Die Auswirkungen von Stress auf das vegetative Nervensystem

Stress ist ein allgegenwärtiges Phänomen des modernen Lebens, das sich auf vielfältige Weise manifestieren kann. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Stress sogar als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts eingestuft. Jeder Mensch empfindet Stress anders, und was den einen belastet, lässt den anderen möglicherweise kalt. Trotz individueller Unterschiede in der Wahrnehmung von Stress sind die zugrunde liegenden physiologischen Reaktionen universell. Diese Reaktionen finden auf kognitiver, vegetativer und körperlicher Ebene statt. Im Zentrum dieser Prozesse steht das vegetative Nervensystem, das eine Schlüsselrolle bei der Reaktion auf Stressoren spielt.

Das vegetative Nervensystem: Ein Überblick

Das menschliche Nervensystem besteht aus Milliarden von Nervenzellen (Neuronen) und gliedert sich in das zentrale Nervensystem (ZNS) und das periphere Nervensystem (PNS). Das vegetative Nervensystem, auch autonomes Nervensystem genannt, ist ein Teil des peripheren Nervensystems. Es reguliert lebenswichtige Körperfunktionen, die nicht bewusst steuerbar sind. Dazu gehören Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung, Verdauung, Stoffwechsel, Körpertemperatur und sexuelle Reaktion.

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Hauptkomponenten:

  • Sympathikus: Der Sympathikus ist für die Aktivierung des Körpers in Stresssituationen verantwortlich. Er bereitet den Körper auf "Kampf oder Flucht" vor, indem er Herzfrequenz und Blutdruck erhöht, die Atmung beschleunigt und die Verdauung verlangsamt.
  • Parasympathikus: Der Parasympathikus ist der Gegenspieler des Sympathikus und fördert Entspannung und Erholung. Er senkt Herzfrequenz und Blutdruck, verlangsamt die Atmung und fördert die Verdauung. Der Nervus Vagus, auch Nervus parasympathicus genannt, ist hierbei von zentraler Bedeutung.

Das Zusammenspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus sorgt für ein Gleichgewicht im Körper und ermöglicht eine flexible Anpassung an unterschiedliche Situationen.

Stress und das vegetative Nervensystem

In einer Stresssituation aktiviert das vegetative Nervensystem den Körper quasi im Autopilot. Der Sympathikus bringt das System auf Hochtouren: Atmung, Herzleistung und Puls werden aktiviert, während weniger wichtige Vorgänge wie die Verdauung reduziert werden. Als Gegenpart bewirkt der Vagus Energieeinsparung und Entspannung nach erfolgreicher Bewältigung der Situation.

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Normalerweise ist Stress nichts Negatives, sondern eine natürliche Reaktion, mit welcher der Körper gut umgehen kann. Vorausgesetzt, er bekommt zum Ausgleich ausreichend Erholungsphasen. Denn Stress versetzt den Körper in höchste Alarmbereitschaft. Und zwar vollautomatisch. Diese Vorgänge werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert. Als oberste Schaltzentrale reguliert es die Körperfunktionen, um die Balance von körperlicher Anspannung über das Sympathikus-Nervensystem und Entspannung über das Parasympathikus-Nervensystem herzustellen. Das vegetative Nervensystem kann nicht willentlich von uns beeinflusst werden.

Vegetative Dystonie: Wenn das Gleichgewicht verloren geht

Bei einer vegetativen Dystonie, also einer Funktionsstörung des vegetativen Nervensystems, gerät das Zusammenspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus aus dem Gleichgewicht. Fehlt die nötige Erholung nach einer Belastungssituation, muss der Körper auf seine Reserven zurückgreifen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Für eine vegetative Dystonie gibt es oft keine konkrete Ursache. Es können sowohl körperliche als auch psychische Faktoren eine Rolle spielen. Nicht selten ist es eine Kombination aus beiden. Zu den häufigsten körperlichen Ursachen zählt Diabetes mellitus (Typ 2). Ebenso kann die vegetative Dystonie durch neurologische Erkrankungen, wie Parkinson oder Erkrankungen des peripheren Nervensystems ausgelöst werden. Da Körper und Psyche über das vegetative Nervensystem eng miteinander verbunden sind, können sich auch psychologische und soziale Faktoren wie Stress, Sorgen oder Überforderung auf das vegetative Nervensystem auswirken. Oftmals lösen die Beschwerden weitere Ängste bei den Betroffenen aus, da sie befürchten, es könne eine schwerwiegende Erkrankung zugrunde liegen.

Die Vielfalt an unspezifischen Symptomen macht es oft schwierig, ein überreiztes Nervensystem unmittelbar zu erkennen. Daher ergibt sich das Krankheitsbild einer vegetativen Dystonie in der Regel über das Ausschlussverfahren anderer Erkrankungen.

