Die Empfehlung zu regelmäßigem, moderatem Ausdauersport ist ein weit verbreiteter Ratschlag für Patienten mit verschiedenen Leiden, darunter Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen und Migräne. Doch was steckt hinter dieser Empfehlung bei Migräne? Dieser Artikel beleuchtet die Studienlage, die potenziellen Vor- und Nachteile sowie praktische Tipps zur Integration von Sport in den Alltag von Migränepatienten.
Die Studienlage: Evidenz und Herausforderungen
In der evidenzbasierten Medizin gelten doppelblinde, placebokontrollierte Studien als Goldstandard. Allerdings ist es bei nicht-medikamentösen Therapieverfahren wie Ausdauersport schwierig, diesen Evidenzgrad zu erreichen, da eine Verblindung des Patienten kaum möglich ist.
Trotz dieser methodischen Herausforderungen gibt es einige vielversprechende Studien. Eine brasilianische Arbeitsgruppe verglich die alleinige Behandlung mit dem trizyklischen Antidepressivum Amitriptylin mit einer Kombination aus Amitriptylin und einem aeroben Sportprogramm bei Patienten mit chronischer Migräne. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kombination aus Sport und Amitriptylin die Migränehäufigkeit und den Schmerzmittelgebrauch signifikant stärker reduzierte als Amitriptylin allein. Zudem wirkte der Sport einer Gewichtszunahme durch Amitriptylin entgegen.
Eine schwedische Studie aus dem Jahr 2011 verglich Ausdauersport mit Entspannungstraining und Topiramat bei Migränepatienten. Die Ergebnisse zeigten, dass alle drei Gruppen eine ähnliche Reduktion der Attackenhäufigkeit aufwiesen. Allerdings traten unerwünschte Ereignisse nur in der Topiramatgruppe auf. Diese Studie deutet darauf hin, dass nicht-medikamentöse Therapieverfahren wie Ausdauersport und Entspannungstraining ähnliche Erfolge erzielen können wie ein potentes Medikament.
Sport als Trigger? Die individuellen Erfahrungen
Trotz der positiven Studienergebnisse berichten viele Migränepatienten, dass Sport bei ihnen Migräneattacken auslösen kann. Eine niederländische Arbeitsgruppe befragte über 100 Patienten einer Kopfschmerzambulanz retrospektiv hinsichtlich ihrer Erfahrungen mit Sport als Trigger von Migräneattacken. Nicht weniger als 38 % der Patienten kannten Migräneattacken, die innerhalb von 48 Stunden nach einer sportlichen Aktivität begonnen hatten; bei mehr als der Hälfte der Betroffenen lag der Kopfschmerzbeginn noch während des Sports. Als problematische Sportarten wurden vor allem Laufen und Tennis genannt. Aufgrund dieser Erfahrung gab die Hälfte der Betroffenen intensivere sportliche Aktivität auf.
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Es ist daher wichtig zu berücksichtigen, dass Sport bei manchen Menschen ein Trigger sein kann, während er für andere eine wertvolle Unterstützung darstellt.
Welche Sportarten sind geeignet?
Neben dem traditionellen Ausdauersport rücken auch andere Bewegungsformen in den Fokus der Forschung. Eine systematische Übersichtsarbeit und Netzwerk-Metaanalyse untersuchten den Effekt verschiedener Bewegungsinterventionen bei Patienten mit Migräne. Die Auswertungen zeigten, dass Krafttraining am effektivsten zur Reduktion der monatlichen Migränefrequenz war, gefolgt von intensivem Ausdauertraining und moderatem Ausdauertraining.
- Ausdauertraining: Hierzu zählen Sportarten wie Spaziergänge, Walking, lockeres Joggen, Schwimmen oder Radfahren. Studien zeigen, dass diese Sportarten bei Migräne besonders gut helfen können.
- Yoga: Yoga kombiniert sanfte Bewegungen, Dehnungen und Entspannung, was ideal ist, um Stress abzubauen und Verspannungen zu lösen. Besonders Yin Yoga kann bei Migräne sehr entspannend sein.
- Krafttraining: Krafttraining kann durch die Stärkung der Muskulatur im Nackenbereich lokal zu metabolischen und neuromuskulären Anpassungen führen. Da bei vielen Patienten mit Migräne der nozizeptive Input über die obere Halswirbelsäule und das trigeminozervikale Nervensystem erfolgt, könnte dies ein möglicher Erklärungsansatz sein.
Praktische Tipps für den Einstieg
- Individuelle Anpassung: Wähle eine Sportart, die dir Spaß macht und die du regelmäßig ausüben kannst. Achte auf deine individuellen Bedürfnisse und passe die Intensität und Dauer des Trainings entsprechend an.
- Sanfter Einstieg: Beginne mit einem sanften Ausdauertraining wie Spazierengehen, Radfahren oder Schwimmen. Steigere die Intensität langsam, statt dich gleich zu überfordern.
- Bewegungstagebuch: Notiere, welche Sportarten du ausprobierst und ob danach Beschwerden auftreten. So kannst du herausfinden, welche Form und Intensität der Bewegung für deinen Körper passt.
- Regelmäßigkeit: Versuche, regelmäßig über mehrere Monate Sport zu treiben. Die positiven Effekte von Sport kommen nicht über Nacht, aber mit Geduld und Ausdauer kannst du merken, dass die Migräneattacken seltener werden und oft auch weniger intensiv.
- Frische Luft und Gesellschaft: Sport an der frischen Luft macht nicht nur den Kopf frei, sondern hebt auch die Laune. Wenn du dich mit anderen verabredest, steigt die Motivation, dranzubleiben.
- Vermeide Überlastung: Achte darauf, dich beim Training nicht zu überlasten, da dies Migräneattacken auslösen kann. Orientiere dich an deinem Puls und achte auf die Signale deines Körpers.
- Alltagssport: Wenn sich das regelmäßige Training gerade nicht mit dem Terminplan vereinbaren lässt, ist Alltagssport ratsam. Verzichte auf Bequemlichkeiten wie den Fahrstuhl oder das Auto und gehe stattdessen zu Fuß oder fahre mit dem Fahrrad.
- Ernährung: Achte auf ausreichend Flüssigkeit, regelmäßige Mahlzeiten und Pausen, um Attacken zu vermeiden. Wer auf Sport mit schweren Gewichten nicht verzichten möchte, sollte sein Ernährungsverhalten darauf einstellen und eine hohe Zufuhr an Kohlenhydraten in Betracht ziehen, um einem Energiedefizit vorzubeugen.
Die Rolle der Schmerzklinik Kiel
Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl. Psych. Hartmut Göbel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und anderen Kopfschmerzen an. Die Klinik verfügt über ein interdisziplinäres Team von Spezialisten und bietet verschiedene Therapieangebote, darunter auch Bewegungstherapie.
Für die Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte erforderlich:
- Der behandelnde Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Der Arzt füllt die Aufnahme-Checkliste aus.
- Der Patient füllt den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
- Alle Unterlagen und Kopien relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. werden an die auf der Aufnahme-Checkliste angegebene Anschrift gesendet.
Die Schmerzklinik Kiel bietet auch Schmerzkonferenzen an, in denen individuelle Fragen im Zusammenhang mit der Einweisung sowie der prä- oder poststationären Behandlung besprochen werden können.
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