Autismus und die rechte Gehirnhälfte: Eine umfassende Betrachtung

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind komplexe neurologische Entwicklungsstörungen, die sich durch Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion, Kommunikation und durch repetitive Verhaltensweisen auszeichnen. Die Forschung hat sich intensiv mit den neuronalen Grundlagen von Autismus befasst, insbesondere mit der Rolle der Gehirnhemisphären und ihrer unterschiedlichen Funktionen. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten Erkenntnisse über die Beteiligung der rechten Gehirnhälfte an Autismus, wobei auch die Neurodiversitätsbewegung und die Bedeutung der individuellen Unterschiede hervorgehoben werden.

Frühe Forschung und die Rolle der Gehirnhälften

Bereits 1975 sammelten amerikanische Forscher erste Indizien dafür, dass sich das Gehirn von Autisten von dem anderer unterscheidet. Sie untersuchten 17 autistische Kinder, von denen vier Inselbegabungen besaßen, mithilfe eines Pneumoenzephalogramms. Inzwischen haben zahlreiche weitere Studien diese Funde bestätigt.

In den 1980er Jahren fanden Norman Geschwind und Albert Galaburda von der Harvard Universität einen Schlüssel in der Entwicklung des Gehirns beim ungeborenen Kind. Die linke Gehirnhälfte hinkt der rechten immer ein wenig hinterher, wodurch sie länger potenziell schädigenden Einflüssen ausgesetzt ist. Als Schadfaktor kommt nach Ansicht von Geschwind und Galaburda vor allem das männliche Geschlechtshormon Testosteron in Frage. Die bereits weiter entwickelte rechte Hirnhälfte reagiert auf die Hemmung der linken Hemisphäre mit verstärktem Wachstum.

Die Neurodiversitätsbewegung und ihre Bedeutung

Die Neurodiversitätsbewegung, die in den späten 1990er Jahren durch die australische Sozialwissenschaftlerin Judy Singer bekannt wurde, betrachtet neurologische Unterschiede als natürliche Variationen der menschlichen Gehirnfunktion und nicht als krankhafte Veränderungen. Der Begriff "Neurodiversität" setzt sich aus dem griechischen Wort "Neuro" für Nerv oder Nervensystem und dem lateinischen Wort "Diversität" für Vielfalt zusammen.

In dieser Bewegung werden Menschen mit ihren unterschiedlichen Wahrnehmungen und Funktionsweisen des Gehirns in neurotypische und neurodivergente Menschen unterschieden. "Neurotypisch" bezieht sich auf Menschen, deren Gehirn den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechend funktioniert, während "neurodivergent" Menschen mit neurologischen Unterschieden beschreibt, wie beispielsweise Autismus, ADHS oder Legasthenie.

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Die Neurodiversitätsbewegung betont, dass neurodiverse Menschen nicht "krank" oder "falsch" sind und nicht geheilt werden müssen. Stattdessen sollte der Fokus auf die Stärken undPotenziale jedes Einzelnen gelegt werden, sowie auf die Schaffung von Umgebungen, die ihren Bedürfnissen entsprechen.

Gehirnorganisation bei Autismus: Eine "umgedrehte" Struktur?

Eine neue Studie der City, University of London, und Birkbeck, University of London, legt nahe, dass bei vielen Kindern mit Autismus die Gehirnorganisation im Vergleich zu Kindern mit typischer Entwicklung "umgedreht" ist. Die Untersuchung von fast 200 Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren ergab einen erheblichen Unterschied in der Funktionsweise ihrer Rechts-Links-Hirnfunktionen.

Bei typisch entwickelten Kindern dominiert die linke Hemisphäre für die feinmotorische Kontrolle, während die rechte Gehirnhälfte für die Verarbeitung von Gesichtern dominant ist. In der Gruppe der Kinder mit Autismus gab es jedoch einen erheblichen Anstieg der umgekehrten Hirnorganisation - eine Spiegelung der Standardvorlage.

Diese Umkehrung des typischen Musters könnte erklären, warum Kinder mit Autismus Schwierigkeiten mit ihren sozialen und kommunikativen Fähigkeiten haben. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Gehirn- und Verhaltensverzerrungen der Schlüssel zum Verständnis der Gehirnentwicklung sind und Ärzten helfen können, Kinder mit einem Risiko von neurologischen Entwicklungsstörungen früher zu erkennen.

Kommunikationsprobleme im Gehirn von Autisten

Eine Studie amerikanischer Forscher deutet darauf hin, dass Autismus auf einem Kommunikationsproblem im Gehirn basiert. Bestimmte Gehirnregionen scheinen bei Autisten anders miteinander zu kommunizieren als bei Gesunden. Die Forscher untersuchten 18 Autisten und 18 gesunde Vergleichspersonen per EEG.

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Autisten hatten zum einen in der linken Gehirnhälfte, die vor allem für Sprache zuständig ist, eine stärkere Aktivität in niedrigen Frequenzbereichen. Zum anderen waren Verbindungen zwischen dem Stirnhirn und den übrigen Teilen des Gehirns bei Autisten weniger aktiv. Dies deutet darauf hin, dass die Verständigung zwischen einzelnen Hirnarealen nicht optimal funktioniert.