Symptome einer vegetativen Dystonie

Ein überreiztes Nervensystem kann sich durch eine Vielzahl von Symptomen äußern, darunter:

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  • Herzrasen
  • Blutdruckschwankungen
  • Atemnot
  • Verdauungsbeschwerden wie Verstopfung oder Durchfall
  • Schwindel
  • Kopfschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Erschöpfung
  • Innere Unruhe
  • Nervosität
  • Reizbarkeit

Da diese Symptome auch unter anderen Umständen auftreten können, ist eine Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen nicht immer leicht.

Die langfristigen Folgen von Stress

Die aktuelle Hirn- und Stressforschung hat schon längst den krankmachenden und lebensverkürzenden Charakter von Stress belegt. So ist man sich seit einigen Jahren einig, dass ca. 90 % der chronischen Zivilisationskrankheiten durch Dauerstress verursacht werden. Bereits heute sind 70 % aller Krankschreibungen die Folge stressbedingter Überlastung.

In einer solchen Situation kommt es im Cortisolgedächtnis des Gehirns zu einer entscheidenden Umstellung. Die Regulation des Stresshormons funktioniert nicht mehr richtig. Das Sympathikus-Nervensystem läuft permanent auf Hochtouren. Daraus resultiert eine chronische Überaktivierung der Stressachse. Auch die Zahl der stressbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit steigt rapide an. Mehr als vier Millionen Menschen in Europa sterben jährlich an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Der plötzliche Herztod ist für jährlich etwa 150.000 Todesfälle verantwortlich. Daneben leidet mittlerweile fast jeder zweite Europäer an Bluthochdruck und rund 60 Millionen an Diabetes. Diese Patienten gelten in Hinblick auf Herzinfarkt und/oder Schlaganfall als extrem stark gefährdet. Die Tendenz der Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigt weiter nach oben. So wird prognostiziert, dass alleine in Deutschland aufgrund des demografischen Wandels die 300.000 Herzinfarkt-Neuerkrankungen pro Jahr bis zum Jahr 2050 nochmals um 75 % ansteigen werden. Die Zahl der jährlichen Schlaganfälle von 200.000 soll sich demnach um 62 % erhöhen. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache.

Diagnose und Behandlung der vegetativen Dystonie

Die Diagnose einer vegetativen Dystonie erfolgt in der Regel durch Ausschluss anderer Erkrankungen. Eine gründliche Anamnese und körperliche Untersuchung sind wichtig, um mögliche organische Ursachen auszuschließen. In einigen Fällen können spezielle Tests durchgeführt werden, um die Funktion des vegetativen Nervensystems zu beurteilen. Eine solche Möglichkeit bietet die Herzfrequenzvariabilität (HRV) per VNS-Analyse. Dieser sogenannte VNS-Stresstest dauert wenige Minuten und ist so einfach wie Blutdruckmessen. Er macht vorhandene oder sich anbahnende stressbedingte Erkrankungen sichtbar - bereits dann, wenn andere Untersuchungsergebnisse noch unauffällig sind. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Messungen per App oder mit einfachen Brustgurten nicht aussagefähig sind. Die Ableitung muss immer mit mehreren Elektroden erfolgen, da nur ein einzelner falsch gemessener Herzschlag (Artefakt) das Ergebnis um 450 % verändert.

Je nach Ursache und Schweregrad der Störung kann eine vegetative Dystonie ernsthafte gesundheitliche Probleme verursachen, doch lässt sie sich in den meisten Fällen erfolgreich behandeln. Die Behandlung erfordert eine individuelle Herangehensweise, die sich an der eigentlichen Ursache und der Lebenssituation der Patienten orientiert. Wenn kein Hinweis auf eine organische Ursache zugrunde liegt, zählen sowohl psycho- und physiotherapeutische Maßnahmen als auch der Einsatz bestimmter Medikamente zu den möglichen Behandlungsmethoden. Pflanzliche oder homöopathische Mittel können hierbei eine unterstützende Therapieoption sein, da sie eine gute Verträglichkeit bei geringem Gewöhnungspotenzial aufweisen, dies trifft jedoch nicht auf alle pflanzlichen Arzneimittel zu. Gelber Jasmin und Schlangenwurzel können bei Schwindel, nervlich bedingtem Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Beschwerden Linderung verschaffen.

