zu befreien.

Kritik an Lakoffs Theorie

Lakoffs Dichotomie der zwei Ethiken - jene vom „strengen Vater“ und vom „sorgenden Elternteil“ - hat selbst ihre fragwürdigen Seiten: Beide Ethiken sind von Familienmodellen inspiriert, und auch wenn das eine sympathischer ist als das andere, so ist es doch eines des paternalistischen Kümmerns der Erwachsenen um die unreifen Kleinen, weshalb schon gefragt werden muss, ob es die optimale Metapher für eine Gesellschaft gleichberechtigter Bürger ist.

Die Rolle der Journalisten

Gegen Schluss verlegt sich der Dialog thematisch auf die Verantwortung von Journalisten (ausweitbar auf alle Publizierenden, die sich medial wirksam äußern), vornehmlich im Nachwort, und deren Optionen, selbst und von anderen benutzte Metaphorik zu analysieren, Tiefenstrukturen/ Konzept zu analysieren, zu erkennen und gezielt anzuwenden.

Fazit

"Auf leisen Sohlen ins Gehirn" ist ein aufschlussreiches Buch, das uns hilft, die Macht der Sprache und die Mechanismen der politischen Meinungsbildung besser zu verstehen. Es zeigt, wie Metaphern und Frames unser Denken beeinflussen und wie wir uns dieser Einflüsse bewusst werden können, um freiere und informiertere Entscheidungen zu treffen. Das Buch motiviert zu einer ideologie-kritischen Betrachtung schriftlicher und mündlicher Äußerungen, vor allem im öffentlichen Raum.

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Weitere Aspekte der Macht und Manipulation

Die Konzentration von Macht ist eine gesamtgesellschaftliche Dynamik, die sich durch psychologische, soziale und ökonomische Mechanismen permanent verstärkt. Die Leipziger Autoritarismus-Studie zeigt, wie autoritäre Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft expandieren. Unsicherheit, Kontrollverlust und der Wunsch nach einfachen Lösungen lassen den Ruf nach autoritärer Führung quer durch die politischen Lager wachsen.

Der US-Kognitionsforscher George Lakoff beschreibt mit der Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling in dem Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn“, dass gesellschaftliche Macht und Politik durch Bilder und Sprachmuster („Frames“) strukturiert werden, die unbewusst unser Denken lenken. Besonders fatal ist das „Strenger-Vater-Modell“: Führung und Gesellschaft werden laut Lakoff als autoritär, kontrollierend und hierarchisch gedacht, oft als natürliche Ordnung verkauft - wie die eines Vaters - und genau dadurch für autoritäre Politik und Machtmissbrauch geöffnet. Lakoff stellt dem das Modell der Fürsorglichen Familie entgegen, in der Mitgefühl, Kooperation und eigene Verantwortung im Fokus stehen. Lakoff erklärt, dass sich das Frame des strengen Vaters im Gehirn durch die wiederholte Verknüpfung von Autorität mit Kontrolle, Bestrafung und Gehorsam festsetzt. Es prägt neurologisch, wie Menschen Hierarchien und Moral verinnerlichen: Disziplin und Strafe werden als notwendige Mittel gesehen, um Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Dieses neuronale Muster fördert rigides Denken, Angst vor Abweichung und ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle - was autoritäre Politik und Machtmissbrauch begünstigt.

Sprachliche Manipulation und die Wiederkehr autoritärer Muster

Die Analyse der Sprache des Nationalsozialismus durch Victor Klemperer in "LTI" zeigt, wie Sprache zur Manipulation und Verrohung der Gesellschaft eingesetzt werden kann. Die stetige Wiederholung von Floskeln bewirkte eine unbewusste Übernahme eben dieser Sprache, die wiederum die Sprache der Herrschenden sei. Die Sprache ließ sich nicht mehr in Geschriebenes und Gesagtes unterteilen, alles war Schreien, alles war öffentliches Anreden, Anrufen und Aufpeitschen. Durch diese inhärente Mündlichkeit war der Weg dieser lauten Sprache in den alltäglichen Gebrauch ein kurzer. Ein alltagstauglicher Standard, der die Menschen gefügig machte, um Gewalt und Verbrechen an „Nicht-Ariern“ zu rechtfertigen. Gift- und Krankheitsmetaphern ziehen sich durch Klemperers Reflexionen über die Sprache. Er gibt einen minutiösen Einblick in die Eigenschaften und Kontexte in verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens. Die Sprache des Nazismus, so schreibt Klemperer, gehe in Fleisch und Blut der Menge über.

Auch heute werden Grenzen gezogen, geht es um die Fremden, die Gefährlichen, diejenigen, die angeblich den Status quo bedrohen oder ihn sogar schon verdrängt haben. Auch heute sehen wir derartige Gruppenkonstruktionen. Die Extreme Rechte und ihre Narrative, wie wir sie heute sehen, das ist keine Anomalie - auch wenn oftmals so getan wird, als hätten sie bis hierhin keine gesellschaftliche Relevanz gehabt, als wäre das „Nie wieder“ erst jetzt in Gefahr.

Im heutigen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus geprägte Begriffe könnten Klemperers Buch schon jetzt mit neuen Kapiteln füllen: „Remigration“, „Ausländer raus“, „Der große Austausch“, „Umvolkung“, „Kultur und Heimat“, „Ethnopluralismus“ - von verbalen Entgleisungen verschiedener Politikakteure mal abgesehen. Dabei geht es immer um strategisch platzierte Polarisierung, um eine ständige Provokation, um permanente Skandale. Es sind dabei immer Schlagwörter oder Erzählungen, die mit der Ausgrenzung des vermeintlich Fremden und der Betonung des Eigenen, der Wir-Gruppe, verbunden sind. Sie gehen allesamt mehr oder weniger offensichtlich mit einer nationalistischen Ideologie einher, kommen aber zum Teil vermeintlich harmlos oder euphemistisch daher, so dass der Weg der Normalisierung durchaus vorgezeichnet sein kann.

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