Funktionelle Asymmetrie und Autismus

Das menschliche Gehirn ist in zwei Hälften geteilt, die auf unterschiedliche Funktionen spezialisiert sind. So wird beispielsweise die Aufmerksamkeit bei den meisten Menschen überwiegend in der rechten Hemisphäre verarbeitet, die Sprache überwiegend in der linken. Diese Lateralisation, also die Tendenz, dass Hirnregionen Funktionen eher in der linken oder rechten Hirnhälfte verarbeiten, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt.

Frühere Studien haben gezeigt, dass eine zu schwache Aufgabenteilung zwischen den beiden Hirnhälften mit Krankheiten wie Schizophrenie und Autismus-Spektrum-Störungen oder Hyperaktivität bei Kindern in Zusammenhang gebracht wird. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und des Forschungszentrums Jülich haben nun untersucht, wie sich Asymmetrien entlang von sogenannten funktionellen Gradienten entwickeln.

Das Ergebnis: Es gibt tatsächlich feine Unterschiede darin, wie Hirnregionen unterschiedlicher Funktionen auf der linken und rechten Seite des Gehirns aufreihen. Auf der linken Seite sind es die Regionen zur Sprachverarbeitung, die sich am weitesten entfernt von denen für Sehen und Wahrnehmung liegen. Auf der rechten Seite befindet sich hingegen das Netzwerk für Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis am weitesten entfernt von den sensorischen Regionen. Zudem zeigte sich: Die individuellen Unterschiede in dieser Anordnung sind vererbbar.

Der Vergleich mit Makaken brachte schließlich zutage: Das Gehirn des Menschen ist asymmetrischer als das von Affen. "Vermutlich ergibt sich die Asymmetrie unseres Gehirns aus genetischen Faktoren und solchen, die sich aus persönlichen Erfahrungen ergeben", erklärt Bin Wan, Doktorand am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

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Die Rolle der rechten Gehirnhälfte bei besonderen Fähigkeiten

Einige Menschen mit Autismus verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten in bestimmten Bereichen, sogenannte Inselbegabungen. Allan Snyder, Leiter des Centre for the Mind der Australian National University in Canberra, vermutet, dass bei autistischem Denken höhere Bereiche im Gehirn nicht zugeschaltet werden. Daher fehle bei ihnen das konzeptionelle Denken. Sie verfügten also gleichsam über eine "ungefilterte Art der Informationsverarbeitung", die große Vorteile biete.

Snyder erklärt, dass bei Savants alle Zwischenschritte der Informationsverarbeitung ungefiltert ins Bewusstsein gelangen, und sie das Bild gleichsam in allen seinen Details sehen können. Bei manchen Savants ist der orbitofrontale Cortex im linken vorderen Schläfenlappen geschädigt. Dies kann eine Erklärung dafür sein, warum diese Menschen plötzlich eine außergewöhnliche Inselbegabung entwickeln.

Es gibt auch Fälle, in denen das Savant-Syndrom plötzlich nach einem Unfall oder Schlaganfall auftritt. Die Menschen sind nach einer Hirnschädigung, besonders der linken Hirnhälfte, häufig besonders kreativ oder musikalisch.

Herausforderungen und Unterstützung für Menschen mit Autismus

Eltern kann der Umgang mit einem autistischen Kind vor enorme Herausforderungen stellen. Oft stehe man hilflos vor dem eigenen Kind und wisse nicht, "was gerade passiert und was der Auslöser für das Verhalten ist", schreibt Silke Bauerfeind in ihrem Blog.

Es ist wichtig zu verstehen, dass sich autistische und nicht-autistische Menschen nicht einfach so verstehen. Die Welt sei nicht-autistisch und passe deshalb nicht sonderlich gut zum Kind. Eltern mit autistischem Kind rät sie: "Lest euch viel Wissen über Autismus an, vor allem von Autistinnen und Autisten selbst." Eltern sollten sich immer vor Augen halten, dass sich ihr Kind nicht aus bösem Willen so verhalte, wie es sich verhalte. "Sein Verhalten hat immer eine Ursache."

Autistische Menschen sind sehr anfällig für sensorische Überlastung. Situationen, die andere Menschen als normal empfinden, können für sie eine Überlastung bedeuten. Das gelte es zu vermeiden. Gegenüber Kindern sei es wichtig, ihnen beizubringen, wie sie die inneren Anzeichen der Überlastung selber erkennen und um Hilfe bitten können.

Neurodiversität in der Arbeitswelt

Die Arbeitswelt hat bereits die Vorteile von einem diversen Team erkannt. Denn Vielfalt macht unsere Gesellschaft aus. Damit ist sie nicht nur in unserer Lebens-, sondern sollte auch in unserer Arbeitswelt zu finden sein. Diversity Manager*innen setzen sich mit Themen wie Inklusion & Behinderung oder Gleichstellung auseinander. Der Blick geht dahin, die soziale kulturelle und ethnische Vielfalt zu fördern.

Bereits in dem Artikel über ADHS wurde deutlich, dass Neurodiversität in Unternehmen ein Gewinn sein kann. Beispielsweise durch das divergente Denken bei ADHS. Dies wird in Unternehmen und Organisationen eingesetzt, um kreative und innovative Lösungswege und Ideen zu entwickeln. Dennoch gilt auch bei den Stärken: Ausprägungen von ADHS und Autismus sind individuell.

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