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Strategien zur Stärkung des vegetativen Nervensystems

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das vegetative Nervensystem zu stärken und das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus wiederherzustellen. Dazu gehören:

  • Stressmanagement: Stressoren reduzieren und Stressbewältigungsstrategien erlernen. Entspannungsmethoden wie Yoga, Meditation oder andere Achtsamkeitsübungen können dabei helfen, das Stresslevel zu senken und das Nervensystem wieder zu beruhigen.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten kann die Gesundheit des autonomen Nervensystems unterstützen. Vitaminmangel, insbesondere ein Mangel an Vitamin B12, kann die Funktion des Nervensystems beeinträchtigen. Vor allem auf die schnell ins Blut schießenden Kohlenhydrate sollten Sie verzichten. Greifen Sie statt zum Schokoriegel lieber zu einer Hand voll Walnüssen.
  • Schlaf: Ausreichend schlafen: Ein gesunder Schlaf ist unerlässlich für die Stressbewältigung und Regeneration des Nervensystems. Dazu sollte die Schlafumgebung eine Temperatur von etwa 18 Grad haben und sich gut abdunkeln lassen. Fernseher oder mobile Geräte wie Smartphones sollten abends ausgeschaltet werden, um Ablenkung und laute Geräusche zu vermeiden. Deftiges Essen, Alkohol und Stress am Abend können die Schlafqualität erheblich beeinträchtigen. Besser sind daher leicht verdauliche Speisen und warme Getränke wie Tee am Abend. Schlafhygiene: regelmäßiger Wach-/Schlafrhythmus, angenehme und schlaffördernde Schlafumgebung (Temperatur, Licht, Geräusche) schaffen, Mittagsruhe (Nickerchen, „Siesta“) ideal 20 Minuten, max.
  • Bewegung: Wer es lieber aktiver mag, kann seinen Stress wegtrainieren. Bewegung ist eines der besten Mittel gegen Stress, da so der Abbau des Stresshormons Cortisol unterstützt und gleichzeitig das Glückshormon Serotonin freigesetzt wird. Regelmäßiger Sport (kein Hochleistungssport!) kann sogar dazu beitragen, den Stresspegel dauerhaft niedrig zu halten. Sport/ Bewegung, Ausdauertraining (z.B.
  • Soziale Kontakte: Gesellige Typen finden ihren Ausgleich bei gemeinsamen Aktivitäten mit Freunden oder Familie.
  • Achtsamkeit: Mit Achtsamkeitsübungen wie Tai-Chi oder Qigong gewinnen Sie die notwendige geistige Distanz zu den quälenden, stresserzeugenden Gedanken. Sie sind eng verbunden mit bewusster Atmung und bringen Ihr Gehirn wieder nach und nach in einen Zustand der Ruhe. Die chronische Hyperaktivität und chronische Stressreaktionen lassen nach.
  • Atmung: Auch über die Atmung lässt sich der Vagusnerv wunderbar stimulieren. Die Atmung gehört zum vegetativen Nervensystem. Unter Dauerstress atmen Menschen zu flach und gehetzt. Tief durchatmen hilft enorm, die Spannung abzubauen. Wir bringen Ihnen bei, diese gezielte Atemkontrolle zu institutionalisieren. Mit 30 Minuten Pranayama-Atmung bzw. Vagusatmung pro Tag bringen Sie Ihren Vagusnerv und damit den Parasympathikus wieder auf Trab. Wer bewusst darauf achtet, kann Stress besser bewältigen.

Medikamentöse Unterstützung

Wenn die genannten Maßnahmen nicht ausreichen, können Medikamente eingesetzt werden, um die Symptome einer vegetativen Dystonie zu lindern. Dazu gehören:

  • Pflanzliche Mittel: Klosterfrau Melissengeist wird traditionell angewendet zur Besserung des Allgemeinbefindens (bzw. zur Stärkung oder Kräftigung) bei Belastung von Nerven und Herz-Kreislauf mit innerer Unruhe und Nervosität, zur Förderung der Schlafbereitschaft, bei Wetterfühligkeit, zur Besserung des Befindens bei Unwohlsein, zur Förderung der Funktion von Magen und Darm, insbesondere bei Neigung zu Völlegefühl und Blähungen, zur Besserung des Befindens bei unkomplizierten Erkältungen und zur Stärkung. Klosterfrau Seda-Plantina wird bei Unruhezuständen und nervös bedingten Einschlafstörungen eingesetzt.
  • Homöopathische Mittel: Klosterfrau Allergin Globuli, Tabletten und Tropfen werden entsprechend dem homöopathischen Arzneimittelbild zur Besserung der Beschwerden bei Heuschnupfen angewendet.
  • Konventionelle Medikamente: In einigen Fällen können Antidepressiva oder angstlösende Medikamente verschrieben werden, um die psychischen Symptome einer vegetativen Dystonie zu behandeln.